Und wenn die Bereitschaft da ist, über den Körper hinaus zu gehen?

Ja, durch tantrische Praktiken ist es möglich, die Shakti als weit über den Körper hinausgehend zu erfahren, möglicherweise sogar so weit, dass es keine Grenzen mehr zu geben scheint, aber das ist eben nur eine Erfahrung. Es geht jedoch letztlich nicht um Erfahrungen, denn die sind zeitlich und räumlich begrenzt. Wir können viele Einheitserfahrungen auf dem Weg machen. Jeder ganz normale Orgasmus ist ja auch eine Einheitserfahrung. Aber damit ist der Quell des Leidens, der im Ich-Gedanken liegt, nicht ausgelöscht.

In der Sexualität, so ist meine Erfahrung, spiegelt sich der Geist. Ich kann in der Art und Weise, wie der Körper agiert und empfindet, die Strukturen des Geistes erkennen. Und das kann als ein Erforschungsraum dienen, um z.B. beginnend mit der Sexualität zu erforschen, wie überhaupt Trennung erzeugt wird in diesem Geist, wenn an den Einheitserfahrungen nicht festgehalten wird.

Sexualität kann ein Mittel zur Erforschung des Geistes sein. Das kann ich bestätigen. Doch diese Erforschung hat ihre Grenzen. Die tiefste Innenschau ist nur auf dem Weg der Stille möglich. Und um diese innere Versenkung zu erlangen, ist es notwendig, dass jede Form von äußerer Bewegungsenergie zur Ruhe kommt. Jede Form der körperlichen Bewegung ist vom höchsten Standpunkt aus betrachtet eine Ablenkung im Moment der Kontemplation. Wenn du Texte von christlichen Mystikern liest, so findest du immer wieder den gleichen Hinweis auf körperliche Muße, auf stilles Sitzen, eine Betonung innerer und äußerer Stille, um Gott in Empfang zu nehmen.
“Viel eher wird dir Gott, wenn du ganz müßig sitzt, als wenn du nach ihm laufst, dass Leib und Seele schwitzt.“ Angelus Silesius (1624-1677)

Und du selbst weißt vermutlich aus eigener Erfahrung, dass Selbsterforschung beispielsweise beim Sex oder beim Tanzen oder beim Sport nicht auf die gleiche Weise möglich ist, wie in einem auch äußerlich stillen, regungslosen Raum, der die Kontemplation fördert.

Natürlich ist es die höchste Verwirklichung, wenn der Zustand der Selbstversenkung dauerhaft und unwiederbringlich erlangt ist, unabhängig von äußeren Bedingungen, auf dem Marktplatz genauso wie im Kloster. Aber für den Menschen auf dem inneren Weg ist es nicht gleichgültig, ob er sich zur Selbsterforschung in einer Diskothek aufhält, Sport treibt, Sex hat, oder ob er in äußerer Stille in einem Raum, der Konzentration fördert, Innenschau betreibt.

Der Körper ist das grobstoffliche Ich, die Phänomene dieser Welt sind grob im Vergleich zur feinstofflichen Welt des geistigen Ich, die den Ursprung allen Leidens in der Welt in sich trägt. Die innere Aufmerksamkeit kann diesen feinstofflichen Phänomenen des Geistes, also Gedanken, die für das Leiden verantwortlich sind, nur mit äußerster Feinheit begegnen, die dadurch gefördert wird, dass der Körper mit seinen Empfindungen in den Hintergrund tritt. Durch freigesetzte Bewegungsenergie wird die Shakti des Körpers in ein loderndes Feuer verwandelt. Das kann eine wertvolle Erfahrung von Kraft und möglicher Ausdehnung von Shakti sein, aber es ist nicht der Zustand, der die feinste innere Wahrnehmung fördert. Vielmehr wird der innere Raum von starken Sinneseindrücken überflutet, was die innere Aufmerksamkeit stark vergröbert. Um die feinste innere Wahrnehmung zu fördern, muss jedes lodernde Feuer zur Ruhe kommen, so dass nur noch die Glut da ist. Die Glut ist still und fein und in dieser inneren stillen Kraft der Glut ist feinste Innenschau möglich, das Bezeugen eines aufsteigenden Ich-Gedankens und das Bezeugen des Absteigens dieses Gedankens.

Auf dem inneren Weg erfahren wir immer wieder diese Polarität von „in die Welt hineingehen“ und „aus der Welt zurücktreten“. Wir leben in der Welt, gehen dort unserer Arbeit, wie auch Vergnügungen nach und sind so starken Sinneseindrücken ausgesetzt. Das ist natürlich und kann auch für Menschen, die nach vollständiger Befreiung suchen, nicht falsch sein. Aber wir müssen Räume schaffen, die innere Stille fördern und nähren. Räume, welche die Aufmerksamkeit nicht zwangsläufig auf die lodernden Flammen an der Oberfläche richten, sondern sie auf die Glut im Innersten des Feuers lenken. Und die ist still.

Was sind die größten Fallen für diejenigen, die eine Liebesbeziehung als Herausforderung sehen, über sich hinaus zu wachsen?

Die Liebe zwischen Mann und Frau ist in der abendländischen Kultur durch grundlegende Missverständnisse ins Leiden geführt worden, die sich in ihren Wurzeln im Konzept der romantischen Liebe wiederfinden. Auch der in Kreisen des New Age gehegte Traum eines „Seelenpartners“ ist ein Mythos, der auf Träumereien der romantischen Liebe beruht. Um diese leidvollen Irrtümer über die Liebe kenntlich zu machen, nutze ich den Mythos von Tristan und Isolde. Die Romantisierung der Liebesbeziehung ist eine Form geistiger Verklärung, die im Mythos von Tristan und Isolde durch das Trinken eines magischen Trankes symbolisiert wird, der die Liebenden in einen Rausch versetzt. Und dieser Rausch ist nicht auf den ersten Blick als ein Leidensrausch zu erkennen, die Droge erzeugt vielmehr zunächst einen ekstatischen Glücksrausch, in dem die unerfüllte Sehnsucht eine große Rolle spielt. Doch dann kommt unweigerlich der Moment, in dem dieser Rausch zu Ende geht … Und jeder, der wirklich von der Liebe lernen und so über die Liebe wissen will, muss durch diesen Entzug, diese Ernüchterung hindurch, die immer auch eine Desillusionierung ist. In dieser Phase entdecken die Partner egoistische Motive, die die eigentlich reine Liebe zum anderen überlagern …

… das heißt, die Liebe zwischen Mann und Frau ist ihrem Wesen nach rein …

Ja, es gibt eine natürliche Anziehung zwischen Mann und Frau, die ich körperlich als biologischen Imperativ bezeichnet habe. Seelisch ist diese Anziehung nichts als die reine Liebe und die Liebe ist ihrem Wesen nach immer rein und unschuldig. Nur wird sie dann leider durch Unwissenheit vom Ich und seinen Vorstellungen, die alle kollektiven Ursprungs sind, in Beschlag genommen und für seine Zwecke missdeutet.
Wie oft machen Mann und Frau diese Erfahrung, dass sie sich in reiner Liebe angezogen fühlen, unschuldig, frei und leicht? Dann ist es eine Frage der Zeit, bis diese Tendenzen nach der Liebe greifen und sie verunreinigen. Wie bereits als Beispiele genannt, die Angst vor dem Alleinsein, die Angst vor dem Verlassenwerden, oder auch die Angst, die eigene Unabhängigkeit zu verlieren, Eifersucht usw.

Um den Tendenzen des Geistes und den damit verbundenen Fallen bewusst zu begegnen, braucht es nicht nur Ehrlichkeit, es braucht eine Leidenschaft für die Wahrheit, die größer sein muss als die Liebe zu diesem einen Partner. Damit wird die persönliche Liebe nicht in Frage gestellt, vielmehr ist sie integriert und die eigentlich unpersönliche Dimension der inneren Begegnung mit Wahrheit und Liebe wird berührt. Selbst die persönliche Liebe zu diesem Liebespartner ist ihrem Wesen nach unpersönlich. Als ich im Jahre 1991 mit Gangaji in Österreich war, hörte ich von ihr: „Für mich ist es gleichgültig, mit welchem Mann ich zusammen bin.“ Und ich verstand damals nicht genau, wie sie das meinte. Erst einige Zeit später eröffnete sich mir dieses Wesen der Liebe in seiner allumfassenden, unpersönlichen Natur.

Im Grunde braucht es beide Partner, die das erkennen.

Wenn nur ein Partner in einer Liebesbeziehung auf dem inneren Weg ist, dann kommt es früher oder später ohnehin zur Trennung. Das ist unabwendbar. Die Möglichkeit, die Mann und Frau als gegenseitigen Wegbegleitern auf dem inneren Weg gegeben ist, besteht darin, dass sie beide sich selbst gegenüber das Gelübde ablegen, dass sie in jedem Fall die Wahrheit höher schätzen als das äußere Festhalten aneinander und unter dieser Prämisse können sie dann füreinander mitfühlende Wegbegleiter auf dem inneren Weg sein. So lange wie der Weg es eben vorgibt. Auf diese Weise können sie sich gegenseitig in ihrer Selbsterforschung unterstützen und in Liebe begleiten.

Wenn ich den Partner als jemanden schätze, der mich nicht entkommen lässt, wenn ich diese Unausweichlichkeit wirklich nutze, erfüllt sich ein Sehnen, was ich in Bezug auf mich selbst habe: Vor mir nicht mehr auszuweichen.

Jede Frau hat in der Tiefe den Wunsch, bildlich gesprochen, angebunden zu werden. Dass der Mann sie nimmt und hält – mit allem, was in ihr ist. Wie ich schon sagte, ist die Bindung eine natürliche Eigenschaft des Weiblichen und die Frau ist die menschliche Repräsentanz des Weiblichen auf Erden. Angstvolle Vorstellungen, die in ihrem Geiste leben, halten das für Freiheitsberaubung. Wenn sie sich wirklich darauf einlässt, macht sie jedoch unerwarteterweise nicht die Erfahrung von Einengung, sondern von innerer Weite. Für die weibliche Seele des Mannes gilt das Gleiche. Liebe engt niemals ein. Wenn sie in ihren beiden Spielarten von Bindung und Freiheit verwirklicht ist, dann trinken Mann und Frau gemeinsam aus diesem Kelch, dessen Inhalt nie zur Neige geht, weil er ewig nachgefüllt wird.

Vielen Dank für das Interview.

Mehr Info: www.om-c-parkin.de

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