Yoga Aktuell
Jetzt YOGA AKTUELL im Probe-Abo abonnieren und ein Heft GRATIS erhalten!
YOGA | AYURVEDA | MEDITATION | MAGAZINE | ABO | ANZEIGEN | MEDIADATEN | SHOP
 
Artikel [41 von 75] < zurück  |  vor >
Druckversion | Leserbrief | Versenden
 
Erlebins Zen
Zen kann man nicht machen, nur leben. Ein »echtes« Erlebnis mit dem Zen-Meister Zensho in Wiesbaden.
Samstag Nachmittag, kurz vor 17 Uhr. Ich warte im Aufenthaltsraum des Zen-Zentrums Tao Chan in Wiesbaden auf den Beginn des Zen-Sesshins, als Zen-Meister Zensho in schlichter dunkler Kleidung eintritt. Alle Unterhaltungen verstummen. Mit seiner kraftvollen und lebendigen Ausstrahlung zieht der Meister sofort die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Er lässt seinen Blick durch die Runde schweifen. Er ruft uns mit seiner einnehmenden Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor zur Meditationspraxis auf: »Jeder von euch hat die Möglichkeit, bei diesem Zen-Sesshin sein Wahres Wesen zu schauen. Ich bin bereit, euch alles zu geben. Jetzt liegt es an euch.« Er verlässt den Raum wieder. Das Läuten einer Glocke fordert uns zum Betreten der Meditationshalle auf.

In der Dharmahalle. Wieder wird eine Glocke geläutet, wir erheben uns. Die Glocke ertönt eine weiteres Mal. Zen-Meister Zensho betritt die Halle und schreitet würdig zum Altar, begleitet von Gongschlägen und dem Klang der Schlaghölzer. Er trägt jetzt sein feierliches Meistergewand und verneigt sich mit einem Gassho vor der Buddhastatue auf dem Altar. Anschließend geht er auf seinen Dharmasitz. Nach einer gegenseitigen Verneigung wird die Meditationshaltung eingenommen. Der Meister schlägt die Klangschalen an und leitet mit einer tiefen, ganz aus dem Bauch kommenden Rezitation die erste Sitzperiode ein. Der ganze Raum ist erfüllt von seiner kraftvollen Sammlung und spirituellen Energie.
 
Sesshinpraxis
Die grundlegende Übung während des Sesshins ist das Zazen, die Meditation auf dem Sitzkissen. Mit aufrechter Sitzhaltung geht es darum, Körper, Atem und Geist auf einen Punkt zu bringen. Gedanken sollen nicht unterdrückt, sondern angesehen und ziehen gelassen werden, ohne Bezug zu nehmen. Auch wenn Zen-Meister Zensho immer wieder die grundlegende Wichtigkeit der meditativen Übung auf dem Sitzkissen betont, lehnt er das reine Nur-Sitzen ab. Nicht die Quantität, sondern die Intensität der Meditation ist entscheidend: »Es geht nicht darum, stundenlang möglichst regungslos zu sitzen und alles Denken anzuhalten. Dann kommst du nur in die Leere des toten Nichts. Ihr sollt vielmehr solcherart leer werden, dass sich die göttliche Wirklichkeit, Liebe und Klarheit in euch ergießen kann.«

Das Sesshin ist wie ein mystisches Vollbad, in dem ich mich ganz auf die göttliche Wirklichkeit einlassen kann, die sich durch den zu dieser Wirklichkeit erwachten Meister offenbart, und die er ständig in den Raum setzt. Meine Meditation gewinnt ein ganz andere Qualität als zu Hause. Sie lässt mich wesentlich tiefer in die meditative Achtsamkeit eintauchen. Die konkrete Auswirkung dieser Verbindung von Achtsamkeit und Mystik erlebe ich auch bei den Vorträgen des Meisters. Auch wenn mich eine spirituelle Schrift noch so begeistert, berühren mich seine Vorträge auf einer anderen, tiefergehenden Ebene. Vorbereitet durch die Meditation passiert wesentlich mehr, als nur mit dem Verstandesdenken die gehörten Worte einzuordnen und zu reflektieren. Manchmal kann ich mich nur nach intensivem Nachdenken daran erinnern, was der Meister gesagt hat, weil ich in dieser Verfassung auch mit dem Herzen und nicht nur mit dem Verstand höre. Die konkrete Empfindung seiner Ausstrahlung und dessen, was über die Worte hinaus bei den Vorträgen übermittelt wird, ist dagegen total lebendig - auch wenn ich nicht ausdrücken kann, was “es” denn nun ist. Seine Präsenz trägt mich über den gesamten Ablauf des Sesshins, egal ob ich nun meditiere, dem Vortrag zuhöre, in der Pause esse oder mich unterhalte.
 
Humor und Tod
Bei aller mystischen Intensität driftet die Sesshin-Praxis doch nie in einen verklärten, heiligen Mystizismus ab. Dies lässt Zen-Meister Zensho nicht zu. Er holt uns immer wieder kraft- und humorvoll auf den Boden zurück. So geht er während des Zazen aufmerksam durch die Meditationshalle. Urplötzlich stößt er seinen Meisterstock auf den Boden. Er ruft ein lautes “Ho” in den Raum und holt damit auch den letzten dösenden Meditierenden in den gegenwärtigen Augenblick zurück. Sein Weckruf hat auch mich aus meinem betäubenden Gedankenfluss wieder in die volle Konzentration gebracht. Die Präsenz des Meisters wirkt wie ein Katalysator. Seine Anwesenheit, seine Stimme, sein Auftreten - alles bringt die Meditationspraxis auf den Punkt. Leider hält dieser Zustand nicht sehr lange an und nach einiger Zeit ertappe ich mich wieder dabei, meinen Gedanken nachzuhängen. Doch der Meister lässt nicht locker und holt uns erneut aus unseren Konditionierungen heraus: »Aufwachen. Alles abschneiden. Seid jetzt ganz hier. Euch fehlt nichts. Ihr müsst nichts erreichen. Alles ist schon da. Also hört auf zu träumen, werdet endlich wach.«

Und er ist immer bereit, unsere Anhaftungen und Spannungszustände mit allen Mitteln zu lösen - sehr oft mit befreiendem Humor. Etwa beim Kinhin, dem Meditationsgehen. Wir gehen alle im gleichen Rhythmus hintereinander im Kreis - im Idealfall dynamisch und entspannt zugleich. Dabei sollen wir nicht nur wie im Sitzen auf Atmung und Körperhaltung achten, sondern auch auf den Einklang mit dem Vordermann und eine beständig fließende Bewegung. Da greift Zen-Meister Zensho ein. Er gibt den Takt vor, wird dabei immer schneller und ruft ein »Ho« in den Raum. Die Praktizierenden müssen sich drehen und in die entgegengesetzte Richtung weitergehen. Die Ho-Rufe häufen sich in immer schnellerer Folge. Das Ergebnis: Erst rasanter Gänsemarsch, dann Konfusion. Stau in allen Richtungen. Meister Zensho lacht: »Ihr müsst bei mir mit allem rechnen. Werdet wach und seid achtsam.« Eben noch angespannte Gesichter tragen jetzt ein entspanntes Lächeln. In seinem natürlichen Auftreten und seiner Mischung von Ernsthaftigkeit und Humor wird für mich das oft zitierte Zen-Wort »Humor und Tod ergeben eine gute Mischung« konkret spürbar.

Während der Meditation schlägt er den Gong, Klangschalen oder Schlaghölzer an, mal ist leise eine Spieluhr zu hören. Ruhige Momente wechseln mit seinem aktiven Eingreifen. Einmal setzt er sogar Klangsphären mit einer gewaltigen mystische Präsenz in den Raum, die er im Nebenzimmer auf seinem Synthesizer spielt. Es fällt mir nicht immer leicht, unter diesen Bedingungen entspannte Achtsamkeit zu üben. Aber Zensho arbeitet in voller Absicht mit diesen scheinbaren Hindernissen. Er will uns dahin führen, unabhängig von den äußeren Umständen ständig auf unseren Geist, unser Wahres Wesen, zu schauen. Und das Sesshin bietet nun einmal die beste Gelegenheit, diese Praxis so einzuüben, dass man sie auch im Alltag leben kann. Das ist Tao Chan, der aktive Zen-Weg.
 
Frei und ungebunden
Meine anfänglichen Vorstellungen von einem sich andächtig bewegenden und bedacht sprechenden heiligen Mann hat mir Zen-Meister Zensho ziemlich schnell zerschlagen. Mal kraftvoll direkt, dann voll sprühendem Humor und ein anderes mal wieder feierlich, voller Würde und Konzentration, bei diesem Zen-Meister passt das zusammen. Er ist völlig frei und ungebunden. Auch in seinen Belehrungen kann ich ihn niemals ausrechnen. Mal begegnet er mir väterlich streng, dann wieder fröhlich und überströmend vor Liebe. Ich staune jedes mal aufs Neue darüber, wie er genau am richtigen Punkt und mit der richtigen Methode ansetzt. Jeder erhält halt genau die Medizin, die er gerade braucht. Und immer scheint hinter allem seine grenzenlose Liebe durch, die ihn aus seiner ständigen Erfahrung der Wesensgleichheit mit allen Lebewesen durchdringt.

Diese Freiheit findet sich auch in seine Vorträgen wieder. Nach der dritten Sitzperiode und dem daran anschließende Kinhin sitzen wir alle entspannt, aber aufmerksam und hören den Vortrag. Heute spricht Zen-Meister Zensho über Liebe und Hingabe: »Liebe ist Eins-Sein. Liebe ist Nicht-Dualität. Liebe kennt kein Getrenntsein. Das ist die wahre Göttliche Liebe...«. Wie kommt jetzt ein Zen-Meister dazu, über die göttliche Liebe zu sprechen? Auch wenn Zensho ein Zen-Meister ist, heißt das nicht, dass er buchstabengetreu der heute verbreiteten Zen-Praxis folgt. Als der geistige Erbe und Dharma-Nachfolger des 1977 verstorbenen Zen-Meisters Soji Enku Roshi hat er seine eigene, der westlichen Lebensweise angepasste Form des Zen entwickelt. Und die ist tief verwurzelt im Chan der alten chinesischen Meister, daher auch der Name Tao Chan. Ebenso wie die Chan-Meister lässt sich Zen-Meister Zensho nicht in irgendein Korsett gesellschaftlicher Normen und traditioneller Formen zwängen. Für ihn ist Zen damit die »Grundlage und Essenz aller Religionen« und nicht eine Glaubensrichtung unter vielen. Es zählt nur, dass man sich auf die Wahrheit einlässt, die im Kern einer jeden Religion zu finden ist.

Und so bezieht er nicht nur in diesem Vortrag immer wieder auch die christliche Mystik, den Sufismus, die Vedanta-Lehren oder das tibetische Mahamudra mit ein. Hochspirituelle Aussagen ergänzen sich organisch mit humor- und kraftvollen Anweisungen zur konkreten Umsetzung im Alltag. Mystik und radikale Klarheit gehen eine alles kategorisierende Denken übersteigende Verbindung ein. Zen-Meister Zensho bringt es zum Abschluss des Vortrages auf den Punkt: »Also, bleibt nicht hängen im Annehmen und Verwerfen, sondern lasst alles so, wie es ist.
 
Überantwortet euch der göttlichen Liebe, habt das große Vertrauen, und alles ist gut. « Er schweigt und sitzt kraftvoll einige Zeit mit gesenktem Blick auf seinem Dharmasitz. Und wieder wird mir bewusst, das allein seine Worte ohne das, was gerade passiert, nur die Hälfte wert wären.
 
Die Begegnung mit dem Meister
Ich erinnere mich an meine erste direkte Begegnung mit Zen-Meister Zensho. Ich fragte mich, was mich wohl bei einem westlichen Zen-Meister erwartet. Während der Sitzperioden bei diesem, meinem ersten Sesshin, war ich von seiner Ausstrahlung völlig überwältigt. Ich war mir sicher, dass er jeden meiner Gedanken - ganz besonders die total schwachsinnigen - genau mitbekommen hatte und er in mir lesen konnte wie in einem offenen Buch. Trotzdem wollte ich ihm gerne persönlich ein Frage stellen, auch wenn diese Begegnung zwangsläufig nur ein demütigender Reinfall werden konnte. Würden mich bohrende Fragen erwarten oder sogar eine Tracht Prügel wie bei den alten chinesischen Meistern? Alle Ängste erwiesen sich als unbegründet. Er begegnete mir völlig entspannt und gelassen. Das einzig Peinliche an der Situation war die Verkrampfung, in die ich mich durch meinen Gedankenwust gebracht hatte. Wichtig ist allein, in der direkten Begegnung möglichst alle Vorstellungen und Erwartungen fallen zu lassen.

Auch an diesem Wochenende drückt mich ein Problem und ich suche den Rat des Meisters. Ich nutze in der Pause die Gelegenheit zum Dokusan, der persönlichen Begegnung. Ich stelle meine Frage, aber im Zusammentreffen mit dem Meister ist sie überhaupt nicht mehr wichtig. Mein Problem ist in sich zusammengefallen. Viel entscheidender als der Hinweis des Meisters ist es, seine völlig mühelose und entspannte Achtsamkeit zu erleben. Ich ahne, ja kann mit den Händen greifen, dass diese Haltung kein unerreichbares Ideal darstellt, sondern dass sie mein Wahres Wesen ist.
 
Der Meister ist wie ein Spiegel, der mir eigentlich nur zeigt, was ich wirklich bin. Er ist völlig frei in allem, was er sagt und tut, besonders auch dann, wenn er nichts sagt und scheinbar gar nichts tut. Er ist einfach nur ganz da. Durch ihn drückt sich eine Wirklichkeit aus, die alle meine Wichtigkeiten weit übersteigt. Wir sitzen uns abschließend einfach schweigend gegenüber, der Meister schaut mich intensiv an. Im Blickkontakt mit ihm wird mir klar, was der japanische Begriff ›Ishin-Denshin‹ meint: Die Übertragung von Herz zu Herz, von Geist zu Geist. Denn in der Begegnung mit ihm liegt eine mystische Dimension, die unmittelbar mein innerstes Wesen berührt.
 
Zen kann man nicht machen, nur leben
Sonntagabend, kurz vor 18 Uhr. Zen-Meister Zensho schlägt die Klangschale an und beendet die letzte Meditation dieses Wochenendes. Er sitzt eine ganze Weile in sich ruhend auf seinem Dharmasitz. Dann sieht er auf und lässt mit enormer Präsenz seinen Blick umherschweifen, lächelt und gibt uns ein Paradoxon mit auf den Weg: »Unser Sesshin ist beendet und doch nicht beendet.« Nach einer kurzen Pause folgt: »Zen kannst du nicht machen. Du kannst Zen nur leben. Dein ganzes Handeln, Fühlen und Denken sollte erfüllt sein von Zen. Wer das versteht, weiß auch, dass das Sesshin jetzt nicht beendet ist. Das Sesshin, das heißt: das Schauen auf den eigenen Geist, geht weiter. Du musst es nachklingen lassen. Hier hast du die vorbereitenden Bedingungen erhalten, deren beständige Praxis dein Leben so wandeln kann, dass du zu einem bewussten Leben aus Zen, durch Zen und in Zen kommst. Dann wirst du erkennen, dass alle deine Unpässlichkeiten nicht durch äußere Faktoren entstehen, sondern du selbst ihr Verursacher bist.«
Weitere Infos im Internet
www.tao-chan.de

Das Heft kaufen, in dem der Artikel erschienen ist für 3,00 €

YOGA AKTUELL - LOGIN
eMail
Passwort
Eingeloggt bleiben
Konto eröffnen
Passwort vergessen?
Passendes Magazin
Yoga Aktuell 15 - 04/2002
Yoga Aktuell 15 - 04/2002
3,00 €
kaufen...
   
Der aktuelle Buch-Tipp
NEU! Das Standardwerk zur Anatomie des Hatha Yoga
von H. David Coulter


Das Standardwerk zur Anatomie des Hatha Yoga von H. David Coulter

HILFE
 Ich möchte Artikel lesen
 Ich möchte Anzeigen schalten
 Ich möchte für Yoga Aktuell schreiben
 Wie abonniere ich?
 Wie bestelle ich?
 Versandkosten
 Datenschutz
 Newsletter
   
Newsletter abonnieren Newsletter abonnieren Kleinanzeigen schalten Kleinanzeigen schalten Yoga Aktuell im Bundle guenstiger! Yoga Aktuell - Bundle Frühere Ausgaben bestellen Frühere Ausgaben Yoga Aktuell abonnieren Abonnement Yoga Zubehör kaufen Yogishop Machen Sie mit und gewinnen Sie! Gewinnspiele
HOME | IMPRESSUM | AGB | KONTAKT | LINKS | © 2000-2010, Yoga Verlag GmbH, Germany