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Eintauchen in Samadhi - Sei still und wisse ich bin Gott
Text: Marshall Govindan
Welcher Weg wird uns dem letztendlichen Ziel des Yoga näher bringen? Und, was ist überhaupt dieses letztendliche Ziel?

Wenn jemand mit Yoga anfängt, so hat er  in der Regel nur wenig oder keine Vorstellung davon, was die letztendlichen Ziele des Yoga sein könnten. Heute ist Yoga zu einer Art Supermarkt geworden – was immer man darin sucht, man wird es finden. Somit sind es also immer die gegenwärtigen körperlichen, emotionalen, mentalen oder spirituellen Bedürfnisse eines Menschen, die ihn zu seiner Suche motivieren. Die meisten Schüler suchen im Yoga nach einem Weg, von ihrem täglichen Stress herunterzukommen oder etwas mehr geistigen Frieden oder körperliches Wohlbefinden zu erlangen. Wir haben es hier meist mit einem "Quick Fix"-Ansatz zu tun, der eine vorübergehende Entlastung von den Unbehaglichkeiten eines stresserfüllten und bedrückenden Lebens ermöglichen soll.
Hin und wieder geschieht es zwar, dass man erlebt, wie jemand von höheren spirituellen Zielen erzählt; z.B. von "samadhi", "Selbst-Verwirklichung" oder "Erleuchtung". Diese jedoch werden für gewöhnlich in einer Weise beschrieben, dass es der durchschnittliche Schüler praktisch für unmöglich hält, solch erhabene Zustände erreichen zu können. Warum also erst versuchen? Viele Beschreibungen hierzu sind bestenfalls unklar und schlimmstenfalls erst gar nicht vorhanden. Jedoch ist der Praktizierende ohne eine klare Vorstellung von den letztendlichen Zielen des Yoga dazu verurteilt, diese zu verfehlen. Selbst wenn jemand einen flüchtigen Einblick haben sollte, kann es sein, dass der eigentliche Wert nicht erkannt wird. Oder noch schlimmer: der Schüler verwechselt ein flüchtiges spirituelles Erlebnis und hält es für wert, daran festzuhalten und es möglichst häufig zu wiederholen.

Ein anderes Problem ist, dass Yoga und "persönliches Wachstum" mittlerweile zu einem großen Geschäft geworden sind, sei es durch Bücher oder Seminare. Und es gibt jede Menge untereinander konkurrierender alternativer Ansätze, die häufig ungeprüft sind und noch nicht allzu lange Zeit existieren. Wie soll ein Yogaschüler da herausfinden, was authentisch ist? Welcher Weg wird ihn dem letztendlichen Ziel des Yoga näher bringen? Und, was ist überhaupt dieses letztendliche Ziel?

Um eine Antwort für all diese Fragen zu finden, ist es nützlich, zu den ältesten maßgeblichen Quellen zurückzukehren, wie z.B. den »Yogasutras« von Patanjali und dem »Thirumandiram« des südindischen Siddhas Thirumoolar. Patanjali bezeichnet das Endziel des Yoga als »Samadhi«, dem »Versenken in absolutem Bewußtsein«. In Vers I. 17 nennt er die erste Stufe des Samadhi »Samprajnata«. Diese auf ein Objekt gerichtete Versenkung wird von Beobachtung, wahrer Einsicht, Freude und einem Zustand von reinem "Ich bin" begleitet. In unserem gewöhnlichen Körperbewusstsein richten wir unsere Aufmerksamkeit durch unsere fünf Sinne auf Objekte der äußeren Welt und werden von diesen vollständig vereinnahmt.

Während des Tagträumens oder Denkens wird unser Bewusstsein von Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen absorbiert. In beiden Fällen sind wir uns dessen, was wirklich ist, nicht bewusst. Im Zustand von "samadhi" werden wir uns dessen bewusst, was Bewusstsein ist, wir werden selbst zum Seher, zum reinen Gegenstand der Betrachtung. Ablenkungen treten in den Hintergrund zurück. Das Selbst oder der Seher wird zum Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Wir identifizieren uns nur noch mit dem Seher und nicht mehr mit unseren Gedanken, Empfindungen und Gefühlen.

Im gewöhnlichen Wachbewusstsein, so Patanjali in Vers I. 6, identifizieren wir uns mit fünf Arten von »Vrittis« oder Bewegungen innerhalb des Bewusstseins:  geltendes Wissen, falsche Vorstellungen, verbaler Täuschungen, Schlaf und Erinnerungen.

Samprajnata-Samadhi
Das Samprajnata-Samadhi oder die an eine Erkenntnis gebundene Versenkung wird von vier Bewegungen begleitet. Diese sind keineswegs bloße mentale Bewegungen oder »Vrittis«, sondern das inspirierende Ergebnisse der Verschmelzung des Subjekts mit einem Objekt. Im Gegensatz zu dem höheren Samadhi, dem »Asamprajnata-Samadhi«, werden hier noch materielle oder feinstoffliche Objekte als Unterstützung oder Ausgangspunkt verwendet. Diese Unterstützung kann jede in der Natur vorkommende Form sein, einschließlich der weitaus feinstofflicheren Ebenen transzendentaler Existenz. Da hier noch Hilfsmittel gebraucht werden, auf die man sich stützt, lässt diese Art von »samadhi« jedoch nur eine bedingte Anschauung des Daseins als Ganzes zu.

An dieser Stelle ist es angebracht, zunächst einige der ältesten Vorstellungen des indischen metaphysischen Gedankenguts zu erklären: die Begriffe »Prakriti« (die Natur) und »Purusha« (das Selbst). Prakriti ist alles außer dem Selbst und umfasst den ganzen Kosmos von den materiellen bis hin zu den psychischen Schichten. Im Gegensatz zum Selbst (Ich bin...), welches das reine, absolute Wesen ist, stellt Prakriti die mit den Sinnen erfassbare, gegenständliche Realität dar, welche von Purusha unbeteiligt beobachtet wird. Prakriti, wie vergänglich sie auch immer sein mag, erhält ihre Realität als Ausdruck der Herrlichkeit des höchsten Selbst. Purusha, das Selbst, ist das reine Wesen im Innersten des Bewusstseins. Purusha erleuchtet das Bewusstsein. Ohne den Purusha würde es in Geist und Psyche keine bewusste Aktivität geben, so wie eine Glühbirne ohne den unsichtbaren Strom kein Licht ausstrahlen könnte. Prakriti existiert als Natur in seinem (Purusha) transzendenten, undefinierten Zustand und seinen vielgestaltigen, sich unterscheidenden Manifestationen.

Um Purusha zu kennen, muss man zuerst Prakriti verstehen lernen. Dieser erste Schritt wird vollzogen, indem man die Natur in ihren verschiedenen Manifestationen betrachtet.

1. Vitarka
Beobachtung und logische Analyse der materiellen Natur bis in ihre elementaren Merkmale hinein. Ist der Geist einmal in dieser Weise auf ein Objekt aus der Natur gerichtet, so mündet dies schließlich in der Versenkung des »Savitarka- Samadhi«".

Übung:
"Savitarka-Samadhi" können wir einerseits mittels der "Tradak Kriyas" realisieren, also durch Konzentration und Versenkung auf ein materielles, konkretes Objekt. Dies kann sowohl mit geöffneten Augen geschehen oder abwechselnd eine Zeitlang das Objekt betrachtend, dann die Augen schließend und den Gegenstand vor dem geistigen Auge visualisierend. Eine andere Möglichkeit besteht in der Anwendung einer speziellen Meditationsübung (Dhyana-Kriya), bei der alle fünf  feinen Sinne (geistiges Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Tasten) einbezogen und auf den Gegenstand der Meditation angewendet werden, die sogenannten "Jnana Indriyas".

2. Vicara
Durch prüfende Überlegungen über die feinstoffliche Natur erfahren wir die Wahrheit des Gegenstandslosen, rein Begrifflichen, ohne dabei auf konkrete Beobachtungen zurückgreifen zu müssen.

Übung:
„Savicara-Samadhi“ stellt sich ein, wenn wir unseren Geist ausdauernd auf ein begriffliches Thema richten. Wir können diese Art der Versenkung  mittels von Dhyana-Kriyas, die rein begriffliche Themen wie z.B. "Wahrheit", "Liebe" oder "Gesundheit" usw. (der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt) einbinden, verwirklichen.

3. Ananda
Reine Freude. Freude, die sich vollkommen unabhängig von den äußeren Umständen manifestiert, als eine Begleiterscheinung der vorangegangen Arten der Versenkung.

Übung:
„Sananda-Samadhi“ - (»glückhafte Versenkung«) tritt auch ein, wenn Freude allein das einzige Objekt der Meditation ist, ohne Zuhilfenahme einer konkreten Form oder abstrakten Begrifflichkeit. Praktizieren Sie hierzu "Nityananda Kriya" (unentwegtes Handeln mit Bewusstsein). Das Ziel hierbei ist es, den Zustand des stillen Beobachters seiner selbst möglichst ununterbrochen aufrecht zu erhalten; auch während der alltäglichen Aktivitäten und letztlich sogar auch während des Schlafens.

4. Asmita
Ich bin. Reines Ich-Sein, Ich-Bewusstsein. “Sa-asmita Samadhi“ stellt sich ein, wenn wir uns nur noch des „Ich bin“ bewusst sind. Hier sind jedoch die »Samskaras«, die unbewussten Neigungen, nach wie vor als Saat in unserem Geist verborgen und können sich als neue Reize manifestieren.

Indem man ausdauernd über lange Zeit Meditation und Mantras praktiziert und schrittweise von außen nach innen, von den grobstofflichen zu den feinstofflicheren Schichten vordringt, lernt man allmählich Purusha von Prakriti zu unterscheiden. Gleichzeitig erhält man ein Verständnis von den vier aufgeführten Begleiterscheinungen, welche die erste Stufe des samadhi mit sich bringen.

Asamprajnata-Samadhi
In Vers I. 18 sagt uns Patanjali folgendes: »Durch ständiges Praktizieren von Gedanken des Loslassens (in Richtung der mentalen Bewegungen), bleibt schließlich nichts als der Gedanke an das Loslassen als Überrest eines unterschwelligen Eindrucks zurück.«

 Hier handelt es sich um eine andere Art von Samadhi, dem »Asamprajnata-Samadhi« (das nicht unterscheidende), welches dem Vorhergehenden folgt. Hier gibt es keine Unterstützung durch Objekte mehr, da »Prakriti«, Natur, in ihren vier Manifestationen - »Prajnata« - verstanden wurde. Der Wegfall der Objektbezogenheit tritt nur nach unermüdlicher und langer Praxis des »Loslassens« mittels verschiedener Methoden ein. »Asamprajnata«  - „das nicht unterscheidende Samadhi“ - wird ermöglicht, indem von Moment zu Moment über Jahre hinweg Loslassen und Achtsamkeit praktiziert wird. Losgelöstheit auf der höchsten Stufe ist deshalb das Mittel, um es zu erreichen. Solange die Grundlage der Meditation noch ein Objekt ist, kann es nicht erlangt werden. Letztlich wird nichts als eine schwache Erinnerung an das Loslassen zurückbleiben.

In Vers I. 20 sagt uns Patanjali: »Für andere erfolgt dies durch unerschütterlichen Glauben, Mut, Gedächtniskraft, kontemplative Sammlung und Unterscheidungsvermögen.« Im Gegensatz zu den Yogis, auf die Patanjali im vorangehenden Vers I.19  Bezug nimmt, die also ihren physischen Körper bereits verloren haben, bevor sie Asamprajnata-Samadhi erreichen konnten, entwickeln diejenigen, welche Asamprajnata-Samadhi erlangt haben, die folgenden Eigenschaften:

Shraddha – grenzenloses Vertrauen in Yoga plus Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das eigene Sadhana oder die eigene Methode und in den eigenen Lehrer.

Virya – Aus einem solchen Glauben entsteht Kraft und Begeisterung, was wiederum intensive Hingabe erzeugt, in welcher die vorhandenen Emotionen die Praxis zusätzlich noch unterstützen.

Smriti – Erinnerung. Man erinnert sich ständig seines spirituellen Pfades, an das Erlernte sowie daran, nicht wieder in eine weltliche Lebensperspektive zurückzufallen; man bleibt achtsam.

Samadhi – Man pflegt regelmäßig die Erfahrung des Aufgehens in reiner Erkenntnis. Und, obgleich es aufgrund der Schwankungen und Ablenkungen des Geistes zu Unterbrechungen kommt, entwickelt sich mittels des yogischen Sadhana mehr und mehr Kontinuität.
Prajna – Unterscheidungsvermögen, Innenschau. Durch aufmerksame Selbst-Achtsamkeit von Moment zu Moment erhält man durch alle Ereignisse des Lebens hindurch tiefe Einblicke und Führung.

Spirituelle Kraft und Stärke ermöglichen es uns, aufmerksam und wach zu sein. Man vergisst weder den Weg, den man beschreitet, noch das Gelernte, noch fällt man in alte Gewohnheiten zurück. Die Erinnerung dessen führt zu einem ununterbrochenen meditativen Zustand. Solch ein fortwährendes Verweilen in tiefer Kontemplation oder samadhi schenkt uns das Unterscheidungsvermögen zwischen dem wirklichen Selbst und dem Unwirklichen.

Asamprajnata-Samadhi kann sich auch als ein Ergebnis fortwährender Erfahrung von Samprajnata-Samadhi einstellen, da die unterbewussten Neigungen sich allmählich aufgelöst haben. Es kann sich jedoch auch aus der Heranbildung verschiedener positiver Neigungen ergeben, wie z.B. von unerschütterlichem Glauben, Begeisterung, Wachheit, Unterscheidungsvermögen und Innenschau. Diese bilden die idealen Bedingungen, unter denen alte Neigungen aufgelöst werden können.

»Für den eifrig und intensiv Praktizierenden ist dieser (= der Samadhi) nahe.«
(Patanjali; Vers I.21)

Der Einzelne mag vielleicht hin und wieder flüchtige Erlebnisse von Samadhi haben, dem Erleben des höchsten Selbst, in welchem unser Geist vollkommen nach innen gerichtet ist und man von absoluter Glückseligkeit erfüllt verweilt. Doch besteht die wirkliche Herausforderung darin, diesen Seinszustand länger und länger aufrecht zu erhalten und gefestigt darin verweilen zu können. Hierfür sind jedoch eine intensive Praxis und eine begeisternde Hingabe erforderlich. Diese ermöglichen es uns, bewusst Zeuge unserer selbst zu sein und Geist und Sinne gesammelt nach innen zu richten, also weg von der Neigung, sich zu zerstreuen. Wenn Konzentration und Achtsamkeit unmittelbar und fortwährend werden, dann bezeichnet man dies als intensive Praxis mit »Tivrasamavega«.

Wann immer wir auch nur einen Hauch von samadhi in unserem inneren Wesen erhaschen, tun wir gut daran, es auch in unser äußeres Leben zu transportieren. In den Shiva Sutras steht hierzu folgendes: »Die Glückseligkeit der Welt ist die Glückseligkeit des samadhi.«

»Der Unterschied in der dafür (= für den Samadhi) benötigten Zeit ist abhängig davon, inwieweit  das Praktizieren schwach, mittel oder intensiv ist.«
(Patanjali, Vers I.22)

Eine »schwache Yoga-Praxis« ist sprunghaft, sporadisch, voller Zweifel, Höhen und Tiefen und voll von Ablenkungen, welche einen immer wieder davontragen. Eine »mittlere Yoga-Praxis«  hat Zeiten von Intensität und Hingabe, die jedoch von Perioden der Vergessenheit, Ablenkung und des Nachgebens an negative Gedanken und Gewohnheiten abgelöst wird. Für die »intensive Yoga-Praxis« ist eine fortwährende Entschlossenheit sich des Höchsten Selbst zu erinnern, charakteristisch. Man verweilt in Gleichmut,  ungeachtet von Erfolg und Misserfolg, von Freude oder Schmerz. Es wachsen Liebe, Vertrauen, Geduld und Sympathie für andere. Es intensiviert sich durch Verehrung des Göttlichen, in welcher Form auch immer. Oder indem man versucht die Gottheit in allem pulsierend und als alles durchdringend wahrzunehmen und man somit jenseits der eigenen Bedürfnisse und aufsteigenden Wünsche gelangt. Ganz gleich wie extrem die Ereignisse und Umstände um einen herum sein mögen; völlig unbedeutend wie groß die »maya« auch sein mag, dieses Spiel eines von lauter Illusionen angefüllten Dramas. Wir fahren unbeirrt fort, in allem und überall nichts als das Göttliche zu sehen.

Um eine intensive Praxis zu entwickeln, taucht man am besten weiter in den Yoga ein und geht jeden Tag einen Schritt weiter. Man versucht alles, was einem widerfährt, als Teil eines göttlichen Plans zu sehen, der sich perfekt um unserer Evolution Willen vor uns entfaltet. Wir sollten versuchen, nichts aus diesem Plan auszuschließen oder im Gegensatz zu ihm stehend zu sehen.

Weitere Infos im Internet
www.babaji.de

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