Jeder von uns hat Vorfahren und eine Familie, durch die das eigene Schicksal mitgeprägt wird. YOGA AKTUELL sprach mit Lisa Böhm, Lehrtherapeutin für Systemaufstellungen, über die Methode des Familienstellens

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Wir sind alle auf vielschichtige Weise miteinander verbunden. Ob es uns bewusst ist oder nicht. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Ob wir es wünschen oder nicht. Besonders die Verbindung mit unseren Ahnen wirkt sich auf nicht zu unterschätzende Weise auf unser Leben und Wirken aus, so dass manche Menschen sogar das Gefühl haben, ein Familienschicksal zu teilen, wobei bestimmte Ereignisse sich wie ein roter Faden durch die Familienchronik ziehen. Das „Familienstellen“ ist ein hilfreiches und zutiefst heilsames Mittel, um die Zusammenhänge zwischen uns und unserer Familie aufzuzeigen, Licht ins Dunkel zu bringen, ungeklärte Ereignisse zu bereinigen und unbewusste Prozesse ans Licht zu bringen. Was Aufstellungen mit unserem Schicksal zu tun haben, erklärt Lisa Böhm, eine anerkannte Lehrtherapeutin für Systemaufstellungen (DGfS) mit Praxis in München.

YOGA AKTUELL: Was genau ist unter „Systemischem Familienstellen“ zu verstehen?

Lisa Böhm: Zunächst möchte ich gern zwischen Systemischen Aufstellungen als Überbegriff und den dazugehörigen einzelnen Aufstellungen wie Familienstellen, Organisationaufstellungen, Strukturaufstellungen u.a. unterscheiden.
Beim Familienstellen werden in der Gruppe Personen, in der Einzelarbeit Figuren oder Bodenanker aufgestellt, um eine Situation, die gegenwärtige Familie oder Herkunftsfamilie dreidimensional darzustellen. Allein dies hat schon eine Wirkung, weil eine Situation in einem größeren Kontext gesehen werden kann. Je nach Thema und Aufstellungsleiter werden die Beziehungen geklärt, in vertieften Prozessen geschehen Erkenntnisse und Einsichten, ein neuer Blick auf sich selbst und auf andere oder anderes wird gewonnen. Daraus können sich nächste Schritte oder Handlungsspielräume im Alltag ergeben. Bei anderen systemischen Aufstellungen geht der Fokus über die Familie hinaus zu anderen Themen, wie z.B. zu Organisationsstrukturen, inneren Anteilen und Abstrakta.

Gibt es so etwas wie ein Familienschicksal? Und wenn ja, was genau ist darunter zu verstehen?

Ja, das scheint es zu geben. In den Aufstellungen wird sichtbar, dass Schicksal wirkt und sich in manchen Familien schicksalhafte Ereignisse in den Generationen wiederholen, wie z.B. früher Tod von Eltern oder Kindern, berufliches Scheitern, Selbstmord und Heimatverlust. Man könnte das auch als mehrgenerationalen Wiederholungszwang sehen.
 
Wenn es so etwas gibt, kann man überhaupt als einzelne Person so ein Schicksal auflösen?

Das Schicksal auflösen? Die Formulierung halte ich für problematisch, wie soll es gehen? Da wüsste ich keine Antwort. Schicksalhafte Ereignisse geschehen, obwohl ich meine Vergangenheit bearbeite, meine Gedanken lenke, Visionen kreiere, mir Handlungsspielräume bewusst mache: Es bleibt ein Rest, der nicht in meiner Hand liegt, der unbeeinflussbar ist. Unsere Eltern vererben uns Gene, die unsere körperliche Disposition in Richtung Gesundheit und Krankheit bestimmen. Auch hier gibt es Spielräume, den Rest müssen wir göttlicher Fügung oder Führung überlassen.

Wenn z.B. bei der Aufstellung jemand wieder seinen Platz im Familiengefüge erhält, der ihm verwehrt blieb, also wenn mittels der Vertreter eine Lösung der Problematik dargestellt wird, geht man dann davon aus, dass sich dies über ein energetisches Feld auf die Seele der vertretenen Person auswirkt? Anders könnte die in der Aufstellung gegebene Lösung das Problem ja eigentlich gar nicht verändern, außer vielleicht durch Bewusstmachung für denjenigen, der aufstellen ließ.
Zunächst einmal ist es für mich so, dass es bei der Aufstellung um ein individuelles Bild des Aufstellenden geht, das sichtbar gemacht und verändert werden kann, so lange bis es für den Aufstellenden zu einer Bewusstwerdung oder zu einem Erkenntnisgewinn kommt. Werden Gefühle oder das Spüren in die Beobachtung mit einbezogen, kann man davon ausgehen, dass eine solche Aufstellung eine Tiefenwirkung hat. Welche Wirkung sie auf die Seele hat, darüber weiß man wenig, weil dieser intime Bereich durch keine Untersuchung erfasst werden kann und selbst Worte der Mystik dieser Erfahrung nicht gerecht werden können. Allerdings gibt es die Beobachtung von Wirkungen und erste Ansätze der Theoriebildung.

Ist es nicht so, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, dass bestimmte Probleme nicht direkt ihre eigenen sind, sondern eigentlich aus einer anderen Generation stammen? Sie versuchen dann vielleicht, die Probleme zu lösen, aber kommen nie bei der Wurzel an. Was hilft hier?

Genau das ist auch oft der Punkt, dass Menschen zum Familienstellen kommen, weil sie sich schon lange mit einem Thema beschäftigt haben und es zu keiner nachhaltigen Veränderung gekommen ist. In der Aufstellung wird dann sichtbar, welche Loyalität und Liebe zur Familie oder zu einzelnen Mitgliedern sie davon abhält, ihr eigenes Leben zu leben oder eine an sich gut gestaltete private oder berufliche Situation weiterzuverfolgen. Hier würde ich aber die systemische Ebene nicht überbewerten, sie ist im Gesamtkomplex ein Baustein, der dazu beiträgt, sich selbst und die Wurzeln zu erkennen.

Könntest du ein Beispiel nennen, in dem diese Auflösung sich nachhaltig gezeigt hat?         

Es ist nicht so häufig, dass man von der Nachhaltigkeit von Aufstellungen erfährt, denn das Wegbleiben von Klienten kann ja verschieden interpretiert werden. Dennoch erinnere ich mich an eine Klientin, die wegen Übergewicht zu mir kam. Wir arbeiteten an der Beziehung zu ihrer Mutter, die selbst ihre Mutter früh verloren hatte, ihren Mann ebenso, und später hatte sich ihr zweiter Mann umgebracht. Es wurde sichtbar, wie sehr die Klientin gefühlsmäßig und für deren Mutter stellvertretend mit ihrer Mutter verbunden war, und wir haben daran gearbeitet. Nach einem Jahr traf ich sie auf der Straße, schlank, kaum wiederzuerkennen, und sie sagte, dass der Auslöser für ihre Veränderung diese eine Aufstellung war. Natürlich kamen weitere Maßnahmen wie eine Ernährungs- und Lebensumstellung dazu.

In einer von der Universität Heidelberg – Institut für Medizinische Psychologie – unter der Leitung von Professor Dr. Jochen Schweitzer durchgeführten wissenschaftlichen Studie wurde die Wirkung und Nachhaltigkeit von Systemaufstellungen bei den Aufstellenden und den Teilnehmern festgestellt. Nachzulesen ist dies in der PdS (unserer Fachzeitschrift Praxis der Systemaufstellungen) I/2013 und unter www.praxis-der-systemaufstellung.de

Wie viele Aufstellungen braucht es, und wie genau sieht die „Nachbereitung“ einer solchen Aufstellung aus?

Zu Beginn der Aufstellungsarbeit galt die Regel: eine Aufstellung für das gegenwärtige und eine für das Herkunftssystem. Heute wird das anders gehandhabt, denn nahezu jedes Problem hat auch eine sys­temische Komponente, die aufgestellt werden kann, insofern gibt es unendlich viele. Meine Erfahrung ist allerdings, dass zu einem bestimmten Thema wenige Aufstellungen genügen. Zum Thema Nachbereitung, das ich für außerordentlich wichtig halte, möchte ich zwei Möglichkeiten unterscheiden: Die eine, von Seiten der Aufstellungsleitung angebotene, bezieht sich auf ein ergänzendes Gespräch oder ein Aufgreifen der Aufstellung in der Einzelarbeit mit Figuren oder Bodenankern, um noch mal in Ruhe und mit Zeit auf das Bild zu schauen. Ein weiteres von mir favorisiertes Angebot ist, nach Fähigkeiten oder Kräften zu schauen, die hilfreich und unterstützend sind und in Form von Figuren dazugestellt werden. Jeder Aufsteller hat da seine eigene Vorgehensweise. Die andere Möglichkeit ist die Zusammenarbeit mit Homöopathen, Psychotherapeuten, Traumatherapeuten, Ärzten oder „Energiearbeitern“, die jeweils andere Heilebenen bedienen.

Wie frei sind wir aus Sicht der Aufstellungsarbeit? Ist es möglich, sich vollkommen von einem familiären Schicksal zu befreien und „zu erwachen“?

Das ist eine gute und bedeutsame Frage, die uns Aufsteller auch immer wieder neu beschäftigt. Bei uns ist die Frage eher die nach Bindung und Autonomie. Meine persönliche Antwort darauf ist, dass der Freiheits- oder Autonomiewunsch den einen Pol darstellt und unsere Bindung an uns nahestehende Menschen und Schicksale den anderen. Dazwischen gibt es einen Handlungsspielraum, in dem man sich bewegt und einen Weg geht.

„Sich vor dem Schicksal verneigen“ ist ein Satz, der immer wieder in einer Aufstellung gefordert wird. Kommt das nicht einer Resignation gleich?

Diese Verneigung, die in den Aufstellungen nur angeregt werden sollte, wenn sie mit einer seelischen Bewegung einhergeht, ist mit einer bestimmten Haltung verbunden, in der ich das tue. Sie kann dann in der Würdigung einer Kraft, die größer ist als das menschliche Vermögen, zu einer Geste der Demut oder auch zum Verzicht auf weitere Aktionen führen, oder in die Resignation. Mit den Worten gespielt, liegt im Sich-Verneigen auch, dass etwas zur Neige gehen darf, zumindest die Eins-zu-eins-Wiederholung eines Schicksals.

Alles ist im Umbruch. Wie verhält es sich hier mit den Familienaufstellungen? Lösen sich familiäre Verstrickungen leichter auf als früher?

Ja, das nehme ich auch zum Teil wahr. Das mag daran liegen, dass die systemische Arbeit nun schon eine Weile existiert und sich ein wissendes Feld ausgebreitet hat, und mit ihm auch Bilder von hilfreichen Vorstellungen, wie z.B. von der Urbeziehung Vater-Mutter-Kind oder dass zum Familiensystem alle dazugehören, die früh Verstorbenen, die Ausgeschlossenen und auch die, die sich „unmöglich“ benommen haben. Ansonsten unterliegen wir auch einer Zeitqualität, in der sich alles beschleunigt, das Leben, die Technik und auch die Bewusstwerdungsprozesse.

Was kann man tun, wenn die klassische Familienaufstellung nicht hilft?

Nicht für jeden Typ ist das Familienstellen geeignet, um weiterzukommen, wenngleich es eine Methode ist, die außerordentlich viele Menschen anspricht. Hinzu kommt, dass inzwischen jeder Aufsteller der Arbeit eine eigene Note gibt, auch aufgrund seines beruflichen Hintergrunds. Ein Mann arbeitet anders als eine Frau, junge Kollegen anders als ältere. Vor allem aber ist davon Abschied zu nehmen, dass die Aufstellung ähnlich einer Tablette unmittelbare Wirkung zeigt. Oft dauert es sehr lange. Und es gibt unterstützende Möglichkeiten, die ich weiter oben schon angesprochen habe.

Worin besteht der Unterschied zwischen einer „normalen“ Aufstellung und einer „karmischen“ Aufstellung?

Der Unterschied liegt in der Vorgehensweise und auch in der Intention. Da ich mit karmischen Aufstellungen nicht arbeite – zumindest nenne ich die Aufstellungen auf dem Horoskoprad nicht so –, kann ich dazu nichts sagen. Bei den Aufstellungen mit dem Horoskoprad sind das individuelle Horoskop des Klienten und die auf dem Boden ausgelegten Bilder zu den einzelnen Zeichen die Grundlage. Damit ist möglich, sich mit seinen Fähigkeiten, inneren Anteilen zu beschäftigen, das Zusammenwirken der einzelnen harmonischen oder gegensätzlichen Kräfte zu erkennen und sein Poten­zial zu entdecken. Dies ist auch ein Weg, sozusagen seinen „inneren Schaltplan“ zu erkennen und sich seiner selbst sicherer zu werden, Anstrengungen und Bemühungen um ein Anderssein zu beenden. Die Deutung der Planetenkräfte als Ahnen öffnet eine weitere Möglichkeit. In der Mitte des Horoskoprads stehend, kann die Beziehung zu ihnen geklärt werden; dies ergibt oft eine erstaunliche Übereinstimmung mit der Realität oder den „normalen“ Aufstellungen, ergänzt diese aber auch durch weitere Erkenntnisse. Besonders wertvoll ist dies, wenn z.B. Familienmitglieder früh verstorben sind und sie über diesen Weg mit bestimmten Energien lebendig werden.

Welche Aufstellung ist wann zu empfehlen?

Das ergibt sich aus dem oben Gesagten. „Normale“ Aufstellungen zur Klärung von realen Beziehungen und den unbewusst wirkenden Loyalitäten oder der Liebe, die verstärkt in die Vergangenheit und nicht ins gegenwärtige Leben gerichtet sind. Aufstellungen auf dem Horoskoprad am häufigsten, um Kräfte und Potenziale wieder oder neu zu entdecken und die Gegensätze in uns leichter akzeptieren zu können. Vorsichtig ausgedrückt, um der oder die zu werden, als der/die man gedacht ist.

Vielen Dank für das Interview!

Lisa Böhm ist Heilpraktikerin, Pädagogin, anerkannte Lehrtherapeutin für Systemaufstellungen (DGfS) und Autorin des Buches: „Das Seelenrad des Lebens. Systemische Astrologie und Aufstellungen auf dem Horoskoprad“, Verlag der Ideen 2010. Jahrelange Mitarbeit im Leitungsgremium der DGfS (Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen), heute in der Schriftleitung der Praxis der Systemaufstellung (PdS). Internet: www.lisaboehm.de

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