Auf Guru-Suche
Von Maria WirthUnd? Was hast du in 20 Jahren spiritueller Suche in Indien gefunden?“ Die Frage kam von einem indischen Freund, den ich nach vielen Jahren kürzlich wieder sah, und sie kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Ich war mir nämlich nicht mehr sicher, ob ich in all den Jahren in Indien irgend etwas gefunden hatte und ob es überhaupt etwas zu finden gibt: Ich war desillusioniert von der spirituellen Suche und von Gurus, die mir angeblich dabei helfen, etwas zu finden.
Ich bin zum Schluß gekommen, dass das Leben zum Leben da ist und das „Einem-Ziel-Hinterherrennen“ mich davon abhält. Ich erzählte das meinem Freund und erzählte ihm auch, dass ich grade wieder - zum zweiten Mal - einen Guru verlassen hatte und nun hoffentlich von Gurus geheilt sei.
Eigentlich darf man einen Guru nicht verlassen. Denn, so heißt es in Indien, wenn man einen Guru angenommen hat, muss man bei ihm bleiben. Ich weiß nicht, wer diese Regel in die Welt gesetzt und so bekannt gemacht hat. Vielleicht eine Art Guru-Lobby? Denn das Guru-Konzept, wie es seit einigen hundert Jahren propagiert wird, gab es in den Upanishaden, den grundlegenden Schriften der indischen Weisheit nicht, wie mir ein Philosophiestudent versicherte. Dort hieß es vielmehr: „Lasst uns gemeinsam lernen.“
Die Guru-Verehrung erreichte ihre Blüte im 15. Jahrhundert mit dem Hindu-Muslim-Heiligen Kabir aus Benares. Er schrieb in einem Gedicht sinngemäß: „Alle Wälder dieser Erde liefern mir nicht genug Holz für Bleistifte, damit ich die Glorie des Gurus ausreichend beschreiben könnte.“ Aber wen verehrte Kabir so glühend als Guru? Seinen inneren Meister oder einen äußeren? Sie seien eins, wird erklärt. Der innere Guru manifestiere sich im äußeren.
Und was passiert, wenn der äußere Meister offensichtlich nicht die Integrität und Kompetenz hat, den Schüler zu führen? Selbst wenn der Guru falsch ist, müsse der Schüler bei ihm bleiben. Denn die Echtheit und Aufrichtigkeit des Schülers seien ausschlaggebend für seinen Fortschritt. Diese Ansicht habe ich öfter gehört und gelesen. Die Interessen der Gurus werden Zweifellos gut vertreten.
Mein Freund sagte mir noch einen anderen Grund, warum Inder so selten ihren Guru verlassen: Sie haben Angst, dass er okkulte Kräfte hat und sich an ihnen rächen und ihnen schaden könnte. Daran hätte ich nicht gedacht. Viele meiner Freunde, die Anhänger eines Gurus sind, versuchten mir klar zu machen, dass ich einen unverzeihlichen Fehler begehe, und bedauern mich, weil ich so uneinsichtig bin. Sie glauben im Ernst, dass ich vielleicht erst nach hundert Leben wieder eine solche Chance bekäme, die Wahrheit zu erkennen. Und meine Freunde, die nicht Anhänger von Gurus sind, beglückwünschen mich (allen voran meine Schwester), dass ich endlich, mit über 50, Verantwortung für mich selbst übernehme und nicht mehr jemandem hinterherrenne. Und sie hoffen, dass ich nicht wieder solch einen Fehler begehe.
Es gibt noch eine dritte Gruppe. Es sind meist Westler, die seit Jahren nach Indien kommen, im Lauf der Zeit einige Gurus hatten oder immer noch haben, aber eine gewisse Distanz halten. Sie erwarten nicht mehr so viel von einem Guru, aber schätzen die Atmosphäre um ihn, so wie man ab und zu einen Konzertbesuch schätzt. Für sie ist die Nachricht, dass ich meinen Guru verlassen habe, nichts Besonderes. Sie wissen aus Erfahrung meist, dass das nötig ist, wenn man sich im Guru womöglich getäuscht hat. Das Thema Guru ist zweifellos ein Kapitel für sich und, wie man sieht, ein recht undurchsichtiges.
Ich will hier einige Punkte dazu anführen. Ein Guru ist der Definition nach jemand, der die Dunkelheit vertreiben und dadurch erleuchten kann. Er ist ein Lehrer, der selber erleuchtet ist. Und hier taucht schon die erste grundlegende Frage auf: Was ist Erleuchtung? Auf diese Frage gibt es keine Antwort im herkömmlichen Sinn. Erleuchtung ist etwas, das sich genauso wenig beschreiben oder beobachten lässt wie der Geschmack einer Mangofrucht.
Jemand, der eine Mango gegessen hat, weiß, wie sie schmeckt. Aber jemand der noch keine gegessen hat, weiß nur, dass sie sehr gut schmecken soll. Und er kann nicht einmal überprüfen, ob derjenige, der ihm sagt, dass die Mango sehr gut schmeckt, das wirklich aus Erfahrung weiß, denn es steht überall geschrieben und ist kein Geheimnis, dass eine Mango sehr gut schmeckt und als die Königin der Früchte bezeichnet wird. „Erleuchtung ist unbeschreiblich.“
Dieser Satz, so oft wiederholt, weckt sehr hohe Erwartungen – möglicherweise zu hohe Erwartungen, sowohl was den Guru, als auch, was den zu erstrebenden Seinszustand anbelangt. „Unbeschreiblich“ meint in diesem Zusammenhang mindestens „super“ und nicht nur eine bloße Tatsache. Also muss Erleuchtung noch viel besser sein als alles, was man kennt – wahrscheinlich eine ewige dauernde Ekstase, schlussfolgert der Schüler und wundert sich, dass der Guru ganz normal ausschaut und es ihn nicht vor Seligkeit schüttelt.
Erleuchtung ist sicher anders als alles, was man bisher kennt. Aber vielleicht ist der Zustand ganz einfach der natürlichste der Welt? Der Geschmack einer Mango ist auch anders als alles, was man sonst kennt. Man schwärmt von einer Mango. Wenn man sie hat, genießt man sie nur stillschweigend. Der entscheidende Punkt ist, dass man einfach nicht wissen kann, ob er nur die Rolle eines Gurus spielt.
Ein indischer Bekannter, Kapitän auf einem Frachtschiff, sagte mir einmal, dass er nach seiner Pensionierung Guru werden wolle, denn dann bräuchte er sich keine Sorgen mehr um seinen Lebensunterhalt machen. Es war im Spaß gesagt, aber zeigt dennnoch, wie skeptisch selbst Inder geworden sind, und dass „Guru“ inzwischen eine Art Job ist, für den man wenig Qualifikation braucht.
- Vernetzen mit Facebook
- Vernetzen mit Google Buzz
- Vernetzen mit Delicious
- zu Digg hinzufügen
- Vernetzen mit Reddit
- Vernetzen mit StumbleUpon
- Vernetzen mit MySpace
- Vernetzen mit Technorati
- Vernetzen mit studiVZ meinVZ schülerVZ
- Hinzufügen zu Google Bookmarks
- Hinzufügen zu Windows Live
- Hinzufügen zu Yahoo! Bookmarks



