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| Yoga Aktuell - Magazin für Yoga und Neues Bewusstsein |
| Meditation und Hirnforschung |
| Text: Martin Bohn |
Wie Meditation unser Gehirn verändert: Ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand Meditation war schon immer eine zentrale spirituelle Disziplin. Sei es der Buddha unter dem Bodhi-Baum, Shiva im Lotussitz oder seien es die Wüstenväter des frühen Christentums: Alle großen spirituellen Traditionen betrachten Meditation als ein machtvolles Instrument auf dem Weg zur Erleuchtung, Gottverwirklichtung, Nirvana, Satori, Unio Mystica oder wie immer man den Gipfel der spirituellen Vollkommenheit auch nennen mag. Neben der spirituellen Ausrichtung besitzt Meditation außerdem ein nicht zu unterschätzendes Wellness-Potenzial. Darauf haben sich vor allem westliche Meditationslehrer konzentriert und Meditation eng mit Entspannung und Gesundheitsfragen verknüpft. In den letzten zwei Jahrzehnten begann sich dann auch die moderne Naturwissenschaft ernsthaft der Meditation zuzuwenden. Zunächst waren es Mediziner, die vor allem die positiven Auswirkungen von Meditation auf die Gesundheit erforschten. So konnten Studien unter anderem nachweisen, dass Meditation den Blutdruck senkt, Stresssymptome lindert, das Immunsystem verbessert und Hilfe bei Schlafstörungen und chronischen Schmerzen bietet. Nach eher zögerlicher Annäherung gibt es inzwischen ein deutlich gestiegenes Interesse der Wissenschaft an Meditation, was sich auch in einer wachsenden Zahl an entsprechenden Publikationen niederschlägt. Während sich Wissenschaftler in der Vergangenheit aus Furcht um ihren guten Ruf davor hüten mussten, sich mit Meditation zu beschäftigen, ist die alte Kunst der Gedankenkontrolle und Transzendenz nun fast schon hip geworden und wird längst nicht mehr als esoterisch und New Age abgetan. Die Grundlagen für die Meditationsforschung haben Pioniere wie Harvards Dr. Benson („Relaxation Response“) und Jon Kabat-Zinn gelegt. In jüngster Zeit waren es aber vor allem Neurologen wie Richard Davidson und Sara Lazar, die mit ihren Studien die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Öffentlichkeit auf sich zogen. Mithilfe neuester wissenschaftlicher Werkzeuge wie zum Beispiel der Messung des regionalen cerebralen Blutflusses (rCBF), der Magnetresonanz-Tomographie (MRT), der Magnetoenzephalographie (MEG) und der verbesserten Elektroenzephalographie (EEG) sind Hirnforscher und Neurologen in der Lage, die Wirkung von Meditation auf das menschliche Gehirn nachzuvollziehen. Sie waren so in der Lage, wissenschaftlich solide zu belegen, dass Meditation nicht nur die Art, wie das Gehirn funktioniert, grundlegend verändert, sondern dass ihre Wirkungen bis in die physische Struktur des Gehirns reichen. Die Studien 1 Meditation optimiert die Funktionsweise des Gehirns Forscher der Universität von Wisconsin fanden in einer Studie mit tibetischen Mönchen heraus, dass ein durch Meditation geschultes Gehirn ganz anders funktioniert als ein ungeschultes. Gearbeitet wurde dabei mit der tibetisch-buddhistischen Meditation auf bedingungsloses Mitgefühl. Richard Davidson, Neurologe am Institute for Functional Brain Imaging der Universität von Wisconsin ist der Meinung, dass die Ergebnisse ein bislang ungeahntes Potenzial des menschlichen Gehirns erahnen lassen. Die Studie kam unter anderem zu folgenden Ergebnissen:
2 Meditation vergrößert das Gehirn In einer weiteren Studie von Sara Lazar, Psychologin an der Harvard Medical School, wurde ebenfalls das Gehirn von Meditierenden mit einer Vergleichsgruppe ohne Meditationserfahrung verglichen. Die hier verwendete Meditationstechnik war eine buddhistische Achtsamkeitsmeditation, die mit Körper- und Sinneswahrnehmungen arbeitet. Wahrnehmungen, die im Bewusstsein auftauchen, werden dabei registriert, ohne weiter darüber nachzudenken, ansonsten ruht die Aufmerksamkeit auf dem Atem. Mit dieser Studie konnte nachgewiesen werden, dass Meditation nicht nur die Struktur des Gehirns verändert, sondern es sogar vergrößert. Genauer gesagt vergrößert regelmäßige Meditation die Dicke der Hirnareale, die mit Kognition, der Verarbeitung von Gefühlen und Wohlbefinden zu tun haben. Diese Areale der Großhirnrinde (Kortex) werden in der Regel mit zunehmendem Alter dünner. Meditation scheint also ein ebenso effektives wie angenehmes Mittel, den Alterungsprozess des Gehirns aufzuhalten und einige der negativen Auswirkungen des Alterns (wie abnehmende Gedächtnis- und kognitive Leistung) umzukehren. Die Ergebnisse dieser Studie stimmen überein mit anderen Studien, in denen gezeigt werden konnte, dass gewisse Hirnareale durch Übung wachsen. So haben Musiker ein dickeres „Musik-Areal“, Tänzer und Sportler verdickte „Motorik-Areale“ und so weiter. Das Erstaunliche an Sara Lazars Studie ist, dass eine rein mentale, innerliche Aktivität wie Meditation denselben Effekt hat wie äußerlich-physische Aktivitäten, wie zum Beispiel das Lernen eines Musikinstruments, einer Sportart oder einer Sprache. Für das Gehirn ist die Vorstellungs- und Bewusstseinsarbeit aus der Meditation genauso real wie „echte“ Erfahrungen. Schlussfolgerungen Meditation wirkt! Eine korrekt und ernsthaft praktizierte Meditationspraxis hat viele positive Auswirkungen auf unseren Geist und unsere Gesundheit. Sie verändert sogar die Struktur des Gehirns und legt damit die Grundlage für die Erfahrung höherer Bewusstseinszustände. Die Wirkungen der Meditation können verifiziert und mit wissenschaftlichen Mitteln sichtbar gemacht werden. Die subjektive Erfahrung des Meditierenden kann somit objektiviert werden. Die Methoden der modernen Hirnforschung könnten benutzt werden, um objektiv zu beurteilen, wie fortgeschritten jemand in seiner Meditationspraxis ist. Die Neurologie könnte Übenden Hinweise geben, ob die eigene Meditationspraxis erfolgreich verläuft oder korrigiert werden muss. Mit ihren vielfältigen Methoden könnte sie sowohl ausführliches Feedback geben als auch eine wichtige Motivationsquelle sein. Da der spirituell entwickelte Geist sich grundlegend vom unerleuchteten, ungeschulten Geist unterscheidet (zum Beispiel weil höhere Bewusstseinszustände ein ganz spezielles, unverwechselbares Hirnwellen-Muster erzeugen) könnten die Methoden der Neurowissenschaft dazu dienen, selbst und fremd ernannte Erleuchtete auf den Grad ihrer Erleuchtung zu prüfen. Dies könnte spirituell Suchenden helfen, wirklich hoch verwirklichte Meister von falschen Gurus und geldgierigen Betrügern zu unterscheiden. Meditation kann systematisch als physische und psychologische Therapie eingesetzt werden. Hirnforscher und Mediziner sind bereits jetzt in der Lage, die spezifischen Wirkungen verschiedener Meditationstechniken zu beschreiben, und dies wiederum in Verbindung mit bestimmten Krankheitssymptomen zu untersuchen. So könnte im Prinzip für viele Krankheiten die dazu passende Meditationstechnik gefunden und verschrieben werden. (Was übrigens nichts Neues wäre, denn ayurvedische Ärzte haben schon immer auch mit Meditationen oder Mantren behandelt). Dies würde der modernen Medizin und Psychotherapie nicht nur völlig neue Wege eröffnen, sondern käme auch einem Paradigmenwechsel gleich – von einer vorwiegend Medikamenten-orientierten, materialistischen Sichtweise hin zu einem ganzheitlichen, spirituelleren Ansatz, der aber gleichzeitig wissenschaftlich fundiert und belegbar wäre. Auf jeden Fall dürfte Meditation eine zentrale Rolle darin spielen, einigen der negativen Aspekte des modernen Lebens (wie Stress bei gleichzeitig mangelnder Bewegung, Überreizung der Sinne und des Geistes durch Hektik und elektronische Medien) entgegenzuwirken. Das Potenzial des menschlichen Geistes Ungeachtet der verblüffenden Erkenntnisse der Quantenphysik wird das moderne Denken immer noch von dem materialistischen Paradigma bestimmt, welches Geist und Materie als komplett getrennte Einheiten betrachtet. Die beschriebenen wissenschaftlichen Studien zur Meditation legen aber nahe, dass dieses Paradigma nicht die Wirklichkeiten von Gehirn und Geist widerspiegelt. Der menschliche Geist beeinflusst das Gehirn ebenso wie das Gehirn den Geist. Letzteres wird bei Hirnverletzungen oder Veränderungen der Hirn-Chemie durch Drogen und Medikamente offensichtlich, Ersteres war bislang noch nicht nachgewiesen worden. Aber die Hirnforschung zeigt nun, dass unsere Art zu denken die physische Struktur des Gehirns verändert. Der Materialismus sieht den menschlichen Geist als Produkt von Materie – zum Beispiel Gefühle als bloße Folge chemischer Prozesse im Gehirn oder Gedanken als Resultat elektrischer Impulse. Yoga und Spiritualität, auf der anderen Seite, betrachten Materie als geronnenen Geist und den menschlichen Geist als Herrn des Gehirns, nicht seinen Nachfolger. Die Neurowissenschaften können den Graben zwischen diesen beiden polaren Weltsichten überbrücken helfen und das Beste von beiden Ansätzen zur Geltung bringen. So kann die moderne Hirnforschung zeigen, wie spirituelle Praxis das Gehirn formt und verändert, aber eben auch wie wichtig es ist, die Bedeutung des Gehirns als materielle Basis des Geistes anzuerkennen. Vor allem zeigen Studien wie diese aber eines: Der menschliche Geist besitzt ein schier unendliches Potenzial. Durch spirituelle Praxis wie Meditation können wir beginnen, das schlafende Potenzial unseres Geistes aufzuwecken. Indem wir unser Gehirn durch Meditation schulen, können wir es nach und nach zu einem Gefäß für den erleuchteten Geist formen. |
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