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Meditation über einen Tautropfen

Von Tias Little
Meditation über einen Tautropfen © Bild:Dreamstime
Nichts hat Bestand außer der Veränderung, heißt es. Der US-Yogalehrer Tias Little über Meditationen des Wandels und der Vergänglichkeit
Eine der mächtigsten, reellsten und subtilsten Lehren des Yoga ist die über die Unbeständigkeit. Die Lehre von der Unbeständigkeit verweist auf die vergängliche Natur aller Dinge – darauf, dass kein Ding, kein Umstand und keine Person der Endgültigkeit der Wiederauflösung entgehen kann. Vergänglichkeit kann erfahren werden mit jedem Atemzug, den wir tun, im Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges, im morgendlichen Flug einer Krähe, im Vorüberziehen eines jeden Tages. 
Meditation ist Teil des Yogaweges.

Sie ermutigt uns, die Vergänglichkeit sorgfältig zu beobachten und zu untersuchen, also zu einem nüchternen Bezeugen der Veränderung von Augenblick zu Augenblick, bis hin zu der flüchtigen Begegnung mit jedem Atemzug. Indem man einfach dem fortwährenden Rhythmus des Atems lauscht, entwickelt man eine Vertrautheit mit den sich ständig verändernden Nuancen der Atmung. Was aber ist daran so bedeutungsvoll? Nun, diese Art von Vertrautheit kann in die Außenwelt ausgedehnt werden als ein Anerkennen des permanenten Wandels von allem, überall, jederzeit. Letztendlich kann Meditation uns helfen, stärker inmitten des Wandels zu fließen, und dieses Fließen führt mit der Zeit zu größerer Gelassenheit und zu dem, was im Buddhismus als „ruhiges Verweilen“ oder shamatha bezeichnet wird. 

Bei der Meditation im Sitzen ist unser Körper der Ausgangsort für diese Beobachtungspraxis. Man nimmt die kontinuierliche Veränderung der inneren Wahrnehmung zur Kenntnis – Blut, das im Handgelenk pulsiert, das Entweichen von Anspannung aus der Zunge, das Gefühl, das sich im Inneren der Ohren mehr Raum auftut, oder das Reiben des Atems gegen die Wirbelsäule. Indem man die Beobachtungsfähigkeit verfeinert, kreiert man Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet, aufmerksam gegenüber der Art und Weise zu sein, wie sich die Dinge ständig wandeln und verändern. Es ist eine Wachsamkeit, die manchmal auch „Dabei-Sein“ genannt wird. Und „Dabei-Sein“ heißt, präsent zu sein bei dem, was geschieht, und präsent zu sein inmitten des konstanten Wandels. Das ist es, was ich auch gern als “im Fluss der Gegenwärtigkeit sein” bezeichne.

In der Zen-Tradition ist eine der berühmtesten Metaphern für Vergänglichkeit und Wandel der Tautropfen. Der Tautropfen ist der essenzielle Ausdruck des Temporären und seine gleißende Schönheit und dahinschwindende Natur reflektieren die limitierte Zeitspanne unseres eigenen Lebens. Der Tropfen von Tau ruft uns die Kostbarkeit der Existenz an sich in Erinnerung. Ein Tropfen aus Tau oder Wasser ist an der Oberfläche sichtbar – an der Spitze eines Kiefernzweigs oder am Rand eines Herbstblattes hängend – und dennoch geht seine Bedeutung  als Metapher für die vorübergehende, insubstanzielle Natur der Existenz in die Tiefe. Dogen, ein japanischer Zen-Meister, der im frühen 13. Jahrhundert lebte, fing das Wesen der Unbeständigkeit in folgendem Gedicht ein:

»Tautropfen auf einem Grashalm,
ihnen bleibt so wenig Zeit
bevor die Sonne aufgeht
Lass nicht den Herbstwind so geschwind über das Feld wehen.«

Die Unausweichlichkeit des Vergehens erhöht unsere Wertschätzung für die Tautropfen-Momente des Lebens. In der Sitzpraxis meditieren wir über die Zerbrechlichkeit und Begrenzung unseres eigenen Körpers, des Lebens unserer Kinder, unserer Karriere, des Kapitalflusses und der Identität. Und gerade die flüchtige Natur des Tautropfens oder eines jeden vorübergehenden Augenblicks ist es, die seine Schönheit zur Geltung bringt.

Meditationspraxis fördert Klarheit -  eine Art Fähigkeit, die Dinge mit klarem Kopf so zu bezeugen, wie sie sind. Wenn diese Klarheit gepaart ist mit Einsicht (Pali: vipassana) in die Vergänglichkeit, können wir den Impuls überwinden, uns an Dingen festzuklammern, die dem Wandel unterliegen und somit von Natur aus unbeständig sind. Von höchster Wichtigkeit für die meditative Erfahrung ist der Prozess, den Geist zu entlarven, der sich irregeleitet an vorübergehenden Umständen festhält. Aus diversen Gründen klammert sich die menschliche Psyche wie besessen sowohl an reale wie auch an eingebildete Dinge. Im Diamant Sutra heißt es: „Entwickle einen Geist, der an nichts anhaftet“.  Das Herz der Meditationspraxis ist nicht-ergreifend und Nicht-Ergreifen oder Nicht-Anhaften ist entscheidend, um im Fluss der Präsenz zu bleiben.

Dieser Zustand des Nicht-Verweilens ist das Prädikament des Tautropfens. Die vergängliche Natur des Tropfens lehrt uns Nicht-Anhaftung. In der Erweiterung verweist seine kurzlebige Natur auf die relative, begrenzte Bedeutung des Ich. Dogen schrieb: “Wenn du die Unbeständigkeit wirklich kontemplierst, wird der gewöhnliche, selbstsüchtige Geist sich nicht erheben und du wirst weder Ruhm noch Vermögen erstreben, denn du realisierst, das nichts den schnellen Fluss der Zeit aufhält.”

Die Tautropfen-Metapher wird auch wegen ihres Ausdrucks der Plötzlichkeit geschätzt.  Der Tropfen kristallisiert sich innerhalb einer einzigen Stunde am frühen Morgen heraus und ebenso schnell, wie er entstanden ist, ist er auch ganz plötzlich wieder verschwunden. Die Bedingungen müssen genau richtig sein, damit er ins Sein kommt, und umgekehrt werden ihn die klimatischen Bedingungen auch wieder wegfegen (der Herbstwind, der geschwind über das Feld weht). Dass alles Sein bedingt ist, ist auch eine bedeutsame Lehre des Buddha, die uns wieder die nur vorübergehende Natur von allem, dem wir begegnen, vor Augen führt.

Spontaneität und Kurzlebigkeit des Tautropfens unterstreichen die Notwendigkeit, gegenwärtig zu bleiben, und zu erkennen, was gerade hier vor uns ist. Die Lebensspanne eines Wesens kann brutal kurz sein und dies hält uns dazu an, präsent zu bleiben und es zu vermeiden, abzuschweifen oder abzuschalten oder aber sich an etwas zu hängen. Die Kürze und Spontaneität des Momentes werden wiederum von Dogen in Worte gefasst:

»Womit sollte ich diese Welt vergleichen?
Mondlicht, reflektiert von einem Tautropfen, geschüttelt vom Schnabel eines Kranichs.«

Der Tautropfen, hier im Fall eingefangen während er vom Schnabel eines Kranichs abgeschüttelt wird, spiegelt sehr treffend die Vergänglichkeit der Dinge wider, die im Verlauf der Zeit auftreten. In der Meditation schwirren Momentaufnahmen, Gedanken, Erinnerungen, Wünsche, Träume und Sinneswahrnehmungen durch unseren Geist wie Windstöße. Indem wir immer und immer wieder üben, im Fluss der Gegenwärtigkeit zu bleiben, erhalten wir in unserem Geist den Freiraum für das fortlaufende Aufblitzen von Ereignissen aufrecht.

Durch das Praktizieren von Meditation und das Betrachten der Vergänglichkeit und Instabilität aller Dinge erkennen wir die vorüberziehenden Momente, die unser Leben bestimmen, an und heißen sie willkommen. Oft kommt es jedoch vor, dass man diese vorbeifliegenden Augenblicke ignoriert und unbeachtet ziehen lässt, in der Hoffnung, dass es einen dauerhafteren, beständigeren Zustand geben wird, als denjenigen, in dem man sich gerade befindet. Wir klammern uns naiv an die Annahme, dass wir eines Tages einen Zustand erreichen, der frei ist vom vergänglichen Charakter aller Dinge. Aufgrund dieser Sehnsucht nach Beständigkeit sind unsere Begegnungen mit Menschen, das, was wir hören und sagen, die kleinen Transaktionen, die wir in der Welt vollziehen, oft mit einem Gefühl der Enttäuschung durchsetzt. Im Fluss der Gegenwärtigkeit zu sein erfordert, mit diesem Schein-Ideal der Dauerhaftigkeit zu brechen, das wir heraufbeschwören, um den Moment, in dem wir uns gerade befinden, zu umgehen. Indem wir die vergängliche Natur aller Dinge umarmen, uns innerlich einverstanden erklären mit dem Vergehen der Zeit und nicht versuchen, die vorüberziehenden Augenblicke festzuhalten, sondern sie als das schätzen, was sie sind, können wir in dieser Welt in Frieden und gegenwärtig sein.

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