Wie die klassischen indischen Tonfolgen mit ihren ganz besonderen Eigenschaften die Yogapraxis fruchtbar unterstützen können und welche faszinierende Tradition sich dahinter verbirgt

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Die ersten Töne erklingen, und man wird davongetragen – ohne sich dabei in Traumwelten zu verlieren oder vielleicht in Indien-Fantasien. Was naheliegt, irgendwie, denn dort, im Norden des Riesenlandes, haben diese Melodienfolgen, die der Musiker Govinda Schlegel auf seiner Sitar, Sarod oder Rudra-Vina – den klassischen indischen Saiteninstrumenten – spielt, ihren Ursprung. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Memminger Ashtanga-Yoga-Lehrerin Andrea Panzer, hat er ein wunderbares Projekt in die Yogawelt gebracht, das sich „Ashtanga meets Raga“ nennt. Es ist ein spürbares Herzensprojekt dieser beiden leisen, authentischen und gefühlt seit Ewigkeiten verbundenen Menschen, das jetzt als CD für das Üben zu Hause in limitierter Auflage erschienen ist.

Natürlich fragt man sich zunächst: Kann das (gut-)gehen? Yoga und Musik? Wer in einer Yogastunde schon einmal unsanft von seinem Un-Lieblingslied aus der mühsam gehaltenen Mitte gerissen wurde, der weiß, wie sensibel das Gemüt auf einen falschen Ton reagieren kann. Und jetzt also auch noch Ashtanga, diese geradlinige, angenehm schnörkellose, auf den Atem und den Count reduzierte Art des Übens. Man verband die Ashtanga-Serien bisher nicht mit Musik. Und Puristen mögen deshalb vielleicht auch erst mal entsetzt rufen: „Das geht nicht! Der Atem ist meine Musik.“

Bei dem Zusammenspiel von Yoga und Musik und den Reaktionen darauf – das ist auch klar – kann die dynamische Stille der Gedanken und Gefühle, der von Patanjali beschriebene Zustand von Yoga, also leicht und schnell empfindlich gestört werden. Doch all das passiert bei der Verbindung von Asana-Praxis und Raga erstaunlicherweise und überraschenderweise nicht, trotz der für unsere Ohren zunächst eher fremden Klangfolgen, die noch dazu auf so uralten Instrumenten wie der Surbahar, einer Bass-Sitar, gespielt werden. Vermutlich liegt es am Wesen des Raga, dass er nicht ablenkt, sondern zu Ruhe und zufriedener Gelassenheit führt, wenn man sich auf seine stimmungsvolle Magie einlässt.

Durch den Raga ganz und gar in die Gegenwart eintauchen

Ein Raga ist ein wesentlicher Bestandteil indischer Musik, zumindest der klassischen. Seine Aufgabe ist es, einer Melodienfolge Struktur zu geben – ohne sie dabei einzuengen. Ein Raga ist gewissermaßen das Gerüst, in dessen vorgegebenen Tonfolgen der Musiker frei improvisieren darf, weshalb jeder Raga eine einmalige und einzigartige Darbietung ist. „Der Musiker wählt den Raga intuitiv aus“, erklärt Govinda Schlegel, der, weil er alle wichtigen Saiteninstrumente spielen kann, wahrscheinlich einer der profiliertesten Musiker der alten und neuen Musik Indiens ist. Die Auswahl, sagt er, falle in Harmonie mit dem Kosmos. Sei die Entscheidung für einen Raga gefallen, kommen alle, die ihn hören, in das Stimmungsfeld, das er erzeugt.

„Ein Raga“, sagt Govinda Schlegel darum auch, „färbt den Geist.“ Ein Raga, erklärt er weiter, bringe den Zuhörer über diese Stimmungs- und Gefühlsebene in das Hier und Jetzt. Auch weil Stimmungen nun mal nur im gegenwärtigen Augenblick wahrgenommen werden können. Hier findet sich eine erste Verbindung zum Yoga. Denn das Ziel von Yoga, sagt Andrea Panzer, sei ja, mit einem klaren Geist in den jetzigen Moment zu kommen.

Vor zehn, fünfzehn Jahren habe sie begonnen, nach Musik zu suchen, die ihre Ashtanga-Praxis begleitet, erzählt die Memmingerin, die zu einer der wenigen von R. Sharath Jois autorisierten Ashtanga-Yoga-Lehrerinnen (Level 2) in Deutschland zählt. Ihr Unterricht ist von großer spiritueller Tiefe getragen, sehr individuell auf den Übenden angepasst, fein und nach innen gerichtet. Sie suchte, erzählt sie, nach einer Musik ohne Rhythmus-Vorgabe, weil sie eine Musik wollte, die nach innen führt. Indische Musik, zumindest die klassische, tue genau das. Genau wie es auch Yoga möchte.

Yoga und Musik – eine uralte Verbindung!

Überhaupt, Yoga und Musik, das sei eine sehr alte Geschichte, erzählen die beiden. Vor 5000 Jahren habe es bereits die vedischen Gesänge gegeben. Es sei darum gegangen, sich über den Klang mit Gott oder dem Höchsten Bewusstsein zu verbinden. Auch Yoga will diese Einheit in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder erfahrbar machen. Außerdem seien schon in sehr frühen indischen Darstellungen Gottheiten mit Instrumenten abgebildet worden. Die Rudra-Vina, die eine tiefe Stimmung verbreitet, gilt sogar als Instrument, das von Shiva persönlich mit in diese Welt gebracht wurde, erzählt Govinda Schlegel, der zu einem der wenigen Musikern weltweit zählt, die die Rudra-Vina heute noch spielen.

Der Raga, wie wir ihn heute kennen, habe sich dann im elften Jahrhundert an den nordindischen Höfen entwickelt, weil man sich als Künstler beweisen musste, um von den Herrschern gefördert zu werden. Ursprünglich habe es, so steht es in alten Sanskrit-Schriften, 16.000 Ragas gegeben. Heute sind noch an die 300 bekannt, gespielt werden ungefähr 100. Dennoch klingt keiner gleich, weil bei aller vorgegebenen Gesetzmäßigkeit, sagt Govinda, „99 Prozent der indischen Musik Improvisation“ sei.

Andrea sei „sehr happy“ gewesen, als sie feststellte, dass es die Verbindung von Yoga und Musik schon früher gegeben hat, so erzählen die beiden weiter. Und er hat sich gefreut, dass er mit ihr endlich Morgen-Ragas spielen konnte, denn sowohl Andrea – für eine Ashtanga-Praktizierende nicht anders zu erwarten – als auch Govinda üben in den frühen Morgenstunden. Und Ragas, das muss man wissen, wenn man mit ihnen üben und arbeiten möchte, darf man nur zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten spielen. Das liegt an dem Stimmungsfeld, das sie erzeugen. Es heißt sogar, erklärt Govinda, „dass ein Raga, der zur falschen Zeit gespielt wird, lebenszeitverkürzend wirkt.“

Ähnlich wie Asanas unterschiedliche Wirkungen auf den Körper, sein Energiesystem und den Geist haben, verhält es sich also auch mit dem Raga. Ein Morgen-Raga, der nur zwischen vier Uhr morgens und elf Uhr am Vormittag gespielt werden darf, wirke eher anregend. Während ein Abend-Raga beruhigend ist, eine „Schwere und Süße“ habe. Ein Frühlings-Raga sei in seiner Stimmungsnatur „superanregend und aufputschend“, erklärt Govinda. Ein Raga, der zum Beginn der Regenzeit gespielt wird, drücke Freude aus. Es gibt außerdem Ragas für die einzelnen Mondphasen und Ragas, mit deren Hilfe man in das Energiefeld einer Gottheit gelangen möchte. Weil es tatsächlich Ragas für jede Tages- und Jahreszeit gibt, können indische Konzerte rund um die Uhr, also 24 Stunden am Stück gespielt werden.

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