Leela Mata ist eine bekannte spirituelle Lehrerin mit indischen Wurzeln. YOGA AKTUELL wollte unter anderem von ihr wissen, wie man in schwierigen Situationen die richtigen Entscheidungen treffen kann

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

L eela Mata ist eine spirituelle Lehrerin, die weltweit Workshops und Yogalehreraus- und -weiterbildungen leitet. Sie unterrichtet nicht nur Yogaphilosophie und Raja-Yoga, sondern auch ayurvedisches Kochen und Marma-Massage. Zudem leitet sie spirituelle Retreats und gibt Workshops zu existenziellen Themen. Sie wurde 1947 in Guyana an der Nordküste Südamerikas geboren, wohin ihre Großeltern einst aus Indien ausgewandert waren. Sie wuchs in der großen indischen Community auf, die alle Bräuche aus ihrer Heimat bewahrt hatte. In jedem Haushalt wurde Bhakti-Yoga praktiziert. Mit 21 Jahren las sie Yoganandas Buch „Autobiographie eines Yogi“, das sie sehr beeindruckte. Leela Mata spürte damals, dass sie sich eher zu Meditation und den spirituellen Aspekten des Yoga hingezogen fühlte. Ihr Ehemann Hari, ein beruflich erfolgreicher Landvermesser, entdeckte zeitgleich die Kraft der Yoga-Asanas für sich. Er wurde später als Yogi Hari und Begründer des Sampoorna Yoga international bekannt. 1973, als Leela 26 Jahre alt war, zog sie mit Hari und ihren vier Kindern auf die Bahamas. Dort hörten sie von Swami Vishnu-Devananda und besuchten ihn im Sivananda Ashram in Nassau. Nach kurzer Zeit zogen sie mit ihren vier Kindern in den Ashram. Sie begleiteten den Swami für sieben Jahre rund um die Welt und ließen sich von ihm in allen Aspekten des Yoga ausbilden. Heute gehen Leela Mata und Yogi Hari getrennte Wege. Leela Mata unterrichtet jetzt in ihrem eigenen Ashram in Pennsylvania. In regelmäßigen Abständen ist sie aber auch in Deutschland zu Gast. YOGA AKTUELL traf Leela Mata im Yoga-Vidya-Seminarzentrum Bad Meinberg, wo sie ein Seminar über „Die Kunst der Entscheidungen“ leitete.

YOGA AKTUELL: Viele Menschen in der modernen westlichen Welt tun sich sehr schwer damit, Entscheidungen zu treffen. Woher kommt das?
Leela Mata: Das betrifft nicht nur die westliche Welt, aber vielleicht diese doch ein wenig mehr, denn wir haben hier einfach zu viel Auswahl. Wenn ich ein Kleid kaufen will, und ich soll mir unter hunderten eines aussuchen, dann überfordert mich das, und ich gebe entweder auf oder kaufe zu viele davon. Dasselbe haben wir auch bei der Berufs- oder Partnerwahl.

Was macht das mit uns, wenn wir zu viel Auswahl haben?
Das führt zu Unentschlossenheit und Unzufriedenheit. Denn wenn man sich für eine Sache entscheidet, dann denkt man immer, dass das andere vielleicht besser gewesen wäre, und dadurch kann man keine vollkommene Zufriedenheit erreichen. So verbringen wir viel Zeit mit Entscheidungen, sind aber nicht wirklich zufrieden. Es bringt uns weder Freiheit noch ein gutes Gefühl. Und wir verbringen immer mehr Zeit mit Shopping, kommen dann mit vielen Dingen nach Hause. Und mit den meisten davon sind wir nicht wirklich glücklich.

Was ist mit den großen Entscheidungen des Lebens, da ist die Qual oft noch größer?
Der Grund, warum wir Angst vor den großen Entscheidungen haben, ist, dass wir mit den kleinen nicht effizient umgehen. Wenn wir uns um die kleinen Entscheidungen kümmern, dann wird sich der Weg für die großen Entscheidungen öffnen. Und dann sehen sie plötzlich gar nicht mehr so groß aus. Nur unser Geist lässt Entscheidungen groß aussehen. Eigentlich spielt es keine Rolle, ob am Ende ein Ja oder ein Nein steht. Aber wenn wir ängstlich sind und keine Klarheit haben, dann wird etwas wirklich groß und übermächtig. Sind wir hingegen in einem Zustand der Klarheit, dann ist das Problem schon nicht mehr so groß, und wir wissen ganz genau, welche Entscheidung wir treffen wollen.

Kann uns Hatha-Yoga dabei helfen, diesen Zustand der Klarheit zu erreichen?
Wenn wir Hatha-Yoga praktizieren, dann werden wir entspannter. Körper und Geist erreichen einen neuen Zustand. Und wenn wir die Entspannung erfahren, dann verflüchtigen sich Anspannung, Druck und die mentalen Konstrukte, und wir fühlen uns ein bisschen freier. In Freiheit können wir ganz leicht Entscheidungen treffen, denn dann haben wir nicht mehr das Gefühl, dass uns die ganze Welt zu einer Entscheidung drängen will. Wenn man mit dem Rücken gegen die Wand steht, kann man keine Entscheidungen treffen.

Ist es sinnvoll, sich in so einer Situation nach Führung oder Hilfe umzusehen?
Wir können Hilfe von älteren Menschen bekommen, die ihre Erfahrungen gemacht haben und das Leben ein wenig ent­spannter sehen. Manchmal ist es aber so, dass unsere Eltern dabei nicht so hilfreich sind, weil sie sich zu sehr um ihre Kinder sorgen. Ein Psychotherapeut wäre gut, aber er sollte einen gewissen spirituellen Hintergrund haben. Denn wenn man keinen spirituellen Hintergrund hat, kann man den Patienten kein größeres Bild ihres Lebens geben. Spirituelle Lehrer und Gurus können auch helfen, aber woran wir arbeiten müssen, ist, unseren inneren Guru zu erwecken. Doch auch das ist eine heikle Sache, denn es ist oft sehr schwer, die Stimme des inneren Guru von der des Ego zu unterscheiden. Und von dort kommen ja alle unsere Probleme.

Wie kann man die Stimmen des Ego und des inneren Guru unterscheiden?
Im Raja-Yoga haben wir die ethischen Verhaltensregeln Yama und Niyama. Zum Beispiel auch Ahimsa, die Gewaltlosigkeit. Wenn man Entscheidungen treffen muss, fragt man sich als Erstes: Wird dies jemanden verletzen? Ist irgendwie Gewalt involviert? Die­se kleinen Parameter helfen uns dabei, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Dann haben wir Satya, Wahrhaftigkeit. „Ist das wirklich wahr?“, diese Frage stellen wir uns. Wenn wir die Yamas und Niyamas berücksichtigen, kommen wir zu einer guten Lösung.

Man sagt auch, es gibt Kopfentscheidungen und Bauchentscheidungen. Was ist zu tun, wenn uns Kopf und Bauch oder Herz in verschiedene Richtungen ziehen?
Herz und Geist sollten zusammenspielen. Wenn sie zusammenkommen, dann entsteht Harmonie. Wenn sie getrennt funktionieren oder sich sogar bekämpfen, dann gibt es immer einen Missklang, dann gibt es keine Erfüllung, kein Glück und keinen Frieden. Dabei können Bhakti-Yoga und Karma-Yoga helfen. Durch Bhakti-Yoga lernen wir, unsere Gefühle zu harmonisieren, indem wir uns einem höheren Objekt, also Gott, zuwenden, so dass wir Mitgefühl, Hingabe und bedingungslose Liebe entwickeln. Durch Karma-Yoga lernen wir, Beständigkeit in den Geist zu bringen. Der Geist bleibt auf das fokussiert, was getan werden muss, statt von einem Objekt zum anderen zu flattern. Wir handeln für ein größeres Gutes und machen uns keine Sorgen um die Früchte unseres Handelns. Das ist das Hauptanliegen von Karma-Yoga. Das Geheimnis dabei ist: Wenn man sich nicht um die Früchte sorgt, dann kann man sich voll auf das Handeln konzentrieren. Dann gibt es zwangsläufig sehr gute Ergebnisse, denn das Handeln war konzentriert und voller Energie. Aber wenn man unsicher ist und zweifelt, dann ist die Energie nicht bei der Arbeit, und dann kann man definitiv nicht die besten Ergebnisse erzielen.

Wer sich nicht entscheiden kann, hat natürlich auch immer Angst vor falschen Entscheidungen. Wie falsch können Entscheidungen denn sein?
Man mag manchmal denken, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat, aber es war definitiv die bes­te Entscheidung, die man zu diesem Zeitpunkt treffen konnte, egal wie man jetzt darüber denkt. Egal, was das für eine Entscheidung war, sie bringt dich in eine gewisse Richtung. Und das heißt nicht, dass du diese Richtung weiterverfolgen musst, du kannst die Richtung zu jedem Zeitpunkt ändern. In jedem Augenblick kannst du eine Wahl treffen. Das Wichtige ist, dass du nicht festhängst, und das tust du, wenn du herumsitzt und dich immer fragst, ob das jetzt die richtige oder falsche Entscheidung war. Du handelst, indem du dich erst mal den kleinen Entscheidungen widmest. Wenn wir auf entschlossene Weise die kleinen Entscheidungen treffen, dann müssen wir vor den großen keine Angst haben.

Was passiert, wenn man Entscheidungen immer aus dem Weg geht oder sie aufschiebt?
Dann stagniert das Leben. Dann kommen wir nicht weiter, geschweige denn irgendwohin. Wir werden unglücklich, weil das Leben uns herumschubst. Und dann fragen wir uns, warum das Leben uns so unfair behandelt. Das Leben will uns nur sagen, dass wir uns bewegen müssen, etwas tun müssen. Das ist die Natur des Lebens, es ist nicht Stagnation.

Entscheidungen zu treffen und sofort aktiv zu werden, ist also das Geheimrezept?
Für mich bedeutet es auch, eins zu werden mit dem Willen des Universums, und dann ist die Handlung noch nicht einmal meine. Aber das ist eine andere Lektion aus dem Yoga, die man im Laufe der Zeit lernt: dass man wirklich richtig und wahrhaftig loslassen kann und ein Instrument wird.

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