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Kalari-Abhyanga die energievollen Massagen der Kalari-Krieger
Text: Markus Ludwig
Verletzung und Verwundung gehören zur Natur eines Kampfes. Die Kalari-Krieger Indiens haben deshalb auf der Grundlage des Ayurveda ein faszinierendes System zur Behandlung körperlicher und energetischer Beschwerden hervorgebracht.

Kalarippayat, kurz auch Kalari genannt, ist eine Jahrtausende alte Kampfkunst, deren Ursprünge in Kerala, dem indischen Bundesstaat an der Südwestküste des Subkontinents zu finden sind.

Wird in Indien jemand, der es weiß, nach der Geschichte des Kalarippayat gefragt, so wird er von Parashurama, einer Inkarnation des lebenerhaltenden Vishnu, erzählen: Er wird das Bild von einem großen, eine Streitaxt schwingenden Krieger heraufbeschwören, wie er von den Bergen aus seine mächtige Waffe weit in das Meer schleudert, so dass das Wasser respektvoll zurückweicht, um eines der wunderbarsten Länder freizugeben – das grüne Kerala.

Gleichzeitig soll dies auch der Beginn der Kalarippayat-Tradition gewesen sein. Dieser Krieger trug den Namen Parashurama, und er errichtete in diesem kleinen Land der Palmen und Flüsse sorgfältig verteilt die ersten Kalaris (Lehrstätten) und lehrte als erster Gurukkal (Großmeister) seinen Schülern das Kalarippayat, den Weg des spirituellen Kriegers.

Die Formen und Übungen des Kalarippayat korrelieren mit der Wissenschaft des Kundalini-Yoga. Durch die Stellungen und abgestimmte Dynamik verliert der Kalari-Krieger keinerlei Kraft, sondern wird beständig mit Energie versorgt. Diese Energie wird innerhalb des Kampfes oder während des Heilens genutzt.

Da das Auftreten von verschiedenartigen Verletzungen in der Natur des Kampfes liegt, entwickelte sich innerhalb der Kalaris auf der Grundlage des Ayurveda ein hervorragendes System zur Behandlung körperlicher und energetischer Beschwerden: das Kalari-Chikitsa, die Physiotherapie des Ayurveda.

Inhalte des Kalari-Chikitsa
Das Kalari-Chikitsa beinhaltet im Wesentlichen drei große Bereiche: Gesundheit unterstützende, Körper und Geist stärkende Anwendungen (präventive Maßnahmen). Hierzu gehört die Ölmassage, auch in Form der Selbstmassage, unterstützt von ayurvedischer Medikation oder Ernährung und speziellen Körperübungen. Die Gewebe werden durch die Kräuter-Öle genährt und in ihrer Funktion unterstützt, der gesamte Bewegungsapparat gepflegt und korrigiert, Schwachstellen erkannt und ausgeglichen. Begleitend durch pflanzliche Präparate und einer bewusst abgestimmten Ernährung werden Tendenzen der eigenen Konstitution oder besonderer Belastungen im Ansatz entgegengewirkt oder zur Stärkung des Organismus genutzt.

Marma-Chikitsa
Marmas sind die sogenannten "vitalen Punkte"; durch sie ist die Lebensenergie eines Organismus von außen sehr sensibel zu beeinflussen. Im Kampf werden sie von den Kalari-Kämpfern genutzt, um ihre Gegner schnellstmöglich auszuschalten. Die Wirkungsvielfalt einer solchen Verletzung reicht, ohne entsprechende Maßnahmen, von Schmerz über Bewusstlosigkeit, Lähmung bis hin zum Tod. Das Marma-Chikitsa ist ein einzigartiges System von Sofortmaßnahmen sowie der nachträglichen Behandlung der Marma-Verletzungen. Viele chronische Beschwerden resultieren aus einer traumatischen Verletzung eines Marmas, auch durch nur kleine Unfälle. Oftmals ist der direkte Bezug z.B. zwischen einem kleinen Stoß an der Schulterpartie und der erst später einsetzenden Schwäche des Arms zu erkennen.

Durch die Erfahrung der bewussten Traumatisierung, des Kampfes mit äußeren Gegnern, können die verschiedensten Symptome leicht zugeordnet und entsprechend behandelt werden.

Krankheitsspezifische Behandlungen
Die intensive, dynamische Schulung oder Verschmelzung von Körper, Geist und Atem ermöglichte ein sehr tiefgehendes Verständnis von der Funktionalität oder den Bewegungsvorgängen des menschlichen Organismus. Da im Kalarippayat das Training bei der grobstofflichen Hülle des Menschen ansetzt, besitzt es dort auch einen besonderen Schwerpunkt der heilenden Behandlung.

Typische Verletzungen oder Zustände, die in den Bereich der krankheitsspezifischen Behandlungen des Kalari-Chikitsa fallen, sind: Knochenbrüche, ausgekugelte Gelenke, offene Wunden, Verbrennungen, Prellungen, Zerrungen, Schwellungen, Bewegungseinschränkungen, Gelenkschmerzen, natürlich Marma-Verletzungen, vortrefflich auch rheumatische Beschwerden, Schwächezustände und verschiedene Nervenleiden. Besonders zu erwähnen ist noch die beeindruckende Stimulierung und Energetisierung nach einem Schlaganfall.

Behandlungsphilosophie
Die meisten der genannten Zustände können auf Kampfverletzungen, in der heutigen Zeit aber vor allem auf Unfälle oder Fehlbelastungen zurückgeführt werden. Sie beeinflussen direkt oder indirekt den Bewegungsapparat und den freien Fluss des Prana (Lebensenergie) und Vyana-Vata (zirkulierendes Vata-Subdosha). Wird die energetische Versorgung eines Körperabschnitts blockiert, so ist das dortige Erscheinen von funktionellen oder manifestierten Beschwerden zwangsläufig.

Die therapeutischen Praktiken des Kalari-Chikitsa sind überwiegend so ausgelegt, dass das Vata-Dosha, das Bewegungsprinzip, in Balance mit den beiden anderen elementaren Prinzipien, Pitta (Veränderung) und Kapha (Struktur/Substanz), gebracht wird. Vata ist die treibende Kraft, koordinierend und bewegend in jeder körperlichen Funktion. Bei einer Störung besitzt es jedoch die Fähigkeit, Pitta und Kapha aus dem Gleichgewicht zu bringen. Auf diesem Weg bildet Vata oft den ursächlichen Faktor für Symptomkomplexe, die Pitta oder Kapha zugeschrieben werden. Ist Vata also außer Kontrolle geraten, so gilt es, dämpfende und harmonisierende Maßnahmen zu ergreifen.

Im Ayurveda ist, im Bezug auf den Bewegungsapparat, lokale oder Ganzkörper-Ölmassage, unterstützt durch Medikation, das Mittel der Wahl. Dieser Vorgehensweise bedienten sich auch die Kalari-Meister. Die Wirkungsweise ihrer Behandlungen steht auf drei Säulen:

1. Mechanische Wirkung
Durch ihr hervorragendes Wissen über den Bewegungsapparat sowie die Interaktion der Marmas waren die Kalari-Meister in der Lage, auf den Grundlagen des Ayurveda ein spezielles und sehr differenziertes Massagesystem zu entwickeln. Im Kalari-Chikitsa werden verschiedene Ausgangsstellungen verwandt, in denen der Patient mit entsprechenden Massagemustern bearbeitet wird. Diese Muster setzen Marma-Konstellationen miteinander in Verbindung, lösen Blockaden und aktivieren oder harmonisieren den Energiefluss des gesamten Organismus. Andere Abfolgen stimulieren gezielt aber sanft die Aktivität der Cakras und setzen die Energieproduktion des Patienten in Gang.

2. Medikamentöse Wirkung
Spezielle Verletzungen und Leiden brauchen spezielle Massageöle, Pasten, verschiedene Kräuterbeutel-Behandlungen, oft in Verbindung mit Manipulationen, Körperübungen und vielem mehr. Die Gurukkal (Kalari-Meister) entwickelten ihre ganz besonderen Rezepturen. Viele von diesen werden streng geheimgehalten und wurden über Jahrhunderte vom Gurukkal an seinen jeweiligen Nachfolger weitergegeben. Eines dieser Öle, das von verschiedenen Meistern nach geringfügig abweichenden Rezepturen hergestellt wird, ist beispielsweise das Wundöl Murivenna: Es wird bei offenen Wunden, Verbrennungen, Zerrungen, Prellungen, blauen Flecken, Sehnen- und Muskelreizungen und vielem mehr eingesetzt und ist zumeist von erstaunlich intensiver Wirkung.

3. Energetische Wirkung
Das psychophysische Training als Kampfkünstler verleiht dem Kalari-Kämpfer außergewöhnliche Kontrolle über seine Körperenergie und damit über die Fähigkeit, Prana zu kontrollieren und durch den Körper zu lenken. Die Ausgangsstellung, in welcher der Masseur die Massage gibt, entspricht oft den Kampfstellungen des Kalarippayat. In diesen sehr anstrengenden Stellungen ist der trainierte Kalari-Kämpfer in der Lage, sich energetisch aufzuladen und das so gewonnene Energiepotential auf den Patienten zu übertragen.
Bei abgewandelten Formen wird der durch die Atmung kontrollierte Pranafluss auch auf dem Tisch liegenden Patienten zur Behandlung der Marmas und Nadis (Gefäße) eingesetzt.

Kalari-Chikitsa heute. In der Kolonialzeit wurden die Aktivitäten der Kalari-Meister von den Engländern streng verboten. Damit erloschen die Linien vieler Gurukkal und mit ihnen ihr uraltes Wissen. Nur einige konnten im geheimen lehren und lernen. Heute erlebt das Wissen und die Kunst des Kalarippayat sowie des Kalari-Chikitsa wieder den Beginn einer neuen Blütezeit. Wer in Kerala die Wahl hat, wegen körperlicher Gebrechen zum Arzt oder zum Gurukkal zu gehen, der entscheidet sich wieder immer häufiger für den Gurukkal.

Heilpraktiker, Physiotherapeuten und Ärzte aus dem Westen zeigen ein wachsendes Interesse an dieser Form einer lange gewachsenen, bewährten Medizin. Nicht ohne Grund entstehen in Kerala allerorts wieder Kalari-Kliniken,  und man erinnert sich ihrer Funktion als einer einzigartigen, uralten medizinischen Tradition.

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