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Die Verkörperung von Geist
Text: Judith Lasater
Yoga asanas sind “In”, Yoga ist modern, Yoga erobert viele Bereiche unserer Gesellschaft - aber ist es überhaupt noch wiederzuerkennen? Wenn wir den lauten Wunsch nach Fitness, Power, Schönheit und Gesundheit hinter uns lassen, beginnen die Yoga asanas aus der Stille zu uns zu sprechen. Und sie erzählen uns von der erträglichen Leichtigkeit des Seins...

Das einzige, was mir von meinem ersten Yoga Unterricht noch deutlich in Erinnerung haftet, ist die Zimmerdecke des Seminarraumes. Zwischen den asanas (Körperhaltungen) wurden wir angewiesen, uns auf unsere Matten zu legen, und zu ruhen. Ich weiß nicht mehr genau, was wir damals im einzelnen alles gemacht haben. Ich erinnere mich nur an diesen kleinen Geschmack, der mich nach mehr verlangen ließ. Am nächsten Morgen übte ich zuhause alle Körperhaltungen, an die ich mich noch erinnern konnte. Von diesem Tag an war ich süchtig und die asanas wurden zu einem sehr wichtigen Teil meines Lebens.

Was mich letztlich zum Praktizieren der asanas bewog, war das intuitive Gefühl, daß diese Bewegungen mehr als nur "Gymnastik" bedeuteten. Es schien eine größere Verbindung zu meiner Seele vorhanden zu sein. Nach vielen Jahren des Studiums glaube ich nun, dass jede asana einen Aspekt des menschlichen Potentials verkörpert und uns einen inneren Zugang zu tieferer Bewußtheit und Entwicklung gewährt.

Sicherlich sind die Yoga asanas im Grunde genommen so alt wie die Zivilisation selbst. Fünftausend Jahre alte Bildwerke aus dem Flusstal des indus zeigen Statuen in der Lotushaltung sitzend. Über die Entwicklung der Yoga asanas in den vergangenen fünftausend Jahren, haben wir jedoch nur wenig greifbare Informationen. Nach alten Überlieferungen wurde jede asana während tiefer Meditation geschaffen, indem ein rishi spontan diese oder jene Körperhaltung einnahm (rishi bedeutet wörtlich "Seher"; die rishis waren die Heiligen des vedischen Zeitalters in Indien). Erstaunlicherweise wird dieses Thema in den Yoga Sutren von Patanjali - die im alten Indien am meisten verehrte Yogaschrift - kaum behandelt. Patanjali gibt keine besonderen Anweisungen für das Üben der asanas. Er erwähnt sie in drei von seinen insgesamt 145 Versen. Obwohl mehrere andere indische Texte vor der Neuzeit, wie das Siva Samhita, das Gheranda Samhita und die Hatha Yoga Pradipika, bestimmte Haltungen wesentlich genauer beschreiben, folgen traditionell viele Yogalehrer Patanjalis Vorgabe und lehren, daß der Hauptnutzen der asanas in der Vorbereitung des Körpers für lange Stunden der Meditation liegt, indem der Rücken gestärkt und die Beine geschmeidig gemacht werden.

In unserer westlichen Kultur des angebrochenen 21. Jahrhunderts, hat die Praxis der asanas Formen angenommen, die Patanjali kaum wiedererkennen würde. Da dieser Aspekt des Yoga sich immer größerer Beliebtheit und Akzeptanz erfreut, hat er mittlerweile viele Bereiche unserer Gesellschaft erobert - meist als Behandlungstherapie bei Verletzungen und zunehmend auch als modischer Körper- und Fitnesskult. Gegenwärtig kann man die Yoga asanas nicht nur in populären
Gesundheitsmagazinen wiederfinden, sondern auch in den elegantesten Modezeitschriften antreffen und die Medien informieren uns schnell darüber, welcher Filmstar wann und wo damit begonnen hat, Yoga zu praktizieren.

Jedoch spüre ich hinter diesen Modeströmungen und dem unleugbaren Nutzen für Gesundheit und Fitness, daß die Praxis der asanas, unserer westlichen Welt weit größere Gaben zu bieten hat. Für mich sind zwei grundlegende Ideen zu den asanas wesentlich interessanter als jede spezielle praktische Methode. Erstens glaube ich, daß die Asana-Praxis eine spirituelle Praxis an und für sich ist. Zweitens glaube ich, daß diese Praxis uns dabei helfen kann, Spiritualität in das tägliche Leben einer modernen Welt zu integrieren, weit entfernt von den geschützten Ashrams und Rückzugsorten des alten Indien.

Zwar mögen wir Westler anfangs durch die Verlockung von Heilung, Beweglichkeit und Kraft eingefangen werden. Aber letztlich bleiben wir bei der Praxis der Yoga asanas wegen ihres kraftvollen, nonverbalen Ausdrucks des "Heiligen". Diese Verbindung mit dem Heiligen rührt von der grundlegenden Natur der Asana-Übung her. Um die asanas wahrhaftig zu üben, muß man im Augenblick gegenwärtig sein. Man beobachtet seine Empfindungen, seine Reaktionen, das Gefühl von Leichtigkeit und  Mühe, während man sich streckt und beugt. Und diese ständige Bereitschaft im Hier und Jetzt zu sein ist die Grundlage der Meditation. Folglich ist die Übung der asanas eigentlich eine spirituelle Übung. Dies liegt nicht nur in der innewohnenden Qualität einer Asana-Übung begründet, sondern ergibt sich auch aus dem umfassenderen Zusammenhang, in den Patanjali die asanas stellt. Sie sind Teil eines vollständigen Pfades von Yoga-Praktiken, welche ethische Unterweisung, Atemübungen, Konzentrationsübungen und Meditation beinhalten.

In den Yoga Sutren identifiziert Patanjali Beständigkeit und Leichtigkeit als die beiden Grundmerkmale der Asana-Praxis. Mit anderen Worten, die erste Qualität jeder Asana-Haltung ist es, in Stille zu verharren. Es grenzt an Ironie, daß die meisten Menschen in den asanas den bewegenden Teil des Yoga sehen. Tatsächlich fordern die asanas, daß der Übende lernt, bewegungslos zu sein. Dieses "Verbleiben in Ruhe" ist ein sehr kraftvolles Mittel.

Wenn man lernt, eine Position zu halten, wird die Ruhe des Körpers wie zu einem Hintergrund, vor dem man die unaufhörlichen Bewegungen des Geistes klar und deutlich lesen kann. Weil man normalerweise den Körper bewegt, sind die Bewegungen des Geistes nicht so sichtbar. Jedoch wenn man lernt, eine Position zu halten und darin regungslos zu bleiben, ist man in der Lage, die Erregungen des Geistes deutlich wahrzunehmen. Durch das Erlernen dieser Art von Stille, kann das Praktizieren der asanas ein Zugang zu tieferen Zuständen der Meditation sein. Yoga asanas, besonders savasana oder die Totenstellung, kann den Studenten mit der wichtigsten Gabe des Yoga versehen: die Gabe der Nicht-Identifikation. In seinen Yoga-Sutren lehrt Patanjali, daß die irrtümliche Identifikation unserer Gedanken mit unserem Selbst, die Wurzel allen Elends ist. Weiterhin lehrt er, daß alles Üben von Yoga darauf zielt, diese falsche Identifikation aufzulösen.

In der Reglosigkeit der savasana kann man anfangen, sein Selbst von seinen Gedanken zu trennen. Während man zu immer tieferer Entspannung gelangt, findet man sich in einem veränderten Zustand wieder, in dem das Denken lediglich als eine Oberflächenerscheinung erfahren wird, wie Wolken die hoch am Himmel über einen hinwegziehen. Man beginnt einen kleinen Raum zwischen den Gedanken und dem, was als Selbst wahrgenommen wird, zu erfahren. Einer meiner Lehrer sagte einmal: "Das Problem mit unseren Gedanken ist, daß wir ihnen unseren Glauben schenken." Und das Problem mit dem Glauben an unsere Gedanken ist, daß wenn wir unsere Handlungen nach ihnen ausrichten, dies in uns selbst und in anderen Leiden verursachen kann.

Wenn man jedoch diesen kleinen Raum zwischen den Gedanken und dem Bewusstsein, das den Hintergrund für die Gedanken bildet, erfährt, beginnen die Gedanken ihre Macht über einen zu verlieren. Mit der Nicht-Identifikation entsteht die Wahl: man kann wählen, entweder aus dem Gedanken heraus zu handeln, oder aber ihn ohne zu handeln loszulassen. Im Grunde ist diese Wahl gleichbedeutend mit wahrer Freiheit.

Patanjali betont weiter, daß es für eine Asana-Haltung nebst dem Verharren in Stille, notwendig ist, sukam zu erlangen. Sukam wird gewöhnlich mit Leichtigkeit oder Behaglichkeit übersetzt. Für die meisten von uns mag das wie eine unmögliche Forderung erscheinen. Wenn wir eine asana einnehmen, werden wir uns häufig der Mühe, der Anspannung und sogar des Widerstands, entweder physisch oder geistig, bewußt. Selten haben wir ein Gefühl von Leichtigkeit. Was kann Patanjali mit seiner Aussage "asana gleich Leichtigkeit" gemeint haben? Mir kommt der Gedanke, daß sich "Leichtigkeit" in diesem Zusammenhang nicht auf die Schwierigkeit bezieht, die ich beim Üben einer Haltunge erfahre, sondern auf die Interpretation dieser Schwierigkeit. Mit anderen Worten: die Haltung kann mich weiterhin anspannen und herausfordern. Vielleicht wird sich das auch nie ändern. Aber ich kann in meiner Interpretation dieser Schwierigkeit "leicht" werden. Ich kann wählen, gegenwärtig zu bleiben, und es der Schwierigkeit erlauben da zu sein, ohne sie zu bekämpfen, auf sie zu reagieren, oder zu versuchen sie zu ändern.

Leichtigkeit in der Asana-Praxis zu suchen, bedeutet nicht, schwierige Haltungen zu meiden. Der umfassendere Sinn des Yoga ist nicht, sein Leben so zu gestalten, daß es frei von Herausforderungen wäre. Vielmehr geht es darum, die Selbstdisziplin, die man im Üben der asanas erlangt, zu nutzen, um inmitten von Schwierigkeiten leicht zu bleiben. Dies ist ein wahres Maß für Freiheit. Wenn man lernt diese Leichtigkeit aufrecht zu erhalten, dann wird alles, was man sagt und tut eine asana, eine Haltung des Körpers, des Geistes und der Seele, welche eine Qualität an Aufmerksamkeit nach sich zieht, die uns schließlich in die Gegenwart führen wird.

Mehr Infos
Judith Lasater ist Physiotherapeutin und unterrichtet seit 1971 welweit Yoga. Sie zählt heute zu den bedeutendsten Yogalehrern in den USA.

Weitere Infos im Internet
www.judithlasater.com


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