Der indische Yogi Jaggi Vasudev, Gründer der Isha Foundation, gilt als erleuchtet. YOGA AKTUELL traf ihn auf dem Berliner Yogafestival zu einem anregenden Gespräch über die geradezu magische Intelligenz, die unentdeckt in uns schlummert, kontroverse Zukunftsszenarien und die fast unglaubliche Tatsache, dass ein unerfreulicher Gedanke uns den ganzen fantastischen Tag verderben kann

Anzeige

In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Jaggi Vasudev wurde 1957 in Mysore geboren. Schon in der Schulzeit blickte er anders hinter die Dinge als andere Kinder, und bereits mit 13 Jahren begann er mit einer intensiven Yogapraxis. Später machte er tiefgreifende Erleuchtungserfahrungen, über die er auch im folgenden Interview spricht. Im Jahr 1992 gründete er die Isha Foundation mit Sitz in der Nähe von Coimbatore / Tamil Nadu und Ashram in McMinnville / Tennessee, eine Non-Profit-Organisation, die verschiedene Yogaprogramme anbietet und u.a. mit dem Economic and Social Council der UN zusammenarbeitet. Die Organisation hat weltweit ca. zwei Millionen ehrenamtliche Mitarbeiter. Vasudev initiierte ferner ökologische Projekte und Hilfsprogramme für die indische Landbevölkerung. YOGA AKTUELL hatte nach einem humorvollen Talk in Berlin Gelegenheit, mit dem Mystiker zu sprechen.

YOGA AKTUELL: Sie sprechen oft über das ungenutzte Potenzial des Menschen. Welches Potenzial meinen Sie genau?

Jaggi Vasudev: Was haben Sie zu Mittag gegessen?

Einen vegetarischen Snack.
Dann ist dieser vegetarische Snack nun zu einem menschlichen Wesen geworden. Falls Sie nicht verstehen, was ich meine: Wie sind Sie zu diesem Körper gekommen? Sie sind ja nicht bereits mit dem Körper in dieser Form und Größe geboren worden, sondern Sie sind durch das, was Sie gegessen haben, so herangewachsen. Das, was Sie gegessen haben, ist zu Ihnen geworden. Es ist eine Intelligenz und Kompetenz vorhanden, die ganz einfache Rohmaterialien wie einen vegetarischen Snack auf diese Weise verarbeitet. Es handelt sich um ein sehr weises inneres Instrument, aber Sie sind sich dessen nicht bewusst. Die Anwendung dieser Intelligenz geschieht unbewusst, und deshalb können Sie nicht willentlich davon Gebrauch machen. Wenn Sie doch nur ein Bewusstsein davon hätten, dann könnten Sie dieses Instrument willkürlich benutzen. Wenn Sie diese unfassbare Intelligenz bewusst für Ihr Leben nutzen könnten, würden Sie auf eine magische Weise leben, nicht wahr? Darum geht es beim Yoga: Zugang zu dieser Dimension zu finden, zu dieser Intelligenz und Fähigkeit, die z.B. dazu in der Lage ist, eine Karotte binnen weniger Stunden in ein menschliches Wesen zu verwandeln.

Kann man sagen, dass dieses mysteriöse, magische Leben gleichbedeutend mit der Erleuchtung ist?
Das Wort Erleuchtung ist besonders im Westen sehr großzügig gebraucht worden. Im westlichen Kontext spricht man sogar von einer „erleuchteten Gesellschaft”, wenn man die reichen Leute, die oberen Gesellschaftsschichten, meint. Ich denke, dass die gebildeten, gut informierten Schichten sich oft als erleuchtet betrachten. Wie auch immer, der Begriff ist auf vielen Ebenen sehr umfassend verwendet worden. So ist es nun mal, Begriffe werden mit der Zeit missbraucht. Statt also einen solchen Begriff zu benutzen, würde ich sagen: Wenn Ihre Erfahrung die Begrenzungen Ihres physischen Daseins transzendiert, dann sind Sie ganz im Yoga. Und ist das nun Erleuchtung? Ja, das ist es. Erleuchtung bedeutet, dass Sie anfangen, etwas zu sehen, was Sie vorher nicht sehen konnten.
Aber was ist es nun, das man zu sehen beginnt? Mit den physischen Augen und den fünf Sinnen können Sie alles wahrnehmen, was materiell ist. Zu beginnen, etwas Neues zu sehen, bedeutet also, etwas außerhalb des Materiellen, außerhalb des Physischen zu sehen. Was außerhalb des Materiellen liegt, ist immer unbegrenzt. Das Materielle ist stets die Begrenzung. Das Nicht-Physische, Immaterielle hat keine Begrenzung. Sobald Sie also mit einer Dimension in Berührung kommen, die keine Grenzen hat, verschwinden Ihre Vorstellungen von Zeit und Raum. Was hier ist, ist dort, und was dort ist, ist hier. Was Sie normalerweise wissen können und was Sie nicht wissen können, trifft auf Sie nicht zu. Wo Sie normalerweise sein können und wo Sie nicht sein können, trifft ebenfalls nicht auf Sie zu. Wenn Sie es mit einem einfachen Wort benennen möchten, dann ist es Erleuchtung, ja. In Indien haben wir jedoch geeignetere Begriffe. Beispielsweise sagen wir, derjenige ist ein Yogi. Aber in Deutschland ist offenbar jeder, der seinen Körper verbiegt, ein Yogi.
„Yoga“ bedeutet Einheit. „Yogi“ bezeichnet jemanden, der die Einheit erfahren hat. Sehen Sie, Sie haben gerade ein paar vegetarische Häppchen gegessen, und diese sind Teil von Ihnen geworden, korrekt? Diese Vereinigung ist geschehen, allerdings nicht in Ihrer Wahrnehmung. Was einmal Erde war, wurde zum Gemüse, was einmal Gemüse war, wurde zu Ihnen. Aber Sie haben es nicht mitbekommen. Wenn es jedoch Einzug in Ihre Erfahrung hält, so dass Sie hier sitzen und die gesamte Existenz als Sie selbst erfahren, dann sind Sie ein Yogi. Sie werden nicht dadurch zum Yogi, dass Sie in ein Yogastudio gehen.

Praktizieren Sie nicht selbst auch Asanas?
Ja (lacht). Yoga bedeutet aber nicht, den Körper zu verdrehen, auf dem Kopf zu stehen oder den Atem anzuhalten – all das kann ein Zirkusartist besser als die meistens Yogis, ehrlich. Es handelt sich dabei lediglich um einen winzigen Aspekt des Yoga. Yoga heißt, dass in Ihrer Erfahrung alles eins geworden ist. Was genau ist nun mit „Einheit“ gemeint? Während Sie hier sitzen, habe Sie eine sehr deutliche Vorstellung von dem, was und wer Sie sind. Sie sind als Individuum hier. Aber Sie atmen ein, was die Bäume gerade ausatmen. Und was Sie ausatmen, atmen die Bäume ein. Oder mit anderen Worten: Die Hälft Ihrer Lunge ist da draußen (lacht). Und das ist noch nicht alles. Die zeitgenössische Physik kann belegen, dass jeder subatomare Partikel Ihres Körpers sich in permanenter Interaktion mit allem anderen befindet, das existiert. Wenn diese Interaktion aufhört, hören Sie auf zu bestehen. Yoga bedeutet, dies aus Erfahrung zu wissen.

Ist dieser Zustand der Einheitserfahrung, den Sie beschrieben haben, denn nun ein permanenter Zustand?
Ja, es handelt sich um einen fortwährenden Zustand.

Das heißt also, dass Sie sich die ganze Zeit über in diesem Zustand befinden?
Man hat immer die Wahl. Sehen Sie, wenn Sie erst einmal die Grenzen des Physischen überschritten haben, dann steht Ihnen immer die freie Wahl offen, nichts wird Ihnen aufgezwungen. Nichts ist als solches zwanghaft. Somit können Sie auch wählen, ob Sie in diesem Zustand sein möchten. Es richtet sich auch nach der jeweiligen Aktivität, die man gerade ausführen möchte. Jetzt z.B. rede ich mit Ihnen, und dafür muss ich Sie in gewisser Weise als separates Wesen wahrnehmen, das ich von mir selbst unterscheide, denn wieso sollte ich sonst mit Ihnen sprechen? Man muss sich also der Situation anpassen, aber dies ist ein bewusster Prozess und keine Falle mehr. Es handelt sich nicht um eine Begrenzung, sondern um eine bewusst gewählte Handlung.

Anzeige