Über den Klang als Urmutter des Universums und wichtiger Begleiter des Menschen

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Zu viele visuelle Reize, Augen zu. Zu viele Geräusche, Ohren gehen nicht zu. Bleiben offen, immer, bis zuletzt. Solange wir leben, können wir die Ohren nicht verschließen. Das erste Sinnesorgan, das sich schon im Mutterleib voll ausbildet, ist das Ohr. Der Embryo hört im Mutterleib den Herzschlag der Mutter und später auch die Geräusche der Außenwelt. Klang ist das Erste, was der Mensch wahrnimmt, und das Letzte.

Die Upanishaden beschreiben, wie aus dem ewigen Klang das gesamte Universum entstanden ist. Nada Yogis gehen davon aus, dass sich aus dem ewigen Klang die fünf Elemente, die fünf Handlungssinne, die fünf Erkenntnissinne und die drei Gunas entwickelt haben. Das materielle Universum, das mentale, das psychische und das intellektuelle Universum sind aus dem Nada Brahma entsprungen.

Der Begriff „Nada Brahma“ wurde für die Europäer im 20. Jahrhundert durch den Deutschen Jazzautor Joachim-Ernst Behrendt (1922 – 2000) und den Inder Vemu Mukunda (1929 – 2000) bekannt. Während Mukunda ein therapeutisches System des Klangs entwickelte, betrachtete Behrendt „Nada Brahma“ mehr musikwissenschaftlich und philosophisch. Mukunda und Behrendt begegneten sich in ihrem Leben nicht, aber sie sind am gleichen Tag gestorben.

Das Wort „Nada“ wird übersetzt mit: Klang, lauter Ton, Rauschen, Brüllen, Schreien. Verwandt ist „Nada“ mit dem Wort „Nadi“, was bedeutet: Der Strom, der Fluss, rauschend, tönend, klingend. Nada ist eher „Sound“ als Klang, es umfasst Hörbares schlechthin. Die Schwingung des ewigen oder ursprünglichen Nada ist die allerhöchste. Wenn etwas mit einer enormen Geschwindigkeit schwingt, dann wird es still. Der höchste Punkt der Schwingung ist Stille, hinter allem Klang ist Stille. Das Wort „Brahma/Brahman“ leitet sich von der Sanskrit-Wurzel „brh“ her, was „wachsen“ bedeutet, also die Einheit des Seienden, die Schöpfung, der Kosmos. Brahma ist neben Shiva und Vishnu einer der drei Hauptgötter im Hinduismus. Nada Brahma – göttlicher Klang.

Nada ist der Ursprung der Sprache und der Musik. In der Mandukya Upanishad heißt es: „Die Welt ist wie der Klang. Aus dem Einen entsteht der Klang, entsteht der Laut AUM. Nun ist die Schöpfung nicht mehr aufzuhalten. Zeit und Raum sind das nächste, was entsteht, denn der Klang braucht Zeit, um zu erklingen und verklingen zu können…..AUM ist der Keim der Welt. Aus AUM entsteht die ganze Vielfalt der Laute… Was war, was ist, was sein wird – das alles ist der Klang AUM“. Das AUM ist der Ur-Laut, das Ur-Mantra.
Es setzt sich zusammen aus dem A (Zustand des Wachseins), dem U (Zustand des Traumes) und dem M (Zustand des Tiefschlafs), es ist alles in Einem und alles darüber hinaus. Auch die Bibel besagt, dass die Welt mit einem Wort begann: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Es war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch es. Und nichts wurde ohne es von dem, was geworden ist.“ (Johannes-Evangelium, Kap.1, Vers 1-3)

Die menschliche Stimme ist Klang und damit ursprünglichster Ausdruck des göttlichen Prinzips. „Es gibt keine zwei identischen Stimmen“, sagt die Sonologin Renate Krienitz. „Jede Stimme ist so einmalig wie ein Fingerabdruck“. Wie viel die Stimme über Gefühle und Individualität verrät, zeigen Formulierungen wie: Wie ist die Stimmlage, die Stimmung. Es stimmt. Ich stimme mit dir überein. Wir sind in Übereinstimmung. Das Ende von etwas ist das Ende des Hörens: Auf-hören.

Der Gehörsinn ist sehr viel feinsinniger als der Sehsinn. Farbtöne, die miteinander vermischt werden, ergeben nur eine für das Auge sichtbare Farbe. Wenn verschiedene Instrumente zusammen spielen, kann das Ohr sowohl den gemeinsamen Klang der Instrumente vernehmen, als auch die einzelnen Töne voneinander unterscheiden. Die Aussagen des Ohres sind sehr viel genauer als die des Auges.

Die Dimension des Auges ist eher männlich, die des Ohres eher weiblich, stellt Behrendt in seinem Buch „Die Welt ist Klang“ fest. Männliche Babys reagieren eher auf visuelle Reize, während weibliche Babys leichter auf Reize ansprechen, die durch das Ohr wahrgenommen werden. Gleiches gilt auch für Ratten und Affen. Weil der Hörsinn für Mädchen wichtiger ist als für Jungen, beginnen sie in der Regel früher, „Sounds“ zu produzieren und lernen auch früher zu sprechen. Dies könnte erklären, warum Männer eher visuell-räumlich begabt sind und Frauen eher sprachlich.

Das Ohr gleicht einer Muschel und entspricht damit dem weiblichen Prinzip des Empfangens. In der chinesischen Medizin ist das Ohr ein weibliches (Yin) Organ, das Auge ein männliches (Yang) Organ. Das Auge: männlich, aggressiv, herrschend, verstandesorientiert, die Oberfläche betrachtend, zerlegend. Das Ohr: weiblich, empfangend, aufnehmend, intuitiv, spirituell, ins Innere dringend, das Ganze als Eines wahrnehmend. Alles, was über das Ohr wahrgenommen wird, dringt ein. Doch Klänge und Töne kommen nicht nur von außen in unseren Körper, sondern entstehen auch in uns. „Wir sind ein Musikinstrument“, sagt Krienitz. „Die Töne sitzen in unserem Körper“.

Basis der „Nada Brahma Sonologie“ ist der individuelle Grundton – die Grundschwingung eines Menschen. Vemu Mukunda betrachtete die Silben des Wortes Na-da als mantrische Silben. Demnach enthält NA die Energie des Prana/des Atems und DA die Energie des Feuers/Agni. Die Vereinigung dieser beiden Elemente ist notwendig, um die Stimme zum Klingen zu bringen. NA (Atem) und DA (Wärme) sind Merkmale des Lebendigen, sie vereinigen sich am Nabelzentrum (Brahma Granthi). Vom Nabel aus wandert der noch unhörbare Stimmklang durch Herz und Kehlbereich und kommt dann aus dem Mund. Das Nabelzentrum ist nach indischer Vorstellung der Sitz von Brahma, der göttlichen Energie. Hier wird der Klang geboren.

Eine Stimme besteht aus einem Grundton und verschiedenen Einflusstönen. Der Grundton ist sozusagen das Zuhause, dort ist der Mensch, was er ist. Wenn zwei Menschen sich begegnen, treffen ihre Grundtöne zusammen – sie passen zusammen oder nicht. „Manchmal reizt einen die Stimme eines Menschen“, sagt Krienitz. „Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Grundtöne nicht zusammen harmonieren“.

In der „Nada Brahma Sonologie“ gibt es insgesamt 12 Grundtöne, jedem entsprechen bestimmte Charaktermerkmale und Farben. Der Grundton kann anhand der Sprechstimme erfasst werden und manifestiert sich an vier Stellen im Körper (Fußsohlen, Nabelpunkt, drittes Auge, Schädeldecke). Aufbauend auf dem persönlichen Grundton werden verschiedene Stimmklangübungen gemacht, die reinigend, harmonisierend und Energie ausgleichend wirken. Dazu zählen Grundtonübungen, die auf dem Urklang der Schöpfung AUM basieren, aber auch 72 indische Raga-Skalen, die verschiedene Emotionen ausdrücken. Die Skalen werden mit den indischen mantrischen Silben „SA RI GA MA PA DHA NI SA“ gesungen. Die Silbe SA entspricht dem Grundton am Nabel, PA dem Herzen und das obere SA dem spirituellen Auge. Rhythmus- und Visualisierungsübungen ergänzen das „Nada Brahma System“. „Das, was in mir schwingt, sagt sehr viel über mich aus“, sagt Krienitz.

Eine entscheidende Rolle im Nada Yoga spielt die Atmung, denn sie hat immer einen unmittelbaren Einfluss auf die Stimme. Mukunda sagte dazu: „Die Frequenzen der Stimme wechseln mit den Emotionen, die man erlebt, weil Emotionen, Körperbewusstsein und Stimmfrequenz untereinander in Beziehung stehen. Wenn man z.B. Furcht empfindet, spürt man das mit dem Körperbewusstsein knapp oberhalb des Nabels und die Stimmfrequenz wird entsprechend niedrig sein. Solche Veränderungen kommen zustande, weil sich die eingeatmete Luft genau bis zu dem Punkt ausdehnt, dem am Körper eine Emotion entspricht. Auf Grund dieser Emotion verändert sich automatisch das Atemmuster beim Ausatmen, und es ergibt sich eine der Emotion entsprechende Frequenz in der Stimme“.

Die Stimme ist in der indischen Musik von zentraler Bedeutung. Das indische Wort für Musik ist „Sangita“. Der zweite Teil des Wortes enthält den Begriff „Gita“, der für „Gesang“ steht. Der indischen Musik wird emotionale und imaginative Wirkung zugeschrieben und sie steht in engster Verbindung zu Mythologie und Religion. Maßstab indischer Musik ist das Ohr, keine Mathematik, keine Noten. Hören. Klang. Gott. Nada Brahma.

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