Home Dossier War Jesus ein Yogi? Die Weisheitslehren von Jesus und den Yoga-Siddhas

Die Weisheitslehren von Jesus und den Yoga-Siddhas

Von Marshall Govindan Satchidananda
Die Weisheitslehren von Jesus und den Yoga-Siddhas © Bild:Dreamstime, YA
Was besagen die Lehren Jesus moderner Forschung zufolge wirklich und worin stimmen sie mit den Lehren der indischen Siddhas überein? - Eine historische Perspektive
Wer war Jesus? Einer der einflussreichsten Menschen aller Zeiten? Der Gründer des Chris­tentums? Ein Messias oder Erlöser, gesandt von Gott, um die Menschheit von ihren Sünden zu befreien? Beschränkt sich unser Wissen über Jesus auf das, was in der Bibel aufgezeichnet ist? Was hat die moderne Geschichtsforschung darüber zu sagen, was Jesus tat und lehrte? Gab es in Indien spirituelle Meister, deren Lehren denen von Jesus ähnelten, und wenn ja, welches Licht wirft dies auf Jesu Botschaft?

Was lehrte Jesus wirklich? – Zur Authentizität des neuen Testaments
Mit der Entdeckung vieler neuer Quelltexte in der Wüste Sinai und in der Nähe des toten Meers sowie dem Aufkommen moderner Methoden der Textforschung durch Wissenschaftler, die frei von institutionsbedingter Voreingenommenheit sind, würden die meisten Bibelgelehrten heute zustimmen, dass die Bücher des Neuen Testaments verschiedene Authentizitätsebenen aufweisen:
die wahrscheinlich tatsächlichen Worte Jesu, zitiert in den Evangelien von Matthäus, Marcus und Lucas, jedoch erst mehrere Jahrzehnte später aufgezeichnet
vermutliche Interpolationen: Worte, die Jesus von unbekannten Quellen zugeschrieben wurden
Aussagen über Jesus oder seine Lehren von anderen, z.B. vom Apostel Paulus in seinen Briefen, die den maßgeblichen Rest des Neuen Testaments darstellen und die Grundlage des frühen kirchlichen Dogmas bildeten  
Wie weit haben die Interpolationen und das kirchliche Dogma innerhalb des Christentums und im verbreiteten Verständnis von Jesus und seinen Lehren die tatsächlichen Aussagen und Botschaften Jesu verzerrt oder verdunkelt? Was sagen die tatsächlichen Worte Jesu darüber aus, wer er war und was seine Lehren besagen? Was besagen seine Lehren nicht? Antworten auf diese Fragen sind Voraussetzung für Vergleiche zwischen den Lehren Jesu und denen der Gnostiker und anderer Mystiker wie der Yoga-Siddhas.

Die „fehlenden Jahre“
Es gibt keinerlei Aufzeichnungen über die sogenannten „fehlenden Jahre“ zwischen der überlieferten Begebenheit im Tempel von Jerusalem, als Jesus im Alter von zwölf Jahren souverän zu den Schriftgelehrten und Pharisäern sprach, und seinem erneuten Erscheinen mit 30, als er am See Genezareth seine Mission begann. Deshalb müssen wir  woanders nach Informationen darüber suchen, welche Einflüsse Jesus, den Sohn eines Zimmermanns aus Nazareth, in den Messias oder den Erretter des jüdischen Volkes verwandelten, in Christus, der seither von Millionen von Menschen verehrt wird. Und in der Tat existieren Quellen, die über diese Einflüsse klare Rückschlüsse zulassen: Die Schriften der Gnostiker, die 1945 in Nag Hammadi im Sinai gefunden wurden, und die Schriften der jüdischen Essener, die man in Qumran entdeckte, z.B. die Funde von 1948.  
Die vernachlässigte Siddha-Literatur neu entdeckt
In jüngerer Zeit hat das Yoga Siddha Research Centre in Chennai, Indien, eine Reihe von Büchern herausgebracht, die erstmalig Übersetzungen und Kommentare zu den Überlieferungen der Yoga-Siddhas, der „vollkommenen“ Yogis Indiens, die Zeitgenossen von Jesus waren, bieten. Die Lehren und Wunderkräfte der Siddhas waren denen von Jesus erstaunlich ähnlich. Dies ermöglicht einen bemerkenswerten Vergleich zwischen den Lehren und Wundern Jesu und denen der Yoga-Siddhas.

Wie ist es möglich, dass ein solcher Vergleich noch nie zuvor angestellt worden ist? Nun, die Schriften der Yoga-Siddhas sind bis vor Kurzem weitgehend ignoriert worden. Sie waren von den orthodoxen Institutionen nicht gut erhalten worden, denn die Siddhas verurteilten scharf das Kastenwesen, die exzessive Betonung der Gottesverehrung in Tempeln und der Schriften sowie die Autorität der Brahmanen, also der Priesterkaste, die in Indien das Monopol auf religiöse Angelegenheiten innehielt. Die Schriften der Siddhas waren in der Sprache des Volkes verfasst, insbesondere in Tamil. Sanskritkenntnisse waren größtenteils auf die Brahmanenkaste beschränkt, deren Priester und Gelehrte die Bereiche Religion und Bildung dominierten. Die Siddhas verurteilten dieses Monopol und lehrten, dass Gott einzig durch Jnana-Yoga, durch aus Selbst-Erkenntnis geborene Weisheit, durch Meditation und andere spirituelle Praktiken wie besonders Kundalini-Yoga erkannt werden könne. Die orthodoxe Kaste der Brahmanen reagierte, indem sie die Schriften der Siddhas verbrannte, und war bestrebt, die Siddhas in Verruf zu bringen, indem sie sie herablassend behandelte und schlecht über sie sprach.

Bis zum heutigen Tag haben auch westliche Gelehrte die alte Tamil-Literatur unberührt gelassen und sich stattdessen lieber auf die gut erhaltene Sanskrit-Literatur konzentriert. Die Siddha-Schriften wurden auch deswegen vernachlässigt, weil sie in einer sogenannten “zwielichtigen Sprache” verfasst sind, die ihre tiefere Bedeutung absichtlich für alle Rezipienten vernebelt, die nicht in den Yoga initiiert sind. Die große Lücke in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Siddha-Schriften begann ein aus führenden Gelehrten bestehendes Team des Yoga Siddha Research Centre in Chennai in letzter Zeit jedoch durch eine lohnenswerte Buchreihe zu füllen. Die Forscher sammelten, konservierten und transkribierten Tausende von  Palmblattmanuskripten der Yoga-Siddhas, die in verschiedenen Manuskriptbibliotheken Indiens ein vergessenes Dasein gefristet hatten, und begannen sie zu übersetzen.


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Autoren Info

Marshall Govindan Satchidananda baute weltweit Kriya-Yoga-Zentren auf. Er war Schüler von Yogi Ramaiah und wurde von Babaji selbst beauftragt, Kriya-Yoga zu unterrichten. Gelegentlich bietet er auch im deutschsprachigen Raum Einweihungen an.