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Die Süße des Lebens

Von Barbara Irmer
Eine Extra-Portion Winterbalsam für die Seele
Die Spätherbst- und Winterzeit ist für viele Menschen eine Zeit der Süßigkeiten. Es locken einerseits die weihnachtlichen Leckereien und Rezepte. Dies ist jedoch nicht der einzige Grund für die vermehrte Lust auf Süßes. Die Süße (madhu) ist eine der sechs im Ayurveda beschriebenen Geschmacksrichtungen und hat ganz bestimmte Wirkungen auf unseren Körper. Dieser ist stets bestrebt, seine innere Balance zu halten, und gleicht Veränderungen in der Umwelt durch den Appetit auf Speisen bestimmter Geschmacksrichtungen aus.

Körper und Seele stellen sich im Herbst auf die kalte und dunkle Jahreszeit ein, die eine große Herausforderung für uns ist. Der Körper profitiert laut Ayurveda im Winter von warmen, nahrhaften und durchaus auch einmal süßen Speisen. Speisen mit süßer Geschmacksrichtung, so wird beschrieben, stillen den Hunger, nähren den Körper und vermitteln ein Glücksgefühl. Auch die moderne Forschung sieht übrigens einen Zusammenhang zwischen süßen Speisen und Glücksempfinden. Lassen Sie also den kühlenden Joghurt, kalte Säfte und Rohkost und Salate zugunsten einer warmen Suppe oder eines heißen Tees eher einmal beiseite und gönnen Sie sich ab und zu ruhig etwas Süßes.

Zu beachten ist dabei, dass die süße Geschmacksrichtung nicht nur mit weißem Zucker oder Schokolade gleichgesetzt werden kann. Im Ayurveda gelten zum Beispiel weißer Reis, Milch, Nudeln, Brot, Butter und Ghee als süße Nahrungsmittel. Gemüse mit natürlicher Süße sind Fenchel, Kürbis, Süßkartoffel, Erbsen, Karotten, Kartoffeln, Blumenkohl und Brokkoli. Natürliche Süßungsmittel sind z.B. Dicksäfte (Agave, Birne, Apfel), Roh-Rohrzucker, Melasse, Rosinen und Datteln wie alle Trockenfrüchte. Honig nimmt laut Ayurveda aufgrund seiner erwärmenden Langzeitwirkung eine Sonderstellung bei den Süßungsmitteln ein. Er regt das Verdauungsfeuer (im Ayurveda: agni) an und hilft durch seine Stoffwechsel-aktivierende Wirkung im Gegensatz zu allen anderen Süßungsmitteln, das Körpergewicht zu reduzieren. Dies ist auch ein Plus bei chronischen Erkältungskrankheiten: Honig wirkt der Verschleimung entgegen.

Die Kälte des Winters signalisiert dem Körper einen Rückzug in die warme „Höhle“ und auch die Dunkelheit lässt uns instinktiv Schutz suchen. Unser Gemüt hat es schwerer, wenn das Sonnenlicht weniger Helligkeit und Wärme spendet. Der gesamte Hormonhaushalt wird durch den Tag-Nacht-Rhythmus beeinflusst. Sonne und Glückshormone stehen zum Beispiel miteinander in engem Zusammenhang: Scheint die Sonne, so regt dies die lichtempfängliche Zirbeldrüse an, eine Hormondrüse, die mit Bewusstsein und Spiritualität in Beziehung steht. Der Körper erzeugt Serotonin, das sogenannte „Wohlfühlhormon“.

Wenn wir nun während der dunklen Jahreszeit weniger Sonnenlicht empfangen und daher einen niedrigeren Serotoninspiegel im Körper haben, ist es wichtig, sich anderweitig „Lichtblicke“ zu verschaffen. Im Herbst und Winter haben viele Menschen aufgrund der längeren Dunkelheit mit Saison abhängigen Depressionen (SAD) zu kämpfen, in Mitteleuropa leiden etwa 16 % der Bevölkerung an leichter bis schwerer SAD. Die Symptome sind Mattigkeit, beständige Müdigkeit sowie Reizbarkeit und Aggressivität. Außerdem wird ein wahrer Heißhunger auf Kohlenhydrate, speziell auf Süßigkeiten ausgelöst. Durch die früh eintretende Dunkelheit wird vermehrt Melatonin erzeugt, ein Hormon, welches für den Schlafbedarf zuständig ist.

Die von SAD betroffenen Menschen neigen dazu, sehr zeitig ins Bett zu gehen, ohne dass sie jedoch Erholung durch den langen Schlaf finden. Wenn wir achtsam auf die Signale des Körper hören, erfahren wir, wie wir unserem ganzen System helfen können, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, denn der Körper besitzt eine ihm innewohnende Intelligenz, die uns den Weg zur inneren Ausgeglichenheit weist. Wenn wir dem Körper Gutes tun, dann nähren wir damit auch unsere emotionale Ebene und vermindern die jahreszeitlich bedingten Stimmungsschwankungen. Eine kohlenhydratreiche Ernährung (zum Beispiel mit Nudeln und Kartoffeln) und Speisen mit natürlicher Süße können ausgleichend wirken, wenn wir auch auf anderen Ebenen etwas für die Seele tun.

Wir wissen mittlerweile einiges darüber, wie wir unser Wohlgefühl auf der geistigen, emotionalen und körperlichen Ebene steigern können. Unser Gemüt kann auf vielfältige Weise erfreut werden: zum Beispiel durch Berührung. Unsere Haut ist ein hochsensibles Empfindungs- und Fühlorgan. Der Hormonhaushalt reagiert auf angenehm empfundene Berührung mit der Ausschüttung von Serotonin und vermittelt ein Glücksgefühl. Im Ayurveda und in der Naturheilkunde werden auch Selbstmassagen sehr empfohlen: fühlt man sich eher schwer und träge, so ist eine Bürstenmassage zu empfehlen. Neigt man zu Nervosität und trockener Haut, kann man den Körper vor dem Duschen mit etwas Sesamöl einreiben (im Ayurveda: abhyanga). Auch der geistige und soziale Austausch mit anderen Menschen ist wichtig und hebt die Stimmung mehr als ein sogenannter „gemütlicher Fernsehabend“. Künstliches Licht wie von Bildschirm und Fernsehen verbucht unser Nervensystem übrigens unter Dunkelheit. Ein Spaziergang, auch bei trübem Wetter, trägt dagegen zur Deckung des Lichtbedarfs bei und verschafft dem Körper Bewegung, was gerade in den Wintermonaten ein wichtiger Stimmungsaufheller ist.
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