Gefahren auf dem spirituellen Weg
Von Doris IdingSeite 1 von 2
Auch auf dem spirituellen Weg lauern Sackgassen: Erfahrungen, mit denen man nicht umgehen kann, Aufblähung des Egos, Verhaftung in Dogmen und vielerlei mehr…
Fast ein jeder Mensch hat irgendwann im Verlaufe seines Lebens eine Einheitserfahrung. Viele erleben sie als das Verschmelzen zweier Menschen beim Sex, andere erfahren sie als das Aufheben der eigenen Grenzen in der Natur oder als Flow beim Joggen. Wieder andere werden bei einem Unfall oder einer anderen lebensbedrohlichen Erfahrung aus dem Alltagsbewusstsein hinaus und in die SeinsÂebene hinein katapultiert. Eine solch spirituelle Einheitserfahrung findet jenseits des linearen Raum-Zeit-Erlebens statt. Hier gibt es keine Dualität mehr, keine Bewertung, kein Gut und kein Böse, kein Oben oder Unten und kein Ego. Hier gibt es keine Unterscheidungen mehr - nur noch das Sein bzw. das Nicht-Sein. Obwohl dieses Sein in seiner Essenz eins ist, haben ihm die verschiedenen Völker unterschiedliche Namen gegeben: Im Hinduismus Purusha, Brahman oder Maha-Atman, in der Advaita-Philosphie das All-Eine, in der chinesischen Philosphie Tao, im Mahayana-Buddhismus die reine Natur des Geistes oder Buddha-Natur und seit Nagarjuna die Bezeichnung Shunyata oder bei Meister Eckhart Gottheit. Im Griechischen wird es im Sinne des Logos als Gott bezeichnet und in der apostatischen christlichen Theologie gibt man ihm den Namen das Große Geheimnis Gottes.
Diese Erfahrungen können leise und kaum merkbar sein. Sie können aber auch so intensiv sein, dass sie das ganze Leben eines Menschen von einem Moment auf den anderen vollständig verändern. Diese Erfahrungen sind der tiefe Wunsch vieler spiritueller Suchender. Und sie sind auch oftmals der Auslöser für einen spirituellen Weg selbst. Sie sind immer wieder Ziel einer spirituellen Praxis und gleichzeitig erst der Anfang eines spirituellen Weges, der ein ganzes Leben lang dauert. Für den einen Menschen kann eine solche spirituelle Erfahrung eine Befreiung bedeuten, für den anderen hingegen können sie Hindernisse mit sich bringen. Denn spirituelle Erfahrungen können auch durchaus negative Begleiterscheinungen aufzeigen. Der eine sieht in ihnen Wachstumsmöglichkeiten, für einen anderen hingegen werden sie zu Stolpersteinen auf seinem spirituellen Weg.
Diese Begleiterscheinungen sind auch unter dem Begriff "spirituelle Krisen" bekannt, weil sie einen Menschen aus dem gewohnten Gleis werfen können. Gemeint sind Bewusstseinszustände, die mit besonderen Phänomenen, Stimmungen, Ich-Zuständen und Sensationen einhergehen, die der Betroffene selbst und seine Umwelt oftmals nicht einordnen können, weshalb sie damit auch nicht entsprechend umgehen können. Diese spirituellen Krisen lassen jemanden entweder hochmütig erscheinen oder verunsichern ihn und beängstigen ihn und bringen seine gewohnten Sichtweisen und Verhaltensmuster in einem ungesunden Maß aus der Balance. Manchmal machen sie einen Menschen auch krank. Spirituelle Krisen können in Zeiten des spirituellen Wachstums passieren oder in Phasen auftreten, in denen man sich einer intensiven spirituellen Praxis hingibt, in Lebenswandlungszeiten, Zeiten der Umstellung oder des Neuanfangs, in Zeiten der Erschütterung, des Schmerzes, der Angst, des Leidens oder in Zeiten, in denen Krankheit entsteht. Der Psychiater Christian Scharfetter, der sich intensiv mit der Erforschung des Bewusstseins, der Spiritualität und psychologischer Phänomene beschäftigt hat, unterteilt die Erscheinungsformen der spirituellen Krisen in folgende Bereiche:
Bewusstseinsphänomene
Gemeint ist hier das Auftauchen veränderter Bewusstseinszustände, bei denen man sein normales Körpergefühl verliert und es sich anfühlt, als würde man eine Bewusstseinsreise erleben, die einer schamanischen Reise gleichen kann. Der Betroffene hat plötzlich auf unangenehme und nicht kontrollierbare Weise das Gefühl, dass der Körper seine physische Beschaffenheit verliert, oder ein Teil der Seele den Körper verlässt und in andere Welten reist. Auch Poltergeistphänomene, Synchronizitätsereignisse, Visionen, PSI-Erscheinungen u.a. werden dazu gezählt. Sie können, wenn man sie einzuordnen weiß, sehr heilvoll sein, wenn sie hingegen nicht vertraut sind, von dem Betreffenden als eine Bedrohung erfahren werden.
Vegetativ-energetische psychosomatische Phänomene
Es kommt zu energetisch-vegetativen Störungen wie Frösteln, Zittern, Beben, Schmerzen im Kopf oder in der Herzgegend, im Bauch, Beckenbereich, aber auch das Auftreten sensorischer Sensationen wie Licht-, Farb-, Ton- und Vibrationsempfindungen gehört dazu. Auch Stimmungsschwankungen, die zwischen Manie und Depression hin- und herpendeln, sind keine Seltenheit. Aus Sicht der westlichen Medizin werden solche Störungen dem psycho-vegetativen Bereich zugeschrieben und als vegetative, autonome Irritation bezeichnet und somit körperlichen Störungen zugeordnet. In anderen Kulturen wie dem Tantra und Hinduismus werden solche Phänomene der Aktivierung der Kundalini und somit als Reinigungsprozess auf dem spirituellen Weg angesehen.
Kundalini
Unter Kundalini versteht man die kosmische Energie, die jedem Menschen innewohnt und die am unteren Ende des Wirbelsäulenkanals als aufgerollte Schlange schläft. Diese Energie kann spontan erwachen oder durch bestimmte meditative, spirituelle oder geistige Techniken geweckt werden. Erwacht steigt die Kundalini die Wirbelsäule die sieben Hauptchakren entlang. Wird ein solches Chakra aktiviert, kann der Mensch besondere Phänomene erleben, so als würde Energie seinen Körper durchströmen, oder aber er nimmt bestimmte Licht- und Tonerscheinungen oder Hitze- und Kälteempfindungen wahr, und darüber hinaus kann er übernatürliche Kräfte entwickeln. Kann der Betroffene nicht mit diesen Phänomenen umgehen, können sie den Alltag sehr einschränken, solange, bis die Energie wieder abflacht.
Affektdominante Phänomene
Unter diesen Phänomenen werden in erster Linie negative Veränderungen der Grundgestimmtheit wie Mutlosigkeit, Schwermut, Gefühle der Nichtigkeit, Zweifel, Angst, Verlassenheits- und Verlorenheitsgefühle beschrieben. Diese Phänomene werden auch als große Isolation erlebt. Dieses extreme Gefühl der Einsamkeit, die sogenannte Dunkle Nacht der Seele, wie sie von Johannes vom Kreuz beschrieben wird, gehört zum spirituellen Weg und wird immer wieder durch unterschiedlichste Erfahrungen von Menschen auf der ganzen Welt belegt. So zum Beispiel durch das Karfreitagsleiden und Sterben, die Wüstenwanderung, die Trostlosigkeit und die Austrocknung der Seele oder als die Versuchung Jesu in der Wüste oder Jakobs Ringen mit den Engeln. Im Hinduismus werden die Ratlosigkeit und Zweifel Arjunas im ersten Gesang der Bhagavad Gita gerne als Beleg dafür genommen. Im Buddhismus sind damit zum Beispiel die schweren Prüfungen gemeint, die der tibetische Heilige Milarepa von seinem Guru Marpa auferlegt bekam.
Besessenheitszustände
Hierzu zählt das Gefühl, von Dämonen, fremden Mächten oder Geistern im Verhalten bestimmt zu werden. Besessenheit ist meist zeitlich auf Stunden begrenzt, kann aber häufiger auftreten und bei einem Menschen mit einer labilen Psyche in einer Psychose enden. Diese Phänomene scheinen in der westlichen Kultur allerdings seltener vorzukommen, als z.B. in Ländern, die schamanisch arbeiten. So ist z.B. in Südamerika oder Teilen Afrikas diese Besessenheiten zentrales Element schamanischer Heilungsrituale.
Ich-desintegrative Krise
Diese Form wird als die schwerste Krise gesehen, die einem Menschen auf dem spirituellen Weg passieren kann. Damit ist die negative Ich-Auflösung, der Ich-Verlust im Sinne des Zerbrechens, des Vergehens, des Verlorengehens oder auch das Gefühl des Weltverlusts gemeint. Dabei kann das Gefühl entstehen, in eine außergewöhnliche Welt weggerissen zu werden und darin eingeschlossen zu sein und den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren.
So schmerzvoll das Durchleben dieser verschiedenen Krisenaspekte auch sein mag, so wird es doch meistens als ein Prozess der wachsenden Demut, der zunehmenden Achtsamkeit, der körperlichen und seelischen Reinigung und in Folge dessen zur Zurücknahme des Egos erlebt. Ob und wann genau aber eine spirituelle Krise auftreten kann, ist im Vorfeld nicht zu bestimmen. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Mensch erst eine Reihe tiefer spiritueller Erfahrungen erlebt und danach in eine spirituelle Krise gerät. Je nach Ausmaß kann sie wie ein Tod und folglich wie eine Wiedergeburt erlebt werden. Nicht selten wird eine solche Krise als eine Initiation, als ein Wendepunkt im Leben des Menschen erfahren, weil unreflektiertes, unreifes Verhalten aufgegeben wird und der Mensch mehr und mehr Selbstverantwortung für seine Gedanken und Handlungen übernimmt.
Diese Erfahrungen können leise und kaum merkbar sein. Sie können aber auch so intensiv sein, dass sie das ganze Leben eines Menschen von einem Moment auf den anderen vollständig verändern. Diese Erfahrungen sind der tiefe Wunsch vieler spiritueller Suchender. Und sie sind auch oftmals der Auslöser für einen spirituellen Weg selbst. Sie sind immer wieder Ziel einer spirituellen Praxis und gleichzeitig erst der Anfang eines spirituellen Weges, der ein ganzes Leben lang dauert. Für den einen Menschen kann eine solche spirituelle Erfahrung eine Befreiung bedeuten, für den anderen hingegen können sie Hindernisse mit sich bringen. Denn spirituelle Erfahrungen können auch durchaus negative Begleiterscheinungen aufzeigen. Der eine sieht in ihnen Wachstumsmöglichkeiten, für einen anderen hingegen werden sie zu Stolpersteinen auf seinem spirituellen Weg.
Diese Begleiterscheinungen sind auch unter dem Begriff "spirituelle Krisen" bekannt, weil sie einen Menschen aus dem gewohnten Gleis werfen können. Gemeint sind Bewusstseinszustände, die mit besonderen Phänomenen, Stimmungen, Ich-Zuständen und Sensationen einhergehen, die der Betroffene selbst und seine Umwelt oftmals nicht einordnen können, weshalb sie damit auch nicht entsprechend umgehen können. Diese spirituellen Krisen lassen jemanden entweder hochmütig erscheinen oder verunsichern ihn und beängstigen ihn und bringen seine gewohnten Sichtweisen und Verhaltensmuster in einem ungesunden Maß aus der Balance. Manchmal machen sie einen Menschen auch krank. Spirituelle Krisen können in Zeiten des spirituellen Wachstums passieren oder in Phasen auftreten, in denen man sich einer intensiven spirituellen Praxis hingibt, in Lebenswandlungszeiten, Zeiten der Umstellung oder des Neuanfangs, in Zeiten der Erschütterung, des Schmerzes, der Angst, des Leidens oder in Zeiten, in denen Krankheit entsteht. Der Psychiater Christian Scharfetter, der sich intensiv mit der Erforschung des Bewusstseins, der Spiritualität und psychologischer Phänomene beschäftigt hat, unterteilt die Erscheinungsformen der spirituellen Krisen in folgende Bereiche:
- Bewusstseinsphänomene
- vegetativ-energetische psychosomatische Phänomene, Kundalini-Erfahrungen
- affektdominante Phänomene
- Besessenheitszustände
- Ich-desintegrative Krise
Bewusstseinsphänomene
Gemeint ist hier das Auftauchen veränderter Bewusstseinszustände, bei denen man sein normales Körpergefühl verliert und es sich anfühlt, als würde man eine Bewusstseinsreise erleben, die einer schamanischen Reise gleichen kann. Der Betroffene hat plötzlich auf unangenehme und nicht kontrollierbare Weise das Gefühl, dass der Körper seine physische Beschaffenheit verliert, oder ein Teil der Seele den Körper verlässt und in andere Welten reist. Auch Poltergeistphänomene, Synchronizitätsereignisse, Visionen, PSI-Erscheinungen u.a. werden dazu gezählt. Sie können, wenn man sie einzuordnen weiß, sehr heilvoll sein, wenn sie hingegen nicht vertraut sind, von dem Betreffenden als eine Bedrohung erfahren werden.
Vegetativ-energetische psychosomatische Phänomene
Es kommt zu energetisch-vegetativen Störungen wie Frösteln, Zittern, Beben, Schmerzen im Kopf oder in der Herzgegend, im Bauch, Beckenbereich, aber auch das Auftreten sensorischer Sensationen wie Licht-, Farb-, Ton- und Vibrationsempfindungen gehört dazu. Auch Stimmungsschwankungen, die zwischen Manie und Depression hin- und herpendeln, sind keine Seltenheit. Aus Sicht der westlichen Medizin werden solche Störungen dem psycho-vegetativen Bereich zugeschrieben und als vegetative, autonome Irritation bezeichnet und somit körperlichen Störungen zugeordnet. In anderen Kulturen wie dem Tantra und Hinduismus werden solche Phänomene der Aktivierung der Kundalini und somit als Reinigungsprozess auf dem spirituellen Weg angesehen.
Kundalini
Unter Kundalini versteht man die kosmische Energie, die jedem Menschen innewohnt und die am unteren Ende des Wirbelsäulenkanals als aufgerollte Schlange schläft. Diese Energie kann spontan erwachen oder durch bestimmte meditative, spirituelle oder geistige Techniken geweckt werden. Erwacht steigt die Kundalini die Wirbelsäule die sieben Hauptchakren entlang. Wird ein solches Chakra aktiviert, kann der Mensch besondere Phänomene erleben, so als würde Energie seinen Körper durchströmen, oder aber er nimmt bestimmte Licht- und Tonerscheinungen oder Hitze- und Kälteempfindungen wahr, und darüber hinaus kann er übernatürliche Kräfte entwickeln. Kann der Betroffene nicht mit diesen Phänomenen umgehen, können sie den Alltag sehr einschränken, solange, bis die Energie wieder abflacht.
Affektdominante Phänomene
Unter diesen Phänomenen werden in erster Linie negative Veränderungen der Grundgestimmtheit wie Mutlosigkeit, Schwermut, Gefühle der Nichtigkeit, Zweifel, Angst, Verlassenheits- und Verlorenheitsgefühle beschrieben. Diese Phänomene werden auch als große Isolation erlebt. Dieses extreme Gefühl der Einsamkeit, die sogenannte Dunkle Nacht der Seele, wie sie von Johannes vom Kreuz beschrieben wird, gehört zum spirituellen Weg und wird immer wieder durch unterschiedlichste Erfahrungen von Menschen auf der ganzen Welt belegt. So zum Beispiel durch das Karfreitagsleiden und Sterben, die Wüstenwanderung, die Trostlosigkeit und die Austrocknung der Seele oder als die Versuchung Jesu in der Wüste oder Jakobs Ringen mit den Engeln. Im Hinduismus werden die Ratlosigkeit und Zweifel Arjunas im ersten Gesang der Bhagavad Gita gerne als Beleg dafür genommen. Im Buddhismus sind damit zum Beispiel die schweren Prüfungen gemeint, die der tibetische Heilige Milarepa von seinem Guru Marpa auferlegt bekam.
Besessenheitszustände
Hierzu zählt das Gefühl, von Dämonen, fremden Mächten oder Geistern im Verhalten bestimmt zu werden. Besessenheit ist meist zeitlich auf Stunden begrenzt, kann aber häufiger auftreten und bei einem Menschen mit einer labilen Psyche in einer Psychose enden. Diese Phänomene scheinen in der westlichen Kultur allerdings seltener vorzukommen, als z.B. in Ländern, die schamanisch arbeiten. So ist z.B. in Südamerika oder Teilen Afrikas diese Besessenheiten zentrales Element schamanischer Heilungsrituale.
Ich-desintegrative Krise
Diese Form wird als die schwerste Krise gesehen, die einem Menschen auf dem spirituellen Weg passieren kann. Damit ist die negative Ich-Auflösung, der Ich-Verlust im Sinne des Zerbrechens, des Vergehens, des Verlorengehens oder auch das Gefühl des Weltverlusts gemeint. Dabei kann das Gefühl entstehen, in eine außergewöhnliche Welt weggerissen zu werden und darin eingeschlossen zu sein und den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren.
So schmerzvoll das Durchleben dieser verschiedenen Krisenaspekte auch sein mag, so wird es doch meistens als ein Prozess der wachsenden Demut, der zunehmenden Achtsamkeit, der körperlichen und seelischen Reinigung und in Folge dessen zur Zurücknahme des Egos erlebt. Ob und wann genau aber eine spirituelle Krise auftreten kann, ist im Vorfeld nicht zu bestimmen. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Mensch erst eine Reihe tiefer spiritueller Erfahrungen erlebt und danach in eine spirituelle Krise gerät. Je nach Ausmaß kann sie wie ein Tod und folglich wie eine Wiedergeburt erlebt werden. Nicht selten wird eine solche Krise als eine Initiation, als ein Wendepunkt im Leben des Menschen erfahren, weil unreflektiertes, unreifes Verhalten aufgegeben wird und der Mensch mehr und mehr Selbstverantwortung für seine Gedanken und Handlungen übernimmt.
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Rubrik:
Spirituelle Erfahrungen



