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Kosmische Amnesie
Text: Prem Prakash
Warum die meisten Menschen ihr Gedächtnis verloren haben und es nicht einmal merken.

Es war einmal ein weiser und mächtiger König, der einen Sohn hatte, welcher seinem Vater in nichts nachstand. Eines schönen Tages ging der Königssohn zum Fluss, um sein morgendliches Bad zu nehmen. Er fühlte sich so gut, dass er beschloss, geradewegs zum anderen Ufer hinüber zu schwimmen. So zog er also seine königlichen Kleider aus und  sprang in die erfrischenden Fluten. Schon nach kurzer Zeit gelangte er am anderen Ufer an und kletterte in bester Stimmung an Land. Er fühlte sich prächtig. Doch plötzlich rutschte er auf einem glitschigen Stein aus, schlug hart mit dem Kopf an einem Felsen auf und blieb bewusstlos liegen. Als er Stunden später wieder zu sich kam, hatte er sein Gedächtnis verloren und konnte sich weder daran erinnern wer er war, noch wo er war.

Zufällig fand er im Gebüsch einen alten, zerlumpten Mantel. Er zog diesen an und irrte verwirrt in der Gegend umher, bis er schließlich zu einer Ortschaft gelangte. Wegen seiner Kleidung hielten ihn die Leute für ein einfachen Arbeiter und ein Bauer aus einem nahegelegenen Dorf, der gerade Hilfe brauchte, nahm ihn zum Knecht.

Mit der Zeit gewöhnte sich der Prinz an das Leben mit den Leuten aus dem Dorf. Der Bauer adoptierte ihn sogar als seinen Sohn. Er heiratete ein Mädchen aus dem Dorf und gründete eine Familie. Er erlernte das Bauernhandwerk und hatte somit auch einen Beruf. Er wusste somit, wer er war und was er zu tun hatte.

Jahre später traf zufällig ein Minister des Königs, der sich gerade auf der Durchreise befand, den Prinzen. Er erkannte in ihm sogleich seine wahre Identität und nannte ihn bei seinem richtigen Namen, doch der „Bauer“ weigerte sich das, was er hörte, zu akzeptieren. Die Vorstellung, dass er in Wirklichkeit von königlicher Abstammung und sogar Thronfolger sei, lehnte er schlichtweg ab. Er dachte der Minister wolle ihn für dumm verkaufen und bat ihn, ihn in Ruhe zu lassen.

Die in unserer Welt am häufigsten gestellte theologische Frage ist wahrscheinlich: Woher kommt das Leiden in dieser Welt? Die unterschiedlichen spirituellen Traditionen geben gemäß ihrer metaphysischen Erkenntnisse alle möglichen Gründe dafür an. Deshalb gibt es auch eine solche Vielfalt an Theorien wie z.B.: Das Elend kommt von einer gefallenen Welt, alles Übel stammt vom Teufel, Schmerz ist eine Prüfung Gottes und unzählige andere Variationen desselben Themas, welches davon ausgeht, dass eine äußere Instanz hinter unserem Leiden steckt. Die Yoga-Tradition schreibt jedoch das Leiden niemals äußeren Faktoren zu. Die Yoga-Philosophie geht davon aus, dass der Grund für das Leiden von einem unsachgemäßen Gebrauch des eigenen Geistes herrührt.

Wenn die Yogis recht behalten und das Leiden wirklich vom falschen Gebrauch unseres Geistes stammt, dann können wir unser Leiden reduzieren, indem wir einfach unseren Geist in eine gute Verfassung bringen. Der erste Schritt hierzu ist, endlich die Verantwortung für unser eigenes Bewusstsein zu übernehmen.

Wir machen dann weder andere Menschen noch Umstände für das Leid verantwortlich, das wir erfahren. Wir sind dazu angehalten, offen und aufrichtig in unseren Herzen zu suchen und zu erkennen, dass die Ernte, die wir einfahren, in Wirklichkeit aus der Saat entspringt, die wir selbst gesät haben. Auf diese Art können wir das gewohnheitsmäßige Muster der ewigen Schuldzuweisungen loslassen und unser Bewusstsein wirklich verändern.

Der Prozess der Bewusstseinsveränderung geschieht mit Hilfe einer einfachen Selbst-Befragung, dem Atma-Vichara oder “Wer bin ich?“ Indem wir tief im Innern nach einer Antwort suchen, erkennen wir, dass all unsere gesellschaftlichen Rollen nichts als vergängliche Identitäten sind, die wir vorübergehend angenommen haben. Der Prinz, der sein Gedächtnis verlor, kam zu der Überzeugung, dass er ein einfacher Sohn, Ehemann und Bauer sei. In einer gewissen Beziehung war er das auch; jedoch, hätte er sich wirklich gekannt, hätte er verstanden, dass er in Wahrheit sehr viel mehr ist. Wäre er nämlich Prinz geworden und hätte er seine Privilegien genossen, dann hätte er nichts mehr erreichen oder verdienen müssen, es wäre ausreichend gewesen, sich an seine wahre Identität zu erinnern

Wir alle leiden minder oder mehr unter kosmischer Amnesie, was im Yoga als Avidya bezeichnet wird, der „Unwissenheit“. Wir haben unsere königliche Quelle vergessen, aus der wir geschaffen wurden. Stattdessen sind wir der felsenfesten Überzeugung, wir seien unser Körper. Unser Leiden stammt jedoch nicht so sehr aus diesem Körper, sondern aus den Selbstbildnissen, zu deren Erschaffung er neigt; alles Bildnisse und Vorstellungen, welche unsere wahre Größe verzerren. Doch unsere Aufgabe ist es auch nicht, unseren Körper zu verunglimpfen. Vielmehr sind wir dazu angehalten, die körperlichen Aspekte des Lebens zu erheben, damit sie heilig werden.

Solange der Prinz sich nicht daran erinnern kann, dass er der Sohn eines Königs ist, hat er keinen Zugang zu den Ressourcen, die sein Vater bereitzustellen vermag und er muss sich als gewöhnliche Person durch das banale Leben schlagen. Solange wir nicht zu der in uns wohnenden Göttlichkeit erwachen, werden wir zu der Kraft, dem Frieden und der Liebe, die uns gehören, keinen Zugang haben. Wir werden weiter mit weltlichen Angelegenheiten kämpfen und über sie weinen müssen. Wie der Prinz müssen wir im Prinzip nichts erreichen oder erlangen, um Anspruch auf unsere Reichtümer zu erheben; wir müssen „lediglich“ die spirituelle Antwort auf die Frage des »Wer bin ich?« finden.

Die Weisen aller spirituellen Traditionen sind mit einer großen, universellen Botschaft zu uns gekommen: „Wache auf und erkenne dein wahres Selbst.“

Die Gefühle des Leidens, die wir in unserem täglichen Leben erfahren, sind Widerspiegelungen eines tiefen, ursprünglichen Schmerzes, der aus der Annahme entsteht, wir wären getrennt von Gott. In einem der gnostischen Evangelien steigt Jesus in die Hölle hinab, um die dort Gefangenen zu befreien. Doch niemand will mit ihm gehen. Sie taten dies nicht, weil sie etwa Zweifel an ihrem Heiland gehabt hätten, sondern weil sie nicht wahrhaben wollten, dass sie sich in der Hölle befanden. Warum gestehen wir uns nicht einfach ein, dass unser unerleuchteter Zustand die Hölle ist, und dass wir doch eigentlich da raus wollen.

Die Sonne unserer spirituellen Praxis lässt die dunklen Wolken von Avidya verdunsten. Die klebrigen Verstrickungen der komplexen Welt werden weggespült und wir sind rein und frei. Die Last der Selbsttäuschungen fällt von unseren Schultern, und wir greifen auf den Frieden und die Kraft in unseren Herzen zurück, die dort schlummernd liegen. Die Dunkelheit von Verwirrung und Leiden verschwindet vor dem Licht spiritueller Intelligenz. Wir erwachen, und wir wissen, wer wir sind, wo wir sind und was wir tun.

Das Leben wird direkter, einfacher, wirklicher. Wir erleben, dass wir ohne großes Getue zunehmend friedlicher, gesünder, glücklicher und harmonischer werden. Zwar ist unsere Arbeit an dieser Stelle noch nicht beendet, jedoch wird unser Geist nicht mehr so leicht durch oberflächliche Sorgen abgelenkt. Wir verringern unsere unbedeutenden Anhaftungen und egoistischen Begierden, während wir in der Welt auf pflichtbewusste und sorgenfreie Art leben. Der Prinz gelangt wieder zu seinem ureigenen Geburtsrecht und lebt fortan in einem Palast von spirituellem Bewusstsein. Auf einem aus dem Gold der Hingabe erbauten Thron sitzend, herrscht er über ein Königreich der Liebe. Ist dies nicht wahrhaft königlich?


Mehr Info
Prem Prakash wurde 1979 von dem indischen Lehrer Baba Hari Dass autorisiert, den klassischen Yoga in der Tradition Patanjalis zu lehren. Er ist Co-Autor des Buchs YOGA - DER INNERE WEG ZUR FREIHEIT, Krüger Verlag (vergrf.) Prem Prakash leitet die Green Mountain School of Yoga in Middlebury, USA.

Weitere Infos im Internet
www.gmsy.org

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