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Krise & Angst

Von Doris Iding
Krise & Angst © Bild:Dreamstime
Reale und unrealistische Ängste – wo sie uns helfen, wie sie uns schaden. Der Psychiater Prof. Borwin Bandelow im Interview
Einen Grund, Angst zu haben, gibt es immer: aktuelle Anlässe wie die Finanzkrise oder existenzielle Ängste, wie der Angst vor dem Tod eines geliebten Menschen. Entscheidend aber ist unser Umgang damit. Angst gehört zu unserem Alltag und wir sollten sie nicht nur als unseren Feind betrachten, sondern auch als einen Freund. Schließlich beschützt sie uns immer wieder davor, gedankenlos und fahrlässig zu handeln. Über den Einfluss und Umgang mit der Angst hier ein Gespräch mit dem Angstexperten Prof. Dr. Borwin Bandelow.

Interview


YOGA AKTUELL: Derzeit sind Sie ein vielgefragter Mann: Im Fernsehen, den Medien überall ist Ihre Meinung zur Finanzkrise gefragt. Welches ist die häufigste Frage, die Ihnen gestellt wird?

Borwin Bandelow: Dass ich im Moment in den Medien so präsent bin, liegt wohl an den drei Büchern, die ich geschrieben habe: „Das Angstbuch.“, „Das Buch für Schüchterne“ und „Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein.“ Dadurch verteilen sich die Fragen auch etwas. Aber natürlich sind es momentan schon sehr viel Interviewanfragen, die mit der Finanzkrise zusammenhängen. Es machen sich ja doch sehr viele Menschen Sorgen um ihr Geld.

Sie haben bestimmt nicht nur von Seiten der Medien viele Anfragen, sondern die Angstambulanz in Göttingen, die Sie leiten, ist doch momentan bestimmt übervoll, oder?

Nein, nicht voller als sonst. Das hängt damit zusammen, dass es zwei Arten von Ängsten gibt: die realen und die unrealen Ängste. Die Menschen, die zu mir kommen, haben eher unrealistische Ängste, z.B. vor Fahrstühlen, Mäusen und Hunden oder aber sie bekommen ganz plötzlich Panikattacken. Die Menschen, die sich jetzt in Bezug auf die Finanzkrise Sorgen machen, haben ja direkte, reale Ängste, die nachvollziehbar sind. Sie haben Angst, z.B. arbeitslos zu werden oder Geld zu verlieren. Aber deswegen geht man ja nicht zum Psychiater, weil man nicht davon ausgeht, dass der Psychiater die Finanzkrise löst. Oder die Menschen, die im Moment viel Geld verlieren, machen das auch eher mit sich selbst aus und kommen deshalb nicht zu mir. Außerdem haben die Menschen, die jetzt Geld mit Aktien verloren haben, sowieso so viel Geld, dass sie überhaupt Aktien kaufen konnten, dass sie sich nicht gleich existenziell bedroht fühlen. Der normale Mann auf der Straße hat ja nicht alles in Aktien investiert. Es ist hier ja nicht so wie in Indien, wo viele arme Menschen Aktien gekauft haben und jetzt dadurch erst recht verarmt sind. Um dies besser zu verstehen, möchte ich Ihnen das Belohnungs- und Angstsystem unseres Gehirns erklären. Immer wenn eine Bestrafung ausbleibt, dann kommt es zu einer Ausschüttung des Belohnungssystems.

In Bezug auf die Finanzkrise funktioniert unser Belohnungssystem folgendermaßen: Solange man noch kein Geld verloren hat, hat man große Angst, etwas zu verlieren. Aber in dem Moment, da die Bestrafung ausbleibt, d.h., die Aktienkurse doch nicht so abfallen, wie man befürchtet hat, bekommt man eine Ausschüttung vom Belohnungssystem und fühlt sich gut. Oder aber man hat ganz viel Geld verloren, dann gehen die Kurse bei einem ganz niedrigen Niveau wieder rauf, da freut man sich bereits und bekommt ebenfalls wieder eine Ausschüttung über das Belohnungssystem.  Wenn die Finanzkrise sich sogar wieder etwas erholt, dann entsteht bei Menschen ein erhöhtes Wohlgefühl. Das Belohnungssystem funktioniert etwas paradox, da es nicht in absoluten Euro gemessen werden kann, sondern es hat einen relativen Wert: Wenn also meine Aktien 10.000 € wert waren, auf 2.000 € runtergeschrumpft sind, sich aber auf 5.000 € erholt haben, fühle ich mich wie ein Honigkuchenpferd, obwohl ich immer noch nicht soviel Geld habe wie vorher. Dem Belohnungssystem steht das so genannte Angstsystem gegenüber.

Wenn wir immer nur versuchen würden, unser Belohnungssystem auszureizen, würden wir im Supermarkt die Wurst essen, die uns lecker erscheint, einen Menschen, der uns gefällt, sexuell angehen etc. Aber hier schützt uns unser Angstsystem davor, dass wir unser Belohnungssystem zu sehr ausreizen. Gleichzeitig ist es jedoch so, dass wenn der Schaden, den das Angstsystem befürchtet hat, nicht in dem Maße eintritt, uns unser Gehirn mit einer Ausschüttung von Endorphinen belohnt. Angst hat so gesehen also auch etwas sehr Positives. Winston Churchill hat es mit folgenden Worten formuliert: „Es gibt nichts Schöneres, als beschossen und nicht getroffen zu werden.“ Somit kann man sogar sagen, dass die Finanzkrise auch etwas Gutes haben kann, obwohl es in den Medien immer nur so dargestellt wird, als wäre es ganz schlecht, viel Geld zu verlieren, so nach dem Motto: Viel Geld – viel Glück. Wenig Geld – wenig Glück. Dabei hängen Glück und Geld gar nicht miteinander zusammen.

Ist das Belohnungssystem dafür verantwortlich, dass viele Menschen nicht aus ihren Fehlern lernen und sich wieder Aktien kaufen, selbst wenn sie vorher viel Geld verloren haben, und die Börse dadurch immer wieder einen Aufschwung erlebt?

Wenn man wieder auf dem aufsteigenden Ast ist und dann auch kleine Gewinne macht und den Hals nicht voll bekommen kann, immer mehr haben will und die Warnungen des Angstsystems sowie Warnungen von Finanzexperten ausschlägt und dann einfach so weitermacht, wird man nicht aus seinen Fehlern lernen. Es ist schon jetzt abzusehen, dass sich die Finanzen in ein bis zwei Jahren wieder erholen werden. Dann wird wieder eine Blase kommen und dann bricht die Blase wieder zusammen. Man spricht auch von sieben mageren und sieben fetten Jahren, die ich auch auf die Entwicklung des Belohnungs- und Angstsystems zurückführe. Die Krise ist ja durch psychologische Faktoren entstanden, weil es letztendlich einige Menschen waren, die viel Geld verloren haben, und das ist in den Medien so hochgepuscht worden, dass daraus eine Kettenreaktion entstanden ist und die Menschen unvernünftig gehandelt haben. Es gibt Leute, die sehen, dass andere Menschen ihre ganzen Aktien verkauft haben. Und da es sich in dieser Wirtschaftskrise um eine Notfallsituation handelt, passiert Folgendes: Der Mensch folgt dem Herdentrieb. Wenn z.B. ein Kino brennt, rennen viele Leute auf einmal raus, weil sie auf Survival-Modus geschaltet haben und einfach nur rausrennen. Das ist falsch, weil alle rausrennen und sich gegenseitig tot trampeln und verbrennen. Sie sollten das Kino geordnet und ruhig verlassen. Wenn in der Finanzkrise plötzlich alle anfangen, ihr Geld abzuheben, bricht die Bank zusammen, so wie es in Schottland passiert ist. Alle sind zur Bank gegangen, wollten ihr Geld zurückhaben. Das passiert dann, wenn der Mensch von Vernunft- auf Notfallsystem umschaltet.

Das heißt, dass Frau Merkel psychologisch gesehen genau richtig reagiert hat.

Ja, da standen Herr Steinbrück und Frau Merkel nebeneinander. Herr Steinbrück hat gesagt: „Ja, es wird eine ganz schwierige Zeit.“ und Frau Merkel hat gesagt: „Alles ist sicher. Das Geld ist sicher.“ Wenn ich an Stelle von Frau Merkel gewesen wäre, hätte ich genauso gehandelt, denn in einer solchen Situation geht es erst einmal darum, Optimismus auszustrahlen, auch wenn man weiß, dass dies nicht die volle Wahrheit ist.

Es ist also von Seiten der Politiker eine schwierige Gratwanderung zwischen Glaubwürdigkeit und Beruhigung, oder?

Die meisten Menschen wollen hören, dass alles in Ordnung ist. Einem emotional geladenen Vorgang kann man nur mit einem emotionsgeladenen Vorgang entgegentreten. In Zeiten wie diesen kann man der Angst nicht mit einer pessimistischen und somit wahrscheinlich realitätsnahen Haltung begegnen, sondern mit positiven Emotionen, nämlich damit, Beruhigung, Optimismus und Ruhe auszustrahlen. Aus diesem Grund sind im Moment auch charismatische Staatsführer gefragt.


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Autoren Info

Doris Iding ist Ethnologin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin sowie als Yogalehrerin für Erwachsene und Kinder.