Simone Brenner – über deren „Projekt Yoga“ wir bereits in Heft 91 berichtet haben – bietet in Hamburg an Yogaunterricht für Flüchtlinge an. Wir haben Sie gebeten, uns mehr darüber zu erzählen, welchen Herausforderungen sie dabei aktuell begegnet, welche Erfahrungen sie bisher gemacht hat und wie Yogalehrer aktiv werden können.

YOGA AKTUELL: Ihr macht mit jugendlichen Flüchtlingen Yoga – kannst du uns ein wenig mehr über euer Projekt erzählen?
Simone Brenner: Wir betreuen mit PROJEKT YOGA e.V. die ersten Flüchtlingsklassen der Beruflichen Schule H9 Hamburg Süd, dort werden bis zum Jahresende Klassen für bis zu 60 unbegleitete jugendliche Flüchtlinge eingerichtet. Gemeinsam mit den engagierten Lehrern haben wir ein Konzept für eine positive Integration der Jugendlichen erarbeitet. Yoga ist dabei ein Bestandteil – im Sportunterricht werden bereits regelmäßige Yogaeinheiten integriert. Diese werden von Yogalehrern aus dem ehrenamtlichen Netzwerk von PROJEKT YOGA e.V. unterrichtet. Zudem organisieren wir für diese Jugendlichen in Kooperation mit einem bekannten Hamburger Sportclub Community Tage, an denen wir ein Programm aus Yoga, anderen Sportkursen und gemeinsamen Lunch zusammenstellen. Und natürlich laden wir die Jugendlichen zu unseren regelmäßigen, kostenlosen Community Yoga Klassen ein, die von 10 beteiligten Hamburger Yogastudios angeboten werden.

Simone Brenner im Unterricht
Simone Brenner im Unterricht

Welche Erfahrungen habt ihr bisher gemacht?
Wir erfahren eine unfassbare Dankbarkeit und Freude. Wir lernen junge Menschen kennen, die unvorstellbare Geschichten und Traumata erlebt haben und gleichzeitig voller Hoffnung und Motivation sind. Junge Menschen, die anfangs zum Teil nur wenige Worte deutsch sprechen konnten, teils schüchterne und doch sehr aufgeschlossene Jugendliche, deren Herzen trotz ihrer belastenden Lebenssituation unmittelbar erreichbar sind.
In den Yogastunden wird neben der rührenden Motivation, die jede/r Einzelne mitbringt, viel gekichert, gelacht – immer miteinander, das ist wirklich wunderschön.
Nach unserer allerersten Yogastunde verließen die Jugendlichen singend den Raum: Lokah Samastah Sukhino Bhavantu. Die Klassenlehrer erzählten uns, dass das bis dahin unbekannte Mantra die ganze Woche über in der Schule gesungen wurde und die Jugendlichen schrieben „Danke“ in ihren Sprachen auf Zettel und schickten uns ein Gruppenbild – jeder mit seinem „Danke“, in seiner Sprache. Für alle Beteiligten ist diese Zusammenarbeit sehr bewegend.

Wie hat sich die Situation in den vergangenen Wochen und Monaten verändert?
Noch vor Wochen erreichten uns viele Anfragen von Yogalehrern, die unbedingt helfen wollten, konkrete Ideen hatten. Das ist wunderbar und gleichzeitig gar nicht so einfach. Denn die Vorstellungen und die realistischen Möglichkeiten zur Umsetzung liegen leider oftmals sehr weit auseinander. Was wir brauchen, sind Menschen, die absolut verbindlich und bewusst mit der Tatsache umgehen, dass es sich dabei um regelmäßige Einsätze in einem sehr herausfordernden Umfeld handelt, die meist zu schwierigen Uhrzeiten und nicht unbedingt zentral gelegen stattfinden, die ehrenamtlich ausgeführt werden und manchmal sehr wenig mit klassischen Yogastunden zu tun haben.
Hinter unserem Engagement liegen Erfahrungen, die über Jahre in herausfordernden Umfeldern und der Zusammenarbeit mit vielen Menschen gewachsen sind. Und eine Erfahrung ist eben leider auch, dass die anfängliche Euphorie und der Tatendrang angesichts dieser Tatsachen bei vielen schnell verebbt.

Wie kann man Projekt Yoga e.V. bei seiner Arbeit unterstützen? Wie kann ich als Yogi oder Yogalehrer aktiv werden?
Es gibt viele Wege unser Projekt zu unterstützen. Jede Kompetenz – vom Yogalehrer bis zum Juristen, Organisationstalent, Spezialisten für Webseiten, Text und Grafik, leidenschaftliche Kuchenbäcker – jeder ist willkommen. Regelmäßigkeit und vor allem Zuverlässigkeit sind für uns wichtig, denn nur so lassen sich langfristige Aktivitäten mit der Kraft aller planen und wirklich in die Tat umsetzen.
Und natürlich benötigen wir immer finanzielle Unterstützung, denn Projekt Yoga e.V. wird komplett aus Spenden finanziert. JEDE Spende hilft weiter und ermöglicht die Realisierung unserer Projekte. Eine Institution, eine/n Patin/en, die/der sich auf finanzieller Ebene hinter uns stellt und für unsere Projekte Freiraum und Rückenwind schafft – das wünschen wir uns!

Hast du Tipps für Yogalehrer, die vielleicht selbst gerne Flüchlingen, die in ihrer Nähe leben, Yoga anbieten möchten?
Schließe dich mit Initiativen/ Institutionen und Menschen zusammen, die sich in deiner Umgebung für Flüchtlinge einsetzen, um von Erfahrungen zu hören und Menschen zu treffen, mit denen du dich verbinden kannst. Beispielsweise erfahren wir von Seiten der Berufschule H9 unfassbar viel Unterstützung – ein ganzes Lehrerteam hat sich an unsere Seite gestellt –  das ist ein wahrer Segen!
Sei dir ganz klar, über
–    deine zeitliche Verfügbarkeit,
–    die Zielgruppe (Alter, Geschlecht, Umfeld), für die du dich wirklich einsetzen möchtest und kannst,
–    deine eigene Kapazität an Kraft.

Obwohl Mitgefühl ein großes Thema ist, äußern sich doch wenige bekannte Yogalehrer zu der aktuellen Situation in Deutschland. Müsste die Yogaszene aktiver werden?
Die Antwort, ob und wofür man sich engagiert, darf jeder in seinem eigenen Herzen finden.

 

Mehr über Projekt Yoga:
http://projektyoga.com/

Ein berührendes Video über die Arbeit von Simone und ihrem Team:
https://vimeo.com/141217917

Alle Fotos: (c) Rebecca Hoppé

 

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