Nauli - eine der wichtigsten Übungen des Hatha-Yoga
Von Alexander Kobs
Die Reinigungstechnik »Nauli« arbeitet mit der Energie des inneren Feuers. Diese kraftvolle Übung wird in der Hatha-Yoga-Pradipika wie folgt beschrieben: »Nauli ist die allererste (wichtigste) der Übungen im Yoga. Es entzündet das Feuer der Verdauung und beseitigt schlechte und langsame Verdauung, alle Unregelmäßigkeiten der Doshas, und bringt “Glücklichsein” hervor«
Wie wir wissen, haben Yoga-Übungen generell eine positive Wirkung auf den gesamten Menschen. Daher erstaunt dieser Vers, die eine vergleichsweise unbekannte Übung in seinen Wirkungen so heraushebt.
Shatkarma – die Reinigungstechniken des Yoga – werden zur Vorbereitung von Pranayama und Meditation geübt und um die Doshas ins Gleichgewicht zu bringen. Innere Säuberung des grobstofflichen Körpers bedeutet eine hohe Prävention gegen mögliche Krankheiten. Eine weitere Eigenschaft von Shatkarma ist die Vitalisierung des Übenden – das Anheben seiner Energie, und damit seiner Fähigkeit, kraftvoll und bestimmt sein Leben zu gestalten. Nauli - das willentliche Rotieren des Bauchmuskels (Abdominus rectus) ist wie kaum eine andere Übung im Hatha-Yoga dazu geeignet, schnell und mit großer Macht Energie hervorzubringen. Glauben Sie mir kein Wort – überprüfen Sie es!
In der Gheranda-Samhita wird die Übung mit Lauliki bezeichnet, in der Hatha-Yoga-Pradipika als Nauli. Das Sanskritwort nala bedeutet Nabelstrang und bezieht sich auf den großen Bauchmuskel. Lauliki kommt vom Wort lola, was “rollen” bedeutet.
Das Grundprinzip von Nauli ist das Isolieren und Hervortreten des Abdominus rectus, der dann kreisförmig rotiert wird. Dies ist ein ehrgeiziges Ziel, was häufig wochenlange Vorbereitung und Übung benötigt.
Die Übung
Nauli darf frühestens 4 Stunden nach einer Mahlzeit geübt werden. Die Füße etwa hüftbreit auseinander, stehen Sie mit den Händen auf den Oberschenkel gestützt. In dieser Vorbeuge atmen Sie nun so tief und kraftvoll wie möglich aus. Um Jalandhara-Bandha (Kehlverschluß) einzunehmen, wird das Kinn auf die Brust gelegt und die Stimmritze verengt. Fast automatisch erfolgt nach der Ausatmung Uddhyana-Bandha – das vollständige Einziehen des Bauchraumes.
Lassen Sie den Bauchmuskel nun hervortreten (Madhyama-Nauli). Wenn Sie Ihren Bauch jetzt ansehen, werden Sie den großen Bauchmuskelstrang ausgehend vom Brustbein bis zur Schamgegend deutlich sehen. Entspannen Sie nun die Bauchmuskulatur, atmen Sie langsam ein und kommen Sie dann in eine Stehhaltung zum Nachspüren. Es ist möglich, das Sie eine warme Energie spüren, die vom Bauchraum nach oben steigt.
Die nächste Stufe ist das Rotieren des großen Bauchmuskels. Wenn dieser isoliert hervorgetreten ist, verlagern Sie anschließend Ihr Körpergewicht auf den linken Arm und Fuß und versuchen, den Bauchmuskel auch nach links zu ziehen. Das gleiche auf der rechten Seite. Wenn Ihnen beides gelingt, ist es leicht, den Bauchmuskel links-und rechtsherum kreisen zu lassen - Vama-Dakshina-Nauli (linkes und rechtes Nauli). Dieser Teil ist erfahrungsgemäß der schwierigste, da wir normalerweise nicht ausreichend Bewusstsein und Kontrolle über unsere Bauchmuskulatur haben. Üben Sie einige Male am Tag, und bald werden Sie Meisterschaft in dieser Übung erlangen.
Die Wirkungen von Nauli
Diese Übung hat ihren lokalen Arbeitspunkt im Bauch, wo die feinen Verästelungen des Solarplexus sowie die Verdauungsorgane liegen. Letztere werden durch Übung massiert, und die Blutzufuhr wird erhöht. Die Stimulation des Verdauungs- und Ausscheidungssystems ist eine mächtige Wirkung dieser Übung. Der Appetit und träge Verdauung werden angeregt. Aus ayurvedischer Sicht wird Agni, das Verdauungsfeuer angefacht, was ekzessiven Schleim und Fett (Kapha) reduziert.
Zudem werden durch die starken Druckänderungen im Bauchraum Blähungen und Gase aus dem Darm befördert. Dieser Vorgang ist für unsere Gesundheit von enormer Bedeutung. Wenn wir schlecht oder zu schnell kauen, bleiben Nahrungsbestandteile im Darm übrig, die nicht von der Darmschleimhaut aufgenommen werden. Darmbakterien zersetzen diese Reste, und es entstehen Gärungs- und Fäulnisprodukte mit toxischer Wirkung. Durch Nauli entweichen diese Gase, und die Ausscheidung wird angeregt.
Ich empfehle Nauli gern für Menschen, die an der Steigerung ihres Selbstbewusstseins arbeiten wollen. Durch diese Übung erlangt man Kontrolle über einen Körperbereich, der heutzutage selten gefordert wird. Den vorderen geraden Muskelstrang einzeln und unabhängig von den anderen (z.B. querverlaufenden) Bauchmuskeln anzuspannen und die anderen Muskeln dabei zu entspannen, ist eine große willentliche Leistung, die Anerkennung verdient. Die Kraft liegt nun mal im Bauch.
Zusätzlich sitzt in dieser Region das Manipura-Chakra, das mit Eigenschaften wie Feuer, Dominanz, Selbstbehauptung, Kampf, Wettbewerb und ähnlichem assoziiert wird. Stärkung dieser Eigenschaften im positiven Sinn gehört nach meiner persönlichen Erfahrung zu den positivsten Wirkungen. Nauli wird zudem nachgesagt, das es Faulheit, Trägheit, Energiemangel und emotionale Ungleichgewichte beseitigt, und die Willenskraft und Kontrolle über Appetit und “sinnlicher Begierden” erhöht.
Vielleicht sind das die Gründe, dass diese Übung nach der Hatha-Yoga-Pradipika “glücklich” macht. Ob Nauli in Ihrem täglichen Ablauf zur wichtigsten Übung wird? Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei.
Kontraindikationen
Nauli darf während der Mensis nicht geübt werden. Ferner nicht bei Herz-Kreislauf-Krankheiten, Bluthochdruck, Zwerchfellbruch, Magen- oder Zwölf-Fingerdarm-Geschwüren, und bei Menschen mit inneren Verletzungen oder nach Bauchoperationen.
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Rubrik:
Gesundheit



