Der Philosoph, die Mutter & Auroville
Von Julia JohannsenEin umstrittener Revoluzzer sitzt im Gefängnis. Dort erlangt er Erleuchtung, gibt die Revolution auf und wird ein bedeutender Philosoph und Yogi. Das ist kurz gefasst die Geschichte von Shri Aurobindo
Shri Aurobindo wurde 1872 in Kalkutta geboren. Er stammte aus einer angesehenen Familie, sein Großvater war Autor der „Modern Review“. Aurobindo fiel schon früh durch seine besonderen intellektuellen Fähigkeiten auf, schrieb sein erstes Gedicht mit 12 Jahren, sein längstes Gedicht umfasst 24.000 Seiten und er schrieb daran fast 35 Jahre lang. Er besuchte die Schule in England und studierte an der Cambridge Universität. 1892 kehrte er nach Indien zurück und vertiefte sich in bengalische Literatur, Philosophie, politische Wissenschaft und die Quellen des Sanskrit. In der Zeit der nationalistischen Bewegung, die in Indien herrschte, schrieb Aurobindo Artikel für ein englisches Journal und stieß damit auf Kritik.
Seine Botschaft lautete: Das Ideal von Svarajya (staatliche Unabhängigkeit) ist absolute Autonomie, Selbstherrschaft und Freiheit von fremder Kontrolle. Shri Aurobindo befürwortete öffentlich den Boykott von britischen Gütern und allem, was britisch war. Er wurde zu einem Führer der revolutionären Bewegung und spielte eine große Rolle im nationalen Kampf Indiens im Jahr 1908.
Mit dem Alipore Bombenfall sollte sich sein Leben grundlegend ändern: Die Briten nannten ihn den „gefährlichsten Mann Indiens“ und steckten ihn für fast ein Jahr in Einzelhaft. Dort verzweifelte Aurobindo nicht, sondern fand seine wahre Mission. Er schrieb über die Zeit im Gefängnis: „Nach einer Weile betrachtete ich das Gefängnis, das mich von den Menschen trennte, und es war nicht mehr so, als sei ich zwischen hohen Wänden gefangen; nein, es war Gott der mich umgab. Ich ging unter dem Baum vor meiner Zelle einher, aber es war nicht mehr der Baum, ich wusste, es war Gott, es war Shri Krishna, der dort stand und der mir seinen Schatten spendete. Ich sah die Gitterstäbe meiner Zelle, die als Türe dienten, und wieder sah ich Gott. Ich lag auf den groben Decken, die mir als Bettzeug gegeben worden waren, und ich fühlte, wie Krishnas Arme mich umschlossen, die Arme meines Freundes und Geliebten“.
Shri Aurobindo begann zu meditieren und übte seine Yogapraxis zunächst ohne Guru, bis er einen Maharashitrian Yogi traf, dessen Unterweisungen er folgte. Aurobindo übte Pranayama über mehrere Stunden täglich und meditierte über die Lehren der Gita und Upanishaden. „Nirvana zu erreichen war das erste grundlegende Ergebnis meiner Yogapraxis“, schrieb er. „Es schleuderte mich urplötzlich in einen Zustand, in dem es kein Ego mehr gab, keine reale Welt… nicht eins und auch nicht viele, sondern einzig und allein DAS, formlos, nichtssagend, beziehungslos, pur, unbeschreiblich, undenkbar, absolut, und doch zugleich in höchstem Maß wirklich, einzig und allein wirklich….
Was es mit sich brachte, war ein unbeschreiblicher Friede, eine gewaltige Stille, eine unendliche Erlösung und Befreiung“. 1910 zog Aurobindo sich schließlich ganz aus der Politik zurück und ging nach Pondicherry, im Südosten Indiens. Dort meditierte und lebte er mit ein paar Gleichgesinnten und entwickelte einen neuen spirituellen Weg, den „Integralen Yoga“. Über den Integralen Yoga schrieb er: „Der Weg, dem dieser Yoga folgt, unterscheidet sich hinsichtlich seines Zweckes von anderen Yoga-Wegen.
Sein Ziel besteht nicht nur darin, den Menschen aus dem üblichen Welt-Bewusstsein zum göttlichen Bewusstsein empor zu führen, sondern auch die supramentale Kraft dieses göttlichen Bewusstseins in die Unwissenheit des Mentals, des Lebens und des Körpers zu bringen, diese zu wandeln, das Göttliche in der Welt zu offenbaren und ein göttliches Bewusstsein in der Materie zu schaffen. Die Sadhana dieses Yogas schreitet nicht nach einem festgelegten Lehrsystem vorwärts, nicht durch vorgeschriebene Meditationsfolgen, Mantras oder Ähnliches, sondern durch ein Streben, durch ein Sich-Konzentrieren nach innen oder nach oben, durch ein sich-Öffnen für den Einfluss, für die Göttliche Kraft über uns und für ihr Wirken, für die Gegenwart des Göttlichen im Herzen, und durch Zurückweisen all dessen, was sich damit nicht vereinbaren lässt.“ Das Ziel des spirituellen Wegs liegt im Integralen Yoga nicht jenseits der Welt, sondern ist etwas, das mitten in der Welt geschieht.
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