Sat Nam Rasayan: Heilkunst des Kundalini-Yoga

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Nichts tun, wahrnehmen, akzeptieren – damit beginnt Sat Nam Rasayan, die Heilkunst des Kundalini-Yoga. Einfach nur da sein – vollkommen; alle Sinne öffnend, alles gleichzeitig wahrnehmend und akzeptierend. YOGA AKTUELL sprach mit dem Sat Nam Rasayan-Lehrer Gurudev Singh über die von ihm gelehrte Heilkunst während eines Seminars in Assisi, Italien

YOGA AKTUELL: Was ist Sat Nam Rasayan?

Guru Dev Singh: Man könnte Sat Nam Rasayan als meditativ projizierendes Bewusstsein bezeichnen. Gleichzeitig ist es eine Kunst; die Kunst, welche die Qualität des transzendenten Bewusstseins für das Heilen nutzt. Du lernst, durch Aufmerksamkeit die fünf Elemente und den Pranakörper zu kontrollieren. Im Sat Nam Rasayan benutzt du nichts anderes: du verwendest deine Aufmerksamkeit und dein Bewusstsein. Durch einen definierten Raum, den wir den heiligen Raum („sacred space“) nennen, den Raum eines meditativen Bewusstseinszustandes, kannst du dein Bewusstsein transzendent machen. Genauso wie du lernst, einen Muskel zu bewegen, lernst du die fünf Elemente und den Pranakörper zu kontrollieren.

YA: Seit wann gibt es Sat Nam Rasayan?

GS: Es ist nicht genau bekannt, wann das Sat Nam Rasayan entstanden ist. Es ist ein traditionelles östliches System, dass man nicht in Büchern finden kann. Sicher ist, dass die goldene Kette im 15. Jahrhundert durch Guru Ram Das ging, und er diese Heilkunst meisterte. Guru Ram Das, der auch Meister des Raja-Yoga ist, gilt als Archetyp dieser Heilkunst. Er belebte das Sat Nam Rasayan neu. Über Jahrhunderte hinweg wurde es im Stillen innerhalb einer ununterbrochenen tantrischen Tradition weitergegeben und gelangte so zu Yogi Bhajan, dem Meister des Kundalini- und weißen Tantra-Yoga.

YA: Und durch ihn haben Sie »heilen« gelernt?

GS: Ich war schon heilend tätig, bevor ich Yogi Bhajan traf. Er aber unterwies mich zehn Jahre in der Stille, also ohne den Gebrauch von Worten. Und dann gab er mir den Auftrag, die Lehre des Sat Nam Rasayan öffentlich zu unterrichten und ein Lernsystem dafür zu entwickeln. So mussten Konzepte formuliert werden für Inhalte, die nie zuvor in Worten ausgedrückt worden waren. Es musste eine Methode gefunden werden, wie man diese Kunst dem westlichen Menschen und seiner Denkweise zugänglich machen kann; eine Methode, welche unsere heilerischen Fähigkeiten Schritt für Schritt erwecken und gleichzeitig die Qualitäten dieser Heilkunst bewahren würde.

YA: Auf welchen Prinzipien baut Sat Nam Rasayan auf?

GS: Die drei Grundprinzipien des Sat Nam Rasayan lauten:
1. Alles, was du weißt, weißt du nur, weil du es fühlst. Wenn du denkst, dass du etwas weißt, weißt du es nur, weil du es vorher gefühlt hast. Normalerweise bewerten wir, was wir fühlen. Im Sat Nam Rasayan kümmert es uns nicht, was wir denken oder was wir wissen. Wir achten nur darauf, was wir fühlen.
2. Du kannst dich selber nur in Beziehung zu etwas „fühlen“. Du kannst nicht einfach irgendetwas fühlen. Alles, was du fühlen kannst, ist, wie sich dein Selbst in Beziehung zu etwas anfühlt. Beispielsweise kannst du mich nicht hören, sondern nur dem Klang lauschen, der auf dich einwirkt. Du kannst mich auch nicht sehen. Was du siehst, ist das Licht in Begrenzung zu mir, das auf dich wirkt. Wie kannst du dann die Erde fühlen? Du spürst die Erde durch die Wirkung der Schwerkraft. Du spürst dich selbst in Beziehung zur Erde und lässt die Schwerkraft auf dich wirken.
3. Alles, was während dieser Beziehung geschieht oder auftaucht, ist in diese Beziehung eingeschlossen. Wenn du z.B. seit drei Tagen Kopfschmerzen hast und dich heute mit jemandem triffst, dann kannst du den Kopfschmerz nicht aus der Beziehung ausklammern und sagen, dass dieser Schmerz nichts mit dieser Person zu tun hat, weil du ihn schon drei Tage hast. Wenn draußen ein Krankenwagen vorbeifährt, während du dich gerade unterhältst, dann ist das Signal des Krankenwagens mit ein Teil der Beziehung und darin enthalten. Wir geben also die Gewohnheit auf, irgendetwas aus der Beziehung ausgrenzen zu wollen.
4. Das vierte Grundprinzip lautet, dass es keine Grundprinzipien gibt. Die drei ersten Grundprinzipien werden nur von den beginnenden Schülern benötigt, um das Lernen zu erleichtern.

YA: Bevor wir über Heilung sprechen, sollten wir vielleicht erst einmal über Krankheit sprechen. Was ist Krankheit?

GD: Für uns bedeutet Krankheit einfach nur die Neigung oder die Tendenz zur Unausgeglichenheit. Das System gerät also irgendwie ins Ungleichgewicht, und du bist nicht fähig, dich dem anzupassen. Dies bringt eine Reaktion hervor und die Reaktion auf die Reaktion, das ist das, was wir dann als Krankheit bezeichnen. Aber für uns ist Krankheit einfach nur die Tatsache, dass du diese Tendenz hervorgebracht hast. Wann immer du versuchst, jemanden zu heilen, versuchst du den Widerstand aufzuheben, der diese Tendenz aufrecht zu erhalten sucht.

YA: Können Sie den Begriff „Tendenz“ noch genauer erläutern?

GS: Nehmen wir zum Beispiel einen Rassisten. Du musst erst verstehen, was ein Rassist ist, was mit ihm los ist. Diese Person hat eine Phobie. Es ist nicht so, dass er Rassist sein möchte. Doch jedes Mal, wenn er z.B. einen Afrikaner sieht, kriegt sein Magen Probleme, so dass er auf negative Weise reagiert. Seine Vorstellung zur Realität produziert eine Tendenz, und er ist Sklave dieser Tendenz. Verstehen Sie das? Die meisten haben die unterschiedlichsten Tendenzen produziert, die sie in ihrer phobistischen Existenz festhalten. Und die Reaktion auf eine Tendenz nennen wir Widerstand.

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