Chameli Ardagh hat mit „Awakening Women” ein Netzwerk für weibliche Spiritualität geschaffen, das immer mehr Frauen anzieht. Im Rahmen eines Retreats hatten wir Gelegenheit, die charismatische Lehrerin zu fragen, was es bedeutet, diesen Weg zum Erwachen zu gehen, und warum uns Hingabe stärker macht

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Chameli Ardagh ist eine der Pionierinnen zeitgemäßer weiblicher Spiritualität. Durch ihre zutiefst transformierenden Methoden, weibliche Kraft zu leben und wieder mit Leib und Seele anzunehmen, hat sie weltweit Tausende von Frauen inspiriert. Sie wird ganz besonders für ihre leidenschaftliche Liebe zur Mythologie und zum Geschichtenerzählen geschätzt, die sie als Unterrichtsmethode einsetzt, um die versteckten Stärken und die Schönheit der Weiblichkeit wieder zum Strahlen zu bringen.

Interview

YOGA AKTUELL: Du hast Erfahrung mit verschiedenen spirituellen Traditionen. Wie hast du deinen individuellen Weg gefunden, und wie sieht die spirituelle Praxis heute aus?

Chameli Ardagh: Mein ganzes Erwachsenenleben lang war ich auf dem spirituellen Weg. Ich habe bei verschiedenen Lehrern studiert, meditiert, Yoga geübt, bin durch therapeutische Prozesse gegangen. All das hat dazu geführt, dass ich eine Dimension von mir selbst entdeckt habe, die frei, voller Liebe und ohne Begrenzungen ist. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass es einfach war, Zugang zu dieser Dimension zu finden, wenn ich still saß und meine Augen geschlossen hielt – aber sobald ich in meinen Alltag als Frau zurückkehrte, kamen die alten Angewohnheiten zurück. Ich fühlte mich innerlich gespalten. Und dann realisierte ich, dass der Weg, dem ich folgte, von Männern für Männer entwickelt worden war. Sehr oft lebten diese im Kloster und praktizierten unter besonderen Bedingungen. Sie mussten sich nicht mit Beziehungen, Arbeit oder Geld auseinandersetzen. Mir wurde klar, dass diese Praktiken wenig mit den Herausforderungen und Möglichkeiten einer modernen Frau zu tun haben. Von da an beschäftigte mich vor allem die Frage: Wie kann unser Erwachen gelebt werden – in unserem Körper, innerhalb eines menschlichen Lebens?

Viele spirituelle Pfade führen uns zur Formlosigkeit: Wir sind gefangen in unserem Körper, in der Materie – und wir befreien uns durch unsere Praxis von dieser Form. Für viele Traditionen liegt darin das Ziel. Auf dem Weg, den ich mit den Frauen von Awakening Women gehe, ist das erst der Anfang! Wir erforschen, wie unser erwachtes Bewusstsein durch die Form unseres Körpers gelebt werden kann. Denn wenn Form und Formlosigkeit letztlich eins sind, dann gibt es keine Trennung. Wir lehnen Gefühle, physische Empfindungen und Gedanken nicht ab, sondern verstehen sie als Portale, die zum Erwachen führen. So tauchen wir z.B. tief in ein Gefühl ein, nehmen es vollständig wahr – seine Vibration, seinen „Geschmack“, seine Intensität – und folgen dann der Energie dieses Gefühls bis an ihre Quelle – die Quelle von allem.

Genau wie beim ruhigen Sitzen mit geschlossenen Augen erhalten wir Zugang zum Erwachen – nur dass unsere Praxis nicht gewisse Teile von uns ausschließt. Häufig sind dies ja genau jene Teile von uns, die wir als weiblich bezeichnen. Daher kämpfen Frauen oft gegen ihre Natur. Sie versuchen, manche Gefühle loszuwerden, und jagen anderen hinterher. Aber unsere Gefühle sind kein Problem, das gelöst werden muss – sie sind Teil unserer Lebensenergie. Wenn wir anerkennen, dass das Leben sich ständig bewegt und verändert – manchmal ist es furchtbar, manchmal wundervoll –, dann können wir immer „zuhause“ sein, ganz gleich, was wir fühlen.

Üblicherweise gibt es klare Regeln für die Praxis. Wie arbeitest du mit Gefühlen, und sieht die Praxis dann nicht jeden Tag anders aus?
Ich praktiziere überwiegend innerhalb des „Yogini Circle“. Für mich ist der Frauenkreis ein Feld, das schon immer da war und das wir immer wieder neu erschaffen. Gemeinsam gehen wir den Weg über den weiblichen Körper, der für uns der direkteste zum erwachten Bewusstsein ist. Wir tun das z.B., indem wir bewusst Kontakt zu physischen Empfindungen und subtilen Formen der Energie aufnehmen, die im Körper präsent sind. Das ist eine große Herausforderung, denn über Jahrhunderte wurde uns beigebracht, uns überwiegend im geistigen Bereich aufzuhalten. So kommen wir auch wieder in Kontakt mit den emotionalen „Frequenzen“, all den verschiedenen Ausdrucksformen von Shakti-Energie. Nach und nach entwickeln wir eine größere Kapazität, auch mit intensiveren Gefühlen präsent zu bleiben, und müssen nicht flüchten oder uns bemühen, gewisse Gefühle zu vermeiden …

… oder sofort reagieren.
Genau. Denn wo starke Erfahrungen sind, da ist auch starke Shakti-Energie, und damit ein großes Potenzial für das Erwachen. Wenn wir lernen, die Energie zu fühlen – ohne die Geschichte rundherum –, dann wird das Gefühl sich, so wie es gekommen ist, auch wieder auflösen.

Das heißt, auch negative Gefühle können die Tür zum Göttlichen öffnen?
Ja, denn alles kommt aus der gleichen Quelle. Es handelt sich nur um verschiedene Ausdrucksformen der gleichen Energie. Es geht weniger um positiv oder negativ – sondern um die Frage, ob wir Widerstand leisten. Daraus können negative Konsequenzen resultieren, z.B. wenn wir nicht die Kapazität haben, um Ärger Raum zu geben. Ein weiteres Beispiel ist das Gefühl der Unzulänglichkeit. Ein schreckliches Gefühl, dem wir meist mit Widerstand begegnen. Dann kann das Gefühl aber nicht – wie eine Welle – kommen und gehen, sondern es „gefriert“, wird zu einem Eiswürfel (um beim Bild des Wassers zu bleiben). Weil das unangenehm ist, beginnen wir zu handeln: Wir wollen beweisen, dass wir gut genug sind. Aber damit kreieren wir nur eine weitere feste Form. Wir beginnen in einer Welt voller Eiswürfel zu leben: „Ich bin das, und das bin ich nicht.“ So kreieren wir eine feste Identität in einem ansonsten fließenden Universum. Als Konsequenz davon fühlen wir uns getrennt.

Auch der spirituelle Weg kann zu einem Eiswürfel werden. „Ich bin spirituell. Ich bin immer mitfühlend.“ Der einzige Unterschied ist, dass es jetzt nach Patchouli duftet (lacht). Und immer noch ist diese Identität zu klein für uns. Auf dem Weg, den wir mit Awakening Women gehen, versuchen wir, keine weiteren Eiswürfel zu produzieren. Man lernt bei uns nicht, eine perfekte Frau zu sein. Wir erzeugen spirituelle Hitze, die das Eis zum Schmelzen bringt. Und wir tun das, indem wir den Widerstand aufgeben. Zum Beispiel erlauben wir nun dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, das wir ein Leben lang vermeiden wollten, ganz da zu sein. Innerhalb des Frauenkreises kannst du in seine Energie hineingehen, es seine volle Stärke entfalten lassen und dich dann von ihm zurück zur Quelle bringen lassen.

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