Die geheimen Dimensionen des Hatha-Yoga
Von Dr. Georg Feuerstein & Anke ClausenUm den traditionellen Hatha-Yoga und seine Ziele zu verstehen, müssen wir verstehen, dass dieser Zweig des uralten Baumes des Yoga ein integraler Bestandteil des tantrischen Erbes ist. Tantra tauchte ca. 300 - 400 n. Chr. auf, mehr oder weniger gleichzeitig im Hinduismus und im Buddhismus. Die Tantra-Meister, die Siddhas, führten ihre Lehre als eine neue Offenbarung für das Dunkle Zeitalter (kali-yuga) ein, die die früheren Lehren der Vedas (im Hinduismus) und des Pali Kanons (im Buddhismus) ergänzten oder - gemäß einer radikaleren Sichtweise - ersetzten. Diese Meister fühlten, dass die alten Herangehensweisen nicht mehr wirkten, weil die Menschheit eine Phase des moralischen und spirituellen Abstiegs begonnen hatte. Sie erfanden neue Meditationstechniken, Rituale, Mantras usw.
Tantra favorisierte besonders eine neue Wertschätzung der physischen Welt und des menschlichen Körpers und sah beide nicht als Feinde des Geistes, sondern als seinen Ausdruck an. Daher strebten die tantrischen Lehren danach, jeglichen künstlichen Dualismus zwischen Körper und Geist oder - um es anders auszudrücken - zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Weg und Ziel zu überwinden. Spirituelle Verwirklichung (man kann es Selbst-Verwirklichung, Erleuchtung, Befreiung, Nirvana nennen) wurde nicht länger als ein fernes Ziel gesehen, das es zu erreichen galt, sondern als unser immer gegenwärtiges Potential. Die letztendliche Realität - in anderen Worten - wurde nicht als etwas von unserem jetzigen Zustand der Existenz grundsätzlich verschiedenes betrachtet. Daher wurde der menschliche Körper nicht nur als ein mit Eiter und Schmutz gefüllter Beutel gesehen, wie es frühere Adepten vorgeschlagen hatten, sondern als Behältnis für den Samen von perfektem inneren Frieden, Freiheit und Glückseligkeit. Diese Kontinuität zwischen der empirischen und der transzendenten Dimension ist in dem Sanskrit-Ausdruck Tantra enthalten.
Nachdem die Verkörperung erst einmal als positives Ereignis gesehen wurde, war es nur ein relativ kleiner Schritt zur "Kultivierung des Körpers" (kaya-sadhana). Diese Orientierung beruht auf der Einsicht, dass es schwierig ist, den Geist zu reinigen, so dass er in seinem natürlichen Zustand (als reiner Geist) erstrahlt, ohne den Körper und das komplexe menschliche Nervensystem zu berücksichtigen. Die tantrischen Meister begannen, nicht nur intensiv die innere Funktionsweise des Geistes zu erforschen, sondern auch das volle Potential des menschlichen Körpers und seines subtilen Gegenspielers, des pranayama-koshas oder der "aus Lebensenergie bestehenden Hülle". Sie wussten zu schätzen, dass die Verbindung zwischen dem materiellen Körper und dem immateriellen Geist die Lebensenergie ist (prana), die die Materie belebt und erhält (sogar unsere grauen Zellen!).
Abgesehen von auf Visualisationen beruhenden Meditations-Praktiken, wandten sie verschiedene Formen der Atemkontrolle (pranayama), der Siegel (mudra), Verschlüsse (bandha), Mantras usw. an, um die subtile Bioenergie des Körpers zu stimulieren und zu lenken. Im Laufe dieses Prozesses vertieften sie das uralte Wissen über die Ströme der Lebensenergie (prana-nadi) und der psychoenergetischen Strukturen, Cakras genannt. Die tantrischen Adepten waren Meister darin, die Lebensenergie zu kontrollieren. Worauf sie jedoch abzielten, war die noch feinere "Energie" der Kundalini-Shakti oder "Schlangenkraft". Die Kundalini ("sie, die zusammengerollt ist") ist die Energie von Bewusstsein selbst, die im menschlichen Körper in einem Ruhezustand existiert, aus dem sie mit Hilfe von tantrischen Praktiken erweckt werden kann.
Wie ich in meinem Buch Tantra - der Weg der Ekstase ausführlicher erklärt habe, ist jegliche Form von Tantra Kundalini-Yoga. Daher ist das Erwecken der Kundalini in allem traditionellen Hatha- oder tantrischen Yoga-Traditionen das zentrale Ziel. Wir brauchen nur traditionelle Sanskrit-Texte über Hatha-Yoga zu lesen, wie z.B. die Goraksha-Paddhati, Hatha-Yoga-Pradipika, Gheranda-Samhita und Shiva-Samhita, um die überragende Bedeutung zu erkennen, die der Erweckung der Schlangenkraft zugeschrieben wird. Anders als im zeitgenössischen Hatha-Yoga geht es im traditionellen Hatha-Yoga nicht vorrangig um Fitness, Beweglichkeit oder Schönheit. Das sind Nebeneffekte, die bei einem weitaus bedeutenderen Unterfangen entstehen, nämlich die Schlangenkraft zu erwecken und ihr zu erlauben, den physischen Körper und ebenso den Geist zu transformieren. Das tantrische Ziel ist, Erleuchtung hier und jetzt in einem transzendierten Körper zu erlangen - einem Vehikel, das nicht den Gesetzen des physischen Universums unterliegt und über alle Arten außergewöhnlicher Fähigkeiten verfügt. Im buddhistischen Tantra ist er auch als "Regenbogenkörper" bekannt, weil er so wenig stofflich wie ein Regenbogen ist. Mit der Hilfe eines solchen Körpers kann der erleuchtete Meister mit Schülern und anderen Menschen ohne die typischen Begrenzungen eines physischen Körpers weiterarbeiten.
Hatha-Yoga tauchte in der verzweigten Tradition des Tantra um 1000 n.Chr. auf. Traditionell heißt es, dass Goraksha der Schöpfer war, der auch den Natha Orden gründete. Seine Schriften, wenn es welche gab, sind verloren, obwohl ihm eine Vielzahl von Texten (mit späterem Datum) zugeschrieben wird. Einer dieser Texte ist die Goraksha-Paddhati, die ich ins Englische übersetzt und in meinem Buch The Yoga Tradition veröffentlicht habe. Aus dieser Sanskrit-Schrift geht klar hervor, dass die frühen Hatha-Yoga-Praktiken sich um Visualisation/Meditation und Atemkontrolle drehten. Keine der Haltungen, die im späteren Hatha-Yoga aus Gesundheits- und Fitnessgründen praktiziert werden, wird hier mit Namen genannt. Dieser Text sagt jedoch, dass der Gott Shiva so viele Haltungen wie Arten von Wesen kennt (d.h. 8.400.000) und dass nur zwei davon "besonders" sind: der Lotus-Sitz (kamala-asana) und der Helden-Sitz (siddha-asana), die Meditationshaltungen sind.
Erst mit der Hatha-Yoga-Pradipika, die in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts gehört, erhalten wir Beschreibungen von 15 Haltungen, die alle heute noch praktiziert werden. Die Gheranda-Samhita aus dem siebzehnten Jahrhundert fügte 17 weitere Haltungen sowie eine ganze Bandbreite von Techniken hinzu, die darauf ausgerichtet sind, den physischen Körper und somit das Netzwerk der bioenergetischen Ströme (nadi-cakra) zu reinigen. So lange dieses Netzwerk nicht gereinigt ist, ist das Erwachen der Schlangenkraft entweder unmöglich oder begleitet von vielen unerwünschten Nebenwirkungen. Einige davon wurden von Pandit Gopi Krishna in seiner Autobiografie beschrieben. Gopi Krishna, der ein plötzliches Erwachen der Kundalini erlebte, war darauf nicht vorbereitet. Seine quälenden Erfahrungen brachten ihn oft an den Rand der Verzweiflung und sind eine klare Warnung an alle, nicht aus Unwissenheit zu versuchen, sich leichtfertig und aus Spielerei mit diesen Energien einzulassen.
Anders als Prana ist die Schlangenkraft eine spirituelle Energie, die eine eigene Intelligenz besitzt. Sie kann nur von einem Praktizierenden auf sichere Art und Weise erweckt werden, der ein solides moralisches, spirituelles, physisches und geistiges Fundament gelegt hat. Glücklicherweise wird die Kundalini nicht so einfach aktiviert, was viele übermäßig enthusiastische aber unwissende Praktizierende schützt. Viele der sogenannten Kundalini-Erweckungen sind nur Aktivierung von Lebensenergie (Prana) - ein notwendiger Schritt in Richtung auf das vollständige Erwachen der Schlangenkraft.
Meditation und Atemkontrolle, die für Tantra oder Kundalini-Yoga (d.h. traditionelles Hatha-Yoga) grundlegend sind, eröffnen den Yogis einen ganz neuen Ausblick. Sie offenbaren ihnen die subtilen Dimensionen der Existenz, die Teil unserer Natur sind, aber erst sichtbar werden, wenn wir gelernt haben, mit dem "inneren Auge" zu sehen. Bevor wir nicht Prana, Nadis, Cakras, Kundalini und andere Strukturen oder Prozesse kennen, die zum feinstofflichen (sukshma) Körper gehören, sind wir noch keine Yogis. Davon geht zumindest Goraksha laut der ihm zugeschriebenen Siddha-Siddhanta-Paddhati aus.
Da wir auf verschiedenen Ebenen der Existenz verkörpert zu sein scheinen und nicht nur auf der physischen Ebene, macht es Sinn, die versteckten, geheimen Dimensionen unserer Existenz erforschen zu wollen. Hatha-Yoga, als ein tantrisches Yoga, befähigt uns, das zu tun. Es wäre merkwürdig, wenn wir eine höchst esoterische Disziplin anwenden sollten, um nur mit dem physischen Körper zu arbeiten. Vielleicht ist die Zeit gekommen, sich an die Ursprünge von Hatha-Yoga zu erinnern und seine Weisheit zu nutzen. Seine geheime Seite hat mit unserer verborgenen Natur zu tun. Wenn wir sie kennen wollen, müssen wir zunächst die verborgenen Dimensionen des Hatha-Yoga kennenlernen.
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