Hotel Hubertus in Balderschwang
Von Doris IdingDie Fahrt zum Hotel Hubertus in Balderschwang führt uns ins Kleinwalsertal im Allgäu. Auch wenn die Anfahrt von München fast drei Stunden gedauert hat, so lohnt sich der lange Weg. Alleine schon die Umgebung des Hotels lässt meine Sinne aufatmen, denn in den nächsten Tagen werden wir mit dem Anblick von saftigen Wiesen, vereinzelnd gelegenen Almen und malerischen Bergen verwöhnt. Ein wunderschöner Ort also, an dem Körper und Seele zur Ruhe kommen können.
Der erste Eindruck vom Hotel ist erfrischend: Das Foyer ist sonnendurchflutet und die Gäste scheinen die Auszeit im Wellnesshotel zu genießen: Einige sitzen entspannt bei Tee oder Kaffee und Kuchen, andere lesen und wieder andere scheinen sich an dem Blick auf die Berge nicht sattsehen zu können und schauen unentwegt durch die große Glasfront des Foyers auf die Alpen. Bei meinem ersten Blick durch die Runde bin ich erstaunt, überwiegend junge Paaren zwischen 25 und 50 Jahren zu sehen. Es ist auffallend, denn in vielen sogenannten Wellnesshotels sind die Gäste wesentlich älter, die meisten 65 Jahre aufwärts.
Auf Tuchfühlung mit dem Unbekannten
Für einige der Gäste im Hotel Hubertus sind die Tage hier erste Annäherungsversuche an ostasiatische Heilweisen und orientalische Entspannungsmethoden. Spezialangebote aus dem Ayurveda, der Wissenschaft vom langen Leben, bringen die Besucher mit Behandlungsmethoden in Kontakt, die weit darüber hinausgehen, nur das körperliche Wohlbefinden eines Menschen zu verbessern. Das man hier auch die Seele baumeln lassen kann und in Tuchfühlung mit spirituellen Techniken gehen kann, zeigt das umfangreiche Programm des Hotels. So nähern sich die Gäste mit Yoga-, Tai-Chi- und Meditationskursen einer Welt an, die den meisten bislang eher fremd gewesen sein dürfte. Warum sich also nicht mal drei vier Tage im eigenen Land verwöhnen lassen, wenn Sri Lanka und Indien so weit weg ist ?.
Viele Wege führen zum Selbst
Die verschiedenen Behandlungsräume, in denen die Besucher nach ayurvedischer und nach orientalischer Weise behandelt werden, lassen auch mich den Alltag vollends vergessen und das latente Gefühl von gestresst sein wandelt sich in ein angenehmes Gefühl der Entspannung. Über den Tag verteilt erwarten mich unterschiedliche Behandlungen wie Gesichtsmassagen und Pantai Luar und vertreiben die Anspannungen des Alltags aus meinen Muskeln, Nerven und meinem Gemüt.
Pantai Luar ist eine historische Massagetechnik aus dem ostasiatischen Raum. Noch ist sie relativ unbekannt hier in Deutschland, wird aber bestimmt bald auf Grund ihrer wohltuenden Wirkung auf dem Behandlungsplan vieler Wellnesshotels zu finden sein. Vereinfacht beschrieben ist diese Anwendung eine Salbung des gesamten Körpers mit speziellen, auf 120 Grad vorgewärmten Ölen. Dabei führt der Masseur ein mit Limetten, Kokosflocken und einer besonderen Gewürzmischung gefülltes, kugelförmiges Leinensäckchen, in schnellen Bewegungen über meinen Rücken.
Durch den schnellen Standortwechsel der Hitze von einem Differentialrezeptor zum anderen setzt das sogenannte „Repair-System“ meines Körpers ein, ohne das eine eigentliche Verletzung vorliegt. Normalerweise wird dieses System nämlich nur dann aktiviert, wenn Verbrennungen der Hautzellen vorliegen. Mit unvorstellbarer Geschwindigkeit werden in einem solchen Fall geschädigte Zellen abgebaut, bestehende aktiviert und neue Zellen produziert. Durch das Pantei Luar - Verfahren vermitteln die Thermorezeptoren der Haut zwar das Gefühl von Verbrennung, aber tatsächlich findet diese nicht statt.
Aber gerade das macht die Behandlung aus. Zum Glück empfinde ich auch nicht im Ansatz das Gefühl einer Verbrennung, sondern alles was ich wahrnehme ist, dass sich mein Körper mit jeder Massagebewegung ein wenig mehr entspannt und auch mein Geist zur Ruhe kommt. Nachdem der Kräuterstempel allmählich abgekühlt ist, werden auch die Massagebewegungen langsamer und der Bewegungsablauf des Anwenders ändert sich.
Sie werden immer kürzer und die angegarten, in Öl gelösten Inhaltsstoffe werden auf meine Haut aufgebracht. Nach der eigentlichen Behandlung werde ich in warme Lacken gehüllt und in einem Wasserbett mit körperwarmer Temperatur gelassen, in dem ich noch eine halbe Stunde ruhe und das Gefühl habe zu schweben. Meiner Begleitung, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, geht es ähnlich. Wie bei mir, fällt der Alltag langsam von ihr ab.
Sie findet hier wieder zur Ruhe und hat das Gefühl, bei einem Shirodara, einem ayurvedischen Öl-Stirnguss mit ungeahnten Tiefen Ihrer Selbst in Kontakt zu kommen. Warum also immer in die Ferne reisen, wenn das Gute so nah ist? Schließlich führen viele Wege zum Selbst. Man muss nur den ersten Schritt tun, der Rest ergibt sich dann oftmals von alleine.
Stress diente ursprünglich dem Überleben
Sich in der heutigen Zeit immer mal wieder eine kurze Auszeit zu nehmen, wird immer notwendiger, da die meisten Menschen den Anforderungen, die das Leben an sie stellt, nicht mehr gewachsen sind und der Stress immer mehr zunimmt. Wie wichtig diese Auszeit ist, zeigt die wachsende Zahl der Besucher in Wellnesshotels, die sich für zwei oder fünf Tage zurückziehen und sich zu bezahlbaren Preisen verwöhnen lassen. Auf Dauer macht Stress nämlich krank.
Auch wenn das Wort „Stress“ heute sehr negativ besetzt ist, so hatte es ursprünglich eine sehr positive Bedeutung. Stress war eine Schutzfunktion, die dem Menschen das Überleben sicherte. In Situationen, die für den Menschen bedrohlich, im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohlich waren, wurden Stresshormone ausgeschüttet. Dabei werden die Reize aus der Umwelt zuerst an unser Gehirn weitergeleitet.
Im limbischen System, unserem Gefühlszentrum im Zwischenhirn, entsteht als Reaktion auf diese Reize ein Strom von elektrischen Impulsen. Bedingt durch ihre ursprüngliche schutzbildende Funktion signalisieren sie ungefiltert Gefahr und geben diese Information in Bruchteilen von Sekunden an den Hypothalamus weiter.
Dort wird ein Realising-Hormon ausgeschüttet, wodurch eine Kettenreaktion in Gang setzt: ein spezifisches Hormon wird in den Blutkreislauf ausgeschüttet, erreicht die Nieren und stimuliert die Nebennierenrinde dahingehend, Cortisol ins Blut abzugeben. Cortisol mobilisiert Energiereserven, indem es den Blutzuckerspiegel erhöht. Es baut Eiweiß ab, das für die Muskulatur vorgesehen war und setzt Fettsäuren aus dem Fettgewebe frei.
Die Abwehr der Immune wird reduziert, die Verdauungsvorgänge reduziert, dafür aber die Wahrnehmung für die Umweltreize erhöht. Durch die Ausschüttung eines weiteren Hormons kommt es zur Aktivierung des Sympathikus, der den Herzschlag erhöht und die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin im Nebennierenrindenmark freisetzt. Innerhalb kürzerster Zeit lösen sie folgende charakteristische Reaktionen aus: Die Blutgefäße unter der Haut werden verengt, der Blutdruck und die Herzfrequenz steigen an; Leber wandelt Speicherzucker in für die Zelle verfügbare Glucose um und setzt sie frei.
Die Bronchien werden erweitet, damit sie intensiver atmen können und das Gehirn wird mit viel Sauerstoff versorgt, wodurch sich der Körper in höchster Alarmbereitschaft befindet. Darüber hinaus wird die Ausschüttung von Sexualhormonen unterbunden, Stoffwechsel und Verdauung auf das Minimum reduziert. Der ganze Körper ist jetzt auf einen möglichen Angriff oder eine mögliche Flucht vorbereitet. Obwohl man in einem solchen Moment hellwach ist, kann es im Gehirn durch eine vorübergehende Unterbrechung der Weiterleitung von Nervenimpulsen zu einer kurzen Gedankenleere kommen.
Dadurch kommt es eher zu Reflexhandlungen als zu überlegtem Handeln. In einem gewissen Maße sind solche Stressreaktionen sogar gesund für den Menschen, denn sie sorgen dafür, dass wir reaktionsfähig bleiben.
Was früher das Überleben sicherte, bedroht es heute
Während die Stresshormone früher unser Überleben sicherten, weil sie das Kampf- und Fluchtsyndrom aktivieren und den Menschen zu einer schnellen Handlung bewegten, gefährden die gleichen Hormone heute unser Überleben. Denn schließlich rennen wir weder bei jedem Knall los noch greifen wir jeden Feind oder Konkurrenten unmittelbar an.
Ist ein Mensch also permanentem Stress ausgesetzt, kann dies zu einer Reihe von ernsthaften Erkrankungen führen. Auf der körperlichen Ebene können sie sich unter anderem als dauerhafter Bluthochdruck, Herzerkrankungen oder Magen- und Darmerkrankungen ausdrücken. Auf der psychischen Ebene kann es zu vermehrten Aggressionen, Schlafstörungen, Nervosität, Rastlosigkeit, Konzentrationsschwäche oder depressivem Verhalten kommen.
Aber selbst die Freizeit artet heutzutage oft eher in Stress und in einer hohen Belastung für den Körper aus, da viele Menschen Extremsport betreiben oder eher abenteuerliche und anstrengende Beschäftigungen ausüben, statt ihrem Körper und Geist Ruhe zu gönnen. Andere Menschen glauben, dass sie sich entspannen, wenn sie nach Feierabend fernsehen, rauchen, Kaffee oder Alkohol trinken, Zeitung lesen und essen – oftmals über die Maßen. Bei diesen Beschäftigungen kann zwar kurzfristig das Gefühl von Entspannung entstehen, aber hierbei werden nur die Sinne abgelenkt, nicht aber beruhigt.
Wieder andere Menschen stehen sogar unter einem spirituellen Leistungsdruck und reisen von Workshop zu Workshop, um Erleuchtungserfahrungen zu erlangen. Kommen Körper und Geist nicht zur Ruhe, entstehen neben körperlichen Krankheiten psychosomatische Leiden wie das Burn-Out-Syndrom.
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