Transpersonale Psychologie
Von Naomi BeckerSeite 1 von 2
Die Wahrheit der eigenen Seele erkennen: Psychotherapeutin Gertrude Raven Croissier erläutert die Transpersonale Psychologie, bei der es um die Auslotung von Seelenräumen und um Heilung durch Ganzwerdung geht
Der Begriff Psychotherapie ist ursprünglich von den altgriechischen Begriffen für „Seele“ und „dienen“ abgeleitet, eine sinngemäße Übersetzung wäre demnach: Psychotherapie ist „Dienst an der Seele“ (vgl. Gertrude R. Croissier, „Psychotherapie im Raum der Göttin“). Die Transpersonale Psychologie bezieht sich auf das Gewahrsein des Menschen jenseits des Ich-Bewusstseins und überschreitet die Grenzen, die etwa die Verhaltenstherapie zieht. Der Mensch lässt sich nicht nur auf Abläufe in seinem Gehirn oder auf seine Konditionierungen reduzieren, auch wenn Statements der Hirnforschung dies nahelegen wollen. Spirituelle und philosophische Aspekte, schamanische Rituale und Meditation werden in die Transpersonale Psychologie mit einbezogen. Daher kommt auch der Name: Berücksichtigung von Bewusstseinszuständen jenseits („trans-“) der personalen Erfahrung. Die Transpersonale Psychologie lässt demnach auch Erfahrungen jenseits des Ich-Bewusstseins des Menschen gelten und arbeitet mit dem spirituellen Potenzial. So wird das Leben des Einzelnen in einen größeren Bezugsrahmen gesetzt.
Was genau unter Transpersonaler Psychologie zu verstehen ist, erklärt die Psychotherapeutin Gertrude Raven Croissier im folgenden Interview.
YOGA AKTUELL: Was ist Ihre Definition von Transpersonaler Psychologie?
Gertrude Raven Croissier: Sehr allgemein formuliert, ist Transpersonale Psychologie eine Verbindung von moderner wissenschaftlicher Psychologie mit alten spirituellen Weisheitslehren sowie alten und alternativen Heiltraditionen. Dass Sie mich aber gleich nach meiner eigenen Definition dieser Psychologie fragen, ist sinnvoll, denn eine allgemeingültige Definition von Transpersonaler Psychologie gibt es nicht. Sie ist keine definierte Methode, sondern eine psychologische und psychotherapeutische Bewegung, die sich aus verschiedenen Strömungen speist: aus der Humanistischen Psychologie der 1960er Jahre, der Psychosynthese von Assagioli, der Bewusstseinsforschung von Stanislav Grof und insbesondere der Archetypischen Psychologie von C.G. Jung.
Die von mir praktizierte und in einer Ausbildung gelehrte Transpersonale Psychologie und Psychotherapie orientiert sich vor allem an der theoretischen und praktischen Bewusstseinsarbeit von Grof, der mein Lehrer war, und an der Archetypischen Psychologie von C.G. Jung, in der nicht das Über-Bewusste, sondern das Unbewusste und die dunklen Aspekte der menschlichen Seele im Zentrum der Betrachtung stehen. Mein eigentlicher geistiger Hintergrund ist die alte spirituelle Heiltradition der weisen Frauen: In ihr gilt nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Natur als beseelt, alle Wesen sind heilig, und der Mensch als denkendes und planendes Wesen hat der Erde zu dienen, statt sie zu erobern oder zu überwinden.
In einer Auflistung werde ich die mir wichtigsten Kriterien Transpersonaler Psychologie darstellen:
Welche Rolle spielen Träume und andere veränderte Bewusstseinszustände, wie etwa Meditation, in der Transpersonalen Psychologie?
Veränderte Bewusstseinszustände – Zustände, die unsere alltägliche Wahrnehmung von Raum und Zeit verändern – stehen im Zentrum der transpersonal-psychologischen Theorie und Forschung.
Die Transpersonale Psychotherapie, als Anwendungspraxis, schätzt und nutzt die einzigartige, große Heilkraft veränderter Bewusstseinszustände, so im Holotropen Atmen, in Imaginationen, inneren Reisen und der erlebnisorientierten Traumarbeit.
Veränderte Bewusstseinszustände können spontan auftreten oder auch durch Tiefenatmung, mit Trommeln, Rasseln, rituellem Tanz oder Meditation willentlich aktiviert werden. Denn die menschliche Seele ist multidimensional, in ihr existieren unterschiedliche Bewusstseinsebenen, die im veränderten Bewusstseinszustand erfahren werden können. Hierzu gehören die intraÂuterine Ebene, die Ebene der Geburtserfahrung, die biografische Ebene, die Dimension des Kollektiven Unbewussten mit ihren Urbildern der Seele (den Archetypen), aber auch präexistenzielle Erfahrungen (Reinkarnation) und Identifikationen mit anderen Lebensformen sind möglich (vgl. hierzu Grof.)
In meiner psychotherapeutischen Praxis ist die Heilarbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen – hierzu gehören auch Traumbilder und Traumsymbole – der eigentliche Mittelpunkt meiner Tätigkeit. Immer häufiger ereignen sich bei den Menschen, die ich begleite, spontane Öffnungen in erweiterte Bewusstseins-Räume. Verloren gegangene Inhalte – dunkle wie lichte – können direkt erfahren, gefühlt und integriert werden.
Was zeichnet die Menschen aus? Wie ist Ihr Menschenbild?
Mein Menschenbild ist nicht anthropozentrisch, wie das der großen Vater-Religionen. Das heißt, ich verstehe den Menschen nicht als Mittelpunkt und „Krone der Schöpfung“. Der Mensch ist lediglich ein Aspekt der Schöpfung, eine spezielle Verkörperung des Göttlichen, genau wie die Vögel in meinem Apfelbaum einen anderen Aspekt des grenzenlosen Bewusstseins verkörpern und der Apfelbaum wiederum einen anderen Aspekt dieser Ganzheit darstellt, die wir Gott oder Göttin nennen können. Alle diese Aspekte stehen miteinander in Beziehung, sind abhängig voneinander und bilden miteinander das große Netz des Lebens.
In diesem Netz sind alle Wesen – Pflanze, Tier, Mensch, und die Elementarwesen sollten wir auch dazunehmen – gleichwertig, aber nicht gleich, sondern unterschiedlich entsprechend ihrer speziellen Aufgabe in diesem großen evolutionären Plan. Die einzigartige Aufgabe des Menschen ist es nun – ganz entgegen der biblischen Aufforderung „Machet euch die Erde untertan“ –, der Erde und ihren Wesen zu dienen. Hierzu ist der Mensch begabt mit Herz, Geist und Verstand.
Wie lernen Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen?
Meines Erachtens ist es gar nicht unsere Aufgabe hier auf diesem Planeten Erde, „über uns selbst hinauszuwachsen“. Es geht doch gerade darum, bei sich selbst, dem wahren Selbst, und unserer Menschlichkeit – welche die Göttlichkeit beinhaltet – wieder anzukommen. Davon ist ein Großteil der Menschheit zur Zeit allerdings weit entfernt. Der patriarchale Mensch unserer Zeit strebt nach gottgleicher Macht. Seine gigantischen technologischen Erfindungen und Möglichkeiten aber sind getrennt von der spirituellen Essenz, von Liebe und Mitgefühl. Sein technologischer Machbarkeitswahn, der nicht dem Leben dient, führt daher zwangsläufig in die Vernichtung des Lebens, wie wir es gerade eindrucksvoll und schmerzlich erleben.
Ich würde sagen, der Mensch hat zu lernen, nicht hinaus- sondern hineinzuwachsen in sein Zentrum, in sein wahres Selbst, in dem alles enthalten ist, wonach er im Außen – auch in den Religionen – vergeblich sucht. Das Göttliche ist in uns. Daher hat der Mensch vor allem Innerlichkeit zu lernen, und dies erfordert Demut und Bescheidenheit und lässt keinen Raum für spirituellen Hochmut.
Was genau unter Transpersonaler Psychologie zu verstehen ist, erklärt die Psychotherapeutin Gertrude Raven Croissier im folgenden Interview.
YOGA AKTUELL: Was ist Ihre Definition von Transpersonaler Psychologie?
Gertrude Raven Croissier: Sehr allgemein formuliert, ist Transpersonale Psychologie eine Verbindung von moderner wissenschaftlicher Psychologie mit alten spirituellen Weisheitslehren sowie alten und alternativen Heiltraditionen. Dass Sie mich aber gleich nach meiner eigenen Definition dieser Psychologie fragen, ist sinnvoll, denn eine allgemeingültige Definition von Transpersonaler Psychologie gibt es nicht. Sie ist keine definierte Methode, sondern eine psychologische und psychotherapeutische Bewegung, die sich aus verschiedenen Strömungen speist: aus der Humanistischen Psychologie der 1960er Jahre, der Psychosynthese von Assagioli, der Bewusstseinsforschung von Stanislav Grof und insbesondere der Archetypischen Psychologie von C.G. Jung.
Die von mir praktizierte und in einer Ausbildung gelehrte Transpersonale Psychologie und Psychotherapie orientiert sich vor allem an der theoretischen und praktischen Bewusstseinsarbeit von Grof, der mein Lehrer war, und an der Archetypischen Psychologie von C.G. Jung, in der nicht das Über-Bewusste, sondern das Unbewusste und die dunklen Aspekte der menschlichen Seele im Zentrum der Betrachtung stehen. Mein eigentlicher geistiger Hintergrund ist die alte spirituelle Heiltradition der weisen Frauen: In ihr gilt nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Natur als beseelt, alle Wesen sind heilig, und der Mensch als denkendes und planendes Wesen hat der Erde zu dienen, statt sie zu erobern oder zu überwinden.
In einer Auflistung werde ich die mir wichtigsten Kriterien Transpersonaler Psychologie darstellen:
- Psychotherapie, Spiritualität und HeilÂarbeit / Medizin gehören zusammen, sie sind eine Einheit. Therapeut und Klient sind beide heilungsbedürftig und daher gleichermaßen Subjekt und Objekt des Heilungsprozesses. MiteinÂander erschaffen sie ein holotropes Bewusstseinsfeld, in dem sich Heilung spontan ereignen kann. Ich nenne es das „Heilungsfeld“.
- Ziel der Erweiterung des Bewusstseins über die alltägliche Begrenzung von Raum und Zeit ist gerade nicht die Überwindung der irdischen Existenz, nicht Befreiung oder Erleuchtung, sondern allein die Selbst-Erkenntnis. Denn Selbst-Erkenntnis ist Gottes-Erkenntnis; Befreiung kommt dann ganz von / vom Selbst.
- Das Transpersonale ist nur eine Erweiterung des Personalen; Persönliches und Überpersönliches sind nicht getrennt. Meine Transpersonale Psychotherapie beginnt daher zunächst mit der heilsamen Entfaltung des Personalen, weil das Personale der Boden ist, der das Transpersonale trägt.
- Transpersonale Psychologie verzichtet möglichst auf Pathologisierung und orientiert sich stattdessen an den seelischen Bedürfnissen der Menschen. Psychische Störungen werden als überkommene Formen alter, ehemals notwendiger Überlebensmuster verstanden. Symptome werden nicht „besiegt“, schwierige Gefühle werden nicht „losgelassen“, sie werden angenommen und gewürdigt, denn sie sind der Weg zur Selbst-Erkenntnis und damit zur Heilung. Im wahren Selbst liegt der Schlüssel zur Heilung, und nicht im fachlichen Wissen der Therapeuten – das aber als eine Art Landkarte im Hintergrund exisÂtiert. Die therapeutische Aufgabe ist es, dem seelischen Entfaltungsprozess der Menschen zu folgen.
- Die Arbeit mit Gefühlen steht im Zentrum meiner Psychotherapie – neben der Arbeit mit dem Körper, mit Energien, inneren Bildern, Archetypen und Symbolen und dem ordnenden Geist. Denn Gefühle – und nicht der Verstand – offenbaren die Wahrheit der Seele.
- Anliegen und Ziel meiner Transpersonalen Psychotherapie sind die Erfahrung und Entfaltung weiblicher und männlicher Schöpfungsmacht. Das heißt: in „Wahrheit, Licht und Liebe“ uns selbst als die zu erschaffen, die wir schon immer sind, und tatkräftig mitzuwirken an der Gestaltung einer friedvollen und fruchtbaren Erde, auf der jedes Wesen – Stein, Pflanze, Tier und Mensch – Lebensraum und Lebenszeit hat, dem eigenen essenziellen Lebensplan zu folgen.
Welche Rolle spielen Träume und andere veränderte Bewusstseinszustände, wie etwa Meditation, in der Transpersonalen Psychologie?
Veränderte Bewusstseinszustände – Zustände, die unsere alltägliche Wahrnehmung von Raum und Zeit verändern – stehen im Zentrum der transpersonal-psychologischen Theorie und Forschung.
Die Transpersonale Psychotherapie, als Anwendungspraxis, schätzt und nutzt die einzigartige, große Heilkraft veränderter Bewusstseinszustände, so im Holotropen Atmen, in Imaginationen, inneren Reisen und der erlebnisorientierten Traumarbeit.
Veränderte Bewusstseinszustände können spontan auftreten oder auch durch Tiefenatmung, mit Trommeln, Rasseln, rituellem Tanz oder Meditation willentlich aktiviert werden. Denn die menschliche Seele ist multidimensional, in ihr existieren unterschiedliche Bewusstseinsebenen, die im veränderten Bewusstseinszustand erfahren werden können. Hierzu gehören die intraÂuterine Ebene, die Ebene der Geburtserfahrung, die biografische Ebene, die Dimension des Kollektiven Unbewussten mit ihren Urbildern der Seele (den Archetypen), aber auch präexistenzielle Erfahrungen (Reinkarnation) und Identifikationen mit anderen Lebensformen sind möglich (vgl. hierzu Grof.)
In meiner psychotherapeutischen Praxis ist die Heilarbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen – hierzu gehören auch Traumbilder und Traumsymbole – der eigentliche Mittelpunkt meiner Tätigkeit. Immer häufiger ereignen sich bei den Menschen, die ich begleite, spontane Öffnungen in erweiterte Bewusstseins-Räume. Verloren gegangene Inhalte – dunkle wie lichte – können direkt erfahren, gefühlt und integriert werden.
Was zeichnet die Menschen aus? Wie ist Ihr Menschenbild?
Mein Menschenbild ist nicht anthropozentrisch, wie das der großen Vater-Religionen. Das heißt, ich verstehe den Menschen nicht als Mittelpunkt und „Krone der Schöpfung“. Der Mensch ist lediglich ein Aspekt der Schöpfung, eine spezielle Verkörperung des Göttlichen, genau wie die Vögel in meinem Apfelbaum einen anderen Aspekt des grenzenlosen Bewusstseins verkörpern und der Apfelbaum wiederum einen anderen Aspekt dieser Ganzheit darstellt, die wir Gott oder Göttin nennen können. Alle diese Aspekte stehen miteinander in Beziehung, sind abhängig voneinander und bilden miteinander das große Netz des Lebens.
In diesem Netz sind alle Wesen – Pflanze, Tier, Mensch, und die Elementarwesen sollten wir auch dazunehmen – gleichwertig, aber nicht gleich, sondern unterschiedlich entsprechend ihrer speziellen Aufgabe in diesem großen evolutionären Plan. Die einzigartige Aufgabe des Menschen ist es nun – ganz entgegen der biblischen Aufforderung „Machet euch die Erde untertan“ –, der Erde und ihren Wesen zu dienen. Hierzu ist der Mensch begabt mit Herz, Geist und Verstand.
Wie lernen Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen?
Meines Erachtens ist es gar nicht unsere Aufgabe hier auf diesem Planeten Erde, „über uns selbst hinauszuwachsen“. Es geht doch gerade darum, bei sich selbst, dem wahren Selbst, und unserer Menschlichkeit – welche die Göttlichkeit beinhaltet – wieder anzukommen. Davon ist ein Großteil der Menschheit zur Zeit allerdings weit entfernt. Der patriarchale Mensch unserer Zeit strebt nach gottgleicher Macht. Seine gigantischen technologischen Erfindungen und Möglichkeiten aber sind getrennt von der spirituellen Essenz, von Liebe und Mitgefühl. Sein technologischer Machbarkeitswahn, der nicht dem Leben dient, führt daher zwangsläufig in die Vernichtung des Lebens, wie wir es gerade eindrucksvoll und schmerzlich erleben.
Ich würde sagen, der Mensch hat zu lernen, nicht hinaus- sondern hineinzuwachsen in sein Zentrum, in sein wahres Selbst, in dem alles enthalten ist, wonach er im Außen – auch in den Religionen – vergeblich sucht. Das Göttliche ist in uns. Daher hat der Mensch vor allem Innerlichkeit zu lernen, und dies erfordert Demut und Bescheidenheit und lässt keinen Raum für spirituellen Hochmut.
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