Welche Besonderheiten ergeben sich beim Yoga mit Kindern? Was sollte man beachten, wenn man Kinder unterrichten möchte, und welche Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung gibt es?

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Wer selbst positive Erfahrungen mit Yoga gemacht hat, möchte das gerne auch an andere Menschen weitergeben. Und wer Umgang mit Kindern hat, sei es durch den eigenen Nachwuchs oder den Beruf, kommt schnell zur Erkenntnis, dass Yoga gerade bei Kindern eine gute Basis für das ganze spätere Leben sein kann.

Aber kann man mit Kindern einfach so Yoga praktizieren, wie man es selbst im Kurs erlebt, bzw. wie man Erwachsene unterrichtet? Das sicher nicht, denn Yoga mit Kindern ist anders. Dennoch spricht nichts dagegen, mit den eigenen Kindern zu Hause Yoga einfach mal auszuprobieren. Und daraus kann sich auch eine schöne regelmäßige Praxis entwickeln. Denn im geschützten und vertrauten Umfeld der elterlichen Wohnung imitieren die Kinder ja vieles spielerisch, was sie bei „den Großen“ abgeschaut haben. Zusammen mit Mama oder Papa in verschiedene Yogahaltungen zu gehen, ist für Kinder wie ein Spiel, in dem sie nachahmen, was andere vormachen. Dieses Nachmachen ist für Kinder „normal“, denn es ist für sie eine der bewährten Möglichkeiten, etwas zu erlernen und die eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Denn Kinder sind von Grund auf neugierig und wollen Neues erfahren. Sie wollen die Welt be-greifen und den „Dingen auf den Grund gehen“. Aber nicht nur ständig Neues erweitert die Fähigkeiten des Kindes, sondern auch das Wiederholen von Bekanntem. Das gibt Sicherheit, denn das kennt das Kind ja schon. Gleichzeitig verknüpft es in der Wiederholung das bereits Bekannte mit Neuem, denn anders als Erwachsene erlebt sich das Kind bis zum Alter von ca. neun Jahren ganz in der Gegenwart. Es kennt zwar ein Gestern und weiß um ein Morgen, aber alles, was für ein Kind passiert, geschieht: jetzt. So ist die Wiederholung einer Übung aus der letzten Woche gleichzeitig verbunden mit der Selbst-Erfahrung all dessen, was das Kind außerdem noch in den zurückliegenden Tagen erfahren und erleben konnte. „Alles ist eins, und alles geschieht im Augenblick“, klingt schon sehr nach Yoga, ist aber auch eine Erkenntnis aus der pädagogischen Praxis.

Und hierin liegt auch die eigentliche Herausforderung beim Yoga-Unterricht für Kinder: ihre Präsenz, Neugier und (manchmal freudige) Ungeduld. Um damit umgehen zu können, sollten Sie selbst bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Insbesondere, wenn Sie im Kurs oder in einer Kita oder an einer Schule Kinder im Yoga unterrichten möchten.

Ganz oben steht – fast selbstverständlich – die eigene Yoga-Erfahrung und Praxis unter fachkundiger Anleitung eines ausgebildeten Yogalehrers. Wer Kinder im Yoga unterrichten möchte, sollte selbst über genügend fundierte Praxis verfügen. Dazu gehört neben Asana, Pranayama und Meditation auch die eigene Beschäftigung mit den Grundlagentexten zur Philosophie des Yoga.

Die Intention reflektieren
Eine reflektierte Haltung zum Kind ist hilfreich und für Menschen in pädagogischen und sozialen Berufen selbstverständlich. Das führt zur Frage nach der eigenen Intention im Kinderyoga. Was möchten Sie für die Kinder bewirken, was für sich selbst? Es lohnt sich, darüber nachzudenken, und zwar bevor Sie mit einer Gruppe aufgeweckter Kinder zusammensitzen. Die vielfältigen Wirkungen der Yogapraxis müssen hier nicht aufgezählt werden, aber sicher ist: Sie entfalten sich auch bei Kindern. So können sich deren Fähigkeit zur Lenkung der Aufmerksamkeit, die Konzentration und die Achtsamkeit verbessern. Yoga kann Kindern helfen, ihr Körperschema zu erfahren und sich selbst positiv wahrzunehmen, und zwar ohne Leistungsvergleich wie beim Sport. Auch kleine Kinder können lernen, sich durch Asanas und Atemwahrnehmung bewusst zu entspannen. Die Vielfalt der Asanas und Flows trifft auf den natürlichen Bewegungsdrang des Kindes und eröffnet ihm ganz neue, andere Möglichkeiten. Denn nicht nur Rennen und Hopsen ist Bewegung, sondern auch der komplexe Ablauf einer Asana-Reihe. Durch langjährige empirische Forschung konnte ich feststellen, dass in der Yogapraxis bei Kindern eine hohe Nachhaltigkeit entstehen kann. Das heißt, dass Kinder auch noch viele Jahre nach dem Besuch eines Yogakurses einzelne hilfreiche Übungen für sich anwenden und zumindest Teile der Praxis bis ins Erwachsenenalter fortführen.

Praktische Tipps:

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  • In Kinderyoga-Kursen sollte die Gruppengröße bei acht bis maximal zehn Kindern liegen. Ist die Gruppe größer, kann es schnell unruhig werden, und es fällt schwerer, alle Kinder „im Blick“ zu haben.
  • Im Kindergarten oder in der Schule kann auch eine ganze Gruppe oder Klasse unterrichtet werden, da die Kinder diese Situation gewohnt sind. Für den Yoga-Unterricht an der Schule hat es sich bewährt, die Klasse zu teilen, so dass je eine Hälfte zum Yoga gehen kann und die andere Hälfte zum Beispiel von der Klassenlehrerin unterrichtet wird. Zur nächsten Pause kann dann gewechselt werden.
  • Jedes Kind sollte eine eigene Unterlage und auch genügend Platz um die Matte herum haben.
  • Der Raum selbst sollte groß genug für die Gruppe und ansprechend eingerichtet sein. Auch Kinder haben ein ästhetisches Empfinden. Lüften vor dem Üben ist selbstverständlich, aber bitte Vorsicht bei Dufteinsatz (ätherische Öle, Räucherstäbchen, Duftkerzen etc.)! Manche Kinder reagieren allergisch darauf.
  • Fragen Sie deshalb proaktiv vor Beginn des Kurses bei den Eltern nach, ob Sie etwas Besonderes beachten müssen (Allergien, Krankheiten usw.).
  • Erinnern Sie die Kinder vor Beginn der Stunde daran, dass Yoga auch verdauungsfördernd wirken kann, und begleiten Sie ggf. die Gruppe zur Toilette.
  • Der Verlauf einer Kinderyogastunde folgt ansonsten dem gewohnten Aufbau/Ablauf gemäß Ihrer yogischen Tradition bzw. Ihres Stils. Je jünger die Kinder sind, umso kürzer ist die Haltezeit eines Asana, dafür wird die Haltung ggf. mehrmals wiederholt. Die Dauer einer angeleiteten Entspannung für Vorschul- und Grundschulkinder liegt bei ca. drei bis sechs Minuten. Der Effekt entspricht dem einer zehnminütigen Entspannung bei Erwachsenen.

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Interaktiv, fantasievoll und lebendig: Yoga-Unterricht mit Kindern ist spielerisch und überraschend
Kinder sind Menschen mit eigener Persönlichkeit, die noch ihren Ausdruck sucht. Sie sind keine „kleinen Erwachsenen“, sondern wollen mit ihren Fähigkeiten wahrgenommen werden – und nicht mit ihren Defiziten. Deshalb ist der Yoga-Unterricht mit Kindern so anders als mit Erwachsenen. In Kursen für Erwachsene erleben wir, dass alle „brav“ den Ansagen der Yogalehrerin folgen und nachmachen, was ihnen gezeigt wird – oder es zumindest versuchen.

Der Unterricht mit Kindern hingegen ist lebendiger, weil er eher interaktiv ist. Es gibt ein Miteinander von Yogalehrer und Kindergruppe, im Idealfall auf gemeinsamer Augenhöhe des Anleitenden und der Kinder. Denn zum Beispiel wird die Ansage, zur Grundposition der Katzenhaltung auf alle viere zu gehen, häufig sofort vom Miauen oder Fauchen einzelner Kinder begleitet. Andere Kinder fühlen sich angeregt und wollen erst einmal von ihrer eigenen Katze oder von der Katze der Nachbarin erzählen usw. Das alles ist Yoga, denn es gehört doch alles zum Thema Katze dazu, oder nicht? Den Fokus nun wieder auf die Übung zu lenken, am besten als „Anleiter-Katze“ alle „Kinder-Katzen“ mitzunehmen, ist die eigentliche Kunst, aber auch die große Freude beim Yoga mit Kindern. Denn die Fantasie der Kinder ist so groß, ihr Erleben so unmittelbar, dass sie uns direkt daran teilhaben lassen. Das kann zu einer großen Bereicherung der eigenen Yogapraxis führen und bis in den Unterricht mit Erwachsenengruppen reichen. Vielleicht wird auch dort nämlich die Kursstunde bunter, spielerischer, leichter.

Eine starr durchkonzipierte Stunde mit festgelegtem Ablauf trifft selten die Bedürfnisse der Kinder. Und was dann? Wissen Sie, was Sie tun, wie Sie reagieren könnten – ohne in alte Muster von Disziplin und Disziplinierung zu fallen? Denn: Kinder fordern uns heraus, mit ihrer Impulsivität und Unmittelbarkeit, ihren lauten Reaktionen und manchmal merkwürdigen Assoziationen bei einzelnen Asanas. Dazu ist es hilfreich, bereits vor der Stunde darauf vorbereitet zu sein, im Sinne des Yoga-Sutra 1,2 und 1,3 ganz bei sich und im Augenblick zu sein und nicht von eigenen „Bewegungen des Geistes“, von Befürchtungen, Vorurteilen oder Annahmen aufgrund alter Erfahrungen abgelenkt zu werden. Dabei geht es um die grundsätzliche Frage: Wollen Sie Yoga für Kinder anbieten oder Yoga mit Kindern praktizieren? Im ersten Fall brauchen Sie Kinder, die bereit sind, Ihrem Konzept und Ihrem Angebot zu folgen. Das kann es geben, ist aber doch eher die Ausnahme. Praktizieren Sie zusammen mit Kindern Yoga, kann aus der jeweils aktuellen Situation der Kursstunde heraus etwas ganz Neues, etwas Eigenes entstehen. Dann wird es Yoga – ganz in diesem Raum und ganz in diesem Augenblick, orientiert an den Bedürfnissen der Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Um derart zusammen mit Kindern Yoga zu praktizieren, ist es sehr hilfreich, über genügend eigene Yogapraxis zu verfügen und die Philosophie des Yoga als praktische Hilfe, als Leitlinie des eigenen Handelns nutzen zu können.

Aus- und Weiterbildungen
Wenn Sie nicht nur mit Ihren eigenen Kindern zu Hause oder mehr als nur gelegentlich mit Kindern Yoga üben wollen, empfiehlt es sich, eine entsprechende Aus- oder Weiterbildung im Kinderyoga zu besuchen. Dabei ist das Angebot so weit und bunt wie im sonstigen Yoga auch. Es gibt Angebote gemäß bestimmter Yoga-Traditionen. Kinderyoga-Ausbildungen können auch eher pädagogisch orientiert sein und dafür traditionsübergreifend, oder sie sind anwendungsorientiert und beschränken sich auf die spezifischen Möglichkeiten zum Beispiel in Kindergärten oder Schulen. Einen Überblick verschiedener Anbieter finden Sie beispielsweise auf der Informations-Plattform www.kinderyoga.de unter „Aus-und Weiterbildung“.

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