Der Yoga hält ganz wundervolle Übungen für uns bereit, die uns dabei unterstützen, sich den Raum der Weite mehr und mehr zu erschließen.

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Yoga für mehr Raum und Weite ist kein neuer Yogastil, sondern meint eine innere Haltung, eine bestimmte Art und Weise, durch eine Yogastunde hindurchzugehen und die angebotenen Übungen auszuführen.

Worum geht es mir in der Essenz, wenn ich Yoga praktiziere? „Der Yoga möchte dich in die Weite führen – und das auf der körperlichen, emotionalen, mentalen und spirituellen Ebene.“ Als dieser Satz vor einigen Jahren meinen Weg kreuzte, spürte ich sogleich eine große Resonanz in mir. Ja! Das ist es, was ich in den Mittelpunkt meiner eigenen Yogapraxis stellen möchte.

Der Schriftsteller Max Frisch drückt es so aus:

Wir könnten Menschen sein
Einst waren wir schon Kinder.
Wir sahen Schmetterlinge,
wir standen unterm silbernen Wasserfall.
Wir sahen alles.
Wir hielten die Muschel ans Ohr.
Wir hörten das Meer.
Wir hatten Zeit.

Wie erlebe ich den Rhythmus meines Lebens? Wie erlebe ich den Strom meiner Gedanken? Wie die Qualität meiner Gedanken? Wie viel Raum gibt es in meinem Leben? Wie viel Raum zwischen meinen Gedanken, zwischen den Aktivitäten des Tages? Als wie weit und durchlässig erlebe ich mich in meinem Körper?

Allzu oft suchen wir Erfüllung und Glück im Außen, im ruhelosen Tun. Wir erleben uns in einem sich immer schneller drehenden Gedankenkarussell, sind mit einer Vielzahl von Themen und Aktivitäten beschäftigt, arbeiten uns ab an nicht enden wollenden To-do-Listen. Mitunter haben wir das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen, leiden unter Zeitdruck, fühlen uns gehetzt, eingespannt, erleben in vielen Bereichen unseres Lebens Enge und Leistungsdruck.

Was möchte ich für mich (wieder)ent-decken, wenn ich Yoga praktiziere?

Yoga ist ein zuverlässiger Weg, um einen umherschweifenden Geist in einen zentrierten Geist zu verwandeln, einen bedürftigen in einen zufriedenen, einen genusssüchtigen in einen erfüllten.

Wir sind groß geworden in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft; und wir sind – so wie die Werbebranche – fasziniert von allen möglichen äußeren Formen. Oft sind wir den Formen verhaftet, betonen uns allzu sehr auf der Ebene der Form und fühlen uns unzulänglich, wenn wir ersehnten Formen und Schönheitsidealen noch nicht oder nicht mehr genügen. Yoga für mehr Raum und Weite ist im Außen vielleicht unspektakulär. Doch es ist eine Einladung, sich jenseits unserer gesellschaftlichen Konditionierungen neu und anders zu erleben. „Wer bin ich jenseits von Name und Form?“, fragt Eckhart Tolle.

In meinen Yogastunden führe ich in einen Erfahrungsraum hinein, in dem Formen zunehmend an Bedeutung verlieren. Die Wirkung dessen, was ich tue, ist immer wichtiger als die äußere Form. Die äußere Form dient lediglich der Wirkung.

Yoga für mehr Raum und Weite in der Praxis

Hier einige der Elemente, die ich immer wieder gern in die Stunden einfließen lasse:

Ich beginne die Yogastunde mit einer Sammlung. Sie dient dazu, vom Denken ins Spüren zu kommen. Wenn wir die Aufmerksamkeit verlagern, ist es, als würden wir ein Tor durchschreiten, was uns eintreten lässt in den Hier-und-Jetzt-Raum. Dabei lassen wir kreisende Alltagsgedanken los. Mehr noch: Wir lösen uns aus der Identifikation mit unseren Alltagsgedanken (Begehren und Ablehnung, Ängste und Sorgen …). Während der Sammlung stärken wir unsere Basis und Erdverbundenheit. Lernen wahrzunehmen, ohne zu bewerten. Verbinden uns mit dem, was dieser Moment für uns bereithält. Entdecken uns in unserer Essenz, jenseits unserer Alltagsgedanken.

Ein weiteres Element, das sich wie ein goldener Faden durch die Yogastunde zieht, ist das Zulassen und Freigeben des Atems. Dies schenkt uns ein tiefes Gefühl von Stimmigkeit und Erfüllung. Atemräume weiten sich, wir gewinnen an Durchlässigkeit und fühlen uns herrlich durchströmt, lebendig und vom Atem getragen. Immer wieder verbinden wir Atem und Bewegung in der Yogapraxis. Wir lernen, uns dem Atem anzuvertrauen. Der Atem nimmt uns an die Hand: führt und umschließt die Bewegung. Und während ich mich ruhig fließend im Einklang mit der Aus- und Einatmung bewege, beruhigt und klärt sich mein Geist zunehmend.

Während der Übungen und auch zwischen den Übungen im Nachspüren erlebe ich mich in inniger Verbundenheit mit der belebenden, schöpferischen Kraft in mir. Im Nachspüren entfalten die Übungen ihre Wirkung: Ich erlaube mir, geschehen zu lassen und zu empfangen, gebe der Wirkung der Übungen im Nachspüren Raum.

So durchschreiten wir während der Praxis immer wieder das Tor des inneren Körpers, entspannen uns hinein in Ausdehnung und Weite und verbinden uns mit der schöpferischen Urkraft allen Lebens: die Kraft, die letztendlich das ganze Universum bewegt.

Ich achte in den Stunden darauf, immer wieder auch Raum zwischen meinen Worten entstehen zu lassen. Raum, in den sich der Geist hinein entspannen kann und Ausdehnung erlebt.

Am Schluss der Stunde gibt es in Shavasana Raum für die Integration des Erlebten. Während der Schlussentspannung können wir uns in den sogenannten Alpha-Zustand einsinken lassen und können genießen, wie sich alles auf ganz natürliche Weise entfaltet.

Akzeptanz führt in die Weite

Jede Stunde ist eine Einladung an jeden Einzelnen, die Übungen so zu gestalten, wie es den eigenen Voraussetzungen, Bedürfnissen und Wünschen entspricht. Dadurch finde ich während der Stunde in allem, was ich tue, Vollkommenheit und Erfüllung von Augenblick zu Augenblick. Es gibt keine äußeren Formen, denen ich meine, genügen zu müssen. Ich bin mit dem, was ich in diesem Moment mitbringe, gut genug und gestalte alles so, wie es mir entspricht. Dadurch entsteht Vollkommenheit. Ich erlebe, dass Akzeptanz dessen, was ist, in die Weite führt und vertraue gleichzeitig von Moment zu Moment dem sich entfaltenden Entwicklungsprozess.

Yoga für mehr Raum und Weite bedeutet für mich auch, dass ich lerne, Worte und Gedanken zu wählen, die in die Weite führen. So kultiviere ich die Perspektive eines offenen Geistes.

Durch diese sich ergänzenden Elemente öffnet sich der Raum der Weite während der Yogastunde und wird für jeden Einzelnen unmittelbar erfahrbar. Durch das wiederholte Einüben dieser Erfahrungen während der Yogastunden können wir auch zunehmend im Alltag mit dem Gefühl von Weite, Ausdehnung und Raum in Kontakt bleiben. Das schafft ein wohltuendes Gegengewicht zum Alltagsbewusstsein.

Ich wünsche dir von Herzen viel Freude und Erfüllung durch deine Yogapraxis!

Autor

DSC_4687Marc Witfeld ist Yogalehrer in Andalusien und arbeitet seit einigen Jahren auf der Casa el Morisco. www.casaelmorisco.comAnzeige