Mantras - Worte der Kraft
Von Wilfried HuchzermeyerIch lasse mich darauf ein, wiederhole langsam heilige Namen. Zu Beginn muss ich einen leichten Widerstand überwinden, aber dann stellt sich Frieden ein, und die Szene verwandelt sich. Ich befinde mich in einem Konsumtempel, der nun zu meinem Mantra-Tempel wird. Vielleicht ist es gut, gerade auch an solchen Orten ein wenig spirituelle Arbeit zu tun. Plötzlich wird eine zweite Kasse eröffnet, die Schlange löst sich auf. Zu Hause schlage ich das Nachrichtenmagazin auf, das ich vom Zeitschriftenstand mitgenommen habe. In einem Artikel fällt mein Blick sofort auf das Wort »Mantra«. Es scheint mich zu grüßen nach der Erfahrung an der Kasse. Auch in den Wörterbüchern der deutschen Sprache ist es seit längerer Zeit anzutreffen: Mantras sind »Worte mit magischer Kraft«, erfahren wir dort. »Worte mit spiritueller Kraft« würden wir aus der Sicht des Yogas sagen.
Die Ursprünge - Sanskrit
Um die Kraft des Wortes wußten die indischen Yogis seit Urzeiten. Ihre Sprache war die heilige Sanskrit-Sprache, auch bekannt als die Sprache der Götter. Die vedischen Seher, die Rishis, empfingen Worte in ihrer inneren Schau, sahen sie oder hörten sie, und gaben sie an endlose Generationen von Schülern weiter. Die Veden, Upanischaden und die Bhagavad-Gita enthalten nicht einzelne Mantras, sondern sind es durchweg. Es sind Worte von hohem klanglichem Wert mit intensiver spiritueller Bedeutung. Und indem diese Mantras über die Jahrtausende kontinuierlich rezitiert wurden, entstand ein starkes Kraftfeld, das alle mitträgt, die mit der richtigen inneren Einstellung Mantras wiederholen.
Generell können wir feststellen, dass jede hochentwickelte Sprache ihren eigenen Genius und ihre eigene Wirkung hat. So ist Italienisch die Sprache der Oper, Französisch jene des Chansons und Englisch-Amerikanisch bekanntermaßen das Medium von Rock und Pop (wie auch erlesener Poesie), während die deutsche Sprache insbesondere über einzigartige Möglichkeiten im differenzierten philosophischen Ausdruck verfügt. Sanskrit jedoch ist Indiens große spirituelle Gabe an die Menschheit. In jedem Jahrhundert wurde bemerkenswerte Literatur in ihr verfaßt, darunter auch die wichtigen Grundlagentexte der klassischen Yoga-Formen.
Der Amerikaner Vyaas Houston, der mit einer neuen Methode Tausende seiner Landsleute für die altindische Sprache zu interessieren vermochte, erklärt in brillanter Weise die speziellen mantrischen Qualitäten des Sanskrit: »Das Sanskrit-Alphabet ist eine klar gegliederte Zusammenstellung der reinsten, klarsten und konzentriertesten Laute, die das menschliche Stimmorgan erzeugen kann. Man erlernt jeden Buchstaben des Sanskrit-Alphabets als Resonanz-Kraft... Die Urlaute des Alphabets sind in einer solchen Weise kombiniert, dass stets Harmonie zwischen ihnen besteht. Sanskrit ist in einer solchen Form gestaltet, dass der Energiestrom am Fließen bleibt, d.h. man kann in ihn eintreten und mit ihm strömen. Jede Lautkombination im Sanskrit folgt festen Harmoniegesetzen, die im wesentlichen einen ununterbrochenen Fluss der wohlklingendsten Kombination von Buchstaben in Wörtern und Versen möglich macht... Sanskrit versetzt uns in einen Zustand harmonischer Resonanz mit dem Universum.« (Aus: Erlebnis: Sanskrit-Sprache)
Was bedeutet Mantra?
Es werden verschiedene etymologische Erklärungen gegeben, z.B. »Werkzeug des Denkens« oder »jenes, was das Denken übersteigt«. Man kommt von manas, das verwandt ist mit lat. mens und deutsch mental. Mantra ist im Sanskrit meist Maskulinum, weswegen oft »der Mantra« gesagt wird, aber teils auch Neutrum, daher Mantram oder das Mantra. Letzterer Sprachgebrauch hat sich bei uns eingebürgert.
Im Hinduismus ist Mantra der Name Gottes oder eines Avatars, und dessen ständige Wiederholung (Japa) verspricht spirituelle Befreiung. Es bezeichnet aber auch bestimmte Mahavakyas oder Kraftworte wie z.B. so'ham, Er bin ich, oder heilige Sanskrit-Verse, die als Offenbarung empfangen wurden.
In vielen buddhistischen Schulen begegnen wir der Mantra-Meditation. Hier ist das Mantra eine Silbe oder Silbenfolge, die mit spiritueller Kraft erfüllt ist. Das heilige Wort ist ein Hilfsmittel, das den Geist schützt und stützt. Die Rezitation wird oft in Verbindung mit bestimmten Körperhaltungen und Visualisationen durchgeführt.
Wie funktioniert das Mantra?
Die ständige Wiederholung eines bestimmten Wortes, einer Formel stundenlang, jahrelang, ein Leben lang mag Skeptikern als recht sinnlose Übung erscheinen. Doch auch sie können nicht ignorieren, dass weltweit Mystiker der verschiedensten Traditionen ähnliche Übungen entwickelten, was auf eine Grundwahrheit schließen läßt. Im Christentum kennen wir die Mönche auf dem Berg Athos in Griechenland, die noch heute stundenlang einzelne Gebetsformeln rezitieren. Ferner wissen wir, dass fast alle bekannten indischen Yogis des 20. Jhs. das Mantra als notwendiges, hilfreiches oder zumindest optionales Mittel das Sadhana, der spirituellen Disziplin, empfahlen.
Die natürliche Neigung des Geistes ist es, sich in vielen Richtungen zu zerstreuen und vielfältigen Impulsen nachzugeben. Das Mantra und dessen beharrliche Wiederholung stabilisieren den Geist und schaffen zunächst im feinstofflichen – der nach yogischer Schau parallel zum physischen Körper existiert – eine Art feine Spur, als würde ein Pfad freigelegt, der letztendlich auch auf der materiellen Ebene Wirkungen zeigt.
Tatsache ist, dass wir in dieser Welt einem immensen Wechselspiel vielfältiger Kräfte aller möglichen Ebenen ausgesetzt sind. In dieser Situation ohne Vorbereitung einfach in die Stille zu gehen und dort seinen wahrend Seinsgrund zu finden, gelingt nur wenigen Genies. Für die meisten von uns ist diese oder jene praktische Übung hilfreich. Diesen Zweck erfüllt in wunderbarer Weise das Mantra. Es verkörpert heilige Bewusstseinsinhalte, die wir durch ständigen Kontakt allmählich aufnehmen und assimilieren, was unseren Geist verfeinert und empfänglicher macht für die Stille. Insofern handelt es sich um eine transformative Praktik, die jedoch erst fruchtbar wird, wenn wir uns den Inhalten der Mantras aufrichtig öffnen und diese nicht nur mechanisch wiederholen.
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