Palmblatt Bibliotheken - geheimnisvolle Archive des Schicksals
Von Marianne SchererDer heilige Bhrigu - einer der sieben heiligen Rishis des alten Indien – gilt als Begründer der Palmblattbibliotheken. Er lebte vor rund 5000 Jahren und konnte in der Akasha-Chronik lesen. Durch seine besonderen Fähigkeiten verschaffte er sich Einblick in das Leben vieler tausend Menschen – man spricht von über 80 000 – und hielt sein außergewöhnliches Wissen in Versform auf getrockneten Palmblättern fest. Diese bis zu 6 cm breiten, ca. 50 cm langen getrockneten und gebündelten Blätter bilden das Inventar der heutigen Palmblattbibliotheken. Es heißt, es existieren insgesamt zwölf dieser Schicksalsbibliotheken in ganz Indien.
Die bekanntesten befinden sich in Bangalore, Vaithisvarankoil, Madras und Hoshiarpur. Verwaltet werden die Bibliotheken von Priestern oder Nadi-Lesern. Im allgemeinen befinden sich die Palmblätter seit vielen Generationen in derselben Familie. Der Vater, das Familienoberhaupt, unterrichtet einen seiner Söhne in der Kunst, die Palmblätter zu lesen und zu interpretieren. Dies ist nicht einfach, da die Botschaften in Alt-Tamil in die Blätter geritzt sind - einer Sprache, die heute nicht mehr gesprochen wird. Es erfordert daher ein großes Geschick seitens des Palmblattlesers, die Zeichen korrekt zu entziffern, und noch mehr Geschick, sie auch sinnvoll zu interpretieren.
Beginn einer Reise
Von den indischen Palmblattbibliotheken habe ich vor knapp vier Jahren erstmals erfahren. Ich war damals Redakteurin eines Magazins für unerklärliche Phänomene und kam dabei mit so ziemlich allem in Berührung, was es auf diesem Gebiet gibt: angefangen von UFOs über Poltergeister, Levitation, Geistheilungen etc. Und eines Tages hörte ich auch von den mysteriösen Palmblattbibliotheken Indiens, Allein der Name Palmblattliteratur löste in mir eine Resonanz aus, ein gewisses, undefinierbares Gefühl, das mich manchmal überkommt, wenn mich etwas innerlich betrifft. Für mich stand sofort fest, dass ich unbedingt mehr über dieses unglaublich klingende Phänomen in Erfahrung bringen musste. Bei meinen Recherchen stieß ich als erstes auf einen Klassiker in der raren Palmblatt-Bibliothek: Ute Yorks "Eine Reise zu den indischen Palmblattbibliotheken".
An einem schönen Nachmittag im August saß ich auf meiner Terrasse und verschlang das Buch förmlich innerhalb von wenigen Stunden. Meine Neugier war nun endgültig geweckt, und ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen! Ich rief Ute York an, die bei München wohnt, und bat sie um ein Interview. Ein paar Tage später besuchte ich sie zu Hause, und sie erzählte mir bei einer Tasse Tee von ihren abenteuerlichen Erlebnissen auf der Suche nach ihrem Palmblatt. Das Interview wurde in dem Magazin abgedruckt, für das ich es gemacht hatte, doch für mich war die Sache damit längst nicht erledigt: Mir war klar, dass ich selbst nach Indien fliegen würde, genauer gesagt, in die Palmblattbibliothek von Bangalore, um dort nach meinem eigenen Palmblatt zu fahnden.
Als ich meinem Lebensgefährten Daniel von meinem Vorhaben erzählte, war er nicht abgeneigt, mich zu begleiten. Die Palmblätter interessierten ihn zwar wenig, doch er hatte die wunderbare Idee, das Ganze mit einer Ayurveda-Kur in Bangalore zu verbinden. Davon hatte er schon lange geträumt! Wie immer, wenn ich zur rechten Zeit das Richtige tue, ebnen sich die Wege wie von selbst! Innerhalb weniger Tage hatten wir eine zweiwöchige Panchakarma-Kur in Pearl Valley gebucht, einem kleinen Ayurveda-Zentrum, etwa 40 km von Bangalore entfernt! Ich fühlte mein Schicksal regelrecht walten und konnte kaum noch die paar Monate abwarten, bis es endlich losging! Ich war mir absolut sicher, dass ich mein Palmblatt finden würde, und erbebte innerlich bei dem Gedanken, was sich mir dann wohl enthüllen würde! Jedenfalls war ich bereit, alles zu erfahren, was mir geoffenbart werden würde – sei es gut oder schlecht - sogar mein Todesdatum. Am 26. Dezember 1997 war es soweit: Wir waren unterwegs nach Bangalore, und ich hatte das Gefühl, dass ich meinem Schicksal sozusagen entgegenfliege. Ute York hatte mir eingeschärft, dass ich mit dem Palmblattleser unbedingt schon von Deutschland aus einen Termin ausmachen müsse, da er sehr beschäftigt sei. Ich hatte das aber nicht so ernst genommen und dachte, dass innerhalb von zwei Wochen – so lange waren wir in Indien – bestimmt ein Termin frei wäre.
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