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Hatha-Yoga - eine alchemistische Wissenschaft

Von Harald Gärtner
Der Hatha-Yoga-Prozess im Schmelztigel der Alchemie

Schauen wir uns die Quellentexte des Hatha-Yoga an, wie die Hatha Yoga Pradipika, die Gheranda Samhita, die Shiva Samhita oder das Yoga Rahasya, so treffen wir immer wieder auf Beschreibungen der Transformation und Transmutation, die uns auch aus der europäischen Tradition der Alchemie vertraut sind.

In der Alchemie werden symbolisch, als Analogie für die "Körper-Seele-Geist-Einheit", Substanzen, besonders Metalle, im Labor prozessiert. Im Hatha-Yoga, dem Weg durch den Körper folgend, begibt sich der Mensch in das Labor der Praxis. In diesem Zusammenhang ist es zunächst einmal wichtig, den Blick auf die fünf Elemente der tantrischen Hatha-Yoga-Philosophie zu werfen, denn die fünf Vorgehensweisen des alchemistischen Hatha-Yoga unterliegen diesen fünf Elementen. In der tantrischen Philosophie, wird der Kosmos oder die Natur symbolisch in fünf Elemente oder Energien unterteilt: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther oder Raum. Diese fünf Elemente sind die fünf Zustandsformen der Materie: fest, flüssig, feurig, gasförmig und ätherisch. Sie zeigen die fünf Festigkeitszustände aller Substanzen und somit auch des menschlichen Körpers an, die gesamte sichtbare und unsichtbare Materie, die im Universum enthalten ist.

Hatha-Yoga-Techniken
Im Hatha-Yoga gibt es präzise "Werkzeuge" oder Techniken, um uns durch den Körper mit unserer wahren Natur in tiefen Kontakt zu bringen. Jede dieser fünf Hatha-Yoga-Techniken wird regiert von einem der fünf Elemente; und alle zusammen haben große Bedeutung für eine ausgeglichene und harmonische Yoga-Praxis. Zusammen lassen sie ein dynamisches, energetisches Modell des Lebendigen, einen kosmischen Tanz, entstehen. Nicht nur, dass sich die einzelnen Hatha-Yoga-Techniken gegenseitig unterstützen und so ihre Wirkung vertiefen, es findet auch ein Ausgleich zwischen den Energien der fünf Elemente statt. Durch Ausgeglichenheit und Balance der Elemente im Körper, zeichnet sich eine wirksame transformierende Hatha-Yoga-Praxis aus.

Asana, die Erde der Hatha-Yoga-Praxis
»Es gibt so viele Yoga-Asanas, wie es Spezies von Tieren und anderen Geschöpfen gibt.« Gorakshashatakam

Das Erdelement entspricht dem Körper in seiner physischen Erscheinung, insbesondere seiner Struktur: Muskeln, Bindegewebe, Knochen, Wirbelsäule. Erdqualitäten sind Festigkeit, Stabilität, Ausrichtung, Erdung und Tun. Dies alles, wenn auch oft mühsam, lehren uns die Asanas, das Ausführen von Körperstellungen. Es entsteht integrierte Stabilität in der physischen Struktur, wobei jedes Körperteil so ausgerichtet ist, dass es die anderen Teile anstrengungslos unterstützt. Der Erd-Aspekt der Praxis zeichnet sich aus durch ein Konzentrieren auf die Struktur und die korrekte Ausrichtung des Körpers, was in der Folge auch eine stabilisierende und entspannende Wirkung auf den Geist zeigt. Die korrekte Asana-Praxis bereitet den Boden für die weiteren Prozesse der Transformation und stärkt den physischen Leib (Annamaya Kosha) für Pranayama und Dhyana (Meditation).

Vinyasa, das Wasser der Hatha-Yoga-Praxis
»Oh Yogi, praktiziere Asana niemals ohne Vinyasa.« Vamana Rishi; Yoga Korunta

Die Flüssigkeiten des Körpers, wie Blut, Lymphe, Urin repräsentieren das Wasserelement im Körper. Sein Sitz ist der Beckenraum. Wasserqualitäten sind: Weichheit, Flüssigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kraft und Gefühl. Das Wasserelement findet seine Entsprechung in der Hatha-Yoga-Technik des Vinyasa, der atemsynchronisierten Bewegung, im Erlernen der anstrengungsfreien, sanften, flüssigen Bewegung in die Asanas hinein und heraus. Dabei entstehen die einzelnen Bewegungen, die Vinyasas, aus der Atmung heraus. Leichtigkeit und Dynamik kommt in die Yoga-Praxis. Durch die einzelnen Vinyasas werden die Asanas geöffnet und geschlossen. Durch das auf der Atemwelle in die Asanas hinein- und herausgleiten, bekommt die Dehnung des muskulären Systems einen weichen und passiven (Wasser) Charakter.

Bandha, das Feuer der Hatha-Yoga-Praxis
»Oberhalb des Lingam und unterhalb des Nabels ist die Region, die als Uddiyana (Auffliegen) bekannt ist. Es gibt ein grosses Geheimnis der Zurückhaltung (Bandha) dieses Bereiches; es eröffnet den wirkungsvollsten Weg, den Tod zu überwinden.« Gorakshashatakam

Der Stoffwechsel, besonders Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse, Milz, Zwölffingerdarm und das Verdauungsfeuer (Agni), verkörpern das Element Feuer im Körper. Der Sitz des Feuerelements ist der Bauchraum und das Sonnengeflecht. Feuerqualitäten sind: Transformation, Spontanität, Intensität, Ausstrahlung, Hitze und Inspiration. Der Ausdruck von Feuer ist Umwandlung, Transformation und Aktivität. Diese finden sich wieder in der Hatha-Yoga-Technik des Bandha, insbesondere des Uddiyanabandha. Bandhas sind muskuläre und energetische Ajustierungen (Verschlusstechniken), welche Energie im Körper umwandeln. Die Transformation und Ausrichtung der Körperenergien ist der Feueraspekt der Hatha-Yoga-Praxis. Durch die enstehende Wärme und Hitze vertieft sich auf der einen Seite der Asana- und Vinyasaprozess (Erd- und Wasserprozess), auf der anderen entsteht Energiefluss im feinstofflichen Energiesystem, den Nadis. Als Folge entsteht eine tiefere Harmonie und geistige Ruhe.

Pranayama, die Luft der Hatha-Yoga-Praxis
»Durch die Praxis von Pranayama werden alle Verunreinigungen der Nadis beseitigt.« Shri Nathamuni´s Yogarahasya

Das Nervensystem und die Atmung repräsentieren das Luftelement im Körper (Bewegung). Das Element Luft hat seinen Sitz im Brustraum. Luftqualitäten sind: Öffnung, Ausdehnung, Leichtigkeit, Anmut und das Denken. Seine Entsprechung in der Hatha-Yoga-Praxis findet es im Pranayama, den Atemtechniken zur Ausdehnung und Integration des Atems, insbesondere im Ujjayi-Pranayama. Das Luftelement balanciert sich durch den geschmeidigen, sanften, langsamen, stetigen, anstrengungsfreien Fluss der Atmung in der dynamischen Praxis. Das Verfeinern der Atemqualität lässt auf der anderen Seite die Praxis meditativ und geistig entspannt werden, auf der anderen kommt Leichtigkeit und Grazie in die Bereiche Asana, Vinyasa und Bandha.

Drishti, der Äther (oder Raum) der Hatha-Yoga-Praxis
"Das Festhalten des Bewusstseins in der Leere des Raumes ist Konzentration." Patanjali, Yoga-Sutra III, 1

Das Äther- oder Raumelement ist das primäre oder übergeordnete Element, in dem alle anderen Elemente enthalten sind und interagieren. Ätherqualitäten sind Leere, Freiheit und das Sein. Das Ätherelement hat seinen Sitz in der Kehle. Seinen höchsten Ausdruck findet es im Bewusstsein oder der Achtsamkeit. Diese verkörpert sich in der Technik des Drishti, der gerichteten Aufmerksamkeit. Dabei wird bewusst und achtsam Energie auf spezielle Objekte, Vorgänge, Situationen oder Körperteile gerichtet. Dies führt zu einer direkten und tiefen Achtsamkeit, frei von Vorstellung, Projektion und Erwartung. Das Ätherelement ist eine Art Matrize, in der die einzelnen Elemente tanzen.

In der dynamischen Hatha-Yoga-Praxis durchdringen diese fünf Komponenten einander und werden gleichzeitig praktiziert, wobei die Akzente je nach Standpunkt des Praktizierenden unterschiedlich liegen.

Der alchemistische Prozess
In der Alchemie treffen wir auf das Prinzip Sal oder Salz, das dem physischen Körper und der Struktur entspricht; das Prinzip Sulfur, das Feuer des Stoffwechsels und der Seele; sowie das Prinzip Merkur, das dem Geist, dem Nervensystem und der Bewegung entspricht.

In der tantrischen Hatha-Yoga-Tradition oder im Ayurveda sind uns diese Prinzipien als die drei Doshas Kapha, Pitta und Vata bekannt. Das Kapha besteht aus den Elementen Erde und Wasser, das Pitta aus dem Feuerelement, und Vata besteht aus den Elementen Luft und Äther (Raum).

Schauen wir uns die Lage der Elemente im Körper an, dazu die Einzelheiten der Hatha-Yoga-Praxis und den alchemistischen Weg der Verwandlung als Analogie im Labor, dann verstehen wir die alten Quellentexte des Hatha-Yoga besser.

In der laboratorischen Alchemie werden Substanzen stellvertretend für die »Körper-Geist-Seele« gereinigt, veredelt und auf die nächst höhere Ebene verwandelt (transmutiert). Im Hatha-Yoga braucht es stellvertretend für das Labor eine solide Basis für die Transmutation. Dieser entspricht der durch Asana-Praxis gestärkte Körper. Der Prozess der Reinigung wird über die Ujjayi-Atmung entfacht. Ujjayi heißt soviel wie Sieg über Prana, im Sinne von »sich die feinstoffliche Energie (Prana) nutzbar machen« oder auch »übersinnliche Atmung«. Der Körper wird wie der Kolben im Labor unter Feuer gesetzt. Es ist Aufgabe der Vinyasas, Asanas und Bandhas, dieses Feuer den Körper vollständig durchdringen zu lassen. Die Bandhas sorgen dafür, dass der Körperbereich, der von Apana-Prana, der abwärts fließenden Form der Prana-Energie unterhalb des Nabels, regiert wird, für die Ausscheidungen zuständig ist und durch die trägen Elemente Erde und Wasser bestimmt wird, vollständig durchdrungen wird. Vor allen Dingen die Kanda, das Zentrum der Nadis, die Körpermitte, wird hierdurch bei korrekter Praxis angeregt zu arbeiten. Die Folge davon ist die vermehrte Arbeit der Ausscheidungsorgane, stärkere Ausscheidung über die Haut als Schweiß, und psychische »Reinigung« über Träume.

Die Körpersubstanzen (Erde) und die Körperflüssigkeiten (Wasser) werden sozusagen "auf dem Feuer durchgekocht". Dadurch kommt es zu einer Klärung in der Körperstruktur (Erde) und den Körperflüssigkeiten (Wasser). Eine Schlüsselfunktion bei dieser Reinigung und Transformation spielt das Feuerelement, das auch in allen anderen Elementen vorhanden ist. So reinigt sich auch das Körperfeuer (Agni) durch das Feuer. Die feinstofflicheren Elemente im Körper, Luft und Äther, transformieren sich ebenfalls durchs Feuer. Dadurch wird Energie aus den Zellen frei, wahrnehmbar durch Energiegewinn, Kraft und Leichtigkeit.

In der heilkundlichen Alchemie, der Spagyrik, ist der Vorgang ähnlich wie zuvor im Körper beschrieben. Am Beispiel der Verarbeitung einer Pflanze zu naturheilkundlichen Zwecken wird das deutlich.

Zuerst wird das Sal - das Kapha/der Körper - die Erde der Pflanze durch das Feuer gereinigt, d. h. nachdem die ätherischen, die alkohol- und wasserlöslichen Anteile vom Pflanzenkörper getrennt wurden, wird der Pflanzenkörper verascht, kalziniert. Übrig bleiben die durch das Feuer gereinigten Salze der Pflanze, das Sal – die Erde der Pflanze.
Um den Merkur, den Geist, das Vata der Pflanze, zu gewinnen, werden die flüchtigen Bestandteile der Pflanze herausdestilliert (Feuerprozess). Über die Destillation werden diese Anteile gereinigt. Das gewonnene Destillat entspricht der Luft und dem Äther der Pflanze.

Die Reinigung des Sulfur - der Seele, des Pitta, des Agni - das Feuer der Pflanze, teilt sich auf in zwei Vorgänge. Zum einen wird über Destillation der flüchtige Sulfur, zum anderen über Veraschung (Kalzination) der fixe Sulfur als Salz gewonnen. Das Resultat stellt das Feuer der Pflanze dar. Die Reinigung des Sulfurs im Körper ist auch eine zweiteilige, zum einen die des physischen Körpers, dem fixen Sulfur entsprechend, zum anderen die des Feinstofflichen, den Nadis, dem ätherischen Sulfur entsprechend.

Abschließend werden in der spagyrischen Pflanzenaufbereitung die gereinigten und separierten Anteile der Pflanze zu einer transformierten reinen (sattvischen) Essenz wieder zu einem Ganzen zusammengefügt. Die spagyrisch transformierte Pflanzenessenz kann dann zwecks Stimulation der Selbstheilung zur Anwendung kommen und balanciert analog betrachtet Sal, Merkur und Sulfur, also Körper, Geist und Seele.

Hatha-Yoga, ein Weg der Verwandlung und Heilung
Eine balancierte und integrierte Praxis der Komponenten Asana, Vinyasa, Bandha, Pranayama, Drishti und das Entwickeln eines tieferen Verständnis daraus für das Wirken der Elemente im Körper führt uns aus den wohlvertrauten Strukturen der Vergangenheit heraus in das Neuland unseres wahren Selbst.

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