Rituale sind eine hervorragende Möglichkeit, eine Kinderyogastunde anzufangen und zu beenden. Regelmäßig durchgeführt, erleichtern Sie es den Kindern den Alltagsstress hinter sich zu lassen, und ganz in die Yogastunde einzutauchen
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In fast allen Kulturen, verschiedenen Gesellschaften bis hin zu kleinen Ethnien gab es machtvolle Rituale, die einen einzelnen Menschen, eine ganze Gruppe oder sogar eine ganze Gesellschaft darin unterstützten, eine Wandlung zu vollziehen. Und auch heute noch stellen Rituale bei vielen Völkern eine wichtige Rolle dar. Rituale, wie zum Beispiel der Wechsel vom Kind zum Erwachsenen, vom Jugendlichen zum Krieger, vom Jugendlichen zum Ehemann oder zur Ehefrau, unterstützen die Menschen darin, bewusster in die entsprechenden Phasen und Rollen des Lebens einzutreten, diese zu erleben und nach Möglichkeit auch gut zu bewältigen. Heilige Rituale, so wie sie auch im Yoga oder anderen spirituellen Traditionen durchgeführt werden, verwenden unterschiedliche Techniken.

Dazu zählen unter anderem die Stimulation der Sinne wie zum Beispiel des Hörens durch Trommeln oder des Riechens durch die Verwendung bestimmter Substanzen und Kräuter. Rhythmen sind immer gleiche Wiederholungen, die bei der Durchführung von Ritualen eine zentrale Rolle spielen. Sie lösen starke Aktivitäten in jenem Teil des Gehirns aus, der für die Lockerung der Glieder und für die Entspannung zuständig ist. Durch diese Aktivierung kommt der Mensch mit tieferen Ebenen des Bewusstseins in Kontakt, wobei das ICH in den Hintergrund rückt und das WIR an Bedeutung gewinnt. Hierzulande haben viele Rituale jedoch leider an Bedeutung verloren und werden – wenn überhaupt – nur noch sinnleer gefeiert: Weihnachten, bei dem eigentlich die Ankunft des Heilands gefeiert wurde, verkam zu einem Fest des Konsums, und Fasching, in Nordrheinwestfalen als Karneval gefeiert, bei dem man ursprünglich die Geister des Winters vertreiben wollte, zu einem Fest, wo der Alkohol-Konsum im Vordergrund steht. In letzter Zeit aber erleben Rituale eine Art Renaissance, und man erkennt, wie wichtig und bereichernd Rituale sein können. Auch im Yogaunterricht mit Kindern stellen Rituale eine wundervolle Möglichkeit dar, sie mit einem tieferen Bewusstsein in Verbindung zu bringen. Darüber hinaus bieten besonders die Anfangs- und Endrituale eine schöne Gelegenheit, den Kindern eine Struktur für die Stunde zu geben und sie darin zu unterstützen, ganz bewusst und wach in der Gruppe, bei sich selbst und somit bei der Durchführung der einzelnen Übungen zu sein.

Wenn man Rituale im Unterricht einsetzt, sollte man immer auf folgende Punkte achten:
•    Rituale haben einen ganz bewussten Anfang und ein ebenso bewusstes und klares Ende. Sie grenzen spontanes Verhalten ein.
•    Rituale sind förmlich und stereotyp. Das heißt, sie müssen immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise und in einer bestimmten Reihenfolge durchgeführt werden.
•    Wenn man in einem Ritual Gegenstände verwendet, dann geht ihre Bedeutung in diesem Zusammenhang weit über ihren üblichen Gebrauchswert hinaus.
•    Rituale sind immer etwas Besonders, erheben den Teilnehmer von einer profanen Tätigkeit in einen sakralen Raum. Deshalb sollte der Rahmen, in dem ein Ritual stattfindet, immer auch als ein sakraler Raum gesehen werden und das, was hier geschieht, nicht gleich nach Beendigung eines Rituals anderen Menschen erzählt werden, die nicht dabei waren. Besonders dann nicht, wenn zum Beispiel Kinder zu Beginn einer Yogastunde vielleicht von geheimen Ängsten oder Verletzungen erzählen.

Im Folgenden werden zwei Rituale vorgestellt, die bei Kindern besonders beliebt sind:

1. Der Zaubergarten
Um für die Kinderyogastunde in den Zaubergarten zu gelangen, braucht man zwei Hula-Reifen in unterschiedlichen Farben, die den Eingang in den Zaubergarten darstellen.

Der Weg zum Zaubergarten
•    Die Kinder und die Yogalehrerin oder der Yogalehrer stehen im Kreis. Die Hula-Reifen werden zwischen jeweils zwei Kinder genommen. Alle Kinder und die Yogalehrerin oder der Yogalehrer fassen sich an der Hand und bilden einen geschlossenen Kreis, wobei jeder mit einer Hand die Hand seines Nachbarn hält. Der erste Reifen liegt über den geschlossenen Händen von zwei Kindern (Kind 1 und Kind 2). Sind zum Beispiel 10 Kinder im Kreis, ist zwischen jedem 5. Kind ein Reifen. Der zweite Reifen liegt dann über den geschlossenen Händen von Kind 5 und Kind 6.

•    Danach steigen alle Kinder und auch die Yogalehrerin oder der Yogalehrer jeweils einmal durch die Reifen, bis die Reifen wieder am Ausgangsort sind. D.h., dass der erste Reifen wieder über den geschlossenen Händen von Kind 1 und Kind 2 liegt und der zweite Reifen über den geschlossenen Händen von Kind 5 und Kind 6.

•    Während die Kinder durch die Reifen steigen, ohne dass diese den Boden berühren, stellen sie sich vor, in den Zaubergarten zu kommen. Erst wenn sich die Ringe wieder an ihrem Ausgangspunkt befinden, sind alle im Zaubergarten angekommen.
Angekommen

•    Nachdem alle Kinder durch beide Ringe gekrabbelt sind und sich die Ringe wieder an der Ausgangsposition befinden, legen sich alle Kinder mit dem Rücken auf ihre Matte.

•    Nun führt die Yogalehrerin oder der Yogalehrer die Kinder durch eine Anfangsentspannung:
a.     Du liegst jetzt ganz entspannt auf deiner Lieblingswiese im Zaubergarten.

b. Versuche ganz bewusst wahrzunehmen, wie dein ganzer Körper auf der Wiese liegt. Ja, du spürst sogar das Gras, auf dem du liegst. Kannst du es auch riechen?

c.     Während du in den blauen Himmel schaust, siehst du auch viele bunte Vögel, Bienen und Schmetterlinge, die durch die Luft fliegen.

d.     Jetzt hörst du ein Rascheln und aus dem nahe gelegenen Wald kommt ein Tier, ein Wesen oder ein Mensch, den du sehr gerne hast, heraus.

e.     Vielleicht hast du eine Frage an das Tier, das Wesen oder den Menschen. Etwas, was du dich nie getraut hast zu fragen. Jetzt kannst du die Frage ganz getrost stellen. (Die Yogalehrerin oder der Yogalehrer wartet nun ein bis zwei Minuten und spricht dann weiter):

f.     Nun verabschiedet sich das Tier, das Wesen oder der Mensch von dir. Wenn du möchtest, dann schließe es noch einmal kurz in deine Arme und vergiss nicht, dich für den Rat zu bedanken.

g.     Und nun bringe die Arme hinter den Kopf, recke und strecke dich noch einmal und komme langsam zum Sitzen.
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