Jeder einzelne Mensch manifestiert eine ganz individuelle Ausprägung der drei Gunas, der Grundeigenschaften der Natur. Aber wer nach dem höchsten Ziel des irdischen Lebens strebt, will Sattva kultivieren – die Qualität, die die Evolution des Bewusstseins ermöglicht. Yoga und Ayurveda vermitteln uns, wie das gelingt.

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Du kennst das: Mal fühlst du dich träge und schlapp, mal nervös und aggressiv und mal völlig im Einklang und in Harmonie mit dir und der Welt um dich herum. Solche Zustände wechseln manchmal innerhalb eines einzigen Tages, gerne auch mehrmals. Und manchmal können sie sich über mehrere Wochen, Monate oder sogar Jahre erstrecken. Man ist geneigt, solche Phasen einfach als Launen der Natur abzutun, und so ganz falsch läge man damit noch nicht mal. Aber was wichtig ist: Wir haben es selbst in der Hand, unseren Geisteszustand und somit unser körperliches Wohlbefinden zum Positiven zu beeinflussen! Das Wissen über die so genannten Gunas ist hierzu ein Schlüssel.

Die drei Gunas und ihre Bedeutung

Die Samkhya-Philosophie, auf der die Yoga-Philosophie fußt, besagt, dass alle Objekte strukturell aus den drei Gunas Sattva, Rajas und Tamas bestehen. Ein passendes deutsches Äquivalent für das Wort ist nicht ganz einfach zu finden, man kann sie aber als Grundeigenschaften, Kräfte oder Qualitäten der Natur definieren.

  • Sattva steht für Reinheit, das Lichtvolle, Harmonie und Besonnenheit.
  • Rajas steht für Leidenschaft, Aggression und Aktivität.
  • Tamas steht für Finsternis, Schwere und Trägheit.

Wilfried Huchzermeyer bezeichnet in seinem Yoga-Lexikon einen Felsen beispielsweise als Erscheinung von Tamas, einen Vulkan als Erscheinung von Rajas und Sonnenlicht als Erscheinung von Sattva in der materiellen Welt. Auch wir Menschen vereinen alle drei Gunas in uns – körperlich und geistig –, jedoch in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Meist dominiert ein Guna in unserer Persönlichkeit. Dabei befinden sich diese immer in dynamischer Wechselwirkung und die Kräfte beeinflussen einander. Die Bhagavad-Gita sagt hierzu in Kapitel 7, die drei Gunas seien wie die drei Primärfarben, die sich in grenzenloser Mannigfaltigkeit verbinden, um alle Farbschattierungen im Universum hervorzubringen. Und genau so vereinigt auch jeder von uns eine ganz individuelle Zusammensetzung der drei Gunas. Ein träger Mensch manifestiert überwiegend Tamas, ein zorniger, nervöser oder impulsiver Mensch manifestiert überwiegend Rajas, und ein ausgeglichener, friedfertiger und konzentrierter Mensch manifestiert überwiegend Sattva.

Alle drei Kräfte sind nötig, damit wir unsere Aufgaben im alltäglichen Leben meistern können. Aber sie haben auch eine spirituelle Bedeutung. Sattva ist hierbei die Qualität, die eine Evolution des Bewusstseins ermöglicht. Und darum ist es das Ziel des Yoga und auch des Ayurveda, Sattva zu fördern.

Ein sattvisches Leben führen

Die ursprüngliche Natur des Geistes ist Sattva, das heißt Klarheit, Frieden und Harmonie. Wir sind glücklich und fühlen uns leicht. Dieser mental-emotionale Zustand wirkt sich auch auf unser körperliches Wohlbefinden aus: Wir sind gesund und ausgewogen. Aber durch die Sinneseindrücke, mit denen wir gerade in der heutigen Zeit in einem Übermaß konfrontiert sind (was oftmals zu einer Überstimulierung führt), kommt es zu Störungen. Durch Yoga und heilsame Gewohnheiten können wir zu dieser Klarheit des Geistes zurückkehren. Die Entwicklung von Sattva ist – zumindest im traditionellen Yoga – unerlässlich!

Hierfür ist u.a. eine sattvische Ernährung förderlich. Als heilsame Nahrung gelten frische und frisch gekochte, vitalstoffreiche, natürliche und liebevoll zubereitete Lebensmittel wie süßes Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte oder Vollkorngetreide. Rajasische Lebensmittel wie z.B. Kaffee, schwarzer Tee, weißer Zucker oder scharfe Gewürze und tamasische Lebensmittel wie Alkohol, Fleisch oder Fisch sollten möglichst vermieden oder in Maßen konsumiert werden. Auch die Qualität und Herkunft der Lebensmittel ist hierbei entscheidend, was für frische Kost in Bio-Qualität spricht.

Darüber hinaus sollten wir sauberes Wasser trinken und saubere Luft atmen, wie es Mutter Natur eigentlich für uns vorgesehen hat, und auch körperliche Hygiene sowie die angemessene Art an körperlicher Betätigung, z.B. durch das Praktizieren von Asanas, sind bedeutend. Über den Körper hinaus gilt die geistige Reinheit als wichtig. Sattva wird hier gefördert durch eine harmonische Lebensumgebung, in der bspw. kein übermäßiger und ständiger Lärm herrscht, durch das Sprechen der Wahrheit und freundlicher Worte, das Studium erhebender Schriften, das Singen von Mantras, die Hingabe an das Göttliche sowie durch die Meditation.

Mit dem höchsten Selbst in Kontakt kommen

Je mehr du die Qualität von Sattva in dein Leben bringst, umso klarer wirst du sehen können und umso mehr wirst du mit dem Leben fließen. Doch schlussendlich müssen wir auch Sattva – genau wie Rajas und Tamas – als Eigenschaft transzendieren, um Erleuchtung zu erlangen. Denn da die Gunas dem ständigen Wandel unterliegen, können sie nicht unsere unwandelbare Essenz sein. In der Bhagavad-Gita sagt Krishna zu Arjuna hierzu: „Du aber werde frei von den drei Gunas, o Arjuna! Sei ohne Gegensätze und immer fest im wahren Sein gegründet, frei von dem Verlangen nach Erwerb und Besitz.“ (2:45) Natürlich will sich keiner von uns gerne mit Trägheit oder Zorn identifizieren, aber die Gefahr besteht, dass wir es fälschlicherweise mit der Qualität Sattva tun.

Um Sattva zu transzendieren, müssen wir über Körper und Geist hinausgehen. Hierzu ist es erforderlich, in Kontakt mit unserem wahren Selbst zu kommen, das jenseits aller Objekte liegt – nenn es Purusha, Atman, kosmisches Bewusstsein oder göttliches Selbst. Aber hier kommt der wichtige Punkt: Nur wer zunächst Sattva entwickelt hat, kann es auch transzendieren!

Nur dann, wenn im Körper und im Geist Sattva herrscht, können wir in unser Zuhause zurückkehren, zur Essenz und Quelle des Glücks. Du bist keinen Launen der Natur unterlegen. Mit dem Wissen über die Gunas und deiner bewussten Entscheidung, mit einer heilsamen Lebensweise immer mehr Licht und Klarheit in dein Leben einzuladen, findest du zurück zur (R)Einheit.Anzeige

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Janine Schneider
Janine Schneider ist seit Herbst 2016 Redaktionsmitglied von YOGA AKTUELL. Sie hat Literatur sowie Online-Journalismus in Berlin und Köln studiert und im Medien- und Kommunikationsbereich verschiedener Organisationen gearbeitet. Janine unterrichtet Hatha-Yoga mit Fokus auf Achtsamkeit und Atem.