Yoga hat in Deutschland den Durchbruch geschafft. Nirgendwo zeigt sich die neue Wertschätzung deutlicher als am Beispiel Schule. Schulen sind nicht die Orte, von denen Umbrüche ausgehen, sondern veränderungsresistente Bastionen mit großem Beharrungsvermögen. Erst wenn sie nicht mehr aus der Gesellschaft wegzudenken sind, schlagen sich Veränderungen hier nieder. Wenn daher im Zuge der Öffnung von Schule und der Einführung von Ganztagsangeboten heute vielerorts qualifizierte Yogalehrer gesucht und eingestellt werden, so sind die Zeichen der neuen Zeit nicht mehr zu übersehen.
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Führte die Erwähnung des Begriffs „Yoga“ in Gremien im Kontext Schule noch vor einigen Jahren mit großer Sicherheit ins soziale Aus und war nahezu ein Garant für das Aufkommen einer ablehnenden Grundstimmung, so hat sich die Lage in weniger als zehn Jahren gründlich verändert. Der Kinderyoga ist zum Hoffnungsträger zur Lösung schwieriger Fälle avanciert. An die Stelle des argwöhnischen Beäugens tritt geradezu eine Heilserwartung, die den Kinderyoga vor große Herausforderungen stellt.

Vorbehalte aus der Yogaszene
Vorbehalte gegen Kinderyoga kommen heute eher aus der Yogaszene. Obwohl sich gerade Kinder durch eine besondere Authentizität und eine weit größere Fähigkeit zur Absorption auszeichnen als Erwachsene, den Zielen des Yoga also sehr nahe stehen, wird dem Kinderyoga von Seiten der Yogaszene oft nachgesagt, er sei „kein richtiger Yoga“. Einer Methodendiskussion vor dem Hintergrund der klassischen Schriften könnten Vorurteile dieser Art sicher nicht standhalten. Sie sollten daher dringend revidiert werden.
Gerade im Kinderyoga vollziehen sich aber derzeit sehr interessante Entwicklungen, die ihrem Stellenwert entsprechend wahrgenommen werden sollten. Hier besteht eine Notwendigkeit und eine Chance zur Übernahme von Verantwortung. Auf Basis von Yoga kann hier ein Weg zur Verankerung in der Gesellschaft eingeschlagen werden, den bereits die großen Wohlfahrtsverbände und die Kirchen auf ihre Weise gegangen sind.

Schule hat sich verändert
Wer seit der eigenen Schulzeit keinen Kontakt mehr zu Schule hatte, kann sich kaum eine Vorstellung über das Ausmaß der Veränderungen machen, die seitdem stattgefunden haben. Vielfache Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern in bisher noch nie dagewesenen Varianten, das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen, das Auseinandertriften von Verhaltensnormen und Wertvorstellungen, eine extreme Heterogenität der Leistungsfähigkeit bei Schülern je nach sozialer Herkunft – all das sind Erscheinungen, die es früher in diesem Ausmaß nicht gab. Heute gibt es Schulen, an denen 30 und mehr unterschiedliche Nationalitäten zusammenprallen und Schulen, an denen kein einziges deutsches Kind mehr unterrichtet wird.

Als wäre das alles nicht genug hat die deutsche Schule ein gewaltiges strukturelles Problem, das in Zusammenhang mit PISA erst langsam ins Bewusstsein tritt. Das dreigliedrige Schulsystem mit Sonderschulen und Selektion nach unten erwies sich nicht als das Erfolgsrezept, von dem man bislang ausgegangen war. Schmerzhaft entpuppte sich der vermeintliche Spitzenplatz des Landes der Dichter und Denker als eine Illusion. Wo es Ausnahmen gab, wo Schulen wie die Helene Lange Schule oder die Reformschule in Bielefeld im Leistungsvergleich sehr gut und teilweise besser als die PISA-Spitzenreiter abschnitten, handelte es sich um Schulen, die einen deutlich anderen Unterrichtsstil kultivieren als die meisten anderen Schulen im Land, einen Unterrichtsstil, der auch im Kinderyoga bevorzugt wird: Lernen wird mit allen Mitteln gefördert, der Einzelne wird in seiner Besonderheit wahrgenommen und kann sich dennoch als Mitglied einer Gemeinschaft erleben.

Im Zuge des großen Sprungs nach vorn, der als Folge des PISA-Debakels an deutschen Schulen ansteht und den andere europäische Länder bereits vor Jahrzehnten eingeleitet haben, müssen viele Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden. Der deutsche Sonderweg des dreigliedrigen Schulsystems mit einer Präferierung von Halbtagsschulen hat in eine ernsthafte Krise geführt. Er passt nicht mehr in die heutige Zeit und führt langfristig zu einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft mit enormem sozialen Sprengstoff.
Hauptschulen und Sonderschulen sind zu Restschulen verkommen, die ihre Absolventen in die Perspektivlosigkeit entlassen. Zu den „Loosern“ möchte niemand gehören. Das Gefühl der Stigmatisierung durch eine bestimmte Schulform hat bereits die Drittklässler ergriffen, von denen viele sehr genau wissen, dass der Besuch eines Gymnasiums ein sehr viel besseres Ansehen genießt als der Besuch einer Realschule oder gar einer Hauptschule. In diesen Schultypen landen leistungsschwächere Kinder mit Kindern von Migranten und aus sozial schwachen Familien, deren Eltern die Verhältnisse nicht durchschauen oder diesen mit Gleichgültigkeit begegnen. Der Rest drängt aufs Gymnasium, das auf diesen Ansturm mit Abwehr reagiert. Viele Kinder werden zu Sitzenbleibern oder auf andere Schulformen abgedrängt. In anderen europäischen Ländern werden bewusst keine Verlierer und Sitzenbleiber produziert, es gilt die Devise: „Keiner darf verloren gehen!“ Kinder mit besonderem Förderbedarf sind erfolgreich in das reguläre Schulsystem integriert, wobei Schulen sehr viel Unterstützung bei der Bewältigung dieser Aufgabe erhalten.

Von der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen kommen daher auf das Schulwesen gravierende, aber notwendige Veränderungen zu. Diese Gegebenheiten müssen auch im Kinderyoga reflektiert werden.

Die Besten auf die schwierigsten Plätze
Es ist eine gängige Vorstellung, dass die Arbeit mit Kindern keine besondere Qualifikation verlangt, dass sich sogar gerade diejenigen, die geistig etwas zurückgeblieben sind, in besonderem Maß dafür eignen. Ansichten dieser Art zeigen sich in den Ausbildungsordnungen für Kindergärtnerinnen, in den Vergütungen, in Schulprogrogrammen von Sonderschulen, wo der Beruf der Kinderpflegerin/des Kinderpflegers als Perspektive nach Beendigung der Schulzeit vorgestellt wird. In der Hierarchie der Wertschätzung pädagogischer Arbeit zeigt sich ein deutliches Gefälle: Ein Gymnasiallehrer wird länger ausgebildet und besser bezahlt als die Grundschullehrerin oder gar die Kindergärtnerin. Je älter der Mensch wird, desto mehr steigt das Ansehen des Pädagogen, der mit ihm arbeitet.

Was aber, wenn man die Phase der Kindheit mit ganz anderen Augen betrachtet? Etwa mit den Augen Maria Montessoris, die als eine der ersten Europäerinnen die Genialität der Kinder erkannte und die ihre gesamte Pädagogik auf dieser Erkenntnis aufbaute? Oder mit den Augen der Gehirnforschung, die mittlerweile die enorme Bedeutung der frühen Entwicklungsphasen für den späteren Lebensweg betont?

Ihr absorbierender Geist verleiht den Kindern Siddhis, wie sie Patanjali bei fortgeschrittenen Yogis beschreibt – so können sie mehrere Sprachen lernen, ohne aktiv zu lernen, so können sie alles lernen, was ihnen ihre Umgebung bietet. Vollkommen konzentriert, vollkommen im Moment nehmen sie alles in sich auf. Was ihnen aber als geistige Nahrung geboten wird, was sie in ihrer Umgebung vorfinden, ist vielfach Ursache des Problems und Grund genug für Yogalehrer, sich auf diesem Gebiet zu engagieren, um Auswege zu schaffen.

Wird es mit einer solchen Sicht der Dinge nicht zu einem Privileg gerade für Yogalehrer, mit Kindern arbeiten zu dürfen? Können sie dann nicht selbst sehr davon profitieren? Beschleunigt es nicht die eigene Entwicklung, sich der Präsenz von Kindern, ihrer Energie und ihrem enormen geistigen Potenzial anzunähern?
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