Kapalabhati – wörtlich „Schädelleuchten – führt nicht nur zur Erfahrung einer natürlichen Atempause, sondern vermindert  auch den Kohlendyoxidgehalt im Blut und kann so einer Übersäuerung entgegen wirken
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Der Hatha-Yoga hat im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe von Atemtechniken entwickelt, die äußerst kraftvoll auf den Körper und den Geist wirken. Dazu gehören neben den bereits beschriebenen Atemübungen mit Bandhas und Pausen (Kumbhaka) die drei in den folgenden Ausgaben beschriebenen Formen Kapalabhati und Bhastrika und der »moderne« Feueratem. Dieses Mal soll der Reinigungsatem in seinem Zusammenhang mit den Pranayamas betrachtet werden. Kapalabhati (HYP, 2.Kap., Vers 35): „Wenn man den Ausatem und den Einatem mit der Geschwindigkeit ausführt, mit der der Schmied seinen Blasebalg bewegt, dann wird das kapalabhati genannt, das alle Krankheiten austrocknet, die aus dem kapha-dosha (Schleim) geboren werden.“ (in der Übersetzung von Anna Trökes und Beate Glet, Eigenverlag, Berlin 2006)
Obwohl Kapalabhati in vielen Traditions­linien des Hatha-Yoga zu den Pranayamas gerechnet wird, wird es jedoch im Quellentext Hatha-Yoga-Pradipika ganz eindeutig zu den Reinigungsübungen (Kriya) gezählt. Sein Name bedeutet »Schädel-Leuchten«. Damit ist der Zustand leichter Benommenheit gemeint, der nach längerem Üben auftreten kann. Bezüglich seiner Technik ist Kapalabhati ein Reinigungsatem mit verstärkter und zumeist beschleunigter Ausatmung. Die Abgrenzung zu Bhastrika wird im nächsten Artikel erfolgen. Der reinigende Effekt kommt zustande, weil wir mit Hilfe der schnellen, ständig wiederholten Ausatmung vermehrt Kohlendyoxid abatmen, das bei der inneren Atmung in der Zelle als Abfallprodukt entsteht. Solange dieses Gas in Form von Kohlensäure im Blut gelöst zirkuliert, ist es ein Stoff, der den Körper im Sinn einer Schlacke belastet. Je höher seine Konzentration ist, desto mehr verschiebt sich der PH-Wert unseres inneren Milieus zum Sauren hin. Wir werden regelrecht innerlich sauer und damit nicht nur anfälliger für Erkrankungen, sondern auch für den Angriff der »freien Radikalen«, jener hoch aggressiven Sauerstoffverbindungen, die  – wenn sie ungehemmt sind – den Zellabbau und damit den Alterungsprozess beschleunigen.  Aus der Sicht des Ayurveda hilft uns besonders ein regelmäßig und länger geübtes Kapala­bhati, Stoffwechselschlacken – hier Ama genannt – wirkungsvoll und nachhaltig auszuscheiden.

In der täglichen Yogapraxis soll Kapalabhati vor allem dabei helfen, den Organismus regelmäßig zu entschlacken. Dazu kann es gut mit schnellen und rhythmischen Bewegungen verbunden werden, so wie man sie im Kundalini-Yoga nach Yogi Bhajan entwickelt hat.

In der Praxis des Pranayama unterstützt Kapalabhati das Einüben der Atempausen. Durch das intensive Abatmen von Kohlendyoxid entsteht – wie schon erwähnt – eine geringfügige Verschiebung im Gasgemisch des Blutes. Der Anteil der Gase Sauerstoff und Kohlendyoxid wird durch Chemorezeptoren ständig dem Atemzentrum mitgeteilt, das seinen Sitz im verlängerten Rückenmark in der Tiefe des Hinterkopfes hat. Auf der Grundlage dieser »Messdaten« steuert es autonom und zuverlässig die Häufigkeit und Intensität unserer Atmung und passt sie den Bedürfnissen aller Gewebe des Körpers an. Wenn wir durch Kapalabhati sehr viel Kohlendyoxid abgeatmet haben – und zudem gleichzeitig genug Sauerstoff im Blut kreist – dann wirken kurzzeitig weniger Impulse des Atemzentrums im Sinne der Einatmung. So kommt es, dass wir nach dem Üben von einigen Runden Kapalabhati direkt im Anschluss daran in der Regel keinerlei Bedürfnis zur Einatmung verspüren.
Dieses natürliche Innehalten der Atmung dauert zuerst nur einige Sekunden. Üben wir Kapalabhati jedoch regelmäßig und zunehmend länger, dann kann sich die Zeit der Pausen durchaus auf eine bis mehrere Minuten ausdehnen. Es entstehen somit Atempausen zunächst nach der Ausatmung in der Atemleere, die wir nicht »machen« müssen, sondern die sich von alleine nach dem Üben einstellen. Sie sind so natürlich und selbstverständlich, dass wir auch eine lange Atempause so lange unbesorgt (aus)zuhalten vermögen, wie der Geist nicht mit Zweifeln oder besorgten Nachfragen reagiert. Lernt er zu verstehen und darauf zu vertrauen, dass das Atemzentrum sofort und auf jeden Fall aktiv wird, sobald der Körper wieder weiteratmen soll, dann verliert er allmählich die tief sitzende und kreatürliche Angst davor, auch mal eine längere Zeit nicht zu atmen. Insofern bedeutet die Einübung längerer Atempausen in der Folge von Kapalabhati auch eine Schwächung des Kleshas Abhinivesha – der Angst vor dem Tod. Für viele Menschen wird durch diesen Prozess der Erfahrung und Anpassung an Phasen des Nicht-Atmens die Begegnung mit der (Atem-)Leere – auch »kleiner Tod« genannt – überhaupt erst möglich, denn der Geist erlernt die Gleichmut in einer Situation, die er sonst schnell als bedrohlich und existenziell einstufen könnte.  So kann uns Kapalabhati helfen, erste tiefe und eindrückliche Erfahrungen mit Kumbhaka – dem großen Innehalten im Strom des Lebens – zu machen und wird dadurch zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Vorbereitung zum Üben der klassischen Pranayamas.

Sehr gut und zuverlässig lässt sich Kapalabhati auch in der Hinführung zur Meditation einsetzen. Dabei lässt sich vor allem der Zustand leichter Benommenheit nutzbringend einsetzen, in dem die Aktivitäten (Vrttis) des Geistes weitgehend zur Ruhe kommen, ohne dass der Geist dabei dumpf oder schläfrig wird. Im Gegenteil: in der Regel erlebt man diesen »abgeschalteten« Zustand mit einer äußerst wachen und feinen Wahrnehmung; man ist gewissermaßen »voll da«, ohne jedoch in den üblichen  mentalen Mustern des Denkens, Fühlens und Beurteilens verhaftet zu sein. Vielmehr entsteht im Citta eine wache und friedvolle Ruhe, aus der heraus der Geist einen Zustand der Gegenwärtigkeit zu erreichen vermag, der dem der Meditation schon recht nahe kommen kann.

Meiner Erfahrung nach eignet sich für die Hinführung in einen meditativen Zustand besonders gut eine Variante des Kapalabhati, die ich gerne »Kapalabhati Light« nenne. Ich habe sie vor einigen Jahren bei Jean Baret gelernt, der in der Tradition des Shivaismus von Kaschmir, so wie er von Jean Klein vermittelt wurde, unterrichtete. In »Kapalabhati Light« atmet man schnell und sehr sanft aus, was in aller Regel bewirkt, dass man wesentlich länger in dieser Atemform verweilen kann, und zwar schon zu Beginn leicht 5 Minuten und bei regelmäßiger Übung locker bis zu 15 Minuten. Dadurch, dass der Ausatemstoß sanft und fein – um nicht zu sagen subtil – ist, ermüdet die Bauchmuskulatur nicht so schnell und das Gasgemisch im Blut verschiebt sich nur allmählich, was zu einer Gedankenleere ohne die Empfindung von Benommenheit führt.

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