Mit Biff Mithoefer Yin Yoga zu üben, ist eine ganz besondere Erfahrung: In seinen Stunden nimmt er die Schüler mit auf eine poetische und zutiefst heilsame Reise. Wir haben mit ihm über Yin Yoga, die Wurzeln seines Unterrichtsstils und die Akzeptanz der eigenen Wahrheit gesprochen

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

YOGA AKTUELL: Wie hast du zum Yin Yoga gefunden? Hast du davor auch yang-orientierte Stile geübt?

Biff Mithoefer: Ich bin ausgebildeter Vinyasa-Lehrer und habe auch das Chakra-System und Yogaphilosophie unterrichtet. Nach und nach ist mein Unterricht immer langsamer geworden. Als ich einen Workshop von Paul Grilley besucht habe, konnte ich feststellen, dass Yin Yoga mir eine Möglichkeit gibt, meine Praxis mit dem zu verbinden, was ich sonst noch über mein Dasein in der Welt erkannt habe.

Als ich dann bei schamanischen Lehrern in Peru und an verschiedenen anderen Orten studierte, veränderte sich meine Praxis noch weiter. Ich fing an, mit Musikern zu arbeiten und in einem Kreis zu unterrichten … Es hat sich einfach alles so entfaltet.

Ich erinnere mich an deinen Workshop auf der Yoga Conference Germany in Köln: Die Musik, die live gespielt wurde, war hypnotisierend – ich hatte das Gefühl, dass sie uns in eine Art Trance bringt. Ist das etwas, das sich durch deine Erfahrungen mit Schamanen entwickelt hat?
Ja. In den schamanischen Traditionen geht es darum, andere Bewusstseinszustände zu erreichen, in denen wir erkennen können, an welchen Erfahrungen und Geschichten wir festhalten, und in denen wir auch Traumata auflösen können.

Yin Yoga ist so wirksam, weil er auch den Körper involviert. Ich glaube, dass wir sehr viel in unserem Bindegewebe festhalten, ganz besonders in den Hüften – daher ist es mein Ziel, die Menschen in Zustände zu versetzen, wo sie Zugang zu diesen „anderen“ Informationen erhalten.

In Köln hast du auch einen Workshop mit dem Titel „Die taoistischen Wurzeln des Yoga“ unterrichtet. Kannst du bitte ein paar Worte zu dieser Verbindung sagen?
Die taoistische Philosophie spricht für mich am klarsten über die Dinge, die ich in meinem Leben erfahren habe. Das Verständnis der Beziehung zwischen Yin und Yang – die ebenso zwischen „Ha“ und „Tha“ besteht – ist für mich essenziell. Ich habe den Eindruck, dass wir heute sehr schnell aus dieser Balance geworfen werden. Wenn du dagegen den Zusammenhang zwischen Yin und Yang zu verstehen beginnst, dann erkennst du auch die Verbundenheit, die allem innewohnt.

Zudem ist mein Verständnis dieser Prinzipien tief mit dem verbunden, was ich selbst beobachte. Ich verstehe etwas von Vergänglichkeit, weil ich sehe, wie im Herbst die Blätter zu Boden fallen. Ich erkenne, was Verbundenheit bedeutet, wenn ich auf den Ozean blicke und die Wellen beobachte. Wir brauchen gar keine tausend Jahre alten Bücher. Die Wahrheit steht überall um uns herum geschrieben – wenn wir hinsehen.

Wie beeinflussen diese Erkenntnisse deinen Unterricht?
In meinen Yin-Yoga-Trainings sprechen wir natürlich darüber, wie sich Energie bewegt und wie man Unterrichtsstunden sequenziert, aber wir betrachten auch die Prinzipien Yin und Yang näher. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit den indigenen Archetypen: dem Krieger, dem Heiler, dem Lehrer und dem Visionär. Denn sich als Yin-Yoga-Lehrer weiterzuentwickeln, bedeutet nicht, noch mehr über Asanas zu wissen, sondern als Mensch zu wachsen: Wie trittst du vor die Klasse – ohne Anhaftung, ohne auf das Ergebnis fokussiert zu sein, mit einem offenen Herzen? Das ist der echte Weg des Lehrers. Ich habe das erkannt, als ich damit begonnen habe, mir die Lehrer genauer anzusehen, die die Welt beeinflussen – so wie der Dalai Lama. Seine Unterweisungen wurzeln in seiner eigenen Praxis und seinem tiefsten Herzen.

Charakteristisch für deinen Unterricht ist das Storytelling. Du integrierst wundervolle Poesie, z.B. von Hafiz und Rumi. Ist das dein Weg, uns an ihre Weisheit zu erinnern?
Das sind universelle Wahrheiten, die seit hunderten von Jahren weitergegeben werden. Und die gleichen Dinge, die damals wahr waren, sind es auch heute. Für mich ist Yin Yoga ein Weg, um Menschen zu öffnen, und es ist sehr wichtig, womit wir sie dann in Kontakt bringen. Ich denke, Menschen verstehen etwas viel besser durch Geschichten als durch aufgezählte Fakten. Nicht umsonst ist Geschichtenerzählen die älteste Heilkunst.

Das klassische Geschichtenerzählen – so wie ich es sehe – kann in drei Phasen unterteilt werden: Da gibt es die Geschichten der Jugend voller heroischer Abenteuer, in denen der Held einem Traum folgt oder das Schwert aus dem Stein zieht. Hier geht es um das Triumphieren. Dann – in der Mitte des Lebens – beginnen wir zu erkennen, dass wir unseren Traum transformieren müssen. Wir kommen am Ende der Leiter an und bemerken, dass sie an der falschen Wand steht: Wir haben einen Job und erkennen, dass er uns nicht erfüllt. Das ist die Zeit der Transformation. Schließlich kommen wir zu den Geschichten der Ältesten, wenn wir herausfinden, dass wir nicht alles transformieren können. Was auch immer wir tun: Es wird immer Dinge geben, die wir nicht verändern können. Dann ist die Zeit für Akzeptanz und Transzendenz gekommen. Es geht im Storytelling also um diesen wunderbaren Weg durch die verschiedenen Etappen des Lebens. Zudem verstehen wir vielleicht allmählich, dass die ganze Welt eine Geschichte ist, die sich um uns herum entfaltet. Das Leben erteilt uns zu jeder Zeit Lektionen – wenn wir anfangen, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Gleichzeitig können wir unsere eigene Rolle in dieser Geschichte immer wieder neu schreiben.

Planst du vorher, was du während des Unterrichts sagen wirst, oder geschieht das mehr intuitiv?
Nein, ich plane nicht. Es gibt ein paar Sequenzen, die ich regelmäßig unterrichte – einfach weil sie offenbar gut funktionieren. Aber üblicherweise entfaltet sich die Stunde, während sie geschieht. Ich versuche, eine Reise zu kreieren, webe die Haltungen, die Musik und die Poesie zu einem Ganzen. Wenn ich tief in die Hüften gehen möchte, um Traumata oder Ähnliches zu lösen, dann zitiere ich eher starke, dunkle Gedichte von Kabir. Zu einem anderen Zeitpunkt, wenn die Schüler gerade nicht so tief gehen möchten, wähle ich eher leichtere Poesie von Rumi oder Hafiz.

Es hat mich sehr berührt, was du in deinem Workshop über den Weg der Akzeptanz gesagt hast. Ich glaube, das ist für viele von uns ein wichtiges Thema – zu lernen, uns selbst und das Leben, wie es ist, zu akzeptieren. Kannst du die Verbindung zum Yin Yoga genauer erklären?
Natürlich! Der Yin-Archetyp repräsentiert die Mutter und die akzeptierenden Anteile von uns. Meiner Erfahrung nach gibt es nichts, was die Menschen sich mehr wünschen, als die Erlaubnis, sie selbst sein zu dürfen. In den Trainings sind alle sehr dankbar dafür, dass ihnen dort dieser Raum gegeben wird.

Zudem hat ein Schüler einmal am Ende eines Trainings zu mir gesagt: „Ich verlasse diesen Ort mit einem Rucksack voller Fragen nach dem Warum.“ Das ist ein anderer Teil davon, zu akzeptieren, was für dich wahr ist. Wir gehen in eine Yogastunde, und der Lehrer sagt: Das ist es, was ich für richtig halte. Und wir übernehmen es häufig einfach. Ich finde es wichtig, dass wir uns fragen: Warum sollte ich das so tun? Warum sollte ich daran glauben? Und genauso: Warum nicht?

Frag dich auch: Warum muss ich mich verändern? Warum bin ich nicht gut genug? Mein persönliches Mantra ist: „Ich bin nicht perfekt, aber ich bin gut genug – und das ist perfekt.“ Es ist mein größter Wunsch, dass meine Schüler lernen, auf sich selbst zu hören. So wie in dem Gedicht „Die Reise“ von Mary Oliver: „Aber Schritt für Schritt, während du ihre Stimmen hinter dir ließest, begannen die Sterne durch die Wolkendecke zu glühen, und da war eine neue Stimme, die du langsam als deine eigene erkanntest …“ Hör auf diese Stimme – nicht auf andere Menschen!

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