Dafür hat überdies der neue Madonna-Film gesorgt, in dem das einstige Material Girl eine Yoga-Lehrerin namens Abbie mimt. Die Rolle ist ihr buchstäblich auf den Leib geschneidert, denn ihre langjährige, intensive Ashtanga Yoga-Praxis bürgt für Authentizität. Auch andere Prominente aus dem internationalen Show-Geschäft wie Sting, Willem Dafoe, Christie Turlington, Cindy Crawford, Gwyneth Paltrow oder Janet Jackson haben sich dieser Yoga-Form mit Leib und Seele verschrieben. Damit gerät die einst eher esoterische Richtung in den mainstream, was natürlich die Befürchtung orthodoxer Yoga-Vertreter nährt, die klassische Tradition würde durch diese Popularisierungswelle verwässern. Dem läßt sich allerdings entgegenhalten, daß die Ausübung dieser Praxis ein so hohes Maß an Selbstdisziplin, Konzentration und Kontinuität verlangt, daß sie kaum Gefahr läuft, ein modisches, oberflächliches Massenphänomen zu werden. Was verbirgt sich nun hinter dieser kraftbetonten Spielart des Hatha-Yoga? Zunächst einmal mag die Wortverknüpfung Power & Yoga den Laien irritieren, da Yoga oftmals mit dem Vorurteil behaftet ist, es würde dabei lediglich um Entspannung oder bizarre Stellungen gehen, während Power mit Hochleistung assoziiert wird. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein äußerst kraftvolles, dynamisches Übungssystem innerhalb des großen Spektrums Hatha-Yoga, wobei der Begriff Power für den energetischen Aspekt steht. Power Yoga ist gewissermaßen eine Synthese unterschiedlicher Yoga-Formen, basiert aber vor allem auf dem klassischen Ashtanga Vinyasa-Stil, wie er von Patthabi Jois in Mysore (Indien) gelehrt wird. Dieser Stil zeichnet sich durch fließende Bewegungsfolgen (Vinyasas) mit eingebetteten statischen Positionen (Asanas) aus, die sich ihrerseits gleich einer Metamorphose entfalten. Darin kommt der tänzerische Charakter zum Ausdruck, wobei sich jedoch alles in dem räumlich beschränkten Rahmen der Yogamatte abspielt. Die reine Ashtanga-Form umfaßt insgesamt sechs festgelgte Übungsreihen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad.
Normalerweise wird im Westen nur die erste Serie (yoga chkiktsa = Yoga Therapie) gelehrt, allenfalls noch die zweite (nadi shodana = Reinigung der Energiekanäle), während die folgenden mit ihren extremen Haltungen so spektakulär sind, daß sie nur wenige "Sterbliche" meistern. Beryl Bender Birch, die in New York den berühmten Roadrunner Club für professionelle Athleten leitet, hat dieser seinerzeit wenig bekannten Richtung mit ihrem Buch (1995*) ein salonfähiges Etikett verpaßt und sie somit auch der Fitness-Branche zugänglich gemacht. Hinter dem Begriff Power Yoga verbirgt sich also entweder der orthodoxe Ashtanga-Stil oder dessen modifizierte Form Power Yoga, die hier vorgestellt werden soll.
Im Gegensatz zur klassischen Form ist das moderne Power Yoga leichter zugänglich: Es bietet Alternativen zu schwer ausführbaren Positionen und berücksichtigt darüber hinaus ein vielfältiges Asana-Repertoire, bezieht aber auch die subtileren Aspekte des Hatha-Yoga, nämlich Atemübungen (Pranayama) und Meditation mit ein. Insofern gestaltet sich Power Yoga sehr kreativ und ist nicht wie Ashtanga-Yoga an festgelegte Sequenzen gebunden. Klassische Elemente werden unter Berücksichtigung energetischer Aspekte auf originelle Weise immer wieder neu arrangiert. So entstehen im wahrsten Sinne Choreographien, die gleichermaßen für Kraft, Balance, Flexibilität und Entspannung sorgen. Die Praxis beginnt wie im Ashtanga-Yoga mit einer erwärmenden Sonnengruß-Sequenz, die dann in eine komplexere zweite Form mündet. Der Körper wird dadurch in einen starken Hitzezustand versetzt und geschmeidig für extremere Haltungen gemacht, was eine Verletzungsgefahr verhindert. Die extreme Wärme hat überdies den therapeutischen Effekt, toxische Schlacken zu beseitigen. Dem dynamischen Auftakt folgt eine Reihe von Standübungen, die kräftigen, dehnen sowie Koordination, Alignment, Balance und den mentalen Fokus schulen. Vom Stand geht es dann zum Boden, wo Vorbeugen, Rückbeugen, Drehungen, hüftöffnende Postionen sich abwechseln, so daß der Körper in allen Bewegungsrichtungen erschlossen wird. Den letzten Akt bildet eine Umkehrsequenz (Kopfstand, Schulterstand etc.), die in ihrer kühlenden, beruhigenden Wirkung die hitzig-energetisierende Praxis ausgleicht. Eine endgültige Neutralisierung erfolgt in der abschließenden Entspannungsphase, der sogenannten Totenhaltung (Savasana), hier wird die durch die Aktivität freigesetzte Energie in der Stille integriert. Neben den körperlichen Aspekten versetzt der fließende, progressive Ablauf (Vinyasa krama) den Übenden in einen Zustand gleichschwebender Achtsamkeit.
Dieser meditative Charakter ist zusätzlich mit einer bestimmten Atemtechnik (Ujjayi-Pranayama) verknüpft, die den Atem hörbar macht und somit die Aufmerksamkeit bindet. Darüber hinaus dient die forcierte Atmung dazu, die durch die Bewegung entfachte Hitze zu konservieren bzw. sogar zu steigern, was wiederum den reinigenden, heilenden Effekt verstärkt. Eine weitere Technik, die den energetischen Vorgang unterstützt, sind Energieverschlüsse durch muskuläre Kontraktionen bestimmter Körperzonen, die sogenannten Bandhas. Das harmonische Zusammenspiel von Körper und Geist mittels des Atems sorgt für eine physisch-mentale Entspannung, ein Aspekt, der wie gesagt oft mißverstanden wird. Entspannung entsteht nämlich keineswegs durch Nichtstun, sondern ist gewissermaßen die Frucht der Bemühung. Oder besser gesagt, indem wir innerlich entschlossen und gleichsam gelassen die Anstrengung auf uns nehmen, die Übungen zu meistern, gelangen wir in einen Zustand geistiger Ruhe, der unser Handeln begleitet. Dies läßt sich dann ohne weiteres auch auf streßvolle Alltagssituationen übertragen, so daß die im Yoga gewonnene Einstellung unseren gesamten Lebensstil positiv zu beeinflussen vermag. Das tänzerisch anmutende Power Yoga mit seinem martialischen und zugleich ätherischen Charakter erweist sich als ein optimales Workout auf der körperlich-mentalen Ebene, wobei der spirituelle Aspekt keinesfalls auf der Strecke bleibt. Nicht nur die ästhetische Seite bringt diese Yogaform in die Nähe des Tanzes, sondern ihre therapeutische Dimension mag professionellen Tänzern einen heilenden Ausgleich, wenn nicht sogar eine Alternative zu ihrem harten Training bieten.
Mehr Infos Sabine Mangold hat eine Ausbildung beim BDY absolviert und unterrichtet seit 1995 Yoga. Sie stützt sich außerdem auf langjährige Erfahrungen in diversen Tanz- und anderen Bewegungsformen sowie Tai-Chi. |