Verbotene Liebe im Himalaya: Tiziana Stupia verliebte sich ausgerechnet in einen Swami. Wie aus der aussichtslosen Liebesgeschichte letztendlich ein Weg zur Selbstbefreiung wurde, erzählt sie in diesem Interview

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Unser Leben ist ein einziges Mysterium. Welchen Weg auch immer wir gehen, er führt uns zu uns selbst. Tiziana Stupia ließ mit 35 Jahren ihr altes Leben hinter sich und reiste um die Welt, um den Mann ihres Lebens zu finden. Ihre Reise schien mit einer Enttäuschung zu enden. Doch gerade als sie nach Hause zurückkehren will, begegnet sie ihrem Traummann, einem Mönch. In Bezug auf die große Liebe hat diese Geschichte kein Happy End, wohl aber dahingehend, dass Tiziana lernte, sich selbst mehr zu lieben.

Interview

YOGA AKTUELL: Kannst du dich dem Leser bitte in wenigen Sätzen vorstellen?

Tiziana Stupia: Ich bin in der Nähe von Frankfurt geboren, lebe aber seit fast 25 Jahren im Ausland. Ich habe lange in England gelebt und die letzten Jahre in Indien verbracht.

Was machst du in Indien?
Hauptsächlich mache ich Sadhana. Ich habe unter anderem Yoga, Feuerzeremonien und Kirtan studiert. Mein Guru befindet sich auch in Indien. Die letzten zwei Jahre habe ich dort größtenteils mit Meditation verbracht.

Dein Buch heißt „Meeting Shiva“. Was bedeutet der Titel?
Er hat verschiedene Hintergründe. Es geht um das Treffen mit dem eigenen männlichen Aspekt in mir selbst, mit Shiva in mir selbst. Auch im Äußeren. Das Buch erzählt von einer Liebesbeziehung, die ich mit einem hinduistischen Mönch im Himalaya geführt habe. Und Shiva ist der Gott des Yoga. Dieser Mönch war ein Anhänger Shivas.

Es geht um den männlichen Teil in dir selbst? Was genau meinst du?
Jeder Mensch hat zwei Aspekte in sich, den männlichen und den weiblichen. Im Yoga und allen anderen spirituellen Praktiken geht es darum, Shiva mit Shakti zu vereinigen, also den weiblichen Aspekt mit dem männlichen. Im Yoga wird die Kundalini-Shakti durch den Shushumna-Kanal nach oben geleitet und verbindet sich am Brahmarandhra, einem Punkt an der Fontanelle, mit dem unendlichen Bewusstsein, für das Shiva steht. Das ist gleichzusetzen mit der Erleuchtung.

Hast du diese Erfahrung gemacht?
Erleuchtet bin ich noch nicht (lacht). Leider nein. Natürlich gibt es immer wieder kurze Erlebnisse, aber zum vollständigen Erleuchtungszustand bin ich noch nicht gekommen.

Was haben diese kurzen Momente bei dir ausgelöst?
Hauptsächlich Bewusstsein. Viele von uns leben im Unbewussten, leben unbewusste Muster. Diese Momente, die ich auch im Buch beschreibe, haben mir, ausgelöst durch die Begegnung mit dem Mönch, viele Einsichten gebracht. Durch diese Momente kann ich die Dinge viel mehr sehen und annehmen, wie sie sind.

In der beschriebenen Liebesbeziehung spielt die Shiva-Energie auch eine wichtige Rolle – der Mönch als Anhänger Shivas, als Verkörperung des Männlichen. Was genau hat dir die Beziehung im Hinblick auf deine eigene Vereinigung von Shiva und Shakti gebracht?
Diese Beziehung hat mir viel Bewusstsein geschenkt. Es ging darum, dass ich, bevor ich diese Beziehung hatte, viele unbewusste Verhaltensmuster in mir trug, die mit meiner Beziehung zu Männern zu tun hatten. Diese Beziehung hat mir dabei geholfen, romantische Verbindungen ganz anders zu sehen. Die Beziehung hat mich als Mensch verändert, vor allen Dingen meine Sichtweise auf die Liebe und auf das Leben überhaupt.

Als Mensch? Wie genau?
Ich habe gemerkt, dass ich eine ganz neue Sichtweise auf mich selbst bekommen habe. Ich habe immer in Mustern gesteckt. Bis dahin hatte ich jede Beziehung in meinem Leben beendet. Ich habe immer gedacht, dass mit den anderen etwas nicht stimmt. Durch diese Begegnung aber habe ich dann erkannt, dass es mit mir selbst zu tun hatte. Es war ein Muster in mir, auf das ich so reagiert habe. Danach konnte ich mir dann auch ganz andere Beziehungspartner suchen, weil ich das unbewusste Muster nicht mehr bearbeiten musste. Ich konnte erkennen, dass ich bislang immer meine Bedürfnisse und Wünsche auf eine andere Person projiziert hatte. Was ich erkannt habe, war also diese Projektion. Seitdem brauche ich nicht mehr aus einem Mangel heraus mit einem anderen Menschen zusammen zu sein.

Als ich in dem Buch gelesen habe, dass du die Nichte eines katholischen Priesters bist, musste ich schmunzeln. Ich habe mich gefragt, ob diese Liebe zu dem indischen Mönch systemisch bedingt war.
Mein Priesteronkel hat mich als Kind bereits sehr beeinflusst. Ich war eine der ersten Messdienerinnen Deutschlands. Schon als Kind war ich sehr interessiert an Spiritualität und wollte deshalb unbedingt Messdienerin werden. Aber mein Onkel war dagegen, weil das nur für Männer bestimmt war. Ich habe jedoch so lange insistiert, bis er meinem Willen nachgegeben hat.
Ob die Liebe zu dem Mönch etwas damit zu tun hatte, ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass es eher mein spiritueller Weg war, der mich sehr geprägt hat.

Es ist auch in katholischen Kirchen viel Heimliches passiert, dahingehend, dass Priester Freundinnen hatten, Kinder missbraucht haben und dass Nonnen abgetrieben haben. Auch deine Beziehung mit dem Mönch war heimlich. Es scheint, als ließe sich die Sexualität einfach nicht vom Menschen abspalten, sondern dass sie gelebt oder zumindest beachtet werden will, oder?
Durch die Begegnung mit dem Mönch habe ich diesbezüglich viel verstanden. Dazu muss man erst einmal wissen, dass in Indien nicht alle Leute aus spirituellen Gründen in einen Ashram gehen. Es ist vielmehr eine gesicherte Position. Es gibt so viel Armut in Indien, und so viele Menschen leben in Slums. Wenn sie aber Swami werden, dann werden ihnen die Füße geküsst. Sie bekommen kostenloses Essen. Sogar die Frauen laufen ihnen hinterher. Das ist natürlich attraktiv für jemanden, der aus sehr armen Verhältnissen kommt. Es sind natürlich nicht alle Swamis so, aber ich habe es sehr oft beobachtet. Viele Frauen himmeln die Swamis richtig an. Die Frauen glauben, dass Swamis per se yogische Kräfte besitzen und heilig sind. Sie haben natürlich häufig Charisma, und gleichzeitig sind es nur Männer (lacht). Auch wenn sie als Swami leben. Das ist natürlich sehr schwierig für einen solchen Menschen, wenn der eigene Charakter noch nicht genügend ausgeprägt ist, um dem zu widerstehen. Ganz besonders, wenn man die yogischen Praktiken der sexuellen Sublimation nicht gelernt hat.

Sind es also auch indische Frauen, die sich zu den Swamis hingezogen fühlen, oder verlieben sich in erster Linie solche Frauen aus dem Westen in sie, die mit einer leicht rosaroten Brille nach Indien fahren und Land und Leute sowieso verherrlichen?
Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen (lacht). Als ich das erste Mal nach Indien gefahren bin, war ich sehr naiv. Ich dachte mir, dass alles toll ist. Ich war vollkommen beeindruckt und habe gedacht, dass alle sehr spirituell sind. Als ich den Protagonisten aus meinem Buch getroffen habe, dachte ich mir: Endlich mal ein spiritueller, bodenständiger Mann! Er setzt sich für die Gesellschaft ein. Durch die Liebesbeziehung hatte ich die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen, und habe gesehen, dass es ganz anders verläuft, als wir es uns vorstellen. Die Frauen, die nach Indien fahren und die Swamis kennenlernen, sind so fasziniert, dass die Swamis dies oft ausnutzen. Davon abgesehen, hat es die westliche Frau auch schwer, wenn sie nach Indien fährt. Man wird viel belästigt als Frau aus dem Westen. Nicht überall, im Himalaya nicht, aber in Rishikesh oder in Delhi oder anderen Großstädten und Touristenzentren. Manchmal sind die Frauen in meinen Augen auch mitverantwortlich, denn viele wissen einfach nicht, wie man sich in Indien kleiden muss, weil die Kultur dort noch vollkommen anders ist. Manche Frauen laufen dort im Minirock herum, was dort eigentlich nicht akzeptiert ist und was dann zu Belästigungen führen kann. Aber man wird auch ohne Minirock öfters belästigt, da das Bild über die sexuelle Freizügigkeit der westlichen Frauen ziemlich verzerrt sein kann.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht im Detail auf den Inhalt des Buches eingehen, weil es ja sehr spannend ist und ich da nicht alles vorwegnehmen möchte. Gleichzeitig ist natürlich manchmal die Frage: Wer verführt wen? Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich – auch hier in Deutschland – sehe, wie sexuell provozierend Frauen sich manchmal männlichen Yogalehrern, Swamis und Gurus gegenüber verhalten.
Ich erlebe das in der Yogawelt auch immer wieder. Natürlich sollte man als Yogalehrer kein Verhältnis mit einer Schülerin eingehen. Gleichzeitig sind wir alle nur Menschen, und es ist für beide Seiten manchmal sehr schwierig, mit dem Mann-Frau-Verhältnis umzugehen.

Ist es ein Buch von einer Frau für andere Frauen?
Nein, eigentlich nicht. Es kommen viele Männer in meine Lesungen und lesen das Buch auch. Ich glaube, dass es Männern helfen kann, die weibliche Psyche besser zu verstehen. Es geht um Beziehungsmuster zwischen Männern und Frauen. Und diese besser zu verstehen, kann beiden helfen.

Trotzdem würde ich dich bitten, noch einen Rat für Frauen auszusprechen, die sich sexuell so sehr von einem Lehrer, Guru oder Swami angezogen fühlen.
Man sollte sich als Frau schon genau fragen, was es eigentlich ist, das man so anziehend findet. Es ist ja ähnlich, als wenn man einen Rockstar oder einen Lehrer anhimmelt. Ist es mehr der Status, in den man sich verliebt hat? Ich habe in den letzten Jahren viele Swamis kennengelernt, die eine Freundin haben. Sie sollten sich fragen, wie das vereinbar ist – auch für den Swami.

Ich glaube, dass wir uns in der psychischen und sozialen Struktur doch sehr unterscheiden. Ist es überhaupt ratsam, nach Indien zu gehen, um dort einen spirituellen Lehrer zu suchen? Ist es nicht besser, hier zu schauen, ob uns jemand auf dem Weg helfen kann?
Jein. Ich habe viel gelernt und viele gute Lehrer kennengelernt. Allerdings ist die Denkweise so unterschiedlich, dass wir uns oft missverstehen. Man muss nicht nach Indien fahren, um die Erleuchtung zu erlangen. Auch hier gibt es viele gute spirituelle Lehrer. Für viele mag es richtig sein, für andere ist es nicht notwendig.

Ich gehe noch einen Schritt weiter, um den Kreis zu schließen. Brauchen wir überhaupt einen Lehrer?
Die Frage hört man immer wieder. Natürlich kann man auch alleine erwachen, und das passiert auch immer wieder. Aber ich vergleiche es mit einer Bergwanderung. Wenn du den Mount Everest mit einem erfahrenen Bergführer erklimmst, tust du dir leichter, und es geht schneller. Genauso sehe ich es mit dem spirituellen Weg. Mit einem Lehrer kommt man in gewisser Weise schneller zum Ziel (lacht).

Herzlichen Dank für das Interview!

Info

www.tizianastupia.com

Zum Weiterlesen:
Tiziana Stupia: Meeting Shiva. Mein Weg von der Liebe ins Erwachen, Verlag Neue Erde 2015Anzeige