Om Shanti in Vrindavan
Von Edith BierbaumerSeite 2 von 3
Indien hautnah
Wir erhalten vom Ausbildungsteam sehr viel Lob und Anerkennung dafür, dass wir den Mut hatten, nach Indien zu kommen. Schließlich hätten wir die gleiche Ausbildung auch im Einzelzimmer mit tropischem Flair auf den Bahamas abschließen können! Urlaubsfeeling kommt auf den Bahamas bestimmt mehr auf, aber Indien hat auch einiges zu bieten. Umwerfend schöne Saris, bunte Marktstände, zahlreiche Tempel, freundliche Menschen und vieles mehr. Hier riecht es anders, sieht es definitiv anders aus, und nirgends kann man besser dem Alltag entfliehen als in Indien. Auch wenn es nicht immer einfach ist, diese Kultur anzunehmen, sehr oft befindet man sich auf einer Gratwanderung. In einem Moment ist alles noch schön und beeindruckend, und wenige Minuten später einfach nur mühsam, anstrengend auch beinah nicht mehr auszuhalten. Einfach „Incredible India“! Der Besuch des Taj Mahals, eine Tempeltour durch Vrindavan und eine Bootsfahrt gehören zu den kulturellen Highlights. Ein weiteres gutes Argument für Indien ist der Preis: Dieselbe Ausbildung mit den gleichen Referenten würde woanders auf der Welt bis zu dreimal so viel kosten. In Indien ist das Leben sensationell günstig – für 100 Rupien (ca. 1,60 Euro) erhält man einen Wochenvorrat an Obst, eine Halbtagesfahrt mit der Rikscha oder eine neue Hose. Mit etwas Geduld findet man auch einen funktionierenden PC, mit viel Glück kann man sogar Geld am Geld-Automaten abheben. Fix ist in Indien aber nichts! Eines der letzten Abenteuer der Menschheit ist der dortige Straßenverkehr. Es ist phänomenal, was sich alles auf den Straßen tummelt: Kühe, Räder, Mopeds mit drei Personen, Tuk-Tuks, Autos und Busse – alles bewegt sich kreuz und quer. Es herrscht das totale Chaos – das Einzige, was funktioniert, ist die Hupe. Gerade in den engen Marktgassen bleibt man öfters zwischen allem, was läuft und fährt, für einige Zeit stecken. Entspannt betrachtet genießt man eine der seltsamsten Erfahrungen auf der Welt.
Der Tagesablauf im Ashram
Der Ashram ist für viele Inder sicherlich ein 4-Sterne-Hotel, zu Hause würde man diesen Standard jedoch unter keinen Umständen akzeptieren. Man gewöhnt sich aber daran, und solange die Klospülung funktioniert, das Wasser zumindest jeden zweiten Tag warm ist und nach den häufigen Stromausfällen das Licht zumindest irgendwann wiederkommt, ist man auch schon zufrieden. Gegen den Rummel und den Gestank in der Stadt ist der Ashram aber die reinste WellnessÂoase. Der Tagesablauf selbst ist etwas stressig, und man ist vor allem zu Beginn sehr gefordert, alles unter einen Hut zu bekommen. Zeit für großartige Erholung, lesen etc. bleibt nicht, aber positiv gesehen sind die Tage sehr kurzweilig, und die Zeit vergeht schnell. Desweiteren halten sich die Freizeitangebote im Ashram auch sehr in Grenzen …
Vier Wochen mit vielen Hochs und einigen Herausforderungen
Zwischenzeitlich gibt es natürlich auch einige Herausforderungen zu meisÂtern. In der zweiten Ausbildungswoche fließt nicht Prana, sondern nur der Stuhl. Ein Durchfallvirus verbreitet sich gerade im 20er-Schlafsaal wie ein Lauffeuer. Der betreuende Arzt aus Indien hat kurzzeitig einen Fulltimejob im Ashram, und viele durchleben mental schwierige Stunden. Trotz gesundheitlicher Probleme, Motivations-Tiefs, Müdigkeit und sonstigen kleineren Unannehmlichkeiten halten alle die vier Wochen tapfer durch. Täglich können wir unsere eigene Praxis verbessern, und spätestens, wenn man das erste Mal im Skorpion steht, sind viele Strapazen auch wieder vergessen.
Es wird eine strenge Anwesenheitsliste geführt, ab der dritten Woche unterrichten wir bereits, und als Hausübung wird täglich eine Zusammenfassung vom Hauptvortrag geschrieben. Dies alles sind wichtige Bestandteile, um die Ausbildung positiv abzuschließen. Die Ausbildung ist methodisch perfekt aufgebaut, und es ist schön zu beobachten, wie sich unser Wissen zum Thema Yoga täglich erweitert. Der Ausbildungsinhalt ist sehr umfangreich und das Skriptum dick, dennoch schaffen wir es beim Abschlusstest, von den 60 Fragen alle oder fast alle korrekt zu beantworten. Stolz und überglücklich nehmen wir unser Ausbildungszertifikat entgegen und freuen uns über den Status „international geprüfter Yogalehrer“.
So faszinierend Indien auch ist, nach einem Monat war es für mich auch genug, und ich konnte den Heimflug fast nicht mehr erwarten. Die Toleranzschwelle für Lärm, Schmutz und Gestank ist in diesen vier Wochen nahezu ins Unendliche gestiegen, und man braucht zu Hause ein paar Tage, um wieder ganz anzukommen und das westliche Leben wieder voll anzunehmen. Nach der Ankunft hat man das Gefühl, etwas in Watte gehüllt zwischen den zwei Welten zu schweben. Spätestens nach ein paar Tagen blickt man jedoch mit der Sonnenbrille (ohne Angst, dass die Äffchen sie klauen!) in das herrliche Grün und inhaliert tief die laue Sommerluft – dann weiß man, dass man wieder zu Hause angekommen ist. Man genießt das gute Trinkwasser, umarmt sein sauberes Klo und freut sich, wieder bei seiner Familie und seinen Freunden zu sein.
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Rubrik:
Spirituelles Leben



