Home Yoga Bhakti Yoga - Die Liebe zu Göttin-Gott

Bhakti Yoga - Die Liebe zu Göttin-Gott

Von Ronald Engert
Eines Tages ist es soweit: Sie haben viele Jahre auf Ihrer Gummimatte Yoga geübt, denken sich nichts und stehen plötzlich Auge in Auge mit dem Göttlichen. Doch was jetzt tun, wie sich verhalten? Nur keine Panik – Bhakti-Yoga bereitet Sie gründlich auf die Begegnung mit Göttin-Gott vor

Yoga ist der Vorgang, um Befreiung aus dem Kreislauf der Geburten und Tode (samsara) zu erlangen. Nach der vedischen Überlieferung sind die Lebewesen ewige spirituelle Seelen (atma), die unsterblich, allglückselig und voller Wissen sind (sat-cid-ananda).

Durch die Identifizierung mit dem falschen Ego (ahankara) vergisst das Lebewesen jedoch seine wesensgemäße Natur und beginnt, sich mit der Beherrschung und Ausbeutung der Natur zu beschäftigen. Dies versetzt es in ein bedingtes, materialistisches Bewusstsein, das es zuguterletzt an die Vergänglichkeit fesselt. Das Lebewesen nimmt für seine materialistischen Zwecke einen zeitweiligen materiellen Körper an, um die Früchte seiner Handlungen genießen zu können. Diese Früchte sind aber, ebenso wie der materielle Körper, vergänglich. Die ewige Seele sehnt sich jedoch nach bleibenden Dingen und leidet unter dieser Vergänglichkeit.

Die verschiedenen Yoga-Vorgänge, wie sie in der Bhagavad-Gita niedergelegt sind, haben alle das Ziel, den Menschen zur Ewigkeit zu führen. Beginnend bei der körperlichen Ebene zeigt auch Patanjalis achtfaches Yoga-System (astanga-yoga), wie über Körperhaltungen (asanas) und Atemübungen (pranayama) der Praktizierende durch Meditation (dhyana) zu höheren Stufen der Bewusstseinsarbeit voranschreitet und schließlich den völlig in sich selbst zufriedenen Bewusstseinszustand (Trance= samadhi) erreicht.

Dies wird in dem oben angeführten Vers aus der Bhagavad-Gita als Transzendenz bezeichnet. Die materielle Natur drückt sich in den gunas aus, den drei Erscheinungsweisen der Natur: Tugend (sattva), Leidenschaft (rajas) und Unwissenheit (tamas). Wie der Vers aussagt, ist Bhakti-Yoga dazu geeignet, diese Transzendenz jenseits der Bedingtheit von Raum und Zeit zu erreichen, mithin zur Ebene des Bewusstwerdens der ewigen Existenz der Seele voller Glück und vollkommenem Wissen zu gelangen.

Was ist Bhakti-Yoga?
Bhakti heißt Liebe. Im Sanskrit gibt es über einhundert verschiedene Worte für Liebe, die unterschiedliche Facetten von Liebe bedeuten. Bhakti bezieht sich hierbei speziell auf die Liebe zu Göttin-Gott (in der vedischen Religion, dem heutigen Hinduismus, treten die Gottheiten in der Regel paarweise auf). Bhakti-Yoga ist also die liebende Verbindung mit Göttin-Gott. Dieser Yoga ist ein aktiver Yoga, bei dem die Sinne und die Handlung, ebenso wie der Geist und die Intelligenz in den liebevollen Dienst Gottes gestellt werden. Hierzu gehören im Wesentlichen neun Tätigkeiten: Hören über die Eigenschaften und Spiele Gottes (sravanam), Lobpreisung seiner/ihrer Namen (kirtanam),  Erinnern (smaranam), ihren Lotosfüßen Dienste darbringen (pada-sevanam), Zeremonien (arcanam), Gebete (vandanam), Diener Gottes werden (dasyam), Freundschaft mit Göttin-Gott schließen (sakhyam) und die vollständige Hingabe (atma-nivedanam).

Jede Handlung, die direkt für Göttin-Gott oder ihre Geweihten ausgeführt wird, ist Bhakti-Yoga. Jede dieser Handlungen ist transzendental, d.h. sie ist nicht materiell bedingt und verursacht kein Karma. Jede dieser Handlungen reinigt das Herz und den Spiegel des Bewusstseins und erhebt den Praktizierenden nach und nach auf die Ebene von Brahman, wie im obigen Vers ausgeführt. Das Brahman ist die ewige unpersönliche Energie Gottes.

Ein Mensch in diesem Bewusstsein ist immer ausgeglichen, friedlich und zufrieden, er ist frei von Anhaftung und Abstoßung, unbeeinflusst von Hitze und Kälte, Glück und Leid, Ehre und Schmach. Er hat die Ebene der körperlichen Bedingtheiten überwunden.

Im Grunde kann fast jede Handlung in den Dienst von Göttin-Gott gestellt werden: den Tempel reinigen, Bücher schreiben, Spenden geben, eine Blume auf dem Altar darbringen, kochen, predigen, singen, sogar Auto fahren, wenn es für Gott oder den Gottgeweihten getan wird. Auf diese Weise wird es möglich, die eigenen Neigungen und Talente in den Dienst Gottes zu stellen. Es wird möglich, Beziehungen zu pflegen und alle Stimmungen und Gefühle zu erleben, die das menschliche Gemüt beinhaltet. Es muss nichts aufgegeben werden, nur der Zweck ist ein anderer.



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