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Börse & Spiritualität

Von Doris Iding
Börse & Spiritualität © Bild:Dreamstime
Claus David Grube ist Trader-Coach und selbst Börsianer. In YOGA AKTUELL spricht er über derzeitige Systemfehler, die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Reform und über »Awareness« als spirituelle Übung im Finanzgeschäft
Bislang sahen viele spirituell Interessierte nur die Yogamatte oder der Meditationsraum als einen Ort, an dem sie sich intensiv mit Bewusstwerdung, Erleuchtung und Überwindung des Weltlichen auseinandergesetzt haben. Manch einer sieht es genau umgekehrt und macht die Börse zu seinem Übungsfeld, um die existenzielle Trennung von der Welt zu überwinden. Einer von ihnen ist Claus David Grube, Börsianer und Coach für Trader.

YOGA AKTUELL: Du arbeitest als Coach für Trader. Was genau ist darunter zu ver­stehen?

Claus David Grube: Trader, also an Börsenmärkten Handelnde, haben eines von zwei Problemen: Entweder ist ihre Handelsstrategie ungenügend für Erfolg oder sie haben eine gute Strategie und können diese aber aus psychologischen Gründen nicht diszipliniert durchführen. Ich bin sowohl sehr erfahren in Börsenstrategie als auch sehr gut ausgebildet als Coach (NLP-Lehrtrainer) und bemühe mich als Coach dem Klienten eine bessere Strategie und eine bessere Selbstdisziplin „beizubringen“.

Was passiert psychisch mit den Menschen, die jetzt an der Börse viel Geld verlieren, vielleicht so gar alles. Hast Du damit zu tun?

Ja natürlich. Es ist indes an den meisten Börsen so, dass das, was der eine verliert, der andere gewinnt, so dass sich für meine Klientel und mich nicht viel geändert hat. Es wird hier einiges zum Thema „Finanzmarktkrise“ in diesen Monaten unvollständig oder unrichtig dargestellt. Das große Problem der „Toxic“ Papiere, deren Markt als Ganzes als Illusion erkannt werden musste, ist eher eines von Bankenvorständen, mit denen ich nichts zu tun habe. Trader, die Verluste generiert haben, gibt es immer, und als Coach muss man da vor allem Sorge tragen, dass die Emotionen von Angst, Schuld, Scham entladen werden. Denn Angst erzeugt wieder Angst und die Verluste werden größer.

Was kann man in einem solchen Falle tun, z.B. man hat seine ganzen Ersparnisse verloren? Kommen auch solche Menschen zu Dir und bitten um Rat?

Ja, aber eher selten. In den letzten Jahren haben zum einen viele der privaten Trader sehr viel dazugelernt. Es werden heute sehr viele neue Instrumente angeboten, so dass auch der „normale“ private Trader heutzutage weiß, wie man „short“ geht, also an fallenden Kursen verdient. Wer das noch nicht einmal weiß, ist eher nicht mein Kunde. Als Verlierer kann man nur loslassen und von vorne beginnen. Man sollte sich bewusst machen, ob man Geld verlieren wollte, weil man das Geld aus religiösen oder sozialpolitischen Gründen mehr oder weniger unbewusst ablehnt. Davon abgesehen: Unsere Ersparnisse verlieren wir fortwährend. Alles andere ist genau so eine Illusion, wie die, dass die Rente sicher sei. Jede „Neuverschuldung“ des Finanzministers – und die jetzt anstehende ist die dramatisch größte der bundesrepublikanischen Geschichte – führt zur Erosion des Geldwertes und damit des Wertes unserer Ersparnisse und Rentenillusionen.  

Du hast die Entwicklung bereits vor vielen Jahren vorausgesehen. Warum hat man dem nicht entgegen gewirkt?

Zum einen gibt es eine frappierende Ignoranz oder Irrläufigkeit der offiziellen Wirtschaftswissenschaften. Es gibt in der Wissenschaft nicht einmal eine stimmige Theorie dazu, was Geld eigentlich ist. „Das Kapital“ hat das Ganze noch verschlimmert.
Zum anderen liegen hier ein oder zwei recht tief angelegte Systemfehler vor, die nur recht radikal aufgelöst werden könnten. Da wird es erst richtig knallen müssen. Das Risiko besteht bei Verschärfung der Krise darin, dass Ignoranten oder Populisten an die Macht kommen und dann entweder ein nicht funktionables System wie den „Sozialismus“ errichten oder das Ganze mit den Systemfehlern neu starten.

Es fehlt derzeit sehr an einer stimmigen Utopie für eine gerechte und dynamische Wirtschaftsordnung. Dieses müsste eine die bürgerliche Gesellschaft weiter entwickelnde Wirtschaftsstruktur sein. Das Problem des Zinseszins-Effekts ist zum Beispiel nicht so einfach zu lösen. Immerhin haben hier die Banken in der islamischen Welt, die so genanntes Sharia-Banking betreiben, offensichtlich derzeit Vorteile, denn sie durften sich nicht überschulden. Das Verbot des Zinses, wie es ja schon mal im frühen Mittelalter bestand, scheint mir aber keine wirkliche Lösung zu sein. Auch damals wurde das Verbot umgangen. Wer keinen Zins erwartet, finanziert keine Unternehmen. Eine zinsfreie Wirtschaft würde stagnieren.

Es wird also ein ewiges Wachstum geben müssen. Der Zins zwingt zur kontinuierlichen Ausweitung der Geldmenge. Es muss aber eigentlich nur Überschuldung verhindert werden, so dass das ewige Wachstum langsam und geordnet vonstatten geht.
Man sollte aber auf jeden Fall die Staatsverschuldung eindämmen oder abschaffen. Darin sehe ich die Wurzel allen Übels dieser Tage. Aber werden die Politiker, die für unsere heutige Überschuldung des Staates, die noch in krimineller Weise verschleiert wird, verantwortlich sind, für eine Abschaffung der Staatsverschuldung sorgen wollen oder können? Die hoffen eher nur, dass sie ihre Pension noch bekommen, bevor es knallt. In einer Demokratie unserer Machart werden natürlich die gewählt, die dem Stimmvolk Wohltaten oder Sicherheitsnetze versprechen. Dieses System wird erst kollabieren müssen, so dass aus der Krise eine neue Einsicht entstehen kann.

Wie wird sich die Finanzkrise Deiner Meinung nach weiterentwickeln?

Der Crash der Finanzmarkt-Teilnehmer wurde und wird durch den Crash der Staaten, die sich in nie da gewesener Weise überschulden, abgelöst. Man wird die Flucht in eine Globalwährung versuchen, man wird alles Mögliche unternehmen, den Bürgern ihr Vermögen abzunehmen. Zwischenzeitlich wurde durch das Schaffen neuer Liquidität per neuer Staatsverschuldung ein Ansteigen der Aktien bewirkt. Wenn die Staaten ihre Zinstitel nicht mehr am Markt unterbringen können, müssen die Zinsen im Wettbewerb der Staaten um Geldgeber streiten. Daran gehen dann weitere Unternehmen und Kommunen bankrott. Einige Staaten sind faktisch bankrott. Island versucht sich in die EU zu flüchten, wo noch Pleitestaaten wie Griechenland gestützt werden. Letztendlich erleben wir eine weltweite Hyper-Inflation mit Geldentwertung und Entwertung aller Guthaben. Und es wird Gewinner geben, einige seltene Regionen der Stabilität. Die Schweiz hat zwar das Problem der UBS, ich denke aber, dass sie ansonsten sehr gut aufgestellt ist. Die Sieger der Krise sitzen aber wohl eher in Asien.

Es wird in Deutschland eine tief greifende Reform geben müssen. Diese muss den kleinen Unternehmer und Selbständigen unterstützen. Nur von dem so genannten Mittelstand kann gesundes Wirtschaften und Aufschwung kommen. Großbanken und multinationale Konzerne sollte man genauso als Dinosaurier erkennen und eingehen lassen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. Es braucht eine bürgerliche Revolution. Und was wird aus den Arbeitern und Angestellten, was wird aus den Sozialhilfeempfängern? Macht sie zu Unternehmern, gebt ihnen eine Chance, sich auf einem lokalen Markt (und lokal ist in Zeiten des Internets ja durchaus auch global) zu behaupten.


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Autoren Info

Doris Iding ist Ethnologin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin sowie als Yogalehrerin für Erwachsene und Kinder.