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Die Wissenschaft des Yoga

Von Swami Maheshananda Saraswati
Die Wissenschaft des Yoga widmete sich immer der physischen, geistigen und spirituellen Gesundheit der Menschheit. Lange Zeit haben jedoch Menschen im Osten wie im Westen Yoga als Wissenschaft des Okkulten, des Mystizismus, der Schwarzen Magie, der Hexerei missverstanden, und viele haben sie der religiösen Dimension des Lebens zugeordnet. Wegen dieser fehlerhaften Deutung blieb Yoga außerhalb des Bereiches wissenschaftlicher Forschung und Untersuchung und konnte nicht in das allgemeine menschliche Leben integriert werden

In den vergangenen hundertfünfzig Jahren ist der Mensch in körperlicher, geistiger und emotionaler Hinsicht aus dem gesunden und stabilen Gleis, aus der Balance geraten. Infolgedessen erfuhr er die Beschränktheit und auch die Unwissenheit, die beide seiner gänzlichen Abhängigkeit von weiteren Entdeckungen der medizinischen Wissenschaft zu eigen sind. Nun hat er aber begonnen, nach einer Wissenschaft zu suchen, die ihm auf den verschiedenen Stufen seines Lebens Gesundheit, Gelassenheit und innere Harmonie schenken kann.

Die Weltgesundheitsorganisation kennt die Bedeutung der spirituellen Seite des Menschen an , wenn sie Gesundheit als „körperliches, geistiges, emotionales, moralisches und spirituelles Wohlbefinden“ definiert.

Für die Menschheit ist Yoga nicht neu; er existierte in allen Zeitaltern. Doch gab es Phasen, in denen diese Wissenschaft in Vergessenheit geriet. In Indien jedoch wurde die universelle Wissenschaft des Yoga selbst während des dunklen Zeitabschnitts, in der die meisten spirituellen Traditionen degenerierten, behütet und bewahrt.

In diesem Jahrhundert kam der Yoga wieder aus Indien hervor, um das Leiden der Menschheit zu lindern. Er wurde kraft der intensiven Bemühung und des Mitgefühls der Yogis und Sannyasins Indiens als Wissenschaft der Spiritualität und integralen Persönlichkeitsentwicklung neu belebt. Die yogische Wissenschaft ist aus der Umklammerung durch religiöse Dogmen befreit worden und wird jetzt in der ganzen Welt als selbständige Wissenschaft anerkannt. Sie dient der Gesundheit der gesamten Menschheit, nicht nur einer speziellen Religion oder Nation.

Die traditionelle Bedeutung des Wortes Yoga ist die „Vereinigung“, die Union des jivatma oder der individuellen Seele mit Paramatma, der kosmischen Seele. Yoga bedeutet auch die spirituelle Wissenschaft, die zur Erkenntnis und Verwirklichung dieser Vereinigung führt. Doch im praktisch-konkreten Kontext ist Yoga die Wissenschaft, die zu ausgewogenem, harmonischem und integralem Persönlichkeitswachstum führt.

Es gibt keinen Aspekt menschlicher Existenz oder menschlicher Anlagen, den die yogische Wissenschaft nicht behandelte. Yoga ist eine Wissenschaft der „Selbst-Kultur“ und der „Selbst-Entwicklung“. Mit Hilfe verschiedener systematischer Techniken und Disziplinen, welche auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene angewendet werden, bewirkt Yoga in allen Bereichen unseres Wesens – ob grobstofflich, subtil oder kausal – ein harmonisches Gleichgewicht.

In der Bhagavad Gita erklärt Krishna gegenüber Arjuna: … samatvam yoga uchyate – „…Gleichgewicht, Balance und Harmonie in jeder Situation, gleichviel, ob günstig oder ungünstig, dies ist als Yoga bekannt.“ Yoga präsentiert sich gleichfalls als die Wissenschaft vom rechten Leben und weist den Weg zur Erfüllung des höheren Lebenszweckes, was nur durch den Erwerb von Vollkommenheit in progressiven Schritten geschehen kann. Kurz summiert – Yoga ist die Wissenschaft, die uns hilft, bewusst das rechte Leben wahrzunehmen, und die uns auf allen Ebenen Gesundheit verbürgt.

Sie schafft eine harmonische Balance, innerlich wie äußerlich, so daß wir in allen Hochs und Tiefs des Lebens, bei Lob und Beleidigung, bei Erfolg wie bei Mißerfolg gleichmütig bleiben und in all unseren Handlungen und Bemühungen Vollkommenheit erlangen können.

Die Arten des Yoga
Als Gattung umfasst Yoga verschiedene Varianten, wie Raja Yoga, Karma Yoga, Bhakti Yoga, Hatha Yoga, Kundalini Yoga, Jnana Yoga, Mantra Yoga und Laya Yoga, etc. Jede Variante bietet ein besonderes Instrumentarium körperlicher, geistiger, emotionaler und psychologischer Disziplinen und Methoden, dazu gedacht, den Aspiranten in die höheren Reiche des Bewußtseins, der Existenz und der Vollendung zu transportieren. Yoga als Vereinung der individuellen Seele mit Paramatma ist der Endzweck; und Yoga als Methode einer Disziplin und Praxis ist gleichzeitig das Mittel zur Erreichung dieses höchsten Zweckes menschlichen Daseins.

Die Größe der indischen spirituellen Tradition – sie wird als Tradition des Sanatan Dharma gesehen – beruht in der Tatsache, dass sie alle Aspekte von Leben und Fähigkeiten der Persönlichkeit akzeptiert, da sie alle zugunsten individuellen Wachstums, zugunsten von Harmonie und Lebenserfüllung eingesetzt werden können. Die Tradition behandelt die „vier Ziele“ des Lebens – artha, kama, dharma und moksha.

Artha und Kama, die materiellen, biologischen und emotionalen Bedürfnisse also, sind nicht vulgär oder unrein, sondern bilden die ersten Stufen der spirituellen Leiter. Um auf dem spirituellen Pfad zu höheren Bereichen aufzusteigen, muß man zuerst die grundsätzlichen Bedürfnisse erfüllen, da sie im Leben jeder Person einen großen Einfluß ausüben. Allerdings soll der Sinn für das Rechte und die jeweilige Pflicht im Hintergrund aller derartigen Bemühungen stehen.

Auch der menschliche Lebensablauf war in vier Stadien oder ashramas unterteilt, nämlich in brahmacharya (Leben des Kindes, Schülers, Studenten), grihashta (Leben des ‚Haushälters‘), vanaprashta (zurückgezogenes Leben zum Zweck der Kontemplation) und sannyasa (entsagendes Leben, allein der spirituellen Verwirklichung gewidmet). Auf diese Weise wurde jeder einzelne Aspekt des Lebens beachtet und völlig integriert.

Darüberhinaus zeichnen sich die zahllosen spirituellen Übungsmethoden und Überlieferungen durch eine gesunde Logik aus und offerieren einen überaus praktischen Zugang zum Leben. Jedes Individuum besitzt singulären Charakter und jeweiliges Temperament, steht auf spezieller Entwicklungsstufe und zeigt ein entsprechendes Verständnisniveau. Genauso wie eine einzige Medizin die unterschiedlichen Krankheiten, unter denen die Menschheit leidet, nicht heilen kann, lässt sich eine einzige Yogatechnik nicht bei allen spirituellen Aspiranten anwenden.

Deshalb entwickelte sich eine große Zahl von Yoga-Techniken und -Traditionen. So behandelt z. B. Hatha Yoga den Körper als „Lehmtopf“, der vom Töpfer nicht fertiggebrannt wurde, aber physische, sinnliche, mentale, emotionale, intellektuelle und ichhafte Anlagen beinhaltet. Ähnlich wie der ungebrannte Lehmtopf zuerst in Hitze und Feuer gebrannt werden muss, bedarf das psycho-physiologische Wesen eines Menschen des „Brennens“ im Feuer des Yoga, damit es sich spirituell entwickeln kann.

Die Hatha Yoga-Tradition basiert also auf der körperbezogenen Methode. Der Körper ist das Medium, das u. a. Reinigung und Stärkung durch shatkarmas und asanas, das Leichtigkeit, Freisein von Krankheit und Geduld durch die Praxis von Pranayama und pratyahara, das Stabilität von Geist und Gefühlen durch die Ausübung von mudras, bandhas und dharana benötigt. Nur unter solchen Bedingungen wird die höhere Verwirklichung – dank des erlangten Gleichgewichts zwischen solaren und lunaren Energien im Körper – möglich.



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