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Durch Begegnungen wachsen

Von Doris Iding
Durch Begegnungen wachsen © Bild:Prokino Filmverleih 2005
Kay Pollak ist nicht nur ein erstklassiger Regisseur („Wie im Himmel“), er hat auch realisiert, wie man im Umgang miteinander gemeinsam wachsen und voneinander lernen kann. Darüber schreibt er eingänglich und unprätentiös in seinem neuen Buch. Ein Portrait
»Jeder Mensch, dem ich begegne, ist mein Lehrer!« lautet die Überschrift des ersten Kapitels des Ratgebers von Kay Pollak „Durch Begegnungen wachsen“. Im Grunde lässt sich der Gesamt­inhalt des Buches unter diesem Thema zusammenfassen, wobei der Autor, der Filmemacher und Regisseur dem Leser diese Message in Form von leicht nachvollziehbaren Beispielen, Lehrsätzen und praktischen Strategien vermittelt.

Dabei plädiert er besonders für mehr Achtsamkeit und Nähe im Umgang mit anderen. Ein Ansatz, wie er zum Beispiel auch im Yoga und hier insbesondere im Yoga Sutra des Patanjali gelehrt wird. Dass Pollak nicht nur über einen respektvollen Umgang schreibt, sondern dies auch inszeniert, spiegelt sich gleichfalls in seinem Film „Wie im Himmel“ wieder, der im letzten Jahr weltweit zahlreiche Kinofans begeisterte. Der Film schildert die berührende und mitreißende Geschichte eines weltberühmten Musikers, der erst in der Arbeit mit dem kleinen Chor seiner schwedischen Heimatgemeinde Erfüllung und persönliches Glück findet. Pollak richtet einen genauen und unnachgiebigen, immer jedoch auch einen liebevollen Blick auf seine Figuren und lässt vor den Augen der Zuschauer ein buntes, skurriles Portrait der kleinen Dorfgemeinschaft entstehen. Durch den Film zeigt Pollak auf gekonnte Weise auf, wie destruktiv zum einen ein unachtsamer, übergriffiger Umgang mit anderen Menschen sein kann und wie heilend es ist, wenn wir einen Menschen darin unterstützen, ganz er selbst zu sein und die eigenen Qualitäten zu entwickeln, um dann schließlich – im besten Fall - ein himmlisches Lebensgefühl zu entwickeln.

Im Sturm eroberte der Film die Herzen der Schweden und avancierte mit über 2 Mio. Besuchern (bei acht Millionen Einwohnern) zu einem der erfolgreichsten Filme in Schweden überhaupt. Darüber hinaus wurde „Wie im Himmel“ auch für den Oscar in der Kategorie „bester ausländischer Film“ nominiert. Auch in Deutschland spielte er sich in die Herzen vieler Menschen. In Australien sorgte er sogar dafür, dass die Besucherzahl höher war als die des neuen James-Bond-Films “Casino Royale“. Dass Kay Pollak einen respektvollen Umgang nicht nur inszenieren kann, sondern auch hinter der Kamera lebt, erzählte er mir bei einem Gespräch in München, in dem er seine ungewöhnliche, aber gleichzeitig nachahmenswerte Vorgehensweise darstellte. „Ich habe mir zu Beginn des Drehs von allen Beteiligten am Filmset ein Foto machen lassen – vom Fahrer bis zum Hauptdarsteller – und habe mir die Fotos jeden Morgen um 6 Uhr angesehen. Und zu jedem habe ich dann etwas Positives gesagt. Z.B. „Vielen Dank Paula, dass du gestern ein so schönes Hemd für Daniel, den Hauptdarsteller, gefunden hast. Denn gerade dieses Hemd betont die Farbe seiner Augen so wunderschön.“ Oder „Vielen Dank Klaus, dass du Frida, die Hauptdarstellerin, am Flughafen abgeholt hast und ihre Stimmung durch deine humorvolle Art aufgeheitert hast“ usw. Das Gleiche habe ich dann später am Filmset dem ganzen Team noch gegenüber einmal geäußert.

Dadurch hat sich jeder Einzelne natürlich sehr wertgeschätzt gefühlt und wir hatten ein entsprechend positives Arbeitsklima.“ Aber auch in seinem Privatleben, zum Beispiel im Umgang mit seinen Kindern, zeigt Kay Pollak, der dreifache Vater, einen achtvollen Umgang, selbst dann, wenn er nicht einer Meinung mit einem seiner Kinder ist: „Wenn ich zum Beispiel mit meiner Tochter zusammen bin und wir uns streiten, und ich merke, dass ich etwas auf sie projiziere, sie für etwas verantwortlich machen möchte, dann sage ich: Maria, ich möchte jetzt eine Pause von 10 Minuten haben. Ich bin irritiert und möchte mich erst wieder sammeln, damit ich dann in Ruhe mit Dir reden kann. Ich möchte erst wieder mit dem Teil in mir in Kontakt kommen, den ich mehr mag. Ich sage ihr dann auch, dass das, was mich irritiert hat, überhaupt nichts mit ihr zu tun hat. Natürlich kann ich wütend werden, aber in der Zwischenzeit weiß ich, dass es alles nur in meinem Denken stattfindet und mit dem Anderen überhaupt nichts zu tun hat.“

Einen solchen Respekt wie Pollak ihn beruflich und privat lebt und so seiner Tochter gegenüber beschreibt, am Filmset betrieb und in seinem Buch „Durch Begegnungen wachsen“ aufzeigt, pflegte der heute 69-Jährige allerdings nicht immer. Bei unserer Begegnung erzählte er, dass er vor gut 20 Jahren alles andere als einen achtsamen Umgang mit seinen Mitmenschen pflegte: „Damals befand ich mich in einer Lebensphase, in der ich mit vielen Menschen in meinem Umfeld große Schwierigkeiten hatte. Ich hasste die Journalisten, ich hasste einige der Schauspieler aus meinem Team, ich hasste diesen und ich hasste jenen Menschen. Aber immer wieder hatte ich das Gefühl, dass es die Menschen in meinem Umfeld waren, die Schuld waren an den Konflikten.“ Mit der Zeit wurde dem charismatischen Schweden allerdings bewusst, dass nicht nur die anderen in seinem Umfeld für all die kräftezehrenden Auseinandersetzungen verantwortlich sein können.

Indem er sein eigenes Verhalten reflektierte, realisierte er, dass es immer wieder zu Streitereien kam, weil es ihm schwer fiel, andere Menschen so anzunehmen, wie sie sind, und die Konflikte aus seinem permanenten Versuch resultierten, sein Umfeld zu ändern.

Pollak nahm diese Krise zum Anlass, um sich aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen. Er beschäftigte sich intensiv mit der Psychosynthese nach Roberto Assignoli, schrieb Bücher und veranstaltete Seminare über Kommunikation. Während dieser Zeit fragte er sich nicht nur, warum er persönlich so viele Konflikte hatte, sondern er versuchte auch zu begreifen, was geschieht, wenn zwei Menschen sich begegnen. Aber auch andere Fragen kreisten durch sein Bewusstsein. Zum Beispiel: Inwiefern beeinflussen die eigenen negativen Gedankenmuster die Begegnung mit einem anderen Menschen? Was kann man tun, um aus dieser unbewussten Gedankenschleife herauszukommen? Inwiefern ist es möglich, die eigenen Gedanken so weit zu verändern, dass man in der Lage ist, besser mit Menschen kommunizieren zu können und die Gespräche in eine positive Richtung zu lenken?


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Autoren Info

Doris Iding ist Ethnologin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin sowie als Yogalehrerin für Erwachsene und Kinder.