Rishikesh damals und heute
Von Ralf Mrutzek
Über das Sehnsuchtsziel Rishikesh und den tragischen gewaltsamen Tod des viel beachteten Sadhus Tatwalla Baba. Ein Gespräch mit Swami Premvarni
Rishikesh: die Stadt der Seher. Seit Urzeiten ist Rishikesh ein Ort der Meditation, der Ashrams und der zurückgezogen lebenden Asketen in den Höhlen der Umgebung gewesen. Ebenso ist Rishikesh – benannt nach dem Haarschopf Shivas, an dem der Ganges laut Mythen aus den himmlischen Gefilden hinab zur Erde floss – Ausgangsort für Pilgerreisen in die höheren Regionen des Himalaya. Inzwischen ist die Stadt am linken Gangesufer auf 60.000 Einwohner angewachsen, und am rechten Ufer ist die Beschaulichkeit der Ashrams der üblichen indischen Betriebsamkeit gewichen – d.h. man findet auch hier eine Basarbude neben der anderen. Die ungeschminkte Kommerzialisierung wird in der Stadt, die als „Yoga-Hauptstadt der Welt“ gilt, durch den Kontrast zur Spiritualität, mit der das alles ja erst verkaufbar gemacht wird, besonders deutlich.
Und dennoch: Hardwar und Rishikesh tragen eine Magie in sich, die nur schwer zu fassen ist, eine fast greifbare, starke Unterströmung spiritueller Energie, die einen auch Wochen nach der Heimkehr noch so sehr im Griff hat, dass man sich am liebsten sofort wieder auf den Weg zurück machen würde. Und wenn man am Gangesufer auf der Seite der Ashrams von Brücke zu Brücke (Lakshman-Jhula zur Ram-Jhula) geht, dann verschwinden tatsächlich irgendwann die links und rechts aufgereihten Verkaufsbuden, und man hat einen ruhigen Spazierweg vor sich. Ziemlich genau in der Mitte zwischen den großen Hängebrücken geht links ein Weg ab, an dessen Ende sich das Tor zum Sri Swami Balyogi Premvarni-Ashram befindet. Ein Pfad windet sich den Hang hinauf, und plötzlich stehen wir auf einer Lichtung. Unter einem Baum liegen Kissen und Yogamatten, ein Weg führt geradeaus zu einem Gebäude und nach rechts zu einer Veranda mit Sitzecke und Tisch. Eine amerikanische Devotee begrüßt uns und macht eine kurze Führung durch den Ashram. Als wir wieder gehen wollen, sitzt der Yogi unter dem Baum und gibt uns ein Zeichen, dass wir uns setzen sollen. Er ist inzwischen bald achtzig Jahre alt, was man ihm aber nicht im Geringsten anmerkt. Seine Name BalÂyogi leitet sich davon ab, dass er schon als Kind (bala) im Alter von zehn Jahren sein Elternhaus verlassen hat, um sich dem Pfad des Yoga zu widmen. Nach Jahren der Schulung bei verschiedenen Meistern, darunter auch Swami Sivananda, zog er sich tief in die Berge des Himalaya zurück und lebte lange Jahre, unterbrochen nur durch einen College-Aufenthalt, sehr zurückgezogen in Höhlen bei Gomukh und Gangotri sowie in Uttarkashi. Er erlangte Meisterschaft über 500 Asanas, was eindrucksvoll fotografisch in Büchern festgehalten ist. Auch über 100 Pranayamas und alle wichtigen Kriyas, Bandhas und Mudras des Kundalini-Yoga wurden von ihm gemeistert. Swami Premvarni bereisÂte auf Einladung seiner Schüler Europa, die USA, Japan und Australien. Heute lebt er zurückgezogen in seinem Ashram in Rishikesh, aber er gibt nach wie vor Darshan und unterrichtet ausgewählte Schüler. Zu längeren Gesprächen kann man ihn nur schwer bewegen – auf ein paar Fragen ließ er sich jedoch ein.
YOGA AKTUELL: Das ist ein wirklich schönes Gelände hier und weit abseits des Trubels sehr ruhig gelegen. Wie sind Sie an dieses wunderschöne Grundstück gekommen?
Swami Premvarni: Der Ashram wurde 1960 begründet. Da sah es in Rishikesh natürlich noch vollkommen anders aus. Heute ist ja alles dicht an dicht und ein großer Trubel allerorten. Es stimmt schon, hier ist noch eine sehr, sehr ruhige Ecke. Damals wollte das Grundstück niemand haben, weil hier es so viele Tiger und Leoparden gab (lacht).
Dann haben Sie ja noch den Anfang des Meditations- und Yoga-Booms hier erlebt.
Ja, ja, natürlich. Maharishi Mahesh Yogi kam damals, es muss 1958 oder 1960 gewesen sein, von Uttarkashi hierher. Dorthin hatte er sich nach dem Tod des Shankaracharya zurückgezogen. 1961 waren die ersten Kurse. Er hatte seinen Ashram da drüben (zeigt) – inzwischen ist der Ashram zurück an die Forstverwaltung gegangen. Man kann aber vom anderen Ufer noch die Spitzen der Meditationshütten sehen, die er hat errichten lassen. 1969 war dort eine große Versammlung, viele Sadhus und auch viele Westler, schätzungsweise 150, waren da. (Mit einem breiten Lächeln:) Ich natürlich auch. Er hat ein richtig großes Meeting auf die Beine gestellt. Auch Tatwalla Baba kam dazu.
Tatwalla Baba, der legendäre Yogi hier aus den Bergen?
Ja, er hatte seine Höhle direkt hier oben, man kann den hinteren Ashram-Ausgang nehmen, über die Straße und dann weiter den Berg hoch, da ist die Höhle. Gar nicht weit von hier.
Wurde er nicht erschossen?
Das ist eine traurige Geschichte. Die anderen Sadhus waren wütend, weil mehr und mehr Suchende aus dem Westen zu ihm kamen. Er konnte gar nichts für seine Popularität, er ging immer um 10 Uhr und um 16 Uhr zu dem Banyan-Baum bei der Höhle, und jeder, der ihn etwas fragen wollte, konnte zu ihm kommen. Viele brachten einen Übersetzer mit, aber zumeist war ohnehin jemand zum Übersetzen da. Der Zulauf machte die anderen Sadhus eifersüchtig, und irgendwann, als er gerade an dem kleinen Flusslauf war, in dem er sich waschen konnte, lauerten sie ihm auf. Ich glaube, sie waren zu zweit; einer allein hätte sich niemals getraut. Tatwalla Baba war ein imposanter, großer und sehr kräftiger Mann. Er wurde erschossen. Eine ganz, ganz traurige Geschichte. Ich habe damals viel Zeit bei Tatwalla Baba verbracht. Er war eine sehr erleuchtete Seele, einer der ganz großen wirklichen Heiligen hier in dem Tal, wo doch ohnehin alle glauben, dass sie große Heilige sind (lacht).
Wobei es höchst bedauerlich ist, dass von ihm so wenig überliefert ist. Das wenige, was ich kenne, stammt aus dem Buch „Swami Rama“ von Doug Boyd. In den Büchern von Nancy Cooke wird nur erwähnt, dass sie viele gute Gespräche mit ihm geführt hat, aber leider nicht ein Wort darüber hinaus. Warum gibt es denn keine schriftliche Überlieferung von einem so bedeutenden Heiligen?
Nun, er hatte aber auch keine „Lehre“, er hat eben Rat gegeben, wenn jemand Rat gesucht hat. Und diese Dinge sind nie aufgeschrieben worden. Vielleicht werde ich noch einiges beitragen können. Es ist ja eine Schande, dass all diese Dinge mit mir bald zu Ende gehen werden. Ich bin ja einer der Letzten, die aus der Zeit noch „übrig geblieben“ sind (lacht), und sollte vielleicht wirklich diese Interviews machen. Inzwischen sind die Lehren des Yoga, die damals nur den dafür hinreichend Gereiften zugänglich gemacht wurden, im Internet und in Büchern für jedermann zu jeder Zeit verfügbar. Diese Öffentlichkeit ist dafür aber gar nicht gut; die Lehre wurde früher je nach Fortschritt des Schülers enthüllt und wirkte durch die Wahl des rechten Moments. Es sind ja nicht die Worte, die wirken, sondern es ist dieser präzise Moment, in dem sie auf fruchtbaren Boden fallen – wenn man jemanden, der dafür reif ist, genau ins Herz trifft. Und im falschen Moment sind es einfach nur Worte, nur nackte Information. Wer braucht denn so etwas?
Und dennoch: Hardwar und Rishikesh tragen eine Magie in sich, die nur schwer zu fassen ist, eine fast greifbare, starke Unterströmung spiritueller Energie, die einen auch Wochen nach der Heimkehr noch so sehr im Griff hat, dass man sich am liebsten sofort wieder auf den Weg zurück machen würde. Und wenn man am Gangesufer auf der Seite der Ashrams von Brücke zu Brücke (Lakshman-Jhula zur Ram-Jhula) geht, dann verschwinden tatsächlich irgendwann die links und rechts aufgereihten Verkaufsbuden, und man hat einen ruhigen Spazierweg vor sich. Ziemlich genau in der Mitte zwischen den großen Hängebrücken geht links ein Weg ab, an dessen Ende sich das Tor zum Sri Swami Balyogi Premvarni-Ashram befindet. Ein Pfad windet sich den Hang hinauf, und plötzlich stehen wir auf einer Lichtung. Unter einem Baum liegen Kissen und Yogamatten, ein Weg führt geradeaus zu einem Gebäude und nach rechts zu einer Veranda mit Sitzecke und Tisch. Eine amerikanische Devotee begrüßt uns und macht eine kurze Führung durch den Ashram. Als wir wieder gehen wollen, sitzt der Yogi unter dem Baum und gibt uns ein Zeichen, dass wir uns setzen sollen. Er ist inzwischen bald achtzig Jahre alt, was man ihm aber nicht im Geringsten anmerkt. Seine Name BalÂyogi leitet sich davon ab, dass er schon als Kind (bala) im Alter von zehn Jahren sein Elternhaus verlassen hat, um sich dem Pfad des Yoga zu widmen. Nach Jahren der Schulung bei verschiedenen Meistern, darunter auch Swami Sivananda, zog er sich tief in die Berge des Himalaya zurück und lebte lange Jahre, unterbrochen nur durch einen College-Aufenthalt, sehr zurückgezogen in Höhlen bei Gomukh und Gangotri sowie in Uttarkashi. Er erlangte Meisterschaft über 500 Asanas, was eindrucksvoll fotografisch in Büchern festgehalten ist. Auch über 100 Pranayamas und alle wichtigen Kriyas, Bandhas und Mudras des Kundalini-Yoga wurden von ihm gemeistert. Swami Premvarni bereisÂte auf Einladung seiner Schüler Europa, die USA, Japan und Australien. Heute lebt er zurückgezogen in seinem Ashram in Rishikesh, aber er gibt nach wie vor Darshan und unterrichtet ausgewählte Schüler. Zu längeren Gesprächen kann man ihn nur schwer bewegen – auf ein paar Fragen ließ er sich jedoch ein.
YOGA AKTUELL: Das ist ein wirklich schönes Gelände hier und weit abseits des Trubels sehr ruhig gelegen. Wie sind Sie an dieses wunderschöne Grundstück gekommen?
Swami Premvarni: Der Ashram wurde 1960 begründet. Da sah es in Rishikesh natürlich noch vollkommen anders aus. Heute ist ja alles dicht an dicht und ein großer Trubel allerorten. Es stimmt schon, hier ist noch eine sehr, sehr ruhige Ecke. Damals wollte das Grundstück niemand haben, weil hier es so viele Tiger und Leoparden gab (lacht).
Dann haben Sie ja noch den Anfang des Meditations- und Yoga-Booms hier erlebt.
Ja, ja, natürlich. Maharishi Mahesh Yogi kam damals, es muss 1958 oder 1960 gewesen sein, von Uttarkashi hierher. Dorthin hatte er sich nach dem Tod des Shankaracharya zurückgezogen. 1961 waren die ersten Kurse. Er hatte seinen Ashram da drüben (zeigt) – inzwischen ist der Ashram zurück an die Forstverwaltung gegangen. Man kann aber vom anderen Ufer noch die Spitzen der Meditationshütten sehen, die er hat errichten lassen. 1969 war dort eine große Versammlung, viele Sadhus und auch viele Westler, schätzungsweise 150, waren da. (Mit einem breiten Lächeln:) Ich natürlich auch. Er hat ein richtig großes Meeting auf die Beine gestellt. Auch Tatwalla Baba kam dazu.
Tatwalla Baba, der legendäre Yogi hier aus den Bergen?
Ja, er hatte seine Höhle direkt hier oben, man kann den hinteren Ashram-Ausgang nehmen, über die Straße und dann weiter den Berg hoch, da ist die Höhle. Gar nicht weit von hier.
Wurde er nicht erschossen?
Das ist eine traurige Geschichte. Die anderen Sadhus waren wütend, weil mehr und mehr Suchende aus dem Westen zu ihm kamen. Er konnte gar nichts für seine Popularität, er ging immer um 10 Uhr und um 16 Uhr zu dem Banyan-Baum bei der Höhle, und jeder, der ihn etwas fragen wollte, konnte zu ihm kommen. Viele brachten einen Übersetzer mit, aber zumeist war ohnehin jemand zum Übersetzen da. Der Zulauf machte die anderen Sadhus eifersüchtig, und irgendwann, als er gerade an dem kleinen Flusslauf war, in dem er sich waschen konnte, lauerten sie ihm auf. Ich glaube, sie waren zu zweit; einer allein hätte sich niemals getraut. Tatwalla Baba war ein imposanter, großer und sehr kräftiger Mann. Er wurde erschossen. Eine ganz, ganz traurige Geschichte. Ich habe damals viel Zeit bei Tatwalla Baba verbracht. Er war eine sehr erleuchtete Seele, einer der ganz großen wirklichen Heiligen hier in dem Tal, wo doch ohnehin alle glauben, dass sie große Heilige sind (lacht).
Wobei es höchst bedauerlich ist, dass von ihm so wenig überliefert ist. Das wenige, was ich kenne, stammt aus dem Buch „Swami Rama“ von Doug Boyd. In den Büchern von Nancy Cooke wird nur erwähnt, dass sie viele gute Gespräche mit ihm geführt hat, aber leider nicht ein Wort darüber hinaus. Warum gibt es denn keine schriftliche Überlieferung von einem so bedeutenden Heiligen?
Nun, er hatte aber auch keine „Lehre“, er hat eben Rat gegeben, wenn jemand Rat gesucht hat. Und diese Dinge sind nie aufgeschrieben worden. Vielleicht werde ich noch einiges beitragen können. Es ist ja eine Schande, dass all diese Dinge mit mir bald zu Ende gehen werden. Ich bin ja einer der Letzten, die aus der Zeit noch „übrig geblieben“ sind (lacht), und sollte vielleicht wirklich diese Interviews machen. Inzwischen sind die Lehren des Yoga, die damals nur den dafür hinreichend Gereiften zugänglich gemacht wurden, im Internet und in Büchern für jedermann zu jeder Zeit verfügbar. Diese Öffentlichkeit ist dafür aber gar nicht gut; die Lehre wurde früher je nach Fortschritt des Schülers enthüllt und wirkte durch die Wahl des rechten Moments. Es sind ja nicht die Worte, die wirken, sondern es ist dieser präzise Moment, in dem sie auf fruchtbaren Boden fallen – wenn man jemanden, der dafür reif ist, genau ins Herz trifft. Und im falschen Moment sind es einfach nur Worte, nur nackte Information. Wer braucht denn so etwas?
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Rubrik:
Interviews



