Die Yogalehrerin sagt mir, ich könne schon mal in den Raum gehen, um mich aufzuwärmen. Im Raum ist es heiß, die Hitze strömt aus Ventilatoren. Ich bin vorbereitet: Das hier ist ein Bikram-Yoga Raum. Mir kommt es eher vor wie in einer Biosauna. Die Yogaschüler sitzen dicht an dicht, für die Yogalehrerin ist kein Platz mehr, sie steht während der Stunde mit dem Rücken zum Spiegel vor den Schülern.
Der Blick ins eigene Spiegelbild soll den Yogaschülern helfen, ihre Mitte zu finden. Keine Yogaübung macht die Yogalehrerin vor, sie erklärt mit Worten. Die Stunde dauert 90 Minuten und die Luft im Raum ist elendig schlecht. Fenster dürfen nicht geöffnet werden, die Ventilatoren heizen, die Luftfeuchtigkeit scheint einzig und allein vom Schweiß der Teilnehmer zu kommen. Die 90 Minuten sind für mich eine Qual, auch die anderen Teilnehmer sehen nicht glücklich aus. „Aber danach! Warte, wie du dich danach fühlst“, sagt mir eine Teilnehmerin vor der Stunde. Ich fühle mich so, dass ich den ganzen Tag lang weder sprechen noch mich bewegen will.
Bikram-Yoga, in Amerika längst populär, wird zur Zeit in Deutschland immer beliebter, vor allem in Hamburg und Berlin. Geübt werden 26 Posen aus dem Hatha-Yoga, in je zwei Durchgängen. Jedes Mal die gleichen Übungen für Alle. Fortgeschrittene dürfen 80 Posen üben, das dauert dann vier Stunden. „Folgt man den gegebenen Anweisungen aus dem Bikram`s Dialog“, so heißt es im Flyer von Bikram Yoga Berlin, „bringt die Bewegungsserie systematisch frisches mit Sauerstoff angereichertes Blut zu jeder Körperzelle.“ Das Training ist hart, die korrekte Ausführung der Asanas dürfte Anfängern selbst ohne Hitze im Raum schwer fallen. Die Hitze soll die Dehnung der Muskeln und Sehnen verstärken - auf schonende Weise, wird behauptet.
Während des Trainings verliert der Körper mehr als eineinhalb Liter Flüssigkeit, was entschlacken und Gifte ausschwemmen soll. Der extreme Wasser- und Salzverlust, die Überhitzung und die körperliche Anstrengung sind eine Tortur für den Körper. Für Anfänger kann dieses Training gefährlich sein, meinen Kritiker. Die Folgen können von Muskelkrämpfen bis hin zum Organversagen reichen. Bikram und seine Anhänger sind da ganz anderer Meinung: Sie schwören darauf, dass Bikram-Yoga gesund ist und z.B. bei Rückenverspannungen, Blutdruckproblemen und Diabetes hilft.
In Amerika sorgte Bikram Choudhury in jüngster Zeit für Aufsehen. Er beanspruchte die Urheberrechte für die von ihm entwickelte Bikram-Yoga-Serie der 26 Asanas und zwei Atem-Übungen. Das Copyright verbietet anderen nicht nur die Sequenz der Asanas zu kopieren, sondern auch daraus abgeleitetet Übungen zu schaffen. Auch alle Änderungen oder Zusätze zur Sequenz bedeuten praktisch einen Copyrightverstoß, einschließlich der unbefugten Verwendung selbst einer kleinen Anzahl von aufeinander folgenden Haltungen aus der Sequenz, oder dem Hinzufügen von verschiedenen Haltungen oder Atemübungen zur Abfolge.
Die „Open Source Yoga Unity“ reichte daraufhin eine Klage ein. Die Vereinigung von Yogapraktizierenden will prüfen lassen, ob Bikram Choudhury überhaupt berechtigt ist, Marken- und Urheberrechte für sein „Bikram“-Yoga in Anspruch zu nehmen. Auslöser für die Klage war, dass Bikram 100 Yogalehrer beschuldigte, seine Rechte verletzt zu haben.
Die Yogalehrer waren nicht persönlich von ihm unterrichtet worden und er klagte sie an, seine Lehre deshalb nicht angemessen wiedergeben zu können. Bikram verteilt sog. „Bikram-Lizenzen“, die einiges kosten. Ihm gehören die Marken „Bikram Yoga“ und „Bikram‘s Yoga College of India“. Auch in Europa hat er „Bikram“ mit drei Markeneinträgen schützen lassen. Nach eigenen Angaben beansprucht Choudhury Urheberrechte für den Ablauf der Bikram-Yoga-Stunde und die Abfolge der Übungen, nicht aber für die Körperhaltungen an sich. „Bikram“ steht für die 90 Minuten dauernde Ausführung von 26 Übungen in einem auf ca. 40° geheizten Raum. Anders als bei herkömmlichen Yogaformen, geht es bei „Bikram“ vor allem um Fitness.
In den USA üben schätzungsweise 19 Millionen Menschen Yoga, was der gesamten Yoga-Branche einen Jahresumsatz von satten 25 Milliarden Dollar jährlich beschert. Choudhury Bikram hat mit der von ihm entwickelten Yogatechnik einen neuen und auch lukrativen Trend gesetzt und darf sich getrost zum Bestverdiener im amerikanischen Yoga-Business zählen. Der „Yogameister von Beverly Hills“ hält mittlerweile weltweit rund 1000 Studios unter Lizenz und ist angeblich Multi-Millionär. Sein Lebenswerk will der bald 60 jährige Choudhury deshalb gut geschützt wissen. Es gehe ihm vor allem um die Reinheit seiner Lehre, verteidigte Yogalehrerin Lynn Whitlow sein offensives Vorgehen zur Verteidigung seiner „Bikram“-Marke. Wer die von ihm gelehrte Yoga-Art verändern wolle, solle ihr auch einen anderen Namen geben, erklärte sie gegenüber dem „San Francisco Chronicle“.
Bikram gab zu der eingereichten Klage bisher noch keinen Kommentar ab. Die klagende Nonprofit-Organisation vertritt die Auffassung, dass Yoga eine seit Jahrhunderten öffentlich praktizierte Tradition ist und deshalb niemand einen Yoga-Stil besitzen könne. Wenn Bikram die Klage gewinnt, könnte dies zur Folge haben, dass auch andere Personen auf die Idee kommen, die Urheberrechte für ihren Yoga-Stil einzufordern.
Auch der Berufsverband der Yoga-Lehrer sieht Bikram-Yoga kritisch. Diese Form der „indischen Leichtathletik“ habe so gut wie nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der Einheit von Körper, Geist und Seele zu tun, meinen Vertreter des Verbandes. Doch wer sich gerne auspowert, und wem die Verbindung von Fitness und Yoga gefällt, für den kann Bikram-Yoga der richtige Yoga sein. Bikram-Yoga-Praktizierende kommen mehrmals wöchentlich zum Training und schwärmen von den positiven Effekten. „Nach dem Bikram-Yoga fühle ich mich 10 Jahre jünger“, meint ein Teilnehmer. Wer Bikram-Yoga praktizieren will, sollte jedoch sicher sein, dass er absolut gesund und fit ist.
Mehr Infos
Bikrams Yoga School of India Berlin Gneisenaust. 2 D-10961 Berlin, Tel: 030 - 69 65 55 22
Bikram-Yoga-Studio
Eppendorfer Landstraße 104 D-20249 Hamburg
Tel. 040 - 46 77 46 18 |