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Mit Yoga raus aus der Trägheitsfalle
Text: Doris Iding
Yoga als Weg aus der Trägheitsfalle. Die eigene Trägheit überwinden und Begeisterung wecken. Was zuviel Tamas-Guna entgegen wirkt.
Kennen Sie das erbauende Gefühl, mittags im Büro zu sitzen, hochmotiviert und voller Vorfreude an die Yogastunde am Abend zu denken? Aber je weiter der Tag voranschreitet, desto müder werden Sie. Ihre Motivation, sich am Abend auf der Matte zu dehnen und zu strecken sinkt... und sinkt... und sinkt. Und bevor Sie sich versehen, finden Sie sich zuhause bei einem Gläschen Wein auf dem Sofa wieder! Sollte auch Ihnen diese Situation – oder eine ähnliche – bekannt vorkommen, dann hat Sie der Guna Tamas übermannt (aus ayurvedischer Sicht entspricht Tamas-Guna auf der Ebene des menschlichen Individuums Kapha-Dosha, Anm. d. Red.)!

Ein Guna lässt Sie hochmotiviert zum Yoga gehen oder sorgt dafür, dass Sie lustlos auf dem Sofa sitzen bleiben. Dem System des Samkhya zufolge besteht die Prakrti, die Urmaterie, neben dem Guna Tamas noch aus den Gunas Sattva und Rajas. Der Guna Sattva steht für das Prinzip der Klarheit, Güte und Harmonie; Rajas für den Grundsatz der Rastlosigkeit, Bewegung und Energie und Tamas steht für Dunkelheit und Chaos. Wie wesentlich die Auswirkung der Gunas auf den Menschen ist, zeigt der Stellenwert der Gunas in der Bhagavadgita, einer der wichtigsten spirituellen Schriften.

In der Gita, dem Gesang des Erhabenen, erklärt Krishna seinem Schüler Arjuna die Auswirkung der unterschiedlichen Gunas auf sein Denken, Fühlen und Handeln. Ja, er verdeutlicht ihm sogar, dass ein Übermaß an Tamas einen Menschen davon abhalten kann, seine weltlichen und spirituellen Pflichten zu erledigen.   

Das weitverbreitete Phänomen der Trägheit
Aber nicht nur im Hinduismus bzw. im Yoga weiß man um die lähmende Wirkung der Trägheit, die sich bei jedem Menschen sowohl auf den Körper, die Seele und den Geist auswirken kann. Auch in anderen spirituellen Traditionen und Religionen ist dieses Phänomen bekannt. Im Christentum zum Beispiel wird Trägheit gerne mit einem erhobenen Zeigefinger als Laster bezeichnet. Die Trägheit des Herzens und des Willens wird hier sogar als eine der sieben Todsünden benannt.

Hierdurch versteht man auch die ablehnende Haltung unserer Gesellschaft der Entspannung gegenüber, die oftmals ungerechtfertigterweise mit Trägheit verwechselt wurde und heute auch immer noch wird. Wenn auch nicht mehr explizit als Todsünde bezeichnet, so wird Trägheit noch heute häufig verwendet, um abfällig einen Menschen zu charakterisieren, der keine Lust hat zu arbeiten, aus Gewohnheit gerne den Weg des geringsten Widerstands geht oder sich einfach nicht gern anstrengen mag. Das Phänomen der Trägheit findet sich aber auch in der Physik wieder. Hier lautet das Gesetz der Trägheit (lex inertiae): Ein ruhender Körper fährt fort zu ruhen, sich in gleicher Richtung und Geschwindigkeit zu bewegen, wenn nicht eine Ursache diese Richtung oder Geschwindigkeit ändert oder aufhebt.“

Anders ausgedrückt bedeutet Trägheit die Beharrlichkeit, mit der ein Körper in Ruhe oder Bewegung verbleibt, solange keine gegensätzlichen Kräfte auf ihn einwirken. Trägheit bedeutet auch: Es wird keine Ursache für eine neue Bewegungsrichtung geschaffen, nichts verändert sich.“ Die physikalische Definition von Trägheit lässt sich auch ohne weiteres auf das yogische und auf das buddhistische Verständnis des entsprechenden Geisteszustandes übertragen.

So gilt Trägheit im Buddhismus zum Beispiel als zentrales Hindernis auf dem Weg zur Befreiung von Gewohnheiten und Konditionierungen. Ja, sie stellt sogar ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung dar. Die buddhistische Lehre geht sogar soweit, zu behaupten, dass die Trägheit des Geistes zwar auch den Körper müde erscheinen lässt, aber dass sie in erster Linie die Energie blockiert, die wir brauchen, um Erkenntnisprozesse einzuleiten, Gedanken als Gedanken zu erkennen und sie in Handlung umzuwandeln. Trägheit verhindert, dass wir mit dem Objekt unserer Aufmerksamkeit in Kontakt treten. Sie vermeidet die Berührung, die eine Bewegung auslösen könnte.

Trägheit tagtäglich bewusst oder unbewusst erleben
Sind Sie sich des Gunas Tamas aber einmal bewusst geworden, können Sie es auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen: im Körper, in den Gefühlen und in Gedanken. Von Tamas übermannt, wird der Körper langsam und antriebslos, fühlt sich schwerfällig, schlaff und manchmal sogar wie gelähmt an.

Eingezwängt im Korsett seiner zähen Bewegung und schwer zu beseitigenden Gewohnheiten, atmet Tamas flach und kraftlos. Und sorgt dafür, dass auch Ihre Gedanken und Gefühle schwer und dunkel sind und Sie auf dem Sofa kleben bleiben wie ein zähes Kaugummi an der Sohle eines Schuhs. Aber nicht nur in Ihnen selbst macht sich die Trägheit immer wieder breit. Überall ist sie vorhanden und präsentiert sich tagtäglich in vielen Variationen. Besonders deutlich anzutreffen ist sie etwa bei manchen Behörden, wo der Begriff „schwerfällig wie Pech“ wohl noch eine charmante Beschreibung für die Tamasqualität ist und widerspiegelt, wie träge ein ganzes System sein kann.

Aber auch in unserem persönlichen Umfeld finden wir Trägheit. Menschen, die ihre Energien gerne mit Nebensächlichkeiten verschwenden, die sie von der Erledigung vorrangiger Aufgaben abhalten. Ja, selbst Yogalehrer werden immer wieder von Tamas überfallen, ohne sich dessen wirklich bewusst zu werden. Während der eine oder andere Yogalehrer seine Schülern im Yogaunterricht noch lauthals davon überzeugt, wie wichtig die eigene, tägliche Asana-Praxis und Meditation ist, tendiert man vielleicht selbst ab und zu doch dazu, statt den Sonnengruß zu praktizieren einen spannenden Film zu schauen, mit Freunden zu telefonieren oder Büroarbeit zu erledigen.  

Freudvolle Wege aus der Trägheit
Gott sei Dank bieten aber so weise Traditionen wie der Buddhismus oder der Yoga Wege aus der Trägheitsfalle an. So geht man im Yoga zum Beispiel davon aus, dass man Trägheit durch eine bewusste Ernährung überwinden kann. Vielleicht kennen Sie es auch aus eigener Erfahrung: Wonach fühlen Sie sich fitter und motivierter? Nach einer Tüte Erdnüsse und einer Flasche Coca Cola oder nach einem frisch gepressten Saft oder einem schönen frischen Beilagensalat und frischem Gemüse?

Wann bekommen Sie mehr Lust auf Yoga? Nach einem leichten Frühstück oder nach Bacon and Eggs? Der Yoga beschreibt sogar genau die Eigenschaften der verschiedenen Lebensmittel und teilt auch diese in die drei Gunas ein: »Was abgestanden, unschmackhaft, stinkend und schon verdorben ist, Reste und Unreines, das liebt das Volk der Finsternis.« (Bhagavad-Gita 17,10).

Mit anderen Worten wird hier die tamasische Nahrung beschrieben, unter die alles Schwere fällt. So etwa alles schwer Verdauliche, Zerkochte und Denaturierte, wie zum Beispiel: Fleisch, Fisch, Eier und Lebensmittel in Konserven. Sowohl fermentierte, angebrannte, gebratene, mehrfach aufgewärmte Lebensmittel als auch Alkohol und Drogen fallen unter diese Kategorie. Durch tamasische Nahrung wird ein Mensch träge, faul und lethargisch. Rajas wird folgendermaßen charakterisiert: »Scharf, sauer, salzig, allzu heiß, streng, unmilde, brennender Art - das liebt der Leidenschaftliche, das schafft ihm Krankheit, Weh und Schmerz.« (Bhagavad-Gita 17,9).

Unter rajasischen Lebensmitteln versteht man etwa alles, was anregt, aufputscht und unruhig macht. Dazu zählen: Zwiebeln, Knoblauch, Kaffee, Tee, Tabak, stark gewürzte und gesalzene Speisen sowie Fertiggerichte und Snacks. Weiterhin zählen dazu raffinierter Zucker, Limonaden und Schokolade. Es heißt, dass rajasische Nahrungsmittel den Geist unruhig machen und der Mensch zu hyperaktiven Handlungen neigt. Auch weckt diese Nahrung animalische Leidenschaften und stört das Gleichgewicht von Körper und Geist. Den Weg aus der Trägheit, aber auch aus der Leidenschaft kann man sich nach Ansicht des Yoga nur durch Nahrungsmittel mit sattvischen Eigenschaften bahnen. »Was Leben, Sein, Gesundheit, Kraft, Glück und Freude vermehren kann, schmackhafte, milde, feste Speise, lieblich, ist den Guten lieb.« (Bhagavad-Gita, 17,8).

Sattva - alles Leichte, Wohlbekömmliche, Reine und Lichte. Hierzu zählen frisches Obst und Gemüse, Vollgetreide, Nüsse, Milch, Käse und Samen. Durch sattvische Ernährung wird der Geist rein und ruhig. Sie führt dem Körper Energie zu, anstatt ihn unnötig zu belasten. Durch diese Nahrung erfährt der Mensch Vitalität und Gesundheit.  

Weitere Hilfen aus der Trägheitsfalle

Da es sich bei der Trägheit aber um etwas sehr Zähes handelt, braucht es nicht nur reine Nahrung, um sie zu überwinden, sondern auch eine entsprechende mentale Unterstützung und eine wohltuende Handlungsweise. Im tibetischen Buddhismus zum Beispiel geht man wie im Karma Yoga davon aus, dass besonders heilsames, nützliches und altruistisches Handeln die Trägheit auflösen kann, weil es uns mit einem Gefühl der tiefen Liebe erfüllen kann. Manche Menschen motiviert hier zum Beispiel der Dienst am Nächsten viel mehr, als wenn sie zu ihrem eigenen Gunsten handeln.

Die Energien, die nämlich dann zum Vorschein kommen, wenn wir einem kranken Menschen helfen, einen alten Menschen unterstützen oder etwa eine Wohltätigkeitsorganisation leiten, können uns einen regelrechten Energieschub versetzen und uns helfen, aus der Trägheit auszubrechen. Buddha und auch den Yogis zufolge braucht es unterstützende Kräfte, die wir entwickeln müssen, um gute Energien aufzubauen, die uns aus der Trägheit heraushelfen.

Hierzu zählen etwa die Antriebskraft und die Ausdauer. Sind Sie erst einmal mit diesen Kräften in Kontakt gekommen, werden Sie auf unterschiedlichsten Ebenen schnell feststellen, wie viel Freude es macht, diese Kräfte in sich selbst zu entdecken und zu entfalten.  

Die eigenen Kräfte befreien
Gelingt es Ihnen nämlich, mit der entsprechenden Antriebskraft Dinge in Bewegung zu bringen, benötigen Sie aber auch ein gewisses Maß an Standhaftigkeit und Entschiedenheit, um nicht wieder in den tamasischen Sumpf der Trägheit zu versinken. Denn die eingeschlagene Richtung braucht zielgerichtete Energie, die solange andauert, bis Sie eine Idee oder ein Projekt zu einem guten Abschluss gebracht haben.

Deshalb ist es wichtig, dass Sie neben der Motivation immer ein tiefes inneres Gefühl von Freude und Genugtuung bei Ihren Handlungen spüren, damit Sie auftretende Schwierigkeiten mit Leichtigkeit überwinden können. Gelingt es Ihnen nämlich einmal, Hürden zu überwinden, dann werden Sie schnell feststellen, wie Tatendrang in Ihnen aufsteigt und Sie in die Lage versetzt, neue Perspektiven zu erobern. Aber leider kommen Konzentration und Ausrichtung nicht von ungefähr. Auch wenn sie einmal aktiviert worden sind, brauchen sie trotzdem eine gewisse Aufmerksamkeit, um in Balance gehalten zu werden.

Die Wichtigkeit dieser Balance spiegelt sich auch darin wider, dass es in der Meditation eine zentrale Regel ist, darauf zu achten, dass sich Konzentration und Energie im Gleichgewicht halten.

Erfahrungsgemäß hat sich nämlich gezeigt, dass zuviel Energie, die nicht von Konzentration getragen ist, Unruhe auslöst und zu viel Konzentration, die nicht von Energie genährt ist, zu Starrheit führt. Lässt sich der Geist dann trotz aller Hindernisse auf dem Weg nicht vom Ziel abbringen und wieder von tamasischer Qualität übermannen, können Sie soviel Energie sammeln, dass es schließlich zu einer Transformation kommt. Aber dieses Gefühl kennen Sie wahrscheinlich auch selbst: Plötzlich wird ein scheinbar unüberblickbares Vorhaben von enormer Kraft getragen und das Ziel rückt plötzlich in greifbare Nähe. Durch das Dranbleiben haben sich dann so viele positive Kräfte gesammelt, dass es zum Durchbruch kommt und Sie sich rückblickend dann vielleicht sogar wundern, dass Sie überhaupt jemals so träge gewesen sein konnten und es so lange gedauert hat, bis Sie etwas in Angriff genommen haben.  

Ausdauer und Erfüllung finden
Haben Sie Tamas einmal überwunden, ist es aber natürlich wichtig, zu erkennen, wann Ihre Grenze erreicht ist und Sie sich ausruhen müssen. Wenn Sie sich selbst zu sehr unter Druck setzen und aus dem Tun-Müssen gar nicht mehr rauskommen, folgen Sie dem „Pfad der verrückten Tugend“, wie die Tibeter zu sagen pflegen. Denn bei allen Bemühungen, die Sie an den Tag legen, brauchen auch Sie die Momente völliger Entspannung, die Pausen. Nur wenn Sie sich genügend Raum zum Auftanken geben, können Sie erfrischt zu Ihren Aufgaben zurückkehren. Wenn Sie dann Reibungen und Schwierigkeiten überwunden haben, fühlen Sie sich energiegeladen, angeregt und begeistert – und auch das nährt die Verwandlungskräfte.

Und sollte man auch immer wieder in die Trägheit zurückfallen, dann sollte man Milde mit sich walten lassen und an folgende Frage denken: Was ist der Unterschied zwischen einem normalen Menschen und einem Heiligen? Der Heilige steht Tausendmal wieder auf!
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