Home Dossier Atem: Strom des Lebens Der Atem - Dreh- und Angelpunkt zum Glück

Der Atem - Dreh- und Angelpunkt zum Glück

Von Doris Iding
Der Atem - Dreh- und Angelpunkt zum Glück © Bild:Dreamstime
Atem ist viel mehr als reine Sauerstoffzufuhr für unseren Körper. Atem ist ein Tor zu unserem Selbst und zu unserem Glück. Klingt einfach, ist auch einfach. Besonders dann, wenn man ein bescheidener Yogi ist, so wie der Münchner Yogalehrer Richard Hackenberg
YOGA AKTUELL: Kannst du dich dem Leser bitte in ein paar Sätzen persönlich vorstellen?

Richard Hackenberg: Mein Name ist Richard Hackenberg. Mein Geburtsdatum nenne ich jetzt nicht. (lacht)

Es ist immer ganz individuell, worauf meine Interviewpartner ihren Schwerpunkt bei der persönlichen Vorstellung legen. Darum fühle dich doch bitte frei!

Angefangen mit Yoga habe ich 1979. (überlegt) Wobei ich bin mir heute nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht schon 1977 angefangen habe. Aber das ist nicht mehr ganz genau herauszufinden. Sicher ist, dass ich spätestens im Jahre 1979 begonnen habe. Ich hatte Asthmaprobleme und habe mir aufgrund dessen ein Yogabuch von André Van Lysebeth gekauft und konnte sehr gut damit arbeiten. Ich bin also ein Autodidakt. Yoga hat mich sofort sehr gefangen genommen, weil ich gespürt habe, dass mein Asthma durch diese einfachen Pranayama-Übungen deutlich eingeschränkt wurde. Ich musste deutlich weniger Medikamente nehmen. Diese Erfahrung erzielte bei mir einen ersten Aha-Effekt und hat mich neugierig auf Yoga gemacht. Ich habe sehr lange zu Hause – ebenfalls autodidaktisch – die Rshikesh-Reihe geübt. Die Idee, mich noch intensiver mit Yoga zu beschäftigen, kam mir in den 80er Jahren. Vorher habe ich lange Musik gemacht, als Schlagzeuger, Percussionist, DJ und Moderator und bin viel in der Welt rumgefahren, u.a. auch in Indien.

Du hast all die Jahre deine Pranayama-Übungen gemacht?

Es gab einige Jahre, in denen  ich keinen  Yoga geübt habe, aber eigentlich hat mich Yoga mein ganzes Leben begleitet. Die Yoga- und Pranayamaübungen, die ich damals gemacht habe, haben mir genügt, weil ich sie als sehr wirkungsvoll erlebt habe. 1998 bin ich dann in Australien auf eine Iyengar-Klasse gestoßen und habe gesehen, wie genau sie hier mit dem Körper arbeiten. Ich war fasziniert, wie die Übungen auf meinen Körper gewirkt haben und wie gut ich mich danach gefühlt habe. Auf dieser Reise habe ich mich dazu entschlossen, an einer Yogalehrerausbildung teilzunehmen, um anderen Menschen das weiterzugeben, was mir selbst lange geholfen hat.

Bist du jetzt ganz vom Asthma geheilt?

Ja. Nur wenn es  ganz extrem hohe Tierhaardichten gibt, wie z.B. in Pferdeställen, dann wird es kritisch. Aber sonst würde ich mich als gesund bezeichnen. Ich hatte auch ein paar strukturelle Hüft-Probleme, die sich inzwischen erledigt haben.

Du bist für deinen guten Einzelunterricht in München bekannt. Wie häufig kommen die Leute mit gesundheitlichen Problemen zu dir?

Es gibt relativ viele Leute, die in München aufgrund gesundheitlicher Probleme zu mir kommen und Einzelstunden haben wollen. In den Gruppen werde ich auch immer wieder angesprochen, so dass ein relativ hoher Prozentsatz mit gesundheitlichen Problemen auf mich zukommt. Das liegt bestimmt an meinen Anatomiekenntnissen und hängt sicher damit zusammen, dass ich großen Wert auf Heilung, Selbstheilung und Selbsttherapie lege.

Warum hat gerade Pranayama so einen hohen Stellenwert für dich?

Pranayama ist für mich – etwas plakativ gesagt – die direkte Türe ins vegetative Nervensystem. Die Atmung wird gesteuert vom vegetativen Nervensystem. Gleichzeitig können wir sie trotzdem willentlich beeinflussen. Somit ist die Atmung wie eine Münze mit zwei Seiten. Hierzu fällt mir auch ein Bild aus dem Zen ein: Mein Ich ist eine Drehtür, die sich bewegt, wenn ich ein- und ausatme. Ich kann die Menschen durch Pranayama sehr schnell beruhigen, weil ich eben dadurch sehr schnell einen Zugriff aufs Nervensystem habe und den Parasympathikus aktivieren kann. Das benutze ich schon ganz bewusst. Eigentlich bei allen, egal ob sie Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen habe. Stress ist einfach der Hauptkrankheitserreger Nr. 1 oder umgekehrt ausgedrückt: Stress erhöht jede Krankheit.

Und Stress bekommen wir, wenn wir falsch atmen, oder?

Ja, definitiv, vor allen Dingen durch unbewusste Reize. Die Yogis waren schon immer clever und haben erkannt: Je mehr äußere Reize auf dich einwirken, desto weniger bist du bei dir selbst. Die Folge ist, dass man seinen Atem nicht mehr atmet, wenn man diesen Reizen ausgesetzt ist. Und ich glaube, ich brauche nicht zu sagen, dass immer noch mehr Reize auf uns einwirken. Ich treffe erstaunlicherweise immer wieder Menschen, die gar nicht wissen, wie sie atmen sollen. Und sie fragen mich tatsächlich wiederholt: Wie soll ich atmen, atme ich richtig?

Und was machst du, wenn jemand mit Knieschmerzen zu dir kommt?

Da arbeite ich dann eher mit den Methoden meines Asana-Lehrers, bzw. seines Lehrers B.K.S. und seiner Anhänger. Knieprobleme im Yoga kann ich natürlich gut heilen, weil ich weiß, wie die Leute sie sich geholt haben. Das passiert z.B. häufig, wenn jemand sich aus dem Ehrgeiz heraus, in den Lotussitz kommen zu müssen, seinen Meniskus schädigt. Und hier arbeite ich ganz einfach mit strukturellen Hüftöffnern.

Wie lange dauert es denn, bis die Menschen die zu dir kommen, mit deiner Hilfe und Pranayama wieder wissen, wie sie atmen sollen?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Menschen, die verstehen sofort, was ich meine. Andere muss ich immer wieder darauf hinweisen. Vor kurzem kam ein Mann zu mir, der paradox atmet. D.h. er zieht den Bauch ein, wenn er einatmet. Das muss er sich irgendwann mal beim Militär abgeguckt haben. Er hat sofort verstanden, dass er falsch atmet, weil er sowieso das Gefühl hatte, dass mit seiner Atmung etwas nicht stimmt. Daher hat er sehr schnell umschalten können. Für andere Menschen ist der Prozess viel zäher. Wie schnell die Menschen etwas in Bezug auf ihre Atmung verstehen, hat damit zu tun, wie wach sie sind, ob sie bei sich sind, ob sie ihr Bewusstsein steuern können und ob sie sich selbst annehmen und sehen können. Für mich ist Pranayama eine Methode, um zu lernen, wer ich bin.

Das heißt, dass du zuerst einmal ein Körperbewusstsein mit ihnen entwickelst?

Natürlich muss ich mit den Menschen auch Asanas üben. Ich kann nicht nur Pranayama machen. Das verbindet sich aber sowieso. Ich trenne da nicht so streng, wie manche Schulen, sondern ich sehe immer das Asana zusammen mit der Atmung.

Wo siehst du die Grenzen von Pranayama?

Ich werde mich hüten und sagen, dass Pranayama ein Allheilmittel ist. Aber man kann es zusätzlich zu anderen Therapien immer verwenden, es sei denn, jemand hat sehr starke Problem, wie z.B. ganz starkes Asthma. Dann muss man die Pranayama-Übungen variieren. Als zusätzliches Begleitmittel kann Pranayama in den meisten Fällen eingesetzt werden.

Andersherum gefragt: Welche Krankheiten lassen sich besonders gut mit Pranayama kurieren?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es besonders gut wirkt bei allergischem und bei stressbedingtem Asthma sowie bei allen Krankheiten, die durch Stress bedingt sind oder durch Stress verstärkt werden. Bei den Menschen, die zu mir kommen, stelle ich auch fest, dass sich hormonbedingte Unausgeglichenheiten wieder regulieren. Pranayama hilft auch bei Migräne, allen Arten von Spannungskopfschmerzen sowie bei Rückenproblemen. Gerade bei einem akuten Bandscheibenvorfall kann ich wenig Asanas machen. Dann lasse ich atmen. Ich bin sehr vorsichtig und arbeite primär mit dem Bewegungsapparat. Die Leute wissen oft selbst, was Yoga kann und was es nicht kann. Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass Yoga Krebs positiv beeinflussen kann. Kollegen in den USA arbeiten mit Krebspatienten, ich mache das nicht.  Es gibt hierzu mittlerweile Untersuchungen, aber das Problem mit alternativen Heilmethoden besteht darin, dass man keine Doppelblindstudien machen kann. Entweder man merkt es an sich selbst, dass Yoga oder Pranayama gut tut, oder sieht es an den Menschen, die einen umgeben. Es gibt Pranayama-Übungen, die die Verdauung anregen, andere, die die Übersäuerung im Magen vermindern, wieder andere, die grundsätzlich positiv auf unausgeglichene Doshas wirken, sowie andere, die Verschleimung reduzieren können. Um diese Heilwirkung zu erzielen, sollte man sich als Betroffener einen erfahrenen Lehrer suchen. Das kann man nicht alleine lernen.

Haben deine Stunden einen ganz bestimmten Aufbau, wenn du therapeutisch arbeitest?

Ich beginne grundsätzlich mit Shavasana, es sei denn, eine Person braucht die Bewegung dringend. Ich möchte das Nervensystem relativ ruhig haben. D.h., bei Pranayama sollte der Pulsschlag relativ normal sein. Ich finde nicht, dass man durch 15 Vinyasas durch gepowert sein muss, wenn man mit Pranayama beginnt. Es ist so eine Grundregel: Beginne Pranayama relativ ruhig! Der weitere Verlauf der Stunde hängt von der körperlichen Konstitution der Person ab. Wenn sie sehr steif ist, muss ich erst einmal passiv den Atemraum durch gestützte Rückbeugen öffnen. Wenn jemand erfahren ist und ich sehe, dass der Brustkorb offen ist, muss ich eine schöne Sitzposition finden und beginne dann mit dem Beobachten. Für mich ist es wichtig, dass die Person die Fähigkeit hat, sich zu beobachten, ohne zu bewerten. Wenn sie sich bewertet, wird sie auch die Atmung und alles bewerten. Das ist das Schöne an Pranayama, wenn man ohne Wertung in die Atembeobachtung geht.

So steht es im Satipatthana-Sutta: Ein Mönch geht in den Wald.  Er setzt sich hin und beobachtet: Ich atme kurz ein. Wenn er lang einatmet, beobachtet er: Ich atme lang ein usw. Für mich ist dieser Ansatz ein guter Einstieg, um den Menschen zu zeigen, dass es nicht um Leistung geht. Es geht nicht darum, dass die Menschen besonders viel oder besonders toll atmen müssen. Es geht darum, sich selbst in der Atmung zu spüren und das wiederum nicht zu bewerten. So steht es im Yoga-Sutra des Patanjali: Wenn du deine Atmung beobachtest, deine Einatmung, deine Ausatmung und die Pausen dazwischen, dann wird sie sich befreien. Und das passiert auch bei vielen Menschen automatisch. Danach beginnt die normale Pranayama-Übung. Wenn ich in eine gewisse Richtung gehe, kann ich vorher noch Kriyas oder Mudras machen. Aber für die meisten Anfänger mache ich das nicht. Dann lasse ich Ujjayi atmen. Dabei schaue ich mir die Atemräume an und zeige dem Menschen, wo er hin atmen kann. Dann gehe ich in die Zeit und schaue, wie lange er atmet und ob er länger ausatmen kann. Schließlich ist ein längeres Ausatmen die Basis und der Wirkstoff des Pranayama zugleich. Dies lässt sich physiologisch erklären: Das Herz schlägt langsamer, wenn du ausatmest, und dann hast du auch einen langsameren Puls.


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Autoren Info

Doris Iding ist Ethnologin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Sie lebt und arbeitet in München als freie Journalistin und Autorin sowie als Yogalehrerin für Erwachsene und Kinder.