Die Quelle der Göttin
Von Maria WirthSchau nur, wie diese Dame Hindernisse überwindet - gelassen, cool, anmutig. Sie hat keine festen Verhaltensmuster. Reagiert der jeweiligen Situation entsprechend. Sie hat mich seit jeher inspiriert und ich hab viel von ihr gelernt.«
Ich stand neben dem Ingenieurstudenten aus Hyderabad in Südindien, als er mir seine Bewunderung für sie mitteilte. Doch alles, was ich sehen konnte war ein Fluss - der Ganges, der über die Felsbrocken in seinem Weg hüpfte, wirbelte, tanzte oder sie mit einer sanften Umarmung umströmte. Die Ganges-Mutter (Ganga Ma), wie sie in Indien genannt wird und die als junge, hübsche Frau mit langem, fließenden Haar auf den zum Verkauf angebotenen Postern dargestellt wird, blieb meinem westlich geprägten Geist verborgen. Es machte mich nachdenklich, wie selbstverständlich der Student, 21 Jahre jung und kein Dichter, über die ‚lady‘ sprach und dem Ganges damit Lebendigkeit verlieh, die wir normalerweise für Menschen und Tiere reservieren. Danach kam es mir fast so vor, als ob ‚sie‘ tatsächlich nicht nur hüpft, wirbelt und tanzt, sondern das alles genießt, sich über ihr Dasein freut.
Wir standen in Gangotri, 3140 m hoch im Himalaya nahe an der tibetischen Grenze. Gangotri ist ein Pilgerort und beliebtes Reiseziel in Indien, da dort ein dem Ganges geweihter Tempel steht. Die meisten Inder träumen davon, einmal im Leben dort oben zu sein, in der Stille der Berge, deren schneeweiße Gipfel über 6000 m hoch in den Himmel ragen und in der jungen, vor Leben sprudelnden Ganga Ma ein reinigendes Bad zu nehmen. Die Verehrung und das Vertrauen, das auch moderne Inder in die Ganges-Mutter haben, ist für Westler schwer nachvollziehbar. Sie symbolisiert für sie den weiblichen, führsorgenden, schöpferischen Aspekt der universellen Macht, die unser aller Leben lenkt.
Die Pilger nehmen viele Strapazen auf sich. Die Strecke führt durch eine grandiose Landschaft, doch die Fahrt ist langwierig und nicht ungefährlich. Die Straßen sind einspurig, kurvenreich und oft voller Schlaglöcher. Der Blick in die tiefen Schluchten kann einem Angst machen. Eigenartigerweise macht es Indern nichts aus, wenn der Fahrer unverantwortliche Überholungsmanöver anstellt, eins nach dem andern und mehrere Male nur haarscharf einem Unfall entgeht. Keiner sagt etwas. Ich frage mich, ob sie so großes Gott-Vertrauen haben oder ob es ihnen egal ist, ob sie leben oder sterben. Ich las in der Zeitung, dass in den ersten zwei Monaten der Saison (Mai und Juni) auf der Strecke nach Badrinath, einem andern Pilgerort im hohen Himalaya über 80 Menschen in Unfällen ums Leben kamen. Ein beruhigender Faktor ist jedoch das Schneckentempo, in dem die Busse hinaufkeuchen. Für die letzten 100 Kilometer von Utterkashi bis Gangotri brauchen sie ganze fünf Stunden!
Ein buntes Gemisch von Pilgern entsteigt den Bussen in Gangotri - dünne, arme, alte und junge Leute aus Rajasthan, Bihar oder Gujarat, die sich in ihren Familienclans langsam von Laden zu Laden bewegen und die Preise für die Opfergaben vergleichen. Sie sind ohne Pullover und barfuss, ihr Bündel von Habseligkeiten auf dem Kopf und Kinder an der Hand. Mitglieder der Mittelschicht wirken dagegen groß und dick - gut ausgerüstet mit Windjacken, Mützen und Sportschuhen, doch die Älteren darunter oft mit wenig Kondition. Vor allem mollige Frauen ringen nach Luft und legen alle zehn Schritte eine Pause ein mit einem Blick, der sagt, dass sie es verdienen, bedauert zu werden. Dann sind darunter Sadhus (Wandermönche) mit exzentrischem Haarstil und Asche im Gesicht. Auch sie sind oft barfuss und nur in dünne Baumwolltücher gewickelt. Und nicht zuletzt die Touristen aus dem Ausland, einerseits junge Rucksacktouristen und andererseits die finanziell besser Gestellten, die im Taxi anreisen und im teuersten Hotel am Ort absteigen. Nicht nur die Kulis (Träger), sondern erstaunlicherweise auch die am Ort ansässigen, englisch sprechenden Swamis* scheinen diese letzte Kategorie besonders zu schätzen, ähnlich wie man Kühe schätzt, die man melken kann. Ob sie eventuell ihr Ideal, frei von Wünschen zu sein, noch nicht erreicht haben, trotz aller gegenteiligen Behauptungen?
Es war ein Rishi (Seher) mit dem Namen Bhagirathi, der der Mythologie nach vor Tausenden von Jahren durch seine Askese den Ganges vom Himmel auf die Erde holte. Da der Aufprall zerstörerisch gewesen wäre, fing Gott Shiva ‚sie‘ zuerst in seinem Haar auf. Wer in Gomukh am Gletschermund steht und den Strom mit gewaltiger Kraft aus der Höhle schnellen sieht, wird sich nicht wundern, dass es einen Gott brauchte, um den Aufprall abzumildern.
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