4047dc2f08c422a43c6430815243ead6

Die stillen Namen des Herzens

Rubrik: Interviews • 7686 Ansichten • Keine Kommentare zu Die stillen Namen des Herzens

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Noch keine Bewertung)
Loading...

Singen und alles andere loslassen – wie Krishna Das seine musikalische Berufung erlebt. YOGA AKTUELL sprach anlässlich der Deutschlandtour mit dem Mann, der das Chanten von Mantren populär machte und zu neuer Blüte erweckte

YOGA AKTUELL: Wenn Sie mit Menschen singen, tauchen Sie nach innen ein, meditieren, singen sich in Ekstase. Gibt es da eine Technik?

Krishna Das: Ja, Ich gebe einfach nur mein Bestes. Egal was sonst gerade ist, welcher Tag es ist, wo das ist oder wo ich gerade herkomme etc. Wenn ich mich niedersetze, um zu singen, lasse ich alles Sonstige einfach sein. Ich versuche alle Gedanken, alle Erinnerungen und Emotionen gehen zu lassen. Alles das, was ich den ganzen Tag sonst mit mir herumschleppe. Ich lasse es los und bringe es ganz dem Chanten dar.

Und ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Vorgang des Chantens.  In meinem Fall ist das also das Harmonium vor mir, das ich mit den Fingern presse (mit allen möglichen Fehlern, die dabei passieren) und das Wiederholen der Göttlichen Namen. Ich versuche nicht irgendein Gefühl zu erschaffen oder einen bestimmten Zustand zu kreieren oder eine besondere Atmosphäre, weder für mich noch für irgend jemand anderes. Ich versuche einfach nur die Aufmerksamkeit auf die Mantren und die göttlichen Namen zu richten. Es ist vielleicht, wie wenn man tief in den Wald hineingeht und mit der Zeit sich all die unterschiedlichen Wege ganz allmählich in einem Weg vereinen, der, je weiter man ihn geht, deutlicher und klarer wird, der die Welt ringsum sichtbar werden lässt, aber dennoch gleichzeitig tiefer in den Wald hineinführt.

Diese göttlichen Namen, die Namen der Devas… Was passiert auf einer höheren Ebene während des Chantens? Rufen Sie die Götter?

KD: Ich weiß es nicht. Das Einzige, was ich wahrnehme ist, dass ich ruhiger werde, gegenwärtiger, mehr Frieden spüre und einen Raum, in dem alles existiert. Als ob wir alle in diesem gegenwärtigen, tiefen Raum sitzen. Ich sehe dann keine Devas oder Gottheiten. Ich kann natürlich all die Geschichten erzählen, die ich in Büchern gelesen haben, aber meine Erfahrung des Chantens ist sehr einfach. Und sehr vereinigend. Ich gehe oder falle zurück in mein eigenes, wahres Selbst. Ich habe sonst keine Erfahrung. Nur eine Erfahrung der Stille, der Einheit, des Klanges, des Momentes. Klang und Gegenwärtigkeit. Ramana Maharishi sagte, dass der Dhyani, der Erleuchtete, die stillen Namen hört, die aus dem Herzen aufsteigen.  In gewisser Weise lausche ich auf diese stillen Namen und setze Klang, setze meine Absicht ein, mich in diese Richtung hin zu bewegen.

Manche Zuschauer erzählen von visuellen Erfahrungen oder sie sagen, sie sähen jemanden hinter Ihnen. Manche sehen Ihren verstorbenen Guru Neem Karoli Baba hinter Ihnen tanzen. Versuchen Sie, ihn durch Sie sprechen zu lassen?

KD: Oh, Das klingt toll. Das würde ich natürlich gerne. Aber darüber denke ich gar nicht nach. Ich versuche nur zu singen und mich hinzugeben,  versuche loszulassen und in diese, Seine Gegenwärtigkeit einzutauchen. Das ist alles, was ich tue und was ich jetzt im gegenwärtigen Moment tun kann. Und nicht mal das. Wenn ich da hingehe und die Leute sind da oder auch nicht, das macht eigentlich nicht wirklich etwas aus. Ich singe für mich, nicht mal für jemand anders.

Sie begannen in Yoga-Centern. Anfangs kamen ein paar Zuschauer. Mittlerweile sind es große Veranstaltungsorte, Hunderte, ja Tausende von Zuschauern in den USA. Sie geben nicht nur die Konzerte, sondern auch Workshops und Retreats. Das geht über das Singen weit hinaus. Lehren Sie auch?

KD: Nein, ich lehre die Leute nicht. Ich teile mit dem Singen nur meine eigene Reise. Vielleicht gibt es da etwas Verbindendes, was hilft, jemandes Schmerz oder Last ein wenig zu erleichtern. Und auch mir hilft das, denn ich begreife selbst viel, wenn ich es anderen mitteile.  Ich sehe das nicht als „Lehren“, ich wüsste nicht, dass ich etwas Besonderes wüsste oder lehren könnte. Was also die Workshops angeht: da versuche ich mich mit Menschen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen. Die wenigsten können sich einfach hinsetzen und sagen: „Wow, das ist es“. Die meisten von uns haben noch viele Wünsche, Traurigkeit und Leid im Leben. Ein Teil dessen, was ich also mitteilen möchte, ist, dass wir dies nicht vermeiden sollten. Wir sollten die verschiedenen Yogas praktizieren. Aber nicht um all das gewaltsam zu verdrängen oder sich vorzustellen, dass dies alles vorbei ist, ohne dass man dem Achtung geschenkt hat.

Dennoch nehmen sicherlich etliche dies als eine Art Lehre auf und Sie werden dann schnell doch zum Lehrer. Und vom Lehrer ist es dann oft nur noch ein kleiner Schritt zum Guru… Haben Sie keine Angst, für mache eine Art Guru zu werden?

KD:
Nein, da habe ich keine Angst, denn ich bin keiner. Also gibt es auch nichts, wovor ich Angst haben müsste. Ich nehme es auch nicht persönlich. Natürlich sehe ich, dass die Menschen sehr vom Chanten  profitieren. Wenn jemand den Stecker aus seinem Dialysegerät zieht und dabei dieser Musik lauscht und so vielleicht eine schöne Zeit hat. Kann man da sagen, dass ich nichts damit zu tun hätte? Das ist meine Arbeit, das ist Gottes Segen, jemandem auch durch schwierige Zeiten hindurch zu helfen. Das Singen hilft.

Ich habe keine Angst, wenn Leute mich so sehen, denn es ist alles durch Gottes Gnade. Wenn du also etwas von mir bekommst, dann findet folgendes statt: der, der du wirklich bist, bekommt etwas von demjenigen, der ich wirklich bin. Natürlich heißt das nicht, wenn ich jetzt das Harmonium spiele, dass in zwei Minuten vielleicht du das Harmonium spielst oder es jemandem anderen beibringst. Es ist ein Segen für mich, denn ich liebe Menschen, und es ist immer so schön zu erleben, wenn Menschen von ihrem Schmerz und ihren Sorgen loslassen können und entspannen. Wie sie während der ein, zwei Tage eines Seminars wieder aufleben, sich erhellen, aufleuchten und wieder einen Geschmack vom dem bekommen, was Leben ist. Ungeachtet wie schwer ihre Last auch ist. Das ist das Einzige, was ich weiß – bis zu einem gewissen Grade. Und das möchte ich gerne teilen.

Vorheriger Artikel: « Nächster Artikel: »