Die blinde Sängerin Joana Zimmer ist ausgebildete Yogalehrerin. Wie sie Yoga erlebt, was ihren Unterricht charakterisiert und was sie zur Zeit musikalisch bewegt, verrät die jüngst als Let’s-Dance-Kandidatin vielbewunderte Sängerin im YOGA-AKTUELL-Interview

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Joana Zimmer wurde 1982 in Freiburg im Breisgau geboren. Schon mit 15 Jahren trat sie in diversen Jazzclubs auf. Mit Hilfe von selbst gespartem Geld nahm die von Geburt an blinde Sängerin dann ein Demoband auf, mit dem sie sich bei Plattenfirmen bewarb. Sie wurde bei Universal Music unter Vertrag genommen. Im Frühjahr 2005 kam mit „I Believe“ ihre Debüt-Single heraus, es folgten mehrere Alben. Renommierte Songschreiber schreiben für Joana Texte, unter anderem Desmond Child, Rick Nowels, Marjorie Maye & Andy Marvel, Richard „Biff“ Stanard und Alex Geringas. Joana Zimmer arbeitete schon als Model, als Botschafterin der Christoffel-Blindenmission, als Schauspielerin in der Telenovela „Rote Rosen“, und sie nahm an einem Marathon teil. Bei der Tanzshow „Let‘s Dance“ war sie vor kurzem im TV zu sehen. Seit Neuestem gibt sie auch Yoga-Unterricht. Die Besonderheit: Joana unterrichtet im Dunklen. „Mir ist wichtig, dass die Menschen sich auf ihr inneres Auge konzentrieren“, sagt die vielseitige 29-Jährige. Dies wird durch den Unterricht im Dunklen gefördert. Wie Joana Yoga empfindet, was ihr beim Unterrichten wichtig ist und wie sich ihr kreatives Schaffen als Musikerin gestaltet, erzählte sie im Gespräch mit YOGA AKTUELL.

YOGA AKTUELL: Wann und wo hast du zum ersten Mal Yoga gemacht?
Joana Zimmer: In einem Fitness-Studio. Ich rechnete nicht damit, dass es mir sehr viel geben würde. Ich bin ein  Mensch, der gern schnelle, dynamische Bewegungen macht, nicht viel Geduld hat. Wie überrascht war ich dann, als ich zum ersten Mal einen so tollen Yogakurs besuchte! Der sogenannte Flow des dynamischen Yoga hat mich unglaublich entspannt und gleichzeitig ausgepowert. Genau die richtige Mischung.

Wie war die Lehrerin?
Die Lehrerin war großartig. Sie ruhte total in sich und war gleichzeitig anspruchsvoll und einfühlsam.

Was hat Yoga dir persönlich gebracht?
Ich empfinde Yoga als eine wunderbare Möglichkeit, seine eigene innere Balance zu entdecken und zu vertiefen. Gleichzeitig geht es darum, auf das innere Auge zu hören. Im sogenannten „minds eye“ entstehen die Bilder der einzelnen Asanas. Und gleichzeitig ist die Abfolge und die damit verbundene Möglichkeit, alle Zellen in Sauerstoff zu baden, eine sehr meditative Erfahrung. Ich meditiere, ehrlich gesagt, nicht. Ich ziehe Nutzen aus den Übungen selbst, aus dem Fluss, der dabei entsteht. Dabei brauche ich nicht zu sehen, wie die Übungen aussehen, wenn ich sie einmal verstanden habe. Und es geht nicht um das Erfolgserlebnis, die Beine hinter dem Kopf verschränken zu können. Es geht darum, immer wieder zu praktizieren, geduldig und liebevoll mit sich selbst umzugehen und nicht in Konkurrenz mit anderen zu treten. Spiegel gehören nicht in einen Yogaraum.

Was war die größte Hürde als Nicht-Sehende?
Wir haben viel Partnerarbeit gemacht, und meine Partnerin war super. Somit gab es eigentlich kaum spezielle Hürden. Das Schöne am Yoga ist, dass es konsequente Abläufe gibt, die erlernt werden. Es war sehr strikt, wie in einer Uni … (lacht). Sehr diszipliniert. Das hat mir gefallen und den Unterricht sehr „übersichtlich“ gemacht.

Welche Stile sprechen dich an?
Ich habe verschiedene Yogastilrichtungen ausprobiert, und Ashtanga ist mir die liebs­te. Ich fühle mich da einfach zuhause. Ich kann abschalten und gehe die Asanas durch, nach anderthalb Stunden fühle ich mich fit und entspannt. Der gesamte Körper wird dabei gedehnt und gekräftigt. Da wird einfach alles abgedeckt, und es ist gesünder als eine zu einseitige Belastung.

Für wen findest du Yoga geeignet?
Meine Lehrer sagen, Yoga ist für jeden Menschen geeignet, ob alt oder jung. Es ist nur wichtig, seine Grenzen zu kennen und wirklich nur das zu tun, was einem guttut. Daher ist eine Anleitung auch sehr hilfreich.

Warum hast du dich entschlossen, eine Yogalehrer-Ausbildung zu machen?
Ich wollte gern tiefer in die Bedeutung und vor allem in die Asanas selbst eindringen. Bei David Swenson hatte ich das Gefühl, dass ich viel lernen würde. Über sechs Monate freute ich mich jeden Tag auf diese intensive Zeit. Sie bestand aus intensiven Kursen und einer Prüfung am Ende. Meine tolle Yogalehrerin Angi Jauernig brachte mich auf diese Idee. Es war eine große Herausforderung für mich, in einem Raum mit über 100 Menschen zu lernen. Aber es war eine ganz tolle Erfahrung.

Wie sah diese Ausbildung aus?
Niemand stach bei diesem Kurs heraus, wurde bevorzugt behandelt. Wir alle waren eine Einheit. David war sehr umsichtig und hatte ein sehr gutes Gefühl für alle seine Schüler. Er verblüffte uns am ersten Tag damit, dass er am Ende des Tages alle Schüler beim Namen nennen konnte. Ohne eine Liste zu Rate zu ziehen.

Was macht deinen Unterricht aus?
Ich finde es spannend, im Dunklen zu unterrichten. Dadurch lernt man, nicht das Ego in den Vordergrund zu stellen, sondern die Haltungen. Vor allem läuft es über das Erklären ab. So wie ich eine Yogastunde erlebe, so erleben es auch andere bei mir. Es ist wichtig, gut zu erklären. Ich habe selbst auch Yogalehrer, die nicht ständig etwas vormachen. Ich könnte das natürlich tun, aber mir ist wichtig, dass sich die Menschen auf ihr inneres Auge konzentrieren und auf ihren Körper hören.

Was kennzeichnet einen guten Yogalehrer?
Ich denke, dass ein guter Yogalehrer eher eine spirituelle Einstellung denn eine sportliche haben sollte, wenn er Yoga unterrichtet. Es ist sehr wichtig, einem Schüler in einer Yogapose zu assistieren, ohne ihn in dieselbe zu drücken, so dass er oder sie sich verletzen könnte. Der Lehrer oder die Lehrerin sollte ein gutes Gefühl für die Grenzen der Schüler haben und sie mit Feingefühl und gleichzeitig mit Bestimmtheit erweitern. Ein Yogalehrer trägt sehr viel Verantwortung, da er den Schüler in seinem eigenen Körpergefühl unterstützen sollte, um ihm gleichzeitig zu zeigen, dass noch mehr möglich ist, als er vielleicht denkt.

Was hältst du vom Chanting?
Ich finde es angenehm, aber nicht zwingend notwendig.

Welche Musik hörst du zur Zeit gerne?
Die Songs von Burt Bacharach.

Welches deiner Alben ist dir besonders wichtig?
Mein neues Album „Not looking back“ ist das bisher innigste und persönlichste Album. Viele der Songs handeln von Träumen, von der Möglichkeit, zu fliegen und alles zu erreichen, was man sich vornimmt. Selbst wenn es nicht immer gelingt, ist es besser, als es nicht zu probieren.

Wie entsteht ein neues Album?
Bei einem neuen Album setze ich mich vor allem mit meinen Songschreibern und Produzenten zusammen. Ich habe meist selbst Einpassungsideen und bereite Texte vor. Wir arbeiten dann daran, Text und Melodie zusammenzuführen. Das ist ein sehr schöner und kreativer Prozess. Aber ich suche auch nach Liedern, die es schon gibt und die mir gut stehen. Lieder sind für mich wie aufregende Kleider: manche passen, und man sieht darin wie neu aus und kann das Kleid ausfüllen, manche nicht.

Warum hast du bei „Let’s Dance“ mitgemacht?
„Let’s Dance“ bot eine Möglichkeit, Choreographien zu erlernen und Bilder von Tänzen in mir entstehen zu lassen. Das war ein Hauptgewinn und hat riesig Spaß gemacht. Auch Yoga hilft mir sehr dabei, an meiner Balance zu arbeiten. Das gilt vor allem für die Lateinamerikanischen Tänze, die mir im Gegensatz zu den Standardtänzen, wie zum Beispiel dem langsamen Walzer, noch schwerfallen.

Noch mal zurück zum Yoga: Was sagst du zum derzeitigen Hype, der um Yoga gemacht wird?
Ich hörte schon vor 20 Jahren in der Schule vom Sonnengruß, da ein Kurs angeboten wurde. Ich habe das auch ausprobiert, damals hat es mir aber noch nicht allzu viel vermittelt. Aber Yoga ist schon sehr lange ein Begriff für mich. Es freut mich, dass durch den so genannten Trend des Yoga noch mehr Menschen davon profitieren können. Doch trotz aller Trends ist es wichtig zu verstehen, dass Yoga eine sehr alte Methode der Heilung beinhaltet, die nichts mit einem Hype zu tun hat.

Vielen Dank für das Interview!

 

Infos

Internet: www.joanazimmer.com

f5db2169e83da1ea273feb1b6ed1cf3fDirk Engelhardt, geboren 1967 in Göttingen, studierte Publizistik und Amerikanistik an der FU Berlin. Von 1993 bis 2008 arbeitete er als freier Journalist in Berlin für verschiedene Magazine und Zeitungen, darunter die Zeit, die FAZ, die Welt und die NZZ. 2009 verlegte er seinen Wohnsitz nach Barcelona. Er berichtet weiterhin über Reise, Gastronomie und Lifestyle für deutsche Medien. Seit 2002, nach dem ersten Kursus „Hatha-Yoga für Anfänger“ der Volkshochschule Berlin-Wilmersdorf, praktiziert er begeistert Yoga. Internet: www.dirkengelhardt.infoAnzeige